Avishai Cohen - Almah

Avishai Cohen - Almah

Avishai Cohen
Almah

Erscheinungstermin: 14.02.2014
Label: Parlophone, 2013

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Es geschieht von Zeit zu Zeit auf unserer gewundenen Reise durch das Leben, auf der wir unsere Zeit dem Lernen und der Entwicklung widmen, dass wir in Wirklichkeit eine ebenso wunderbare Reise zu unseren Ursprüngen angehen… Eine solche Botschaft könnte im Herzen von Almah stehen, dem jüngsten Album des Bassisten, Komponisten und Arrangeurs AVISHAI COHEN. Unermüdlich in seinem Bestreben, musikalische Möglichkeiten zu erkunden, und immer bereit, die Grenzen musikalischer Genres zu überschreiten, brauchte es für den israelischen Künstler 13 Alben als Bandleader, um zu seiner ersten Liebe zurückzukehren: Die klassische Musik, genauer: Kammermusik.

AVISHAI COHEN, der Jazz-Protagonist, der in der Lage ist, nahezu jedes Genre zu meistern, ist bekannt für seine musikalischen Wanderungen, auf denen er seine Inspiration ebenso aus der Musik des mittleren Ostens schöpft wie aus Latino-Rhythmen oder Popmusik. Seine elegante Wechselhaftigkeit, sein Mut und seine Neugier wurden unter anderem auf der anspruchsvollen Bühne mit Namen New York erprobt, wo er mit Meistern wie Danilo Perez und Chick Corea arbeitete, bevor er sein eigenes Feld bestellte und eine Solokarriere einschlug – vollkommen unvoreingenommen und mit einer Freiheit, die alle seine Melodien und seine ungezügelte Imagination durchzieht. Aber nur wenige wissen, dass AVISHAI COHEN seine Lehrzeit mit dem Studium des Klaviers und der klassischen Harmonielehre begann, als er die Music & Arts High School in Jerusalem besuchte.

Dieser große musikalische Kontinent, der seine große Begabung als Musiker förderte, ist die Quelle für AVISHAI COHENs unbegrenzte Inspiration, die stets die Herausforderung sucht. Obwohl er seine musikalischen Wurzeln immer mit Stolz betrachtete, hat der Bassist sein klassisches Erbe jedoch nie in einer solch ambitionierten Intensität zelebriert wie auf Almah. Begleitet vom Pianisten „mit den goldenen Händen“ Nitai Hershkovits und dem jungen und brillanten Drummer Ofri Nehemya, die den Kern des Trios bilden, griff AVISHAI COHEN für Almah auf die Dienstes eines Streichquartetts und einer Oboe zurück, die sich in den Händen des teuflisch ausdrucksstarken Yoram Lachish befand. Ein schier unglaubliches Ensemble, das bereits seit einem Jahr zeigt, wozu es fähig ist und im Rahmen einer Serie von Konzerten unter dem Namen Avishai Cohen with Strings schon wahre Wunder vollbrachte. Für AVISHAI COHEN entspringt dies einem ursprünglichen, kreativen Bedürfnis, und so ist die Atmosphäre eines Kammerkonzerts, die auf Almah vorherrscht, der krönende Höhepunkt einer sorgsam und geduldig durchgeführten Reflektion und eines ebenso umsichtig angegangenen Kompositionsprozesses: „Ich hatte schon in der Vergangenheit die Gelegenheit mit einem Streicherensemble zusammen zu arbeiten“, so erinnert er sich. „Aber dies waren Zwischenspiele, kurze Ausflüge hierhin und dahin. Ich träumte immer davon, das Ensemble zu einem integralen Bestandteil eines Projekts zu machen, und manche von den Menschen, mit denen ich eng zusammen gearbeitet hatte, schlugen mir vor, es einmal zu versuchen. Aber ich fühlte mich für lange Zeit nicht erfahren genug, oder mir fehlte es an Selbstvertrauen oder an Zeit, mich daran zu wagen. Aber etwa vor drei Jahren begann ich, die musikalischen Ressourcen zu sammeln und mehr und mehr für ein Streichquartett mit Oboe zu komponieren. Das Ergebnis dessen stellte sich als so ernstzunehmend und so kraftvoll dar, und außerdem kam es meinen eigenen Bedürfnissen so sehr entgegen, dass ich es als ein Zeichen nahm: Ich verstand, dass ich dem weiter nachgehen müsste.“

AVISHAI COHENs präzise und sehr durchdachte Wahl der musikalischen Möglichkeiten, die sich in diesen speziellen Kompositionen boten, fiel auf zwei Violas (gespielt von Amit Landau und Noam Haimovitz Weinschel), eine Violine (Cordelia Hagmann) und ein Cello (Yael Shapira) – obwohl die klassische Tradition vorschreibt, nur eine Viola einzusetzen: „Ich habe mich für dieses Arrangement entschieden, denn die Musik ist in einem tiefen Register geschrieben. Die beiden Violas schaffen einen unglaublichen, tiefgehenden und melancholischen Klang, der in Verbindung mit dem hellen Ton der Oboe eine ganz besondere Klangfarbe schafft. In dieser Konfiguration reichte das Ergebnis viel weiter als ich es eigentlich geplant hatte: Die Musik entwickelte ein ausgeprägtes Eigenleben.“
Man spürt diesen Effekt, wenn auch vielleicht nur unterschwellig, in der harmonischen Wirkung der majestätischen Ouverture (Noam), ein Stück das ursprünglich für ein Double-Bass-Konzert geschrieben wurde und der Erinnerung an einen jungen Cousin gewidmet ist, der bei einem Unfall starb, während er in der Israelischen Armee Dienst tat. Die tonale und strukturelle Anlage des Stücks kreiert eine Art Schatten, der sich in eine Vielzahl von unterschiedlichen Schattierungen und Reflektionen öffnet. Aufgrund des weiten Klangumfangs und der hohen Auflösung des Arrangements, das AVISHAI COHEN herausschnitzte, erscheint das Streicher/Oboen-Ensemble in der schweifenden und ständig sich verschiebenden Anmutung eines reduzierten Orchesters, das eine zusätzliche Struktur und Energie erhält, wenn es das Jazz-Trio begleitet.

Auf Almah reagieren beide Bestandteile, Trio und Orchester, kontinuierlich aufeinander, bereichern die Musik und bilden überraschende organische Verbindungen zwischen Komposition und Improvisation. Man muss sich vor Augen führen, dass AVISHAI COHEN es nicht nötig hat, auf musikalische Tricks zurückzugreifen, um eine Verknüpfung beider Welten zu vollziehen: Die Verbindung besteht bereits in seiner Musik, im Kern seines musikalischen Gefühls, und wartete nur darauf, in größerem Zusammenhang zu erscheinen. „Ich habe schon immer eine starke Gegenwärtigkeit von klassischer Musik und Jazz gespürt. Einerseits in meiner großen Liebe zur musikalischen Komposition, ob sie nun populär oder akademisch gelagert ist, andererseits im wilden Impuls und dem ununterdrückbaren Bedürfnis, alles zu vergessen und mich der Improvisation hinzugeben. In Almah wurden beide dieser Welten, mit allen ihren Einschränkungen und Begrenztheiten, verstärkt, indem sie zusammen gebracht wurden. Ich liebe die Tatsache, dass wir als klassische Musiker, die wir sind, auf die Probe gestellt wurden: Wir alle waren gezwungen, unsere Horizonte zu erweitern und mit unseren Gewohnheiten zu brechen. Was hier geschieht, ist sehr intensiv: Es ist der Klang eines Orchesters, das manchmal ganz plötzlich unverantwortlich und frei sein darf.“

Weit davon entfernt, sich in einer formalen und rein akademischen Übung zu verlieren, bewegt sich AVISHAI COHEN in seiner Suche nach einer subtil transformierten musikalischen Erfahrung auf eine neue Ebene zu, die jede Facette seiner Identität zusammenbringt, um eine Harmonie zu bilden, die „mit einer Stimme spricht“. Almah führt COHENs bisherige Verdienste weiter, unterschiedlichste Klänge miteinander zu verbinden und diverse Impressionen wiederzugeben, wie es etwa auch auf Aurora geschah, sein Marksteine setzendes Album von 2009. Auf Almah begegnet man einem aufwändigen, aber ausbalancierten Programm, das Standards aus verschiedenen Traditionen mit neuen Stücken zusammen bringt – etwa in Shlosre, ein Juwel rhythmischer Virtuosität, das von den Streichern zusammengehalten wird, die eine Art sanften Untergrunds schaffen – das aber auch einen neuen Blick auf ältere Stücke offenbart. „Der Vorteil darin, älter und erfahrener zu sein, besteht darin, dass mein musikalisches Repertoire inzwischen sehr weit gefächert ist. Ich kann zu einigen meiner Kompositionen zurückkehren und ihnen mit neuen Instrumenten und Arrangements neues Leben einhauchen.“ Konsequenterweise umkreist AVISHAI COHEN die Flamme eines Themas, das er vor einem Jahrzehnt aufgenommen hatte, als er sich in New York aufhielt: Song For My Brother wird zu einem verspielten und delikaten Frage-Antwort-Dialog zwischen dem Quartett und dem Trio, das in seiner Mitte von einem schillernden Solo des Double-Bass gespalten wird. Aus dem Album Seven Seas (2011) stammt Hayo Hayta, das zu einer erhabenen Kammermusik-Suite wird. Es ist anspruchsvoll, bleibt mit seinen melodischen Linien, den Ellipsen und den Motiven, die seine „elaborierte Einfachheit“ verdeutlichen, jedoch immer von einer gewissen Reinheit, die als fester Bestandteil AVISHAI COHENs Kunst auszeichnet.

Diese besondere Form der Schönheit, die zwar auf großem Wissen und Können beruht, jedoch vollkommen unprätentiös bleibt, umgibt auch die Standards, deren Konturen und Substanz durch den Bassisten in seiner Rolle als Arrangeur neu definiert werden. Einer seiner Favoriten, Thad Jones‘ A Child Is Born, öffnet sich in der Mitte des Albums „wie eine Blüte” und strahlt die exquisitesten Zutaten Amerikanischer Musik aus. Weiterhin explodiert der entzückende Charme des Nahen Ostens in Arab Medley: Hier werden drei Melodien des Libanesischen Sängers Samira Tawfik in einem atemberaubenden Wirbelwind des Streichquartetts verschmolzen. Als Antwort auf diese fast jugendliche Ausschweifung höre man den disziplinierten und traum-ähnlichen Choral von Kefel, ein altes israelisches Lied, das von einem hinreißenden Pianosolo von Nitai Hershkovitz illuminiert wird („das schönste Pianosolo, das er je auf einem Album gespielt hat“, so AVISHAI COHEN). Oder man wende sich Southern Lullabye zu, einer prächtigen Ballade einer der Gründungsväter israelischer Musik, Moshe Vilenski, dessen Klavier-Harmonien an den lyrischen Tonfall Rachmaninows erinnern. Ohnehin ist der russische Einfluss in der Farbpalette von Almah augenfällig, er ist auch in On A Black Horse unüberhörbar, einer Melodie, die dem Repertoire der Roten Armee entstammt und mit dem mitreißenden Groove eines anderen Stücks COHENs erweitert wird: Linearity.
„Das Erbe Russlands und Osteuropas besitzt eine Schlüsselrolle in der genetischen Grundlage Israels und seiner Musik. Meine Eltern, die Singen immer liebten, präsentierten diese Melodien auf den Partys, die sie in unserem Haus organisierten, auch sie sind also Teil meines Erbes. Es war zwar nicht beabsichtigt, aber ich sehe deutlich, dass Almah tief in historischen und kulturellen Elementen verwurzelt ist.“

Das liebgewonnene Charakteristikum in AVISHAI COHENs Werk, das man auf seinem neuesten Werk bisher vermisst, ist der wunderbar verschleierte Chor, der als ausdruckstarke Ergänzung seit einigen Jahren zu COHENs Œuvre gehört. Er erscheint erst ganz am Ende von Almah, wie ein essenzielles, definierendes Moment in Kumi Venetze Hasadeh. Es ist eine tief bewegende Romanze eines weiteren, leider fast vergessenen israelischen Komponisten, Ram da Oz. AVISHAI COHENs Stimme schwebt auf einer instrumentalen Wolke voller zarter Melancholie und wirkt wie ein Finale, das ein Album beschließt, welches der Komponist nach seiner Tochter benannte, die gerade erst ein halbes Jahr alt war. Es ist, als würde AVISHAI COHEN noch einmal die Tatsache unterstreichen, dass dieses Album sowohl von seiner Herkunft inspiriert wurde als auch von dem wunderbaren Versprechen eines neues Anfangs. „Bei jedem neuen Projekt, und bei diesem vielleicht mehr denn je, werde ich daran erinnert, dass ich mich selbst nie ganz hinter mir lassen kann“, erklärt er. Und ich bekomme ein gutes Gefühl, wenn ich am Ende eines Albums, das so ausgeprägt anders ist, diesen Raum meines Inneren wiederfinde, als sei es eine Insel, auf die ich mich begebe, wenn ich komponiere. Ich denke, ich kann diese Momente, die ich erfahre, spüren, als steckte ich in einer Blase, als sei ich in Almah. Die, die das Album bisher gehört haben, haben es nirgendwo einsortiert. Niemand hat gesagt: „Hey, das klingt wie Klassische Musik im Jazz.“ Sie sagen eher: „Das klingt wie deine Musik.“ Ein besseres Kompliment kann man nicht bekommen, denn es bedeutet, dass ich etwas geschaffen habe, das authentisch ist, und solange dies so bleibt, habe ich allen Grund weiterzumachen.“

AVISHAI COHEN gilt als Bassist, Sänger, Bandleader, Komponist und Arrangeur als eines der Ausnahmetalente des Modern Jazz. Geboren in Israel, ging er 1992 für ein paar Jahre nach New York, wo er unter anderem mit Ravi Coltrane, Wynton Marsalis, Joshua Redman, Ron Hargrove, Leon Parker und dem Gitarristen Kurt Rosenwinkel zusammen spielte. 1997 erschien sein erstes Album Adama woraufhin er von Chick Corea für dessen Sextett Origin engagiert wurde. 2003 gründete er das Avishai Cohen Trio, zu dem auch Mark Guilliana und Shai Maestro gehörten. Weitere Zusammenarbeit verband ihn mit Alicia Keys und dem Israel Philharmonic Orchestra. Seit einigen Jahren lebt er wieder in Israel, wo er einige Alben als Bandleader aufnahm. Unter anderem war er 2008 auf dem Jazzfest Berlin live zu sehen.

  1. Overture noam op 1
  2. Song for my brother
  3. On a black horse/Linearity
  4. A child is born
  5. Arab medley
  6. Southern lullaby
  7. Hayo hayta
  8. Shlosre
  9. Kefel
  10. Kumi venetse hasadeh

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