Sonnige Klänge in Ystad – das Jazzfestival an der schwedischen Küste
Von Angela Ballhorn
Das schwedische Küstenstädtchen Ystad erschien Anfang der 90er Jahre auf der literarischen Weltkarte. Der Schriftsteller Henning Mankell liess in der Kleinstadt seinen Kommissar Kurt Wallander ermitteln. Das Bild, das er von der Hafenstadt an der Ostsee vermittelte, hat aber so gar nichts mit dem zu tun, was sich dem Jazzfan seit 16 Jahren immer im Sommer bietet.
Nicht grau, neblig, düster und unheimlich-grausam, sondern sonnig, warm, freundlich und bunt zeigt sich die 19.000 Einwohner-Stadt. Die pittoreske Altstadt mit den von Stockrosen eingerahmten mittelalterlichen Fachwerkhäusern ist eine grossartige Kulisse für die Jazzparade durch die Fussgängerzone. Die zog mit der dänischen NB! Brass Band bei strahlendem Sonnenschein viel interessiertes Publikum an.
Der offenbar jazzinteressierte Wettergott trotzte der schlechten Wettervorhersage, der Regen blieb aus und liess die Open-Air Termine, egal, ob es die Next Generation in Ystad oder der letzte Konzertnachmittag vor dem Schloss Charlottenlund waren, strahlen.
Besonders im Einklang mit dem Wetter zeigte sich das Gartenkonzert – Bassist Hans Backenroth spielte sich mit seinem Trio (Trompeter Thomas Fryland und Gitarrist Jacob Fischer) durch die Jazzgeschichte, umrahmt von prächtig blühenden Rosenbüschen und schwer behangenen Birnenbäumen, lautstark kommentiert von etlichen vorbeifliegenden Möwen.
Das viertägige Festival findet an verschiedenen Orten statt, vom mondänen Ostsee-Spahotel Saltsjöbad über die Kloster- und Marienkirche bis zum wunderschönen alten Theater, das 1894 erbaut wurde (und dessen ausgestellte alten Fledermaus-Plakate – auf schwedisch „Läderlappen“ - immer wieder schmunzeln lassen).
80 Freiwillige helfen, dass alles reibungslos verläuft, Essen für Techniker und Musiker gekocht wird, Plätze angewiesen werden, Auskunft gegeben wird. Schwarz und pink sind die Farben, die sich das Festival als Branding ausgesucht hat, so sind die Mitarbeiter und Helfer des Festivals sofort auszumachen. Die Farben spiegeln sich auch im Merch wider. Mussten im letzten Jahr noch pinke Regenponchos am letzten verregneten Konzerttag verkauft werden, waren es in diesem Jahr grellpinke Fächer.
Zwölf wichtige Menschen kommen zu den 80 noch dazu, die die Durchführung planen und Finanzen berechnen. Der Pianist Jan Lundgren, der selber in Ystad wohnt, ist als künstlerischer Direktor für das Programm verantwortlich und steht an verschiedenen Tagen auch selber auf der Bühne. Sein Trio Mare Nostrum mit Akkordeonist Richard Galliano und Trompeter Paolo Fresu besteht seit mittlerweile 20 Jahren, das Programm unterstreicht die verschiedenen Kulturen der drei Musiker, französischer Chanson und Musette, italienische Oper und schwedische Volkslieder spiegeln sich genauso wider wie Eigenkompositionen für Ehefrauen oder Wiegenlieder für Hunde.
Lundgrens zweiter Auftritt war eine Hommage an den Pianisten Bill Evans. Der hat in Schweden durch seine Zusammenarbeit mit der Sängerin Monica Zetterlund fast Heiligenstatus. Das Trio mit dem fabelhaften Anders Jormin am Bass und Wolfgang Haffner am Schlagzeug spielte sich durch Hits wie „Waltz for Debbie“ oder der Titelmusik zu „M.A.S.H.“, streckenweise ein bisschen überarrangiert.
Das Klavier war zentrales Instrument – Mattias Nilsson spielte solo in der Mariakirche, Claes Crona mit Trompeter Peter Asplund, der 2025 auch Turmbläser war, in der Klosterkirche, Manon Mullener spielte im kubanisch-karibischen Robin-Projekt der Saxophonistin Nicole Johänntgen.
