Rezension des Albums "Big Mama Society" von Big Mama Society
Big Mama Society
Big Mama Society
Erscheinungstermin: 16.10.2026
Label: XJAZZ! Music, 2026
Wenn aus Übergängen eine eigene Welt entsteht
Musik kann vieles sein: Ausdruck, Kommunikation, Unterhaltung, Erinnerung. Auf dem Debütalbum von Big Mama Society wird sie vor allem als Raum der Veränderung verstanden.
Der italienische Komponist, Gitarrist und Produzent Enrico Olivanti hat dafür ein zehnköpfiges, multikulturelles Ensemble zusammengestellt, das sich bewusst nicht an stilistische Grenzen hält. Elektronische Klanglandschaften, mediterrane Melodik, Tango, brasilianische Rhythmen, Jazzimprovisation und symphonische Elemente begegnen einander, ohne wie getrennte Bestandteile zu wirken.
Der entscheidende Gedanke lautet Transformation.
Ein Stil wechselt nicht einfach in den nächsten. Er verwandelt sich. Klangfarben gehen ineinander über, rhythmische Muster öffnen neue Räume, Stimmen und Instrumente verändern ihre Funktion. Dadurch entsteht eine Musik, die trotz ihrer großen stilistischen Spannweite erstaunlich geschlossen wirkt.
Olivanti bezieht sich dabei auf unterschiedliche philosophische und spirituelle Denkmodelle. C. G. Jungs Idee der Individuation und das taoistische Prinzip des Wu Wei bilden wichtige Bezugspunkte. Hinzu kommt mit Pacha Sonora ein größer angelegtes transkulturelles Forschungsprojekt, das andine Kosmologie, Klang und gemeinschaftliche musikalische Praxis miteinander verbindet.
Das könnte leicht theoretisch oder überladen wirken. Tut es aber nicht. Denn die Musik selbst trägt diese Ideen.
Das reichhaltige Instrumentarium schafft dafür ideale Voraussetzungen. Trompete und Flügelhorn, Baritonsaxofon und Bassklarinette, Violine, Cello, Piano, Synthesizer, E-Bass, Schlagzeug, Percussion, Gitarren, Bouzouki und Elektronik erzeugen eine große Palette an Farben und Bewegungen. Dazu kommen die Stimmen von Karoline Weidt und Domino Spada, die dem Ensemble eine zusätzliche emotionale und narrative Ebene verleihen.
Besonders stark ist die Balance zwischen konzeptioneller Dichte und unmittelbarer Wirkung.
Man kann sich mit den philosophischen Hintergründen des Projekts beschäftigen, Verbindungen erkennen und Übergänge analysieren. Man kann aber ebenso einfach zuhören und sich von dieser Musik tragen lassen.
Die Arrangements sind sorgfältig gebaut, ohne starr zu wirken. Improvisationen öffnen Räume, ohne den Zusammenhang zu zerstören. Die Musiker spielen mit großer Präzision und hörbarer Freude, und gerade dadurch bleibt das ambitionierte Konzept lebendig.
Big Mama Society ist ein Debüt, das viel will – und erstaunlich viel davon tatsächlich erreicht. Es denkt Musik als Verwandlung. Und zeigt zugleich, dass ein großes Konzept dann am stärksten ist, wenn man es nicht nur versteht, sondern auch hört.
(Jacek Brun, 08.11.2026)
Besetzung
Karoline Weidt und Domino Spada - Vocals
Matej Korbelic - Trompete, Flügelhorn
Edgar Neumann - Baritonsaxophon, Bassklarinette
Zuzanna Wiszowaty - Violine
Johann von Ruthendorf - Cello
Carlo Ferro - Piano, Synthesizer
Kevin Knödler - E-Bass
João Raineri - Drums, Percussion
Enrico Olivanti - Gitarren, Bouzouki, Elektronik, Direktion
Titelliste
- Yawahoo Nee Nee
- Didik
- City Lights
- Cocoliche
- Wu Wei
- Gunga
- Pachamama
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