Jazzfestival Vetrarjazz - Färöer-Inseln, ein Bericht von Christoph Giese

Johann Hentze (Plúmm)

Ohne ihn würde es das alles wohl nicht geben. Den Jazz in dieser Form. Den Havnar Jazzfelag, den „Hafen-Jazzclub“, kein realer Club, sondern mehr ein Synonym für all die Jazzaktivitäten auf den Färöern. Das Plattenlabel Tutl Records und den gleichnamigen Plattenladen mitten in der Hauptstadt Tórshavn. Ein Label, auf dem einheimische Musiker veröffentlichen können. Auch die international bekannte Sängerin Eivør, die berühmteste Stimme der kleinen Atlantikinseln und eine der wichtigsten Skandinaviens überhaupt, hat auf Tutl Records Platten herausgebracht. Und sie hat zu Beginn ihrer Karriere auch bei Kristian Blak in dessen schon 1982 gegründeten Weltmusik-Band „Yggdrasil“ gesungen.  

Kristian Blak, das ist der Mann, der die Jazzszene auf den Färöern maßgeblich geprägt hat, seitdem er als junger Mann von seiner Heimat Dänemark auf die Inseln übersiedelte. Über 50 Jahre ist das jetzt her, aber der 77-Jährige ist noch immer mehr als aktiv, tourt um die Welt und ist auch verantwortlich für das achttägige Festival „Vetrarjazz“ (Winterjazz), bei dem auch „Yggdrasil“ einen Auftritt haben. Der dieses Mal afrikanisch tönt, denn die Band lädt sich gerne ganz unterschiedliche Gäste für Projekte und Auftritte ein. Und die südafrikanische Posaunistin und Sängerin Siya Makuzeni passt sich gut ein in den Ethno-Jazz-World-Rock-Mix von „Yggdrasil“.

In der coolen Jazz & Bluesbar Blábar steht das Trio „Tjant“ auf der Bühne, das soeben sein viertes Album veröffentlicht hat. Der Ausgangspunkt von Heðin Ziska Davidsen (Gitarre, Modularsynthesizer und Electronics), Mikael Blak (Bass, Synthesizer und Electronics) und Per Ingvaldur Højgaard Petersen (Drums & Programming) sind freie Improvisationen, die sich zu Melodien, Riffen und Akkordstrukturen weiterentwickeln und von mächtigen Drones begleitet mehr und mehr an packender Intensität und rockiger Kraft zulegen und zu einem lauten Klangspektakel werden und am Ende des gut dreiviertelstündigen Sets mitreißen.  

Viele junge Leute drängen in die sehr heimelige Bar Sirkus um zunächst ein ungewöhnliches Duo zu erleben. Oddfríður Marni Rasmussen liest Poetry, auf Färöisch, und natürlich versteht man als Ausländer kein Wort. Aber diese Stimme, die Art wie er liest, und wie kongenial er von Benjamin Petersen auf der E-Gitarre mit den unterschiedlichsten Sounds begleitet wird, das fasziniert. Und das dänisch/färöische Duo „A15“ knüpft direkt im Anschluss zusammen mit dem färöischen Schriftsteller, Musiker und Filmmacher Trygvi Danielsen alias Silvurdrongur irgendwie daran an, denn Silvurdrongur prägt mit seiner coolen Spoken Word/HipHop-Performance einen spannend improvisierten Auftritt, bei dem jazzige Sounds auf experimentelle, elektronisch bearbeitete Klangbilder treffen.

Einen Festival-Höhepunkt liefert die Band „GØ“. Im letzten Jahr auf Island, wo sie einen ihrer bisher erst wenigen Auftritte außerhalb der Färöer-Inseln hatten, begeisterte das Quintett schon mit ansteckender Spielfreude und ihrer „Alles ist möglich“-Mentalität beim Musikmachen. Stilistische Eingrenzungen: wozu? Erlaubt ist, was Spaß macht. So lange es gut klingt. Auch mal eine Twang-Gitarre in den erfrischenden Jazzkosmos der Band einbauen. In einer coolen Location in einer Brauerei kommen „GØ“ dieses Mal als Tentett auf die Bühne, mit zweitem Keyboarder und vier Bläsern, die eigentlich mehr in der Klassik daheim sind. Aber auch das ist egal bei der Truppe um Gitarrist Ólavur Eyðunsson Gaard.  

Wer es gemütlich, ein wenig schick und lecker mag, war beim Jazzdinner mit „Soulglottar“ am richtigen Ort. Im Hilton-Hotel vor den Toren Tórshavns konnte man ein köstliches Fünf-Gänge-Menü mit passender Weinbegleitung genießen, während das Quartett auf der Bühne mit der sehr guten Sängerin Dania O. Tausen, die am Abend zuvor mit dem Vokaltrio „SWAY“ im Stile der Andrew Sisters schon prächtig unterhielt, pfiffig aufbereitete Jazzstandards servierte, teils auf Färöisch gesungen. Und auch mit färöischen Liedern Eindruck hinterließ. Dania O. Tausen ist wie etwa auch „Soulglottar“-Bassist Arnold Ludvig ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit von Musikern auf den Inseln. Tausens eigene Alben sind mehr in poetischer Popmusik angesiedelt. Und Ludvig ist omnipräsent bei Vetrarjazz mit eigenem Jazzquintett, den Fusionbands „Plúmm“ und „VARM Quartet“ oder der punkig-rotzig aufspielenden Band „MonkeyRat“, bei der Ehefrau Anna Iachino singt.

Diese Vielseitigkeit und die Verknüpfungspunkte mit Kollegen aus der Szene ermöglichen den kleinen, paradiesisch schönen Inseln einen enormen Output an kreativer Musik, was man auch im Tutl-Plattenladen bestaunen kann. Es gibt einige schöne, kleine Spielorte für Livemusik in Tórshavn. Und „Vetrarjazz“ hat für ein morgendliches, Konzert die Hafenkirche ausgewählt, in der die färöisch-dänische Sängerin Katrina Petersen mit einem fein zusammengestellten Programm aus eigenen und färöischen Liedern oder bulgarischen Folk Tunes begeistert. Und dann gibt es natürlich das große Kulturzentrum Nordic House, wo der einzige internationale Topstar dieser Festivalausgabe spielte. US-Gitarrist Kurt Rosenwinkel traf auf das „Api Pipo Jazz Orchestra“ unter der Leitung des Klasse-Gitarristen und Sängers Alain Apaloo aus Togo, der wie ein ige andere Musiker auch die ganze Woche beim Festival weilte und in diversen Bands und bei Jam Sessions mitwirkte. Der Gitarren- und rhythmusgetriebene Afro-Worldjazz des zehnköpfigen Ensembles bot beste Unterhaltung und das eine oder andere solistische Schmankerl. Später dann noch das hochenergetische Trio des fantastischen norwegischen Pianisten Espen Berg in der knallvollen Blábar zu erleben – „Vetrarjazz“ hätte nicht besser ausklingen können an diesem intensivsten Festivaltag.

Text: Christoph Giese
Fotos: Mirjam Jensen & Jóhann Olafsson

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