Doch gerade die klavierlosen Ensembles begeisterten. Gleich am ersten Festivaltag gab es zwei absolute Highlights, interessanterweise beide von zwei alten Weggefährten von Miles Davis: Bassist Dave Holland, der in den späten 60ern und frühen 70ern in der Band der Trompeters spielte, und Gitarrist Mike Stern, der in den frühen 80er Jahren dabei war.
Dave Hollands Quartett KISMET schrumpfte nach der Erkrankung von Gitarrist Kevin Eubanks zum Trio, doch was der Bassist, Saxophonist Chris Potter und Schlagzeuger Marcus Gilmore für musikalische Funken sprühen liessen, war beeindruckend. Schlanke, elegante Basslinien und durchdachte Soli mit Motiven, deren Entwicklung die Zuhörer mitverfolgen konnten, hielten das alte Theater mit 480 vollbesetzten Plätzen atemlos.
Mike Stern mit seiner Band mit Ehefrau Leni, Bassist Jimmy Haslip, Drummer Dennis Chambers und Saxophonist Gabor Bolla bei seinem allerersten Gig mit der Formation ist ähnlich beständig in Sound und musikalischen Ideen. Er brannte zum Ausklang des ersten Abends ein Feuerwerk an Energie und Fusion-Power ab, bei dem manchmal übersehen wird, welch feines Gespür der Gitarrist für Melodien und harmonische Stimmführung hat.
Eine Entdeckung war die Sängerin Catherine Russell, die zusammen mit Bassist Tal Ronen und Gitarrist Matt Munisteri auftrat. Nach Jahrzehnten in der zweiten Reihe als Background-Sängerin für David Bowie oder Cyndi Lauper trat die Sängerin erst 2006 mit Ende 40 ins Rampenlicht. Ihr Programm mit Stücken ihres Vaters, der unter anderem für Louis Armstrong arbeitete und charmanten Stücken des American Songbooks („Ich mag Stücke, die Fragen stellen und die vom Essen handeln“) liess das Publikum Zugaben verlangen.
Traditionell legt das Festival viel Wert auf Gesang und auf Bigbands. Der letzte Festivaltag verband das ziemlich gut. Unter blauem Himmel vor der malerischen Kulisse des Schlosses Charlottenlund trat als brillanter Schlusspunkt die Bohuslän Bigband auf. Die fantastische Bigband spielte ein Quincy Jones-Programm (der 2012 als Jazzambassador am Festival in Ystad war) zusammen mit den Gästen Ida Sand, Viktoria Tolstoy und Nils Landgren (diesjähriger Jazzbotschafter). Zum sommerlich-quirligen „Soul Bossa“ tanzte das Publikum neben den Picknickdecken, während die Möwen und Graugänse das ganze aus der Luft kommentierten.
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Lisa Nilsson, Foto: Markus Fagersten -
Magnus Lindgren, Foto: Markus Fagersten -
Mike Stern, Foto: Markus Fagersten -
Nicole Johänntgen, Foto: Markus Fagersten -
Nicole Johänntgen, Foto: Markus Fagersten -
Nils Landgren: To Quincy with love, Foto: Markus Fagersten -
Viktoria Tolstoy: To Quincy with love, Foto: Markus Fagersten -
Catherine Russell, Foto Conrad Paavolainen -
KISMET, Foto: Harri Paavolainen -
Mare Nostrum, Foto: Harri Paavolainen -
Martin Juteus, Foto: Harri Paavolainen -
Lizas Kvintett, Foto: Anna Rylander -
Jan Lundgren, Anders Jormin, Wolfgang Haffner, Foto: Anna Rylander -
Lars Danielsson, Leszek Mozdzer, Foto: Anna Rylander -
Monday Night Big Band & Sinne Eeg, Foto: Anna Rylander -
Thomas Fryland, Jacob Fischer, Hans Backenroth, Foto: Anna Rylander
Text: Angela Ballhorn
Fotos: Markus Fagersten, Conrad Paavolainen, Harri Paavolainen, Anna Rylander, Angela Ballhorn
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