Trans4JAZZ - Ravensburg & Weingarten

Joy Denalane, Foto: Hans Bürkle

Ein wenig scheint sie selbst immer noch ein wenig erstaunt, wie ihre aktuelle Lebenssituation sich so darstellt. Die eigenen Kinder schon aus dem Haus, somit eigentlich neue Freiheiten, die sie mit ihrem Mann, dem Sänger Max Herre, für Dinge wie Reisen nutzen wollte. Stattdessen würden sie beide mehr arbeiten als zuvor, erzählt Joy Denalane beim Auftaktkonzert ihrer „Willpower“-Tour im historischen Konzerthaus von Ravensburg. Der Abend ist auch der Auftakt zur diesjährigen Ausgabe des Trans4JAZZ-Festivals in der Stadt. „Willpower“, so heißt das neue, feine Happysad-Soulalbum von Deutschlands Soul- und R&B-Stimme Nummer eins. Aber die gebürtige Berlinerin mit südafrikanischen Wurzeln und ihre mit zwei Backgroundsängerinnen bestückte Band schlagen in dem zweistündigen Auftritt auch einen Bogen zum Beginn der Karriere der heute 50-Jährigen Sängerin. Als sie ihre Soulmusik noch auf Deutsch sang. Wie den so intensiven, über 20 Jahre alten Trennungssong „Geh jetzt“. Denalane zeigt sich in Ravensburg als stimmgewaltige Soulstimme mit Attitüde, mit klarer Einstellung zu Rassismus und Ungerechtigkeiten. Aber auch als gute Unterhalterin mit Liebe zu Motown-Klängen und Jazz. Und als souveräne Künstlerin, die einige kleinere Pannen des Auftritts nebenbei auch noch ganz locker und sympathisch weglächelt und wegmoderiert.

Ein echter Festivalhöhepunkt war der Auftritt von Heiri Känzig´s Travelin´, und das in jeder Hinsicht. Der Spielort dieses wundervollen Konzertes: Die so gemütliche und atmosphärische Zehntscheuer in der Altstadt von Ravensburg, ein ehemaliges Lagerhaus aus dem 14. Jahrhundert. Die sechsköpfige Band: Sie wird geleitet vom Schweizer Kontrabassisten und musikalischen Weltenbummler Heiri Känzig, und es vereinen sich dort Spitzensolisten wie der so lyrisch-expressive Schweizer Flügelhornist Matthieu Michel oder der virtuose, total am Puls der Zeit aufspielende tunesische Oud-Spieler Amine M´raihi zu einer echten Einheit. Die Musik: Entzieht sich geschickt der Kategorisierung, changiert zwischen melodischem Jazz und orientalischen, krummen Metren, blickt hinaus in die weite Welt und klingt dabei so verführerisch vielfältig und aufregend. Das Besondere an diesem Abend: Die eigentliche Sängerin der Band ist erkrankt. So musste Känzig kurzfristig Ersatz finden und traf auf die fantastische Raphaëlle Brochet. Und die Französin, die hörbar jahrelang Gesang in Südindien studierte, zeigte mit ihrem fantasievollen, lautmalerischen, improvisierten, immer wieder überraschenden Gesang, dass sie den so positiv strahlenden Weltjazz dieses Ensembles komplett verstanden hat.  

Das diesjährige Trans4JAZZ schlug wieder einen weiten musikalischen Bogen. Mit Bands wie Fieh und GoGo Penguin und einem deutlich reduzierten „Youth Ticket“ soll vermehrt ein junges Publikum angelockt werden. Beim Oktett Fieh um die charismatische, bewegungsfreudige Sängerin und Frontfrau Sofie Tollefsbøl weiß man musikalisch gar nicht so ganz genau, wo man ist. Aber die tanzbaren, groovenden und organisch warm klingenden, süffigen Easy Listening-Songs aus Soul, Funk, Pop und Jazz der Norweger machen einfach Spaß und reißen mit. Welch ein Kontrast zum klinisch perfekten Konzert am nächsten Abend von GoGo Penguin. Alles ist bei dem so angesagten Trio aus Manchester durchgetaktet. Genau 90 Minuten Konzertdauer, jeder Song perfekt konstruiert. Überraschungen: keine. Das mag man unaufregend und auf Dauer eintönig finden. Aber die Briten haben den Bogen raus, einen akustischen Jazzklaviertrio-Sound durch elektronische Erweiterungen und minimalistische Melodiekürzel und frickelige Drumbeats zu hypnotischen, soghaften Klanglandschaften anwachsen zu lassen.

Den Briten Oscar Jerome für den Ausklang des fünftägigen, bunten Festivals zu buchen war eine perfekte Idee des so engagierten Trans4JAZZ-Teams um Programmmacher Thomas Fuchs. Denn der Sänger und Gitarrist aus Norwich lockte noch mal viele junge Menschen an, um mit seiner von Congas, Schlagzeug und E-Bass unaufhörlich angetriebenen coolen Musik zwischen Soul, Funk und NuJazz für beste Stimmung und zumindest wippende Füße zu sorgen.

Text: Christoph Giese
Fotos: Hans Bürkle

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