Windisch Trio - Pros And Cons

Windisch Trio - Pros And Cons

Windisch Trio
Pros And Cons

Erscheinungstermin: 27.08.2021
Label: Double Moon, 2021

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Julius Windisch - piano, comp.
Igor Spallati - bass
Fermín Merlo - drums

An guter Presseresonanz mangelt es dem Wahl-Berliner Julius Windisch wahrlich nicht. So schrieb die London Jazz News zum Debütalbum seines Quartetts: „Die Musik ist originell, ausgeklügelt und fesselnd“ und Jazzcournal.co.uk sekundierte: „unberechenbar und unaufdringlich, zeigt das Windisch Quartett gleichermaßen Wildheit und Coolness.” Das Magazin Concerto lobte: „Der Pianist und Komponist schleust seine Mitmusiker durch zackige Tunes mit Broken-Beat-Feel […], zeigt sich aber auch von seiner fragilen Seite in Form von schönen, melodienorientierten Balladen, die durch kleine Sound-Spielereien […] erweitert werden.“

In eine konzeptionell andere Richtung geht Julius Windischs Anfang 2020 gegründetes Trio mit Igor Spallati und Fermín Merlo, das nun sein souveränes/gravitätisches Debütalbum Pros & Cons präsentiert. Den Anstoß gaben einige Stücke, die Windisch schon 2019 geschrieben hatte. „Ihre Ästhetik war von etwas traditionelleren Formen inspiriert, von auskomponierten Harmonien, längeren Bögen, aber auch mehr Raum für Improvisationen. Das alles passte nicht so recht zum bestehenden Quartett und rief nach einer neuen Besetzung.“ Potentielle Partner dafür hatte Windisch bereits im Auge. „Igor Spallati kannte ich schon länger durch seine Arbeit in verschiedenen Bands. Dabei beeindruckte mich immer wieder, wie gut er sich in diverse Kontexte einfügen kann.“ Im Gegensatz zu dem viel gefragten Bassisten galt Drummer Fermín Merlo damals in Berlin noch als eine Art Geheimtipp. Erst Ende 2018 war er von Buenos Aires in die deutsche Hauptstadt gezogen, im Gepäck eine erkennbar eigene Spielhaltung. „Igor und Fermín sind beide starke Persönlichkeiten“, freut sich Windisch, „einerseits in der Jazzgeschichte verwurzelt, andererseits aber auch extrem offen für zeitgenössische Musik und progressiven Jazz. Das macht sie ungewöhnlich flexibel, zudem bringen sie viele Ideen zur Weiterentwicklung ein.“

Unter Windischs Führung schlägt das Trio neue Funken aus dem populären Format. Das ausdrucksstarke Spiel des Bandleaders wechselt von poetischer Introvertiertheit zu kraftvollen Expressionen, lässt gängige Voicings und Phrasen hinter sich. Sein kompositorischer Gestaltungswillen offenbart sich in komplexen Passagen und gewitzten Details. Etwa wenn er aus den vertrauten 4er-Metren ausbricht, Taktstrukturen durch Harmoniefolgen verwischt (beispielsweise in Going For It und dem optimistischen Oknagut), Rhythmuswechsel einstreut – und bei alldem einen lebendigen, bisweilen beflügelnden („uplifting“) Flow bewahrt. Konsequent lösen die Musiker manche althergebrachte Hierarchie auf und begegnen sich auf Augenhöhe. Ihre Klangsprache lässt auch Jazz-ferne Einflüsse, etwa der klassischen Moderne, des Impressionismus und Minimalismus durchschimmern. Windischs Kompositionen bilden Sprungbretter für feinsinnige bis zupackende Kollektiv-Improvisationen, in deren Verlauf Führungsrollen nahtlos weitergereicht werden. Sparsam-melodische und dynamische Passagen sowie individuelle Klangfarben (mit dem Bogen gestrichener Bass, lautmalerische Schlagzeug-Einsätze) kreieren lyrische Stimmungen und energetische Spannungsfelder.

Das Repertoire von Pros & Cons schrieb Julius Windisch über einen Zeitraum von rund zehn Monaten. Beinahe unausweichlich hat Corona darin Spuren hinterlassen. Konkret sind End Of May mit seiner latent aufgewühlten, widerständigen bis melancholisch angehauchten Stimmung sowie das zunächst traumverlorene, dann lustvoll sich frei spielende De Rona direkte Reaktionen auf die Pandemie. Das etwas grüblerische Titelstück hingegen „entstand in einer Zeit gleich mehrerer Entscheidungsprozesse“ und spiegelt Windischs Naturell, sich viele abwägende Gedanken zu machen – auch über die Musik hinaus. So gehörte er letztes Jahr zu den ersten Künstlern, die öffentlich gegen den Vortrag des populistischen Historikers Daniele Ganser im Rahmen der Jazztage Dresden 2020 protestierten. Nie aufhören entstand schon 2019 in Kopenhagen und ist einerseits inspiriert von Eindrücken während eines Semesters am Rytmisk Musikkonservatorium. Andererseits reflektiert es Windischs innere Verfasstheit, die sich seinerzeit aus einem Durchhänger heraus kämpfte. „Generell fangen meine Stücke gerne Stimmungen von etwas ein, das mich sehr berührt hat“. Dieses Etwas kann auch mal ein Kollege sein, namentlich der Kölner Leif Berger. Er war die Inspirationsquelle für das mit achteinhalb Minuten längste Werk des Albums, das von kontemplativen über offene bis zu Groove-Passagen geschickt mehrere Wandlungen vollzieht. Es ist sicher auch diesen emotionalen Aspekten zu verdanken, dass Windischs Kompositionen bei aller Raffinesse stets lebendig klingen.

