Das Kondensat - 2

Das Kondensat - 2

Das Kondensat
2

Erscheinungstermin: 03.09.2021
Label: WhyPlayJazz, 2021

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Gebhard Ullmann - soprano, tenor saxes, sampler, looper
Oliver Potratz - electric bass, analog effects
Eric Schaefer - drums, modular synth

Das Kondensat: Im Namen des Trios von Gebhard Ullmann, Oliver Potratz und Eric Schaefer schwingen Begriffe wie Verdichtung, Energiekreislauf und Wechsel von Aggregatszuständen mit. Ein Kondensat gibt Energie an die Umgebung ab. Das alles kreist diese unverwechselbar neue Musik des Holzbläsers, des Bassisten und des Schlagzeugers ein, die sich dem eindimensional Vorhersehbaren mit Spielfreude und Raffinesse entziehen, um zu neuen Ufern aufzubrechen. Ullmann (Tá Lam, Basement Research, Conference Call … und 2017 Träger des erstmals verliehenen Jazzpreises der Stadt Berlin), Potratz (Klima Kalima, Helen Schneider, Shake Stew …) und Schaefer (Johnny LaMarama, Joachim Kühn, Michael Wollny …) zählen zur ersten Reihe der improvisierten Musik in Deutschland. Doch nicht nur deswegen ist ihr gemeinsames Trio ein Ereignis.

Wie sie Analoges und Digitales fusionieren und dabei ihre Erfahrungen auf den Feldern des Jazz mit den neuen Technologien kombinieren, ist beachtlich. Acht Jahre hatte diese Musikerkooperative Gleichberechtigter an ihrem Konzept gearbeitet, ehe sie im Jahr 2017 ihre erste CD vorlegte. Während dieser Zeit wurde mit diversen elektronischen Mitteln geprobt, ausprobiert und wieder verworfen. Klänge wurden programmiert, verändert, verkürzt, modifiziert … mit dem Ziel, mit akustischen und elektronischen Musikinstrumenten spontan zu improvisieren.

Zu hören war ein ausführlich erdachter und dann voller Spontanität realisierter Gang durch absolutes Neuland in elektroakustischen Improvisationsgeschichten, mit denen Humanität im Maschinenpark verortet wurde. Wie hier digitale Techniken in eine vitale Feier des Live-Moments überführt wurden – weit mehr als nur vorgefertigte Geschmacksverstärker – das war und ist ohne Vergleich.

Übergänge von einem ins andere wurden kreiert in einer abenteuerlichen Feier des Moments, wozu der Hörer ausdrücklich eingeladen ist, weil sich die freigesetzten Energien wie selbstverständlich und als könnte das gar nicht anders sein auf ihn übertragen. Es war höchste Zeit für diese Klänge auf der Höhe der Zeit. „Ich glaube an Bandkonzepte, wenn man lange mit bestimmten Menschen spielt, dann entsteht etwas, das sonst nicht entstehen kann“, beschreibt Gebhard Ullmann diese Form des kontinuierlichen Arbeitens, „ich glaube daran, dass sich Musik über lange Zeit entwickelt.“ Direkte Vergleichsgrößen fehlen weitgehend für diese losgehende, direkte, unakademische und Spaß machende Musik. Doch das steigert nur die Spannung. Allenfalls irrlichtern Pioniere der Rock-, World- und Jazzavantgarde durch diese unverbrauchten Klänge, die auf unsere schöne neue Welt reagieren: Fred Frith und Henry Cow, Soft Machine, King Crimson, Can, Jon Hassell … Aber das war eine andere Epoche.

