Tilo Weber - Five Fauns

Tilo Weber - Five Fauns - Albumcover
Tilo Weber - Five Fauns

Tilo Weber
Five Fauns

Erscheinungstermin: 05.07.20243
Label: Malletmuse records, 2024

Album bestellen

jazz-fun`s recap:

Tilo Weber beweist einmal mehr, dass er ein äußerst kreativer Schlagzeuger und Ideengeber für anregende und hochinteressante musikalische Konzepte ist. Das Album bewahrt eine lyrische Atmosphäre mit warmen Tönen, ohne auf unnötig starke Kontraste zu setzen. Die fesselnde Stimme, Modulation und Phrasierung von Almut Kühne prägen diese Musik und unterstreichen die Qualität dieser wunderbaren Kompositionen. Ein Album, das man sich nicht entgehen lassen sollte. (Jacek Brun, 09.07.2024)

Tilo Weber - Drums & Vibraphone
Almut Kühne - Vocals
Richard Koch - Trumpet
Claudio Puntin - Clarinet
James Banner - Bass

Eine Stimme steht im Raum. Sie formt Worte zu Klängen, zunächst noch ganz allein, bis ihr Trompete und Bassklarinette zur Seite springen. Erst als dieser Rahmen steht, vervollständigen Bass und Schlagzeug das Bild. So beginnt „Song Of Solomon“, der Opener des Albums „Five Fauns“ von Tilo Weber und seiner gleichnamigen Band.

Five Fauns, wie bitte? Waren das nicht eben noch Four Fauns? Richtig, auf dem Album „Faun Renaissance“ von 2021 waren die Faune Richard Koch (Trompete), Claudio Puntin (Klarinette), James Banner (Bass) und Tilo Weber (Schlagzeug) noch zu viert. Schon damals wurde Weber für seine gelungene Verbindung von Renaissance-Formalismus und heutigem Lebensgefühl gelobt. Auf „Five Fauns“ setzt er diese mehrfache Zeitreise nun konsequent fort, erweitert die Gruppe aber um die Sängerin Almut Kühne zu Five Fauns. Dabei entsteht keine einfache 4+1-Situation, sondern die Stimme stellt die gesamte Faun-Komposition auf neue Füße.

Der Gesang bzw. der Text gewinnt in Webers Arbeit zunehmend an Bedeutung. In einem Soloprojekt am Schlagzeug vertont er Gedichte von Rainer Maria Rilke, in seinem Ensemble Du bearbeitet er, diesmal am Vibraphon, zusammen mit den Sängerinnen Almut Kühne und Pia Davila kurze Texte von Martin Buber. Dass er seine Faun-Band nun um eine Gesangsstimme erweitert, erscheint so folgerichtig, dass man sich fast fragen möchte, ob sie nicht schon immer dabei war. Dabei geht es gar nicht immer um Textverständlichkeit. Die von Almut Kühne gesungenen Worte fügen sich so nahtlos in die Musik ein, dass man sich zunächst getrost dem Klang ihrer Stimme hingeben kann, bevor man sich beim zweiten oder dritten Hören tatsächlich auf den tieferen Sinn ihrer Texte einlässt. Es ist wie bei einem guten Film, der uns beim ersten Mal nur auf die Spannungsbögen der Handlung führt, um uns erst beim zweiten, dritten oder vierten Mal all die liebevoll montierten Einzelteile zu offenbaren, die zur Handlung beitragen. In diesem Sinne steht Almut Kühne als Sängerin nicht vor oder über der Band, sondern ihre Stimme ist immer einer von fünf gleichberechtigten Teilen, und man muss oft genau hinhören, um herauszufinden, ob ihr Gesang nun verbal oder nonverbal ist. Aber genau darum geht es. Denn „Five Fauns“ ist keine Gelegenheitsmusik, sondern ein genau austariertes Kunstwerk.

Tilo Weber ist ein Meister der musikalischen Form. „Form ist alles, ohne Form würden wir zerfließen“, sagt er lakonisch und schlägt mit dem Hammer auf den Kopf seiner Musik. Was auch sonst, schließlich ist er Schlagzeuger. Das Multitalent ist ein ungewöhnlicher Komponist, Musiker und Bandleader. Er ist das Gravitationszentrum jeder Formation, in der er spielt, und doch drängt er sich nie in den Vordergrund. Er hält die Fäden zusammen, gibt mit seiner spirituellen Präsenz die Dramaturgie eines jeden Stückes vor, setzt als Komponist klare Prämissen und wird auch als Sideman zum aktiven Gestalter. Und doch ist er in jeder Band auch der uneigennützigste Musiker der Welt, der sein immenses Können immer in den Dienst des jeweiligen Stückes und der Konstellation stellt, in der es gespielt wird.

