Ein Gespräch mit Stephan-Max Wirth über sein neues Album "Printemps Fatal"

Stephan-Max Wirth
Stephan-Max Wirth, Foto: A. Hopfengart

Als Stephan-Max Wirth 1990 in die Niederlande ging, um Saxophon zu studieren, wusste er noch nicht viel über das Leben eines Jazzmusikers. Wie bei vielen seiner Kommilitonen orientierte sich sein Lebensentwurf an den Biografien von John Coltrane, Miles Davis, Pharoah Sanders, Charles Lloyd oder Joe Henderson. Natürlich war der Weg Ende des 20. Jahrhunderts ein anderer. Ohne Drogensumpf und Alkoholexzesse blieb nur der Zustand, nie zu wissen, was morgen kommt. Kann man den Beruf des Jazzmusikers - und heute glücklicherweise auch der Jazzmusikerin - noch jemandem empfehlen? Ja, ja und nochmals ja! Vor allem, wenn man Kreativität und immer wieder neue Impulse auf die Bühne bringen möchte.

Wir haben mit Stephan-Max Wirth über sein neues Album "Printemps Fatal" gesprochen.

jazz-fun.de:
Vor ein paar Tagen ist Dein neues Album "Printemps Fatal" erschienen und wir werden gleich darüber sprechen, aber erzähl uns zuerst etwas über Dich: Wo hast Du studiert?

Stephan-Max Wirth:
Anfang der 90er Jahre habe ich an der Musikhochschule in Arnheim studiert. Es war eine fantastische Zeit, die Studiengänge waren noch nicht so verschult wie heute und man konnte intensiv ausprobieren und jede Nacht Sessions spielen. In dieser Zeit liegen auch die Wurzeln meiner Experience.

jazz-fun.de:
Welche Künstler und Musiker haben Dich am meisten inspiriert? Wer hat Deine Ausbildung und Deine musikalische Entwicklung am stärksten beeinflusst?

Stephan-Max Wirth:
Am meisten habe ich eigentlich auf der Bühne von und mit meinen Band-Kollegen gelernt. Natürlich ist ein gutes Studium die Basis für alles, was danach kommt. Meinem Lehrer, Jörg Kaufmann, habe ich hier wichtige Grundlagen zu verdanken und auch einen Einblick in das gesamte „Spektrum Jazz“ erhalten. Mann will ja seine eigene Richtung entwickeln und muss daher erst einmal alles kennenlernen. Lernen geht aber auch am besten zusammen mit Vertrauen und nirgends muss man mehr Vertrauen haben, als wenn man auf der Bühne zusammen improvisiert. Es sind oft kleine praktische Tipps, die man von Mitmusikern erhält und die einen wesentlich weiterbringen. Bei meinen musikalischen Vorbilder habe ich mich natürlich an den großen Saxophonisten orientiert, insbesondere an Joe Henderson, was man sicher an meinem Ton hören kann, oder auch an Charles Lloyd. Auch Wayne Shorter und John Coltrane, um nur einige wichtige Beispiele zu nennen, kann man sich nicht entziehen, wenn man guten Jazz machen will.

jazz-fun.de:
Wann hast Du Deine erste Band gegründet?

Stephan-Max Wirth:
Das war noch in den 80ern in Süddeutschland. Damals war es aber noch mehr „unsere“ nicht „meine“ Band. Die erste Band unter meinem eigenen Namen entstand 1992 und ein Jahr darauf kam die erste eigene Aufnahme auf den Markt.

jazz-fun.de:
Du hast seit 1993 viele Alben veröffentlicht. Welche Phase Deiner Karriere hat den heutigen Sound Deiner Musik geprägt?

Stephan-Max Wirth:
Ich vermute, dass mit „Illumination“ und „DADA Republic“ bei mir ein Knopf gedrückt wurde. Ab da fühlte ich mich freier in der Musik, wahrscheinlich hatte ich mein Studium dann erst endgültig hinter mir gelassen. Ab dieser Zeit war mir egal, ob das nun Jazz war oder nicht, was ich schrieb und spielte. Das war ein faszinierender Moment in meiner Karriere, weil er einen unglaublichen Freiheitsschub mit sich brachte. Einflüsse, die einen aktuell berühren, einfach zuzulassen. So muss es sein!

jazz-fun.de:
An welche Periode Deiner langen Karriere erinnerst Du Dich am besten, welche hat Dir am meisten Spaß gemacht?

