Frauenpower an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM): Antrittskonzert der Spitzenprofessorin Terri Lyne Carrington im Münchner Gasteig HP8 am 9. Juli 2026
Innovation und Fortschritt werden in Bayern großgeschrieben. Das zeigt nicht zuletzt die „HIGHTECH Agenda Bayern“, in deren Rahmen das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst ein Spitzenprofessurenprogramm (SPP) betreibt, das Gastprofessuren für herausragende nationale und internationale Persönlichkeiten ermöglicht. Dementsprechend groß war die Freude bei Claus Reichstaller, als er einen Anruf von der Präsidentin der Hochschule, Prof. Lydia Grün, bekam und einen Vorschlag für eine solche Spitzenprofessur machen sollte. Reichstaller ist als exzellenter Trompeter national wie international gut vernetzt, zudem lädt er als Professor und Fachbereichsleiter für Jazz an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) regelmäßig auch US-amerikanische Studenten zur Arbeit mit seinen Studentinnen und Studenten ein. Und nun steht er also auf der Bühne im Münchner Gasteig HP8 und erinnert sich an den Anruf aus dem Ministerium, wo gerade über neu zu vergebende Spitzenprofessuren gesprochen wurde. Eine davon sollte an das Jazzinstitut gehen, und der erste Name, der ihm in den Sinn kam, sagt er, sei Terri Lyne Carrington gewesen. Eine sehr gute Wahl, wie sich auch an diesem Abend in der Münchner Isarphilharmonie herausstellen sollte …
Von Robert Fischer
Gut drei Jahre ist das Telefonat jetzt her, denn die Installation einer solchen Spitzenprofessur geht natürlich nicht von heute auf morgen. Aber dann war es endlich so weit: Seit Januar 2026 ist Terri Lyne Carrington Spitzenprofessorin an der Hochschule für Musik und Theater München (HMTM) mit dem Schwerpunkt Künstlerische Innovation und Geschlechtergerechtigkeit im Jazz, und am 9. Juli gab sie im Rahmen der „Jazznacht am Gasteig HP8“ – alljährlich der Höhepunkt im Programm des Jazz-Instituts der HMTM – ihr Antrittskonzert. Dabei bewies die vierfache Grammy-Gewinnerin, die in ihrer langen Karriere als Schlagzeugerin, Produzentin und Lehrerin mit vielen prägenden Persönlichkeiten des Jazz wie Herbie Hancock, Wayne Shorter, Stan Getz und Esperanza Spalding aufgetreten ist sowie an mehr als 100 Aufnahmen beteiligt war, nicht nur ihre eigene Klasse als Musikerin, sondern zeigte auch gleich, worum es ihr als ebenso engagierte wie erfolgreiche Musikpädagogin – Carrington ist auch die Gründerin und künstlerische Leiterin des Berklee Institute of Jazz and Gender Justice sowie die künstlerische Leiterin des Next Jazz Legacy Programms (eine Zusammenarbeit mit New Music USA) – geht: Neben ihrem eigenen Auftritt stellte sie einige Studierende des Jazz-Instituts mit besonderen Programmpunkten in den Fokus: Unter der Überschrift »Jazz, Social Impact & Multidisciplinary Collaboration« waren diese Studierenden aufgerufen worden, interdisziplinäre Projektideen einzubringen, die sich mit der Frage beschäftigen, wie Jazz mit anderen Formen der Kunst (z. B. Tanz, Bildende Kunst, Literatur) interagieren kann, um einen Beitrag zu gesellschaftspolitischen Fragestellungen zu leisten. Unter allen Einreichungen wurden drei Projektideen ausgewählt, welche die Studierenden im direkten Coaching mit Terri Lyne Carrington weiterentwickelten und im Rahmen der Jazznacht zur Aufführung brachten.
