Der talentierte Mr. Rueß – Alexander Rueß im Interview über sein Album ”Debut“

von Sarah Seidel

Zurzeit ist sein Name in aller Munde. Seit dem Release seines Albums „Debut“ hat der Gitarrist und Wahl-Berliner Alexander Rueß einige deutsche Rundfunkhäuser von innen gesehen und etlichen Jazzredakteuren Interviews gegeben. Sie sind voll des Lobes. Sein Stern steigt. Ich selbst habe Alexander Rueß vor gut drei Jahren in der Band des Berliner Sängers Atrin Madani zum ersten Mal erlebt. Damals waren die Musiker zu Gast im Hamburger Birdland. Schon in dieser Formation konnte man sein Gespür für Klang und Melodie, für einfühlsame Begleitung und ein fantastisches Timing erleben. Jetzt ist es sein Trio-Album mit Luca Curcio am Bass und Sebastian Merk am Schlagzeug, das für Furore sorgt. Erschienen ist es in der Reihe „Jazzthing / Next Generation“ beim Label Double Moon.

Im Rahmen der jazzahead! habe ich Alexander Rueß am 24. April 2026 zum Interview in der Lobby des Monopol Boutique Hotels in Bremen getroffen, um mit ihm eingehender über sein Debüt-Album zu sprechen. Und das zieht immer weitere Kreise. Es erscheint in diesen Tagen auf Vinyl. Ende Mai geht es dann mit der Tour los, und natürlich soll das Album live in Clubs und Konzertsälen präsentiert werden.

jazz-fun.de:
Alexander, Dein Album „Debut“ ist kürzlich bei Double Moon erschienen. Fangen wir zuerst einmal bei Deinen Mitmusikern an: Wer sind die beiden?

Alexander Rueß:
Sebastian Merk, den Schlagzeuger, kenne ich tatsächlich schon sehr lange. Vor über zehn Jahren habe ich ihn kennengelernt, das war auf einer meiner ersten Studien-Stationen in Dresden an der Hochschule. Ich bin dann zwar relativ schnell nach Berlin gewechselt, habe ihn aber dort kennengelernt und irgendwie sind wir einander nicht mehr losgeworden. Inzwischen spielen wir miteinander und sind befreundet. Am Kontrabass ist Luca Curcio, den ich aus Kopenhagener Zeiten kenne. Ja, ich habe das Glück, dass Luca mit einer dänischen Freundin zusammen ist, die in Berlin wohnt. Deswegen ist er auch oft zu Besuch in Berlin.

jazz-fun.de:
„Debut“ ist ein Album, das in meinen Ohren sehr reif klingt und sehr relaxed. Mich erinnert das an eine Sphäre irgendwo zwischen Bill Frisell und Ostseeweite. Ein Rhythmus, der gelegt wird von Kontrabass und Schlagzeug, über den Du Deine Melodien auf mehreren Ebenen weit und entspannt entfaltest. Was war dabei Deine Intention?

Alexander Rueß:
Ich wollte nie ein ”show off“-Gitarren-Album machen. Mir ging es immer darum, Geschichten zu erzählen. Und so hat jedes dieser Stücke auch wirklich eine Geschichte, die für mich eine Relevanz und eine Bedeutung hat. Diese Stories und Erinnerungen für mich selbst festzuhalten – vielleicht auch zu verarbeiten – das war das, was ich auch in dieses Album reingeben wollte. Und vielleicht auch diesen Ansatz vom Storytelling. Ich habe viel mit Sängern und Sängerinnen gespielt. Ich bin kein Sänger, möchte auch kein Sänger sein, aber ich fand diesen Ansatz immer toll, eine Geschichte zu erzählen.

Es gibt natürlich in der ganzen Jazz-Historie fantastische Instrumentalisten, die Geschichten erzählen können. Und ich glaube, das waren häufig die Leute, die mich besonders beeinflusst haben. Und so gehört ein Bill Frisell garantiert auch mit dazu. Bill ist z. B. auch ein Typ, der sich immer wieder neu entwickelt hat, der immer wieder etwas neu erfunden hat und keine Angst hatte, neue Genres oder Genregrenzen aufzureißen, oder aber die Genregrenzen einfach gar nicht zu sehen. Alles einfach nur als Musik zu sehen. Diesen Ansatz liebe ich ohne Ende und der ist mir ganz nah.