Stephan-Max Wirth:
Sehr gerne erinnere ich mich an die Konzerte in Holland, wo man auf ehemalige Professoren getroffen ist und auf einmal auf gleicher Höhe mitspielen konnte. Auch die Konzerte in Portugal waren ein Highlight für mich. Tourneen bieten immer viel Abwechslung, wie beispielsweise bei einer Polen-Tournee, wo wir nach einem Konzert bis morgens auf die Gage warten mussten: mit polnischen „Mad Dogs“! Da hiess es, einen kühlen Kopf bewahren ;-) Also eigentlich kann man sagen, dass mir am meisten die Periode von der Ankunft meines ersten Saxophons bis heute Spaß gemacht hat und das gute ist: Sie dauert noch an. Ich freue mich schon sehr auf die kommenden Zeiten!

jazz-fun.de:
Wir waren schon immer fasziniert von Deinen Konzerten, in denen die Improvisation der wichtigste Teil ist. Wie komponierst Du? Was ist wichtiger? Ein durchdachtes Thema oder die freie Improvisation?

Stephan-Max Wirth:
Ein durchdachtes Thema, das viel Raum für freie Improvisation lässt, ist für mich der Idealfall. Dabei arbeite ich nach verschiedenen Techniken: der Beginn ist aber fast immer eine einzelne Note, die ich auf mich wirken lasse bis sich eine weitere bei mir meldet. Was dann daraus entsteht ist in dem Moment noch offen, eine Melodie? Eine Harmonie, ein Basslauf oder eine Rhythmik? Danach geht es darum, mit möglichst wenig Aufgeschriebenem eine unverwechselbare Komposition zu schaffen.

jazz-fun.de:
Welche Musiker hast Du für Dein neues Album eingeladen? Wie lange spielt Ihr schon zusammen?

Stephan-Max Wirth:
Es sind die selben – absolut bewährten - Musiker, die ich schon für so einige Aufnahmen eingeladen habe: Jaap Berends an der Gitarre und allem, was mit der Gitarre verwand ist, Bub Boelens der mit seinem fretless E-Bass sicherlich maßgeblich für den Sound dieser Besetzung beiträgt und Florian Hoefnagels mit seinem schnörkellosen, kraftvollen Schlagzeugspiel. Alle drei kenne ich seit über 30 Jahren und ganz ohne Besetzungswechsel spielen wir jetzt zwei Jahrzehnte zusammen. Wow, das beeindruckt mich selbst immer, wenn ich darüber nachdenke.

jazz-fun.de:
Was hat Dich dazu inspiriert, die Musik für dieses Album zu schreiben? Welche Themen werden darauf zu hören sein?

Stephan-Max Wirth:
Dass sich auf „PRINTEMPS FATAL“ drei Balladen befinden und mehrere Kompositionen von fernen Regionen handeln hat seinen Ursprung natürlich auch in der pandemiebedingten Isolation der vergangenen Jahre. Trotzdem kommt die typische SMWE-Energie nicht zu kurz. Das Stück „Printemps Fatal“ setzt sich durch einen längeren Entstehungsprozess aus mehreren Einflüssen zusammen. Hier verbinden sich zwei aktuelle Einbrüche: der erste – fatale - Frühling 2020 und das Schockerlebnis Ukraine im Frühjahr 2022. Als Künstler ist man auch immer ein politischer Mensch, zumindest gehört für mich beides zusammen.

jazz-fun.de:
Welche Projekte neben Deiner Band beschäftigen Dich im Moment am meisten?

Stephan-Max Wirth:
Obwohl ich wirklich zahlreiche Stücke in der Schublade liegen habe, die noch nicht realisiert werden konnten, komponiere ich parallel auch immer. Wann, wie und wo diese ganzