Ein Interview mit der polnischen Band Ninja Episkopat nach ihrem Konzert am 06.12.2024 im Berliner Club Peppi Guggenheim

Ninja Episkopat
Ninja Episkopat, Foto: Angela Ballhorn

Ninja Episkopat ist:
Patrycja Wybrańczyk - Schlagzeug
Igor Wiśniewski - Gitarre
Alex Clov - Saxophon, Electronics

Das polnische Trio Ninja Episkopat bezeichnet sich selbst als Bastard aus Pandemie, Social Media und der allgemeinen Langeweile des Jahres 2021. Die wilde Mischung aus Elektronik, Rock, zeitgenössischer und improvisierter Musik hat die junge Band nicht nur auf polnische Festivals gebracht. Ihre überbordende Energie ist auf ihrem Debütalbum "All Thoughts Are Bad Thoughts" dokumentiert, das im November 2023 erschien. Die Band selbst sagt über das Album: „Die 2020er sind die neuen 1960er, aber wir sehen sie nicht als naive Wiederholung des Summer of Love und Flower Power, sondern als Zeugen des Chaos und der Hektik unserer Zeit. Die Gesellschaft war noch nie so polarisiert, die Klimakrise dauert an, die wirtschaftliche Stabilität ist in Frage gestellt, die Menschen vertrauen weiterhin faschistischen Autoritäten, während neue Technologien wie KI das soziale Gefüge weiter zerstören. Diese dystopische Landschaft beflügelt unsere Phantasie und hat uns zu All Thoughts Are Bad Thoughts" inspiriert, einem akustischen Angriff auf die Zeit, in der wir leben."

Patrycja Wybrańczyk studierte an der Krzysztof Penderecki Musikakademie in Krakau und an der Norwegischen Musikakademie in Oslo. Neben O.N.E. ist sie Mitbegründerin des Jakub Żołubak Trios, von Ninja Episkopat und des polnisch-norwegischen Quartetts PESH. Sie tritt auf vielen polnischen und europäischen Jazz- und Avantgardebühnen auf (z.B. Athens Jazz Festival / Griechenland, Vinnytsia Jazzfest / Ukraine, Opus Jazz Club / Budapest, B-Jazz Festival / Belgien, Victoria Nasjonal Jazzscene / Oslo, NOSPR / Polen). Ihre Inspirationen stammen hauptsächlich aus der Avantgarde, improvisierter und klassischer Musik, polnischem Folk und skandinavischem Jazz.

Alex Clov ist Saxophonist, Komponist und Produzent aus Krakau. Er studierte zunächst an der Karol Szymanowski Musikakademie und setzte dann sein Studium am Konservatorium für Rhythmische Musik in Kopenhagen fort. Derzeit ist er an mehreren Projekten beteiligt, darunter Ninja Episkopat, Niechęć, Hilarious Disasters, Blake x Listopad und The Afronauts.

Igor Wiśniewski ist ein in Warschau ansässiger Gitarrist, Komponist und Produzent, der sich intensiv mit Sounddesign, experimentellen Texturen und avantgardistischen musikalischen Ausdrucksformen beschäftigt. Als zentrales Mitglied der Post-Genre-Band EKUZ veröffentlichte er 2021 sein beeindruckendes Debütalbum „Gardening / Welding“. Darüber hinaus beeindruckte er mit der Song-artigen Instrumental-EP "Piosenki Lunaparkowe". Regelmäßig ist er an der Seite renommierter polnischer Musiker der zeitgenössischen und alternativen Musikszene zu hören.

jazz-fun.de:
Gleich eine Frage zum Bandnamen – gab es keinen Aufschrei aus dem katholischen Polen, dass ihr einen solchen Bandnamen gewählt habt? Immerhin bezeichnet das Episkopat die Gesamtheit der Bischöfe eines Landes. Die Mischung mit den Ninjas ist schon wild…

Alex: Lustigerweise nicht. Wir wollten einen einprägsamen Namen haben, einen, mit dem man auch graphisch arbeiten kann. Und das funktioniert ziemlich gut!

jazz-fun.de:
Wo kommen eure Einflüsse für diese Mischung mit den Instrumenten E-Gitarre, Drums und Tenorsaxophon – und sehr viel Electronic und Loops her?