Am 9. März 2020, nur wenige Tage vor dem ersten Lockdown, spielte das Windisch Trio live in Berlin, ein zweites Konzert fand kurz vor dem Studiotermin im September statt. Zur Vorbereitung der Aufnahmen wurde binnen vier Wochen intensiv geprobt, was sich unmittelbar auszahlte. „Wir hatten eine gute Live-Atmosphäre im Studio und konnten schon am ersten Tag das meiste einspielen“, erzählt Windisch. Zweifellos ein zusätzlicher Beleg für das bemerkenswerte intuitive Einverständnis innerhalb der Band.

Mit Pros & Cons präsentiert das Windisch Trio ein variables, melodisch wie rhythmisch spannendes Debüt. Ohne Worte transportieren die eigenständigen Stücke Empfindungen und Gefühlslagen, ganz im Sinne von Julius Windisch, der selbst am liebsten solche Musik hört, die „mich emotional mitnimmt.“ Die persönliche Klangsprache der drei Musiker und ihr eindrucksvolles Oszillieren zwischen Transparenz und Verdichtung erzeugen soghafte Momente und schlagen markante Funken aus dem Format Klaviertrio.

Julius Windisch (*7.9.1995) in Stuttgart, aufgewachsen in Offenburg. Von 2014-2017 Studium an der Hochschule der Künste, Bern, u.a. bei Django Bates, Manuel Bärtsch, Colin Vallon. 2017-2019 European Jazz Master am Rytmisk Musikkonservatorium, Kopenhagen. 2015 und '16 war Windisch Stipendiat der Lyra Stiftung Zürich, weitere Förderungen erhielt er von: Musikfonds, Schweizer Interpretenstiftung, Fondation Suisa, Kultur Stadt Bern und Kanton Bern. Er hat u.a. mit Peter Bruun, Kresten Osgood, Philipp Gropper, Bernhard Meyer, Tristan Renfrow gespielt.

Fermin Merlo (*28.4.1992) in Buenos Aires, war als Sohn eines Kontrabass-Professors ein Frühentwickler und über eine Dekade lang aktiver Teil der Szene der Metropole. Mit diversen Projekten spielte er in den wichtigsten Clubs und auf Festivals in Südamerika. In Formationen mit Tim Berne, Tony Malaby, Leo Genovese, Ralph Alessi, Mike Moreno und John Hollenbeck tourte Merlo auch international. Seit seiner Ankunft in Berlin arbeitete er u.a. mit Elias Stemeseder, Uli Kempendorff, Johannes Fink, Felix Henkelhausen.

Igor Spallati (*16.8.1985) wuchs in Perugia auf, studierte bis 2009 am dortigen Conservatorio di musica, danach an der UdK (Jazzinstitut) Berlin. Seitdem spielt(e) er bei stilistisch weit gefächerten Projekten, etwa Silke Eberhards Potsa Lotsa XL, Musina Ebobissé Quintet (nominiert für den Deutschen Jazzpreis 2021), Simon Kanzler's Talking Hands, Wolfgang Schmidtke Orchestra. Ferner wirkte an diversen Aufnahmen mit, etwa bei Anna Webbers Percussive Mechanics (mit Elias Stemeseder, Max Andrzejewski, James Wylie u.a., Pirouet) und Benjamin Schaefers Hive Mind (mit Frank Wingold, Jonas Burgwinkel).

Text: Double Moon

jazz-fun.de meint:
Ein Album, das nicht den Anspruch erhebt, neue Länder zu entdecken, sondern das, was uns nahe ist, aus einer etwas anderen Perspektive zeigt. Das ist völlig ausreichend. Das Spiel aller Musiker zieht die Aufmerksamkeit auf sich - auf irgendeine magische Weise machen sie den Zuhörer neugierig auf das, was als Nächstes passieren wird. Alle Soloparts haben etwas zu bedeuten, sie haben alle einen musikalischen Sinn. Ein großartiges Debüt!

  1. End of may
  2. Oknagut
  3. Interlude I
  4. Pros and cons
  5. Going for it
  6. De rona
  7. Interlude II
  8. Berger
  9. Nie aufhoren

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