Das Kondensat führt nicht ins Museum, sondern in ein Jetzt – jenseits reglementierender orthodoxer Lehren. Jazz ist das auch, aber nur unter anderem. Neugier ist die Gier nach Neuem. Darum geht es hier mit mal rockig-punchigem, mal melodiös-balladeskem Ansatz. Das hat nichts Garagenhaftes, sondern erwächst aus langjähriger Kontinuität, die sich erweiterter Mittel bedient. Ullmann, Potratz und Schaefer beherrschen dieses hier unabdingbare Agieren und Reagieren, dieses Lenken und Sich-lenken-Lassen vom anderen, das sie in eine gemeinsame Vision kanalisieren, die sie im Offenen auf dieser nun zweiten CD konsequent, suggestiv und in eingängiger Sinnlichkeit weiterschreiben.

Gebhard Ullmann hat jahrzehntelange Erfahrung im Umgang mit modifizierten Klängen, mit denen er hier seine Sopran- und Tenorsaxofone mal durchs Dickicht schlängelt, mal im luftigen Raum emporschweben lässt, dann wieder zupackend auf den Punkt bringt. Der E-Bass von Oliver Potratz kann dunkel dräuen und markant grundieren oder zu wunderbaren Linien abheben. Mal mächtig und mal filigran gießt er ein Fundament. Eric Schaefers Drumming, durch das seine Liebe zum Dub hindurchzuhören ist, als druckvoll, dringlich und dynamisch zu beschreiben wäre eine Untertreibung. Auch hier ist er treibende Kraft und Ziseleur in Personalunion.

So ein gewachsenes Konzept schreit nach Fortsetzung. Und wieder ist auf dem zweiten Album dieser in die Beine gehende Groove, weswegen man die Konzerte von „Das Kondensat“ am besten stehend hört. Diesem Trio gehen die Ideen nicht aus im organischen Miteinander künstlicher und handgemachter Sounds, die sich bedingen, ergänzen und aneinander steigern. Die Plausibilität des Verfahrens ist sogar noch weiter gewachsen nach diversen Live-Konzerten. Wieder kalibriert das Formen des seligen Prog-Rock, des Dub, aber auch Spurenelemente zeitgenössischer Klassik und Essenzen aus der Ahnenreihe des Jazz, etwa in Interviewsegmenten des charismatischen Saxofonisten Albert Ayler.

Die im Juni 2020 im Berliner Low Swing Studio aufgenommenen elf Stücke brauchen keine vorgefertigten Sounds und Effekte. Alles entsteht lustvoll im Moment. Die Musiker sind viel zu gut, um sich auf doppelte Böden und Versatzstücke verlassen zu müssen. Sie feiern das Jetzt ohne Wenn und Aber: farbenreich, intensiv und voller Detailschärfe. Es gibt dieses überwältigende Nebeneinander von gemeinsamem Suchen und unmittelbarer Eingängigkeit, das wie aus einem Guss wirkt. Im gleichzeitigen Agieren und Reagieren sind sich drei große Individualisten unserer Gegenwartsmusik ihrer erweiterten Mittel bewusst, was sie in spannenden Trialogen immer wieder anders auf den Punkt bringen.

Gebhard Ullmann weiß eine Erklärung für die souveräne Kraft dieser Musik: „Ich will Sachen neu und anders sagen. Das wird mit den Jahren immer besser. Man ist effizienter im künstlerischen Ausdruck.“

Text: WhyPlayJazz

jazz-fun.de meint:
Dieses Album ist eines der Beispiele dafür, dass Europa den Jazz verändert, dass diese Musik auf unserem Kontinent den größten Wandel erlebt und in der Tat zu einem neuen Musikgenre wird. Der Charakter der Komposition, des Arrangements und der Darbietung lässt das Ganze von den ersten Takten an originell und innovativ klingen. Gebhard Ullmann hat hier zusammen mit Oliver Potratz und Eric Schaefer eine neue musikalische Qualität geschaffen. Gratulation!

  1. 3031 A.D. Variable
  2. Pendulum
  3. Impromptu #5
  4. I was born in Cleveland Ohio Part 1
  5. P (n+1)
  6. Bass revenge
  7. Certain patterns in the field
  8. Lazer '73
  9. 3031 A.D. Stasis
  10. I was born in Cleveland Ohio Part 2
  11. Étoile Schnuppe

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