Patrycja: Ganz unterschiedlich, aus der London Jazz Szene, von John Zorns Naked City, der New Yorker Szene der 80er No Wave Jahre, wo alles sehr noisy ist.

Alex: Für mich Sonic Youth.

Patrycja: Für Igor und mich sicher noch die französische experimentelle Szene. Oder grössere Projekte wie Lady M. und Musik mit noisy guitar Einflüssen

jazz-fun.de:
Braucht es eine Menge Energie für diese Art von Gigs? Und wie energetisch muss ich mir die Proben vorstellen?

Alex: Die Proben sind ziemlich zahm, verglichen mit den Gigs, wir sind ziemlich brav, wir trinken Tee und Kaffee. Die Musik lebt und stirbt für die Konzerte, da passiert es, da gehst du auf die Bühne und gibst alles.

Patrycja: Unsere Band braucht spezielles Equipment, um auf die Bühne zu gehen. Da brauchen wir PA und Monitore, und da die Soundqualität besser ist und Publikum da ist, spielen wir viel energetischer und lauter. In Proben dagegen ist es eher trocken und wir bereiten die Parts vor, alles, was mit Metronom vorbereitet werden muss...

Alex: Die Form, wo die Breaks in den Stücken sind, die Struktur der Songs. Wir sind eine Live-Band.

jazz-fun.de:
Ihr habt ja sowieso eine andere Art der Performance, weil ihr ja auch mit Kopfhörern und zu vorproduzierten Parts spielt.

Alex: Alle Backing Tracks sind auf den Kopfhörern, alle Loops und alle Instrumente, wir können uns gut hören. Wir spielen auch mit Metronom. Hier hatten wir am Anfang Sorgen, ob uns das zu sehr eingrenzen würde, dass wir Sklaven des regelmässigen Tickens in unseren Ohren werden würden. Wir hatten Sorge, dass wir mit dem Klick weniger abenteuerfreudig wären, aber aus der Erfahrung, die wir in den letzten zwei Jahren gemacht haben, es ist eine Herausforderung, aber du findest Risse im Material, in der Form, wo du sehr frei werden kannst. Trotz Metronom. Es gibt Stellen, wo das Metronom aus ist, aber diese Risse zu finden, ist spannend, wo wir trotz Metronom unabhängig werden.

jazz-fun.de:
Ich fände das sehr irritierend, frei werden zu wollen, gleichzeitig aber das durchgehende Klicken im Ohr zu haben.

Patrycja: Es ist eine gute Übung, das Metronom zu ignorieren. Und die Form und den Rhythmus zu halten, die Time nicht zu verlieren, sonst ist es schwer, wieder in die Tune hineinzugehen. Aber man kann es erreichen, in einem Song total frei zu werden mit Metronom im Hinterkopf. Dann landet man wieder zusammen auf der 1 eines Taktes…

Alex: Und das ist sehr befriedigend…

jazz-fun.de:
Ich habe ein paar Bands gesehen, die ebenfalls mit vorproduziertem Material und Kopfhörern auf die Bühne gegangen sind. Die waren völlig vom Publikum abgeschnitten, was bei euch überhaupt nicht der Fall ist. Ihr spielt deutlich für das Publikum.
Das Publikum im Berliner Peppi Guggenheim hat euer Konzert sehr genossen.

Patrycja: Ich habe das Gefühl, dass es – und ich möchte nicht zu vornehm klingen – auf grösseren Bühnen einfacher ist. Ich habe keine Zuschauer direkt vor mir, ich habe meinen Safe Space, eine separate Zone. Dann kann ich 100 Prozent geben. Gestern oder bei anderen Konzerte, die kleiner, eher kammermusikalischer sind, da bekomme ich eher das Gefühl, dass ich mein Alles gebe, ich aber Angst habe, der Person, die direkt vor mir sitzt, in die Augen zu schauen.