Grandiose Musik
Vor der Pause spielte Carrington mit dem glänzend besetzten Munich University Jazz Orchestra unter der Leitung von Claus Reichstaller fünf Arrangements von Jim McNeely – „Geri’s Glide“ von Nicole M. Mitchell, „10 Minutes Till Closing“ von Linda May Han Oh, „At The Fair“ von Luciana Souza, „Unconditional Love“ von Geri Allen – sowie eine von Chuck Owen arrangierte Eigenkomposition, „Mindful Intent“. Dass es sich dabei ausnahmslos um Komponistinnen handelt, ist kein Zufall, hat Terri Lyne Carrington doch 2022 eine Sammlung mit „New Standards. 101 Lead Sheets by Women Composers“ (Berklee Press) veröffentlicht, der sehr zu wünschen ist, dass sie zukünftig in allen Jamsessions überall auf der Welt den gleichen Stellenwert bekommt wie das legendäre Real Book, in dem ein (!) einziges ausschließlich von einer Frau komponiertes Stück enthalten ist, Ann Ronnels „Willow Weep For Me“. Und natürlich sollten diese Stücke alle auch in den Kanon der an den Jazzinstitutionen der Hochschulen gelehrten Musik eingehen. Wie faszinierend diese ist, welche Horizonte hier noch für ein neugieriges Publikum erschlossen werden können, war im ersten Teil des Konzerts eindrucksvoll zu erleben. Wobei ihr eigenes Stück, das als einziges (noch) nicht in den „New Standards“ quasi als Primus inter Pares aus dem Programm herausragte: Erschienen ist Carringtons „Mindful Intent“ schon vor knapp einem Vierteljahrhundert auf dem Album „Jazz Is a Spirit“, das sie im Jahr 2002 bei dem deutschen Label ACT veröffentlichte und das für sie zu einer Art Comeback-Album wurde, weil sie davor fast 20 Jahre lang nichts aufgenommen hatte. Jedenfalls erzählte sie das so auf der Bühne – tatsächlich ist das Stück auf einem zwei Jahre später, 2004, ebenfalls auf ACT erschienenen Album veröffentlicht, „Structure“, das sie mit Adam Rogers (g), Jimmy Haslip (b) und Greg Osby (Sax) einspielte. Und wer die Studioversion mit dem aktuell in der Isarphilharmonie gespielten Bigband-Arrangement vergleicht, was durch die Verfügbarkeit des Antrittskonzerts auf dem YouTube-Kanal der Hochschule (siehe unten) leicht möglich ist, der wird sich der zeitlosen Schönheit dieser Musik kaum entziehen können.
Was ist real?
Nach der Pause folgte die Vorstellung der Projekte der drei Studierenden: Fernanda von Sachsens „What if it’s not real?“, Johanna Lucia Pohlmanns „HOPE – Sei klug und halte dich an Wunder“ sowie Jakob Marsmanns „Breaking Time“. Allesamt überzeugten durch eine eigenständige Handschrift – hier von „Talentproben“ der Studierenden zu sprechen, wäre völlig verfehlt. Wobei aber auch ein enormes Selbstbewusstsein dazugehört, die Band wie bei Fernanda von Sachsens die algorithmisch gesteuerte Themenflut, Manipulation und Zensur und die den Einzelnen zunehmend überfordernde Flut kaum noch zu durchschauender realer wie irrealer Informationen thematisierendem „What if it’s not real?“ völlig im Dunkeln agieren zu lassen, um den erhellten Teil der Bühne allein zwei Tanzenden zu überlassen. Weshalb an dieser Stelle Terri Lyne Carringtons Bemerkung nach einem kurzen Interview mit Fernanda von Sachsen im Anschluss an ihre Projektvorstellung nur unterstrichen werden kann: „The future is in good hands with people like Fernanda …“
Sei klug/Und halte dich an Wunder
Was genauso auch für Johanna Lucia Pohlmanns journalistische Recherche mit Komposition und audiovisuellen Elementen vereinendes Projekt gilt, für das sie sich im Titel von einem Gedicht („Rezept“) Mascha Kalékos inspirieren ließ, in dem es unter anderem heißt: „Zerreiß deine Pläne. Sei klug/Und halte dich an Wunder./Sie sind lang schon verzeichnet/Im großen Plan./Jage die Ängste fort/Und die Angst vor den Ängsten.“ Schnell einig waren sich Terri Lyne Carrington und Johanna Lucia Pohlmann im anschließenden Gespräch darüber, dass es Überschneidungen zwischen Journalismus und Komposition, gibt, dass es in beiden Fällen darum geht, zu recherchieren, etwas – genauer – zu untersuchen und schließlich: Geschichten zu erzählen.
Breaking Time
Das letzte Interview des Abends führte Terri Lyne Carrington nicht wie bei den anderen beiden Projekten im Anschluss an Jakob Marsmanns „Breaking Time“, sondern davor. Aus einem durchaus einleuchtenden Grund: Danach nämlich, meinte Carrington, würde niemand mehr Lust auf einen Talk haben – da würden alle nur immer mehr von dieser Musik hören wollen. Was sich bewahrheiten sollte: Marsmanns mit Band und vier nach und nach auf die Bühne kommenden Breakdancern aufgeführtes Projekt begann als gleichmäßig fließender, zunehmend auch solistisch an Fahrt aufnehmender, dichter und dringlicher werdender, nur gelegentlich von den titelgebenden Breaks unterbrochener musikalischer Strom, mit dem er dem Abend ein glänzendes Finale bescherte.
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Terri Lyne Carrington an der HMTM, Foto: Gregory Giakis -
Terri Lyne Carrington an der HMTM, Foto: Gregory Giakis -
Terri Lyne Carrington an der HMTM, Foto: Gregory Giakis -
Terri Lyne Carrington an der HMTM, Foto: Gregory Giakis -
Terri Lyne Carrington an der HMTM, Foto: Gregory Giakis -
Terri Lyne Carrington an der HMTM, Foto: Gregory Giakis
Über den Autor
Robert Fischer ist freier Autor, Fotograf und Musikjournalist aus München. Für jazz-fun.de berichtet er von Konzerten, Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen. Seine Fotografie wurde bereits mehrfach international ausgezeichnet.
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