Victor Gelling's T.P.C.M. - Everything I Glue Together Falls Apart

Victor Gelling's T.P.C.M. - Everything I Glue Together Falls Apart

Victor Gelling's T.P.C.M.
Everything I Glue Together Falls Apart

Erscheinungstermin: 24.08.2020
Label: recordJet, 2020

Victor Gelling's T.P.C.M. - Everything I Glue Together Falls Apart - bei bandcamp kaufen

Karoline Weidt - voc
Katharina Koch - voc
Elli Sooß - bari/sop/alt - sax / fl
Niko Zeidler - tn/sop/bari - sax / fl / cl / bcl
Tobias Haug - alt/sop/bari - sax / fl / pic / cl
Tobias Herzog - tb / btrb
Jan Landowski - trb
Arvid Maier - tp / flg / didgeridoo
Lisa Buchholz - tp / flg / didgeridoo
Gabriel Rosenbach - tp / flg / didgeridoo
Raphael Röchter - Kinderklavier / Casioklavier / Mellotron / Elektronik / perc
Eric Haupt - Git / Elektronik / perc
Victor Gelling - Kontrabass / E-Bass / Synth-Bass / comp.
Phillip Schilz - dr / perc

Zwischen Verspielheit und Forschertum: Ein Debüt, das abseits von Tradition und Zwang in seinen Bann zieht.

Der Jazz zeichnet sich seit jeher durch seine immense Formbarkeit aus. Oft beeinflussten allerlei andere Stile diesen nachhaltig. Das Spektrum der Stile, Kombinationen und Gestaltungsebenen erweitert sich von Tag zu Tag, sodass die Möglichkeiten annährend grenzenlos erscheinen. Die Freiheit, mit dem Vorhandenen bis zur entgültigen Zersetzung herumzuspielen, wirkte nie einladener als heute. Das Debütalbum „Everything I Glue Together Falls Apart“ der Formation T.P.C.M. unter der Leitung des Bassisten Victor Gelling greift dieses Prinzip als radikale Spielhaltung auf.

Victor Gelling ist ein Forscher. Im Mittelpunkt steht für ihn die Idee, die Frage, auf der ein Stück aufbaut. Parameter wie Form, Struktur, Klangfarbe, Tonalität und Dramaturgie sind für ihn Werkzeuge und Regler, mit deren Hilfe er seine akustischen Experimente gelingen lässt. Seine Schlüsse aus diesen Experimenten haben sich in seinem Zyklus „Everything I Glue Together Falls Apart“ manifestiert. Es ist ihm gelungen, ein Kollektiv bestehend aus 13 Mitstreitern aus verschiedensten Kontexten für diese Idee zu gewinnen. Die Diversität der musikalischen Hintergründe dieser Musiker*innen erlaubt es T.P.C.M. als organische, frei formbare Masse zu fungieren, welche augenblicklich verschiedenste Formen annehmen und dennoch in eine gemeinsame Richtung arbeiten kann. Indierock und Noise, freie Improvisation und Choralsätze stehen nicht mehr als Gegensatz da, sondern ergänzen sich notwendig zu einem größeren Ganzen.

„Der englisch gehaltene Titel des Albums ist weniger Wehklage als viel mehr ein Manifest“, so Gelling. „Ein Manifest für die Schönheit des Auseinanderbrechens, für die Spielwut eines jeden Musikers, für das Fragmentieren und Brechen mit Altbekanntem, für den Reifeprozess, nichts mehr als heilig und gegeben zu sehen und letztlich für Humor und Groteske.“

Widersprüche werden eingesetzt als Mittel, Gewohntes infrage zu stellen, Vertrautes durch eine neue Perspektive zu entfremden und Neues zu entdecken. Die Stücke aus der Feder des Bandleaders bieten dafür die ideale Basis. Sie bewegen sich zwischen verschiedensten Genres, Epochen und Kompositionstechniken, quer und bunt ausgebreitet über die gesamte Spielzeit des Albums. Die Texte, teils auf Englisch, teils auf Deutsch, richten sich ebenfalls nach diesem Prinzip. Sie erzählen Geschichten von verflossener Liebe, von Kämpfen mit sich selbst, dem Unerreichbaren und dem Ende des Sommers, ohne dabei den Klang der Sprache zu vernachlässigen.

Spielwut und Forscherdrang äußern sich auch im illustren Instrumentarium der Stücke. Kinderklavier und Mellotron stehen neben Klarinette und Kontrabass; Theremin und Didgeridoo-Chöre kontrastieren mit Tuba und Flügelhorn. Die unüblichen Kombinationen von Farben laden Solisten und Zuhörer*innen zum Erkunden ein.

Mit unüblichen Instrumenten kennt sich Victor Gelling aus. Neben seiner jazz-basierten Ausbildung kann er auf umfangreiche Erfahrungen auf dem Gebiet der Zeitgenössischen Ernsten Musik, unter anderem im Studio Musikfabik Köln oder dem „bøhei-kollektiv“, zurückgreifen. Herausgezogen hat er aus diesen Erfahrungen auch die Experimentierfreudigkeit.

„An sich interessiert mich die Frage der Idiomatik brennend“, erklärt Victor Gelling. „Die Frage, mithilfe welcher Prinzipien wir Klänge zu Kategorien und Klangästhetiken formen, beschäftigt mich schon lange. Ich möchte mit der Musik der Band diese Ästhetiken formen, um sie zu brechen, zu fragmentieren und frei mit ihnen herumspielen zu können. Mich faszinierte immer der Moment der Überraschung, das kindlich begeisterte Erforschen von neuen Pfaden, über die man sonst nicht gestolpert wäre, weil ein scheinbarer Regelkatalog einen davon abhalten müsste. Die zentrale Frage muss doch lauten: ‚Was wäre, wenn?‘ “

Die Stücke gehen getreu dieser Maxime unübliche Wege. Zwölftonreihen treffen auf Bigband-Shouts, Trap-Grooves treffen auf Atonale Choräle, Kinderklavieretüden auf elektrische Speerspitzen. Jedes Stück fungiert nach eigenen Regeln in einer eigens geschaffenen Welt. Jedes Stück kreiert ein eigenes Universum, in welchem nur die Regeln des Stückes gelten können. Dieses Universum zu erkunden vermag Zeit in Anspruch zu nehmen, sodass die Musik einlädt, immer wieder gehört zu werden. Auf „Everything I Glue Together Falls Apart“ ist es Victor Gelling und seinem Ensemble gelungen, zwischen Verspieltheit und Forschertum ein Debüt zu erschaffen, das Zuhörer*innen abseits von Tradition und Zwang in seinen Bann zieht.

Text: Uwe Kerkau Promotion

  1. Präludium
  2. Spätsommermelancholie
  3. Hinterland
  4. Interludium I
  5. Sleepy Wolf
  6. Interludium II
  7. Everything I Glue Together Falls Apart (...Just Like The Pieces Of My Broken Heart)
  8. Nocturne
  9. Postludium

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