Nun durchzieht das Thema Form das neue Album auf ganz unterschiedliche Weise. Es gibt eine Grundform, die große Matrix, die den Gesamtklang, die Art des kollektiven Zusammenspiels und bestimmte Bewegungsmuster vorgibt, einmal mehr im Dialog zwischen Renaissance und Gegenwart. Darüber hinaus bringen alle Beteiligten ihre persönlichen Formen ein, aus deren Kombination sich in jedem Stück eine neue Geometrie ergibt. Aber auch in der Anlage der Kompositionen arbeitet Weber mit einer Vielzahl von Form- und Strukturelementen, die jedes Stück zu einem unverwechselbaren Unikat machen. Es ist wie in einem Garten, der zwar eine Gesamtkomposition ergibt, aber nicht nur aus der Draufsicht völlig anders aussieht als aus der Perspektive in Kopfhöhe, sondern in dem auch jedes Beet und jede Hecke ihren eigenen Charakter hat. Man kann diesen Garten durch viele Tore betreten. Jedes Tor bietet einen neuen Blickwinkel.

In diesem Dialog zwischen Renaissance und Gegenwart - oder nennen wir es liebevoll eine Betrachtung der Gegenwart durch das Brennglas der Renaissance - gelingt Weber ein seltenes Kunststück. Er rekonstruiert nicht die Renaissancen, die ihm andere Künstler oder Historiker vorgeben, sondern er schafft sich seine eigene Renaissance, die seinem persönlichen Fokus entspricht. Dabei taucht er tief in die Vergangenheit ein, verlässt aber nie die poetische Ebene des Hier und Jetzt. „Ich bin kein Musikwissenschaftler und auch kein Sänger. Der größte Teil der Renaissancemusik ist ja Vokalmusik. Ich habe einen sehr unverstellten, intuitiven Zugang zu dieser Epoche. Für mich steht immer die Frage im Vordergrund: Was interessiert mich gerade? Wo stehe ich gerade mit meiner Musik? Woher kommen meine Einflüsse? Aus den Antworten ergeben sich ganz natürliche Verbindungen.

Tilo Weber ist ein Denker. In seiner Musik geschieht nichts ohne Sinn und Zusammenhang. Auf Five Fauns" geht es im weitesten Sinne um Liebe. Aber nicht um die Liebe schlechthin, sondern, wie der Schlagzeuger selbst betont, um eine uralte Form, die Liebe zu feiern. Er geht der Frage nach, wie man seine Gefühle zeigen kann und wie man in der Liebe auf einen gemeinsamen Nenner kommt. Um diesem Anspruch gerecht zu werden und im Gedankenaustausch variabel zu bleiben, macht Weber beim Komponieren der Musik keinen Unterschied zwischen Melodien, Harmonien und rhythmischen Elementen, sondern alle Stimmen sind gleichberechtigt und bringen ihre eigene Formenvielfalt hervor. Bei den Four Fauns waren es vier Stimmen, jetzt kommt mit Almut Kühne eine fünfte hinzu, die noch einmal einen ganz anderen Charakter hat als Klarinette, Trompete, Bass und Schlagzeug. Jede Stimme ist Träger von Geschichten. In all diesen Geschichten mit ihrer unterschiedlichen Rollenverteilung ist immer die Handschrift des großen Erzählers Tilo Weber zu erkennen, der die jeweilige Handlung fest im Griff hat. Er weiß nicht nur genau, was er erzählen will, sondern auch wie und mit wem.

Der Faun ist eine in mehrfacher Hinsicht hybride antike Gottheit, ein Mischwesen, das uns zu unseren Ursprüngen zurückführt. Seine Darstellung erfreute sich in der Renaissance und im Barock großer Beliebtheit. Befreit von allen Kategorien und Zuschreibungen, geben die Five Fauns den Gefühlen eine Form, den Worten einen Klang, den Tönen eine Aussage und den Formen eine Emotionalität. „Five Fauns“ ist eine Utopie, deren poetische Kraft auf der Akzeptanz des Ursprünglichen beruht, aber den unvoreingenommenen Aufbruch in eine inklusive Zukunft anstrebt.

Text: Malletmuse Records

  1. Song of Solomon
  2. Postulate
  3. Uppon la mi re
  4. Hanacpachap cussicuinin
  5. La peine dure que tant j'endure
  6. Rouse my Heart
  7. Gentle as a Faun
  8. I too can love

Einen Kommentar schreiben

Kommentar von Robert Fischer |

Wirklich ein großartiges Album!

Was ist die Summe aus 7 und 1?