Alex: Ich liebe die kleineren Gigs, wo wir dem Publikum richtig im Gesicht sitzen. Es ist sehr konfrontativ, diese extrem laute Musik zu spielen mit Leuten, die im gleichen Raum mit dir gefangen sind.

Patrycja: Ich kämpfe immer mit dem Gefühl, nicht unhöflich zu sein.

Alex: Dieses Gefühl habe ich nicht! (alle lachen)

jazz-fun.de:
Die Frau neben mir mochte die Musik gerne, hielt sich aber oft die Ohren zu. Aber ich denke, jede Reaktion ist gut, nur keine Reaktion ist eher schlecht.  
Mit eurem vorproduzierten Material bist du als neuestes Bandmitglied sehr gefragt, Igor. Du arbeitest mit vielen Gitarreneffekten, vielen Verzerrern und einer Menge Noise-Sounds.

Igor: Als ich im Frühjahr zur Band dazu gestossen bin, war das Material zumeist ausgeschrieben, ich musste herausfinden, wo ich Sachen ändern konnte und wo ich meine eigenen Sachen einbringen konnte. Ich habe mit Drones und Sounds experimentiert und meinen Weg gefunden.

jazz-fun.de:
Ich kann mir vorstellen, dass die Multiplikation von Klängen extrem interessant ist auszuloten. Wenn schon ein sehr verzerrter vorproduzierter Track vorhanden ist und die Gitarre zusätzlich noch noisy und durch viele Effekte verfremdet darüber spielt.

Patrycja: In der Band fühle ich jetzt die Balance, dass jeder etwas total anderes einbringt, der Rest das akzeptiert und darauf reagiert. Dieser abstrakte Noise Stream von einer Seite aus wie auch der Groove – und ich liebe es, viel zu spielen. Ich behandle die Drums wie ein sehr melodisches Instrument, ich verwende alle Farben. Damit arbeite ich. Und du hast diesen kraftvollen Freejazz Approach, Alex, das alles kombiniert macht unsere Musik aus.

jazz-fun.de:
Was man von euch bei Youtube finde kann, ist teilweise vom Jazzfruit Competition 2023 in Tschechien. Wie wichtig war dieser Wettbewerb für euch?

Alex: Wir sollten da einige Dinge auslassen und vorsichtig sein, nicht, dass wir wieder jemanden beleidigen.

Patrycja: Lass es uns so formulieren – ich habe neue Drumsticks!
Es war ein Teil des Preises, wir bekamen einen Gutschein für Equipment. Nein, Spass beiseite: Wir haben am tschechischen Wettbewerb teilgenommen, das war schon gut. Wir haben da vor allem Kontakte zu europäischen Veranstaltern geknüpft, zum Beispiel mit der Tonne in Dresden. Und ich habe tatsächlich neue Sticks bekommen.
Vorgestern nach dem Gig kam ein junges Mädchen auf mich zu und fragte mich nach meinen Sticks, weil sie auch Schlagzeug spielt. Da ich neue habe, habe ich meine natürlich gerne weitergegeben. Wahrscheinlich übt sie ganz viel und ich werde irgendwann eine ganz frustrierte old grumpy lady sein…

jazz-fun.de:
Aber es ist doch toll, dass auch das Schlagzeug als weibliches Instrument Einzug gehalten hat. Lange Jahre waren es fast ausschließlich Sängerinnen und vielleicht noch Jazzpianistinnen, aber nie Schlagzeugerinnen oder Bassistinnen.

Patrycja: Ich finde es toll, dass es sich ändert und wie schnell es sich ändert. Zum Beispiel in Deutschland oder Skandinavien, da waren in jeder grösseren Band doch einige Frauen zu finden, das macht die Arbeit für mich anders. Die Dinge, die ich mache, sind auch für die polnische Jazzszene entscheidend, ich bin Rolemodell für Musikerinnen. Es freut mich, wenn Mädchen nach den Gigs zu mir kommen und sagen, dass sie das auch machen wollen und ich sie ermutigen kann. Die Musikwelt wartet auf diese jungen Frauen!

jazz-fun.de:
Wie bist du speziell zu deinem Instrument gekommen?

Patrycja: Ich habe klassischen Schlagzeugunterricht gehabt, ich komme aus einer musikalischen Familie, die alle in der sinfonischen Welt zuhause sind. Das war ein Einfluss, wie auch meine Liebe zur Rockmusik. Es wurde dann Jazz, ich habe Improvisation entdeckt zu einem Zeitpunkt, als ich sehr gestresst war, klassische Stücke aufzuführen. Ich habe sehr hart gearbeitet, ich wollte einen älteren Drummer beeindrucken, der zwei Klassen über mir war. Ich dachte, der Schlüssel zu seinem Herzen wäre, dass ich besser wäre als er. Seine Liebe habe ich nicht gewonnenen (die ganze Band lacht), aber ich habe eine Menge geübt und habe Jazz und Improvisation entdeckt und wie frei ich mich da fühlen kann. Das war mein Ding.

jazz-fun.de:
Was sind die aktuellen Pläne der Band?

Alex: Wir arbeiten im Moment an einem neuen Album, wir haben schon 30 Minuten Musik beisammen, wir müssen noch 15 oder 20 Minuten weitere Musik schreiben und wollen im Februar ins Studio gehen. Das Album, ein Konzeptalbum, soll im Herbst nächsten Jahres erscheinen.

Patrycja: Wir werden auch einige gute Festivals in Polen spielen. Und in anderen, für uns neuen Ländern. Da wird eine Menge passieren.

Alex: We will push the limits! Das neue Album wird noch geräuschhafter und experimenteller sein, der Groove und die Songstrukturen werden noch stärker sein.

jazz-fun.de:
Eure Zugabe gestern war interessanterweise ohne Kopfhörer oder vorproduzierte Tracks.

Patrycja: Das mögen wir auch sehr, wenn man nicht weiss, was zu erwarten ist. Das passiert auch manchmal mit Songs, dass wir weiterspielen, obwohl das vorproduzierte Material zu Ende oder auf Pause ist. Es kommt auf das Konzert drauf an, wie weit wir gehen. Die Werkzeuge sind immer da.

jazz-fun.de:
Es gab nie die Idee, einen Bassisten dazu zu nehmen? Eigentlich verlangt diese Musik ein starkes Fundament, aber Igor, du übernimmst natürlich mit der Gitarre viel.

Alex: Wir hatten darüber nachgedacht, aber das wären dann vier Leute für die geplant werden muss, drei ist einfacher, und Gagen sind besser durch drei zu teilen und …

Patrycja: ... mit Bassisten weiss man nie…

Alex: Und wir haben so mehr Flexibilität mit den Bassounds, entweder über Gitarre oder über die Ableton-Software, die ich verwende. Der Computer gibt mir viele Möglichkeiten.

jazz-fun.de:
Was könnt ihr schon über das neue Projekt erzählen?

Alex: Wir wollen in musikalischer Form die Geschichte von Barbara Ubrik, die 21 Jahre lang eingemauerte Nonne in Krakau erzählen. Das war im 19. Jahrhundert, als es noch kein Bewusstsein für mentale Krankheiten gab. Sie hat sich in der Öffentlichkeit ausgezogen, sie beschimpfte Leute. Die Kirche hatte als einzige Lösung, dass sie für über 20 Jahre in einem Keller eingesperrt wurde. Als sie freigelassen wurde, gab es Reaktionen in der ganzen Welt. Wir wollen dazu Musik mit Rappern und Sängern aufnehmen, die die Geschichte erzählen. Diese kraftvolle Geschichte über das nicht verstehen, was passiert, über Unterdrückung, über Geisteskrankheiten. Das grundsätzliche „Wenn wir es nicht verstehen, schliessen wir es weg“  statt nach Lösungen zu suchen. Es ist eine sehr kraftvolle Geschichte.

Das Gespräch führte Angela Ballhorn
Text und Fotos: Angela Ballhorn

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