Für mich war es auch klar, dass so ein Stück wie ”No Surprises“ – das eigentlich eine Rocknummer von Radiohead ist – dass ich versuche die so zu behandeln, wie ich jede andere Nummer behandeln würde. Und ich sehe: Was sind die Melodien? Was sind die Dinge, die mich daran berühren? Und wie kann ich die noch einmal anders herausarbeiten?

jazz-fun.de:
Du arbeitest mit Effekten, aber Du setzt nicht auf Effekte. Wie findet man die richtige Balance?

Alexander Rueß:
Ich glaube, dadurch, dass ich wahnsinnig viel akustisch für mich spiele, zuhause. Ich bin ja nun als Gitarrist hauptsächlich mit einer E-Gitarre auf der Bühne und hauptsächlich habe ich meinen Verstärker und meine Effekte dabei. Ich glaube aber, dieses Für-sich-Spielen zuhause, einfach akustisch auf einer E-Gitarre, aber auch akustisch auf einer Akustikgitarre, hat auf mein Spiel in dem Moment einen ganz großen Einfluss. Und das nehme ich dann immer mit, so dass es sich ein bisschen in der Balance hält. Wie viele Möglichkeiten hat man dann? Wenn ich alleine für mich einen Song auf der Akustikgitarre zum Klingen bekomme, dann klappt es meistens mit den Effekten auch.

jazz-fun.de:
Du bist an der Ostsee groß geworden. Hat das Deine Musik beeinflusst?

Alexander Rueß:
Total. Also, die Weite der Natur, das Licht, das auch ein bisschen anders ist, je nördlicher man kommt. Das ist etwas, das ich auch in Dänemark feststelle, wenn ich dort bin. Das Licht ist ein anderes, es fällt auch irgendwie anders. Und jetzt lebe ich schon lange in Berlin und liebe es auch, aber vielleicht ist es auch genau das, dass ich mich gerne mit Weite und auch mit dem Meer und der Natur beschäftige, weil es das Ganze in mein Wohnzimmer in Berlin bringt. Und ich habe mich auch auf technischer Ebene mit Weite beschäftigt. So ist z. B. das ganze Album mit zwei verschiedenen Verstärkern aufgenommen, die ausgebreitet hinter mir stehen. Und das Ganze ist in Stereo und dadurch hat man auch schon beim Spielen dieses Gefühl von: „Da geht was auf“. Das ist ganz toll und das ist etwas, was ich am Studio liebe. Im Studio zu sein oder live zu spielen, das ist immer schon ein bisschen anders, es fühlt sich anders an. Und man kann live manche Dinge tun, die man im Studio vielleicht nicht tun kann. Aber diese Weite zu erzeugen, das liebe ich.

jazz-fun.de:
Du hast schon gesagt, dass Du gerne ein Storyteller bist. Und Du hast ein Stück auf dem Album, von dem Du gesagt hast, es sei sehr persönlich. Das Stück heißt „Für Opa“. Und dafür hast Du einen Gast eingeladen. Erzählst Du uns die Geschichte dieses Stücks?

Alexander Rueß:
Ja, vielleicht fange ich da kurz beim Opa an. Also, mein Großvater hat mich in Ostholstein immer überall hingefahren. Und er hat mich überall mitgenommen. Man konnte dort nicht mit der U2 fahren wie in Berlin. Da war ich ihm ganz dankbar, dass er mich immer unterstützt hat. Und es gab immer diesen einen Satz, wenn er mich abgeholt hat: „Danke, Opa, zum dritten Mal diese Woche, ganz toll!“, und dann sagte er immer, „Ja, wenn Du irgendwann ein Interview gibst und gefragt wirst: „Von wem hast Du Dein Talent?“, dann sagst Du bitte: „Von Opa“. Mein Opa ist gerade 90 geworden und ich hatte vor zwei Jahren das Gefühl, jetzt ist es an der Zeit für einen Song für ihn. Und irgendwie ist es ein Stück weit auch ein Song für die Region und meine Heimat.

Und der Musiker, der eben wahnsinnig mit Ostholstein verknüpft ist, ist Nils Landgren, der ja dort die JazzBaltica künstlerisch leitet. Und so ist diese Verbindung in meinem Kopf gekommen. Dann habe ich ein Demo gemacht und es Nils geschickt und habe ihm gesagt, dass ich mich freuen würde, wenn er Lust hätte, darauf zu spielen. Und wenn er darauf keine Lust hätte, dann solle er es mir auch ehrlich sagen, weil ich es dann einfach im Trio spielen würde. Für mich war klar: Wenn es irgendjemand gibt, dann muss er es sein, weil ich ihn schon so lange als Vorbild habe – seitdem ich klein bin, durch die JazzBaltica. Als er dann zugesagt hat, habe ich mich wirklich sehr gefreut.

jazz-fun.de:
Habt Ihr zusammen im Studio gestanden oder hat Nils die Spur bei sich im Studio aufgespielt?

Alexander Rueß:
Er hat mir die Spur aufgespielt. Es war aber vorher schon abgesprochen, was er spielen würde. Wir haben also gesprochen und versucht, vorher eine Version so zusammenzubauen, dass er das Ganze aus Malmö einmal über die Ostsee hinweg einspielen kann.  

jazz-fun.de:
Mit Gruß aus Schweden! Das Stück klingt wie aus einem Guss, es wirkt sehr harmonisch. Eine Ballade.

Alexander Rueß:
Ja. Nils fragte mich dann auch, was das für eine Nummer ist, ob sie kompliziert sei. Und dann habe ich gesagt: „Schütte bitte einfach nur Dein Herz aus, mach’ Dein Ding. Mach Dir keine Sorgen, es ist ganz einfach. Es fängt mit C-Dur an und hört mit C-Dur auf“.

jazz-fun.de:
Was sagt Opa denn jetzt dazu?

Alexander Rueß:
Opa freut sich riesig. Ich glaube, es läuft auf Dauerschleife bei ihnen (Oma und Opa) zuhause. Sie riefen mich neulich an und fragten: „Wenn wir das hier auf dem CD-Player abspielen, kriegst Du dann eigentlich auch Klicks auf Spotify damit?“, also die sind dabei (lacht laut).

jazz-fun.de:
Ein sehr familiäres Album also, auch mit Nils. Dann noch kurz die Frage: Wie bist Du das erste Mal mit Nils zusammengekommen?

Alexander Rueß:
Über die Schulbigband. Ich war in Timmendorf auf der Schule, also an dem Ort, wo die JazzBaltica stattfindet. Mit der Band haben wir des Öfteren Tourneen gemacht. Eigentlich unglaublich, was die da auf die Reihe bekommen.

jazz-fun.de:
Warst Du auch mal mit in Japan?

Alexander Rueß:
Ich war zweimal in Japan. Einmal mit der OGT-Big Band (Ostsee-Gymnasium Timmendorfer Strand), Dr. Axel Ster heißt der Leiter, toller Typ. Und da war Nils Landgren tatsächlich auch mit dabei, mit seiner Frau Bea. Das war aber nicht das Mal, als ich ihn kennengelernt habe, sondern ich habe damals schon in Dresden studiert und durfte quasi noch einmal zurückkommen, um mit der Band mitzuspielen. Wir haben aber mal eine Schweden-Tour gemacht, als ich 15 war, so in dem Dreh. Und da habe ich Nils das erste Mal getroffen. Und ich fand, dass er einen wahnsinnigen Ausdruck und eine Wahnsinns-Präsenz hat. Und dass er irgendwie jedem seine Wertschätzung gezeigt hat, was ja gar nicht so selbstverständlich ist für so einen Star. Da kommen dann so lauter Elf- bis Siebzehnjährige an, die mit ihrem Instrument herumtröten und er hat immer jedem Einzelnen zugehört. Man hatte immer das Gefühl, gesehen zu werden. Und er kam auch zu mir danach und sagte: „Hey man, go for it“.

jazz-fun.de:
Das heißt, dass er Dich auch weiterhin im Auge behält. Zum Schluss noch: Du wirst das Album auch live vorstellen. Wann und wo?

Alexander Rueß:
Wir fangen im Mai an – in Dresden, Berlin und Düsseldorf, danach im Juni ein paar Termine und im Herbst gibt es noch einmal eine zweite Rutsche. Für Anfang des nächsten Jahres ist auch noch etwas geplant. Die Termine stehen alle auf meiner Website.

jazz-fun.de:
Dein Album erscheint auch auf Vinyl. Wann kommt das?

Alexander Rueß:
Ab dem 14. Mai wird das Vinyl erhältlich sein. Ich habe die Testpressung schon hören dürfen und freue mich wahnsinnig. Ich liebe Vinyl, ich habe selbst zuhause einen Plattenspieler. Das ist mein liebstes Format, wenn ich Musik höre und konsumiere. Und insofern war es ein großer Wunsch von mir, dass es das geben wird.

jazz-fun.de:
Danke für das Gespräch!

Danke auch an das Monopol Boutique Hotel in Bremen für das Zur-Verfügung-Stellen seiner Lobby für die Dauer unseres Interviews.

Aktuelles Album:
Alexander Rueß - DEBUT

Das Gespräch führte Sarah Seidel
Foto: Sarah Seidel

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