Ulysse Loup - 0°W

Ulysse Loup - 0°W - Album cover
Ulysse Loup - 0°W

Ulysse Loup
0°W

Erscheinungstermin: 21.11.2025
Label: Unit Records, 2025

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jazz-fun`s recap:

Schon der Titel 0°W verrät, worauf wir uns einlassen: Neugier, Offenheit und die Bereitschaft, sich auf unbekanntes Terrain zu begeben. Genau diese Haltung prägt auch die künstlerische Handschrift von Ulysse Loup. Für ihn scheint es keine festgelegten Grenzen zu geben – Möglichkeiten entstehen erst im Moment des Erlebens. Wer dieses Album hört, betritt ein Schiff und begibt sich auf eine Reise, deren Ziel nicht vorab feststeht.

Diese marinistische Erzählung entfaltet sich als Folge lyrischer Erinnerungen, Bilder und innerer Landschaften. Die Narration ist in sich geschlossen – nicht nur dort, wo Texte gesprochen oder gesungen werden, sondern ebenso in der musikalischen Sprache selbst. Worte und Klänge sind untrennbar miteinander verwoben. Unter der Feder des Komponisten verschmelzen sie zu einer Einheit, in der selbst die Texte von Arthur Rimbaud neue Bedeutungsräume öffnen.

Die beteiligten Musiker sind herausragende Persönlichkeiten, die die Intentionen des Leaders mit großer Sensibilität erfassen. Wo Sprache präsent ist, bleibt sie stets im Zentrum – nichts darf überhört werden. Die Musik bereitet vor, vertieft, kommentiert oder trägt die Erzählung weiter, ohne sie jemals zu überdecken.

0°W ist keine musikalische Episode, sondern eine umfassende Erzählung über das Reisen, über das Meer in all seinen Facetten: seine Schönheit, seine Gefahr, seine überwältigende Kraft. Zwischen der Reinheit einzelner Töne und der monumentalen Wirkung des orchestralen Ganzen entsteht ein Spannungsfeld aus Romantik, Dramatik und stiller Kontemplation.

Mit 0°W legt Ulysse Loup erneut ein Werk vor, das von innerer Notwendigkeit getragen ist – voller narrativer Kraft, emotionaler Tiefe und klanglicher Schönheit. Ein Album, dem man sich nicht entziehen sollte.

(Jacek Brun, 03.01.2026)

Besetzung

Ulysse Loup – electric bass & composition
Damaris Brendle – voice
Ludmilla Mercier – flute & spoken words
Mireia Pellisa Martín – alto & baritone saxophone
Paul Butscher – trumpet & flugelhorn
Pere Molines Tur – trombone
Anna Kalk – guitar
Benjamín Jaton – double bass
Flo Hufschmid – drums
Damien Kuntz – drums &percussions

Musik wie ein Logbuch: Ulysse Loup und die Poesie des Meeres

„Les amarres tombent“ (Die Leinen fallen) – so beginnt das Album und markiert den Aufbruch zu einer transatlantischen Segelreise, begleitet von Rimbaud und Kindheitserinnerungen. Der Komponist und Bassist Ulysse Loup hat ein großes Ensemble aus zehn Musiker:innen zusammengestellt, um Arthur Rimbauds Gedicht „Le Bateau ivre” (Das trunkene Schiff) zu vertonen. Zwei Schlagzeuger:innen, zwei Bassist:innen, eine Gitarristin, vier Bläser:innen und eine Sängerin führen das Publikum durch Wellen, Gischt und Wind. Durch die Verschmelzung von vom Meer inspirierten Klangtexturen, verschachtelten Rhythmen, langen Melodien und Improvisationen verbindet das Ensemble zeitgenössischen Jazz mit surrealistischen Texten. Bei Konzerten hängen alte Segel um die Musiker:innen, während Ventilatoren und Lichtspiele eine maritime Atmosphäre erzeugen. Als leidenschaftlicher Segler hat Ulysse den Atlantik bereits dreimal unter Segeln überquert. Nach seinem ersten Trio-Album „Apilaptok”, das eine Expedition nach Grönland beschreibt, entstand der Wunsch, die mythische Transatlantiküberquerung musikalisch umzusetzen.

„Que j’aille à la mer“ (Oh, dass ich zur See gehe) – der letzte Ruf des Trunkenen Schiffs – ist auch das letzte Stück des Albums. Das Gedicht erzählt die surreale Odyssee eines Bootes auf der Suche nach Freiheit, müde vom Treiben und sehnsüchtig nach dem Untergang. Es beginnt in einem Fluss auf dem amerikanischen Kontinent und beschreibt die Reise des Bootes nach Europa. Verfasst im Zuge des Scheiterns der Pariser Kommune klingt der Text wie ein melancholischer Ruf nach Freiheit, getragen von einem wassertrunkenen Boot.

Das Stück 0° W verwebt diese traumhafte Reise mit einer sinnlichen Erfahrung des Meeres. Die Struktur orientiert sich am Gedicht, aus dem mehrere Quartette entnommen und gesungen werden. Der folgende Auszug markiert einen der Höhepunkte des Textes:

"Mais, vrai, j’ai trop pleuré ! Les Aubes sont navrantes.
Toute lune est atroce et tout soleil amer:
L’âcre amour m’a gonflé de torpeurs enivrantes.
Ô que ma quille éclate ! Ô que j’aille à la mer !"

(doch wahr: ich weinte zuviel! die morgen ein grauen.
die monde grausam, die sonnen ein bitteres mal,
ohnmächtig-blind, ein geschwür der liebesklauen,
o bräche doch mein kiel! o meer ohne qual!)

Während Baritonsaxophon, Posaune und Flügelhorn Nebelhörner imitieren, erzeugen die Schlagzeuge einen langsamen, tiefen Puls, der das friedliche Sinken des Schiffes begleitet. Flöte, Stimme und Gitarre beenden das Stück schließlich mit einer langen Reihe absteigender Melodien, die von tiefen Blechbläserklängen unterstützt werden.

Ulysses' Musik ist stets von Segelreisen inspiriert – ein Leitmotiv, das sich durch all seine Kompositionen zieht. Mit zehn Jahren begann er eine Atlantikrundreise und ist seither eng mit dem Meer verbunden. Seine Stücke entstehen aus Aufnahmen eines Segelboots zwischen Eisbergen oder Bildern der Mitternachtssonne. Sie versuchen, die sinnliche Erfahrung der Navigation zu übersetzen.

„0°W” erforscht die Emotionen einer transatlantischen Überfahrt: „Pleine Mer” (Offenes Meer) illustriert den Stress eines Sturms, „Un noyé descend” (Ein Ertrunkener sinkt) evoziert die Einsamkeit einer Flaute und „Hystérique” (Hysterisch) vermittelt die Aufregung des Aufbruchs, wenn die Küsten verschwinden und nur noch der Horizont bleibt.

Bereits sein erstes Album Apilaptok war ein musikalisches Logbuch, das während eines künstlerischen Aufenthalts auf einem Segelboot in Grönland entstand. Das zweite Album, „Dualité cohérente”, erzählte ebenfalls von einer Reise in den hohen Norden und nach Estland. Mit „0°W” vertont Ulysses nun die mythische Atlantiküberquerung, die er selbst dreimal unternommen hat.

Text: Unit Records

Titelliste

  1. Les amarres tombent
  2. Hysterique
  3. Un noye descend
  4. Pleine mer
  5. Que j'aille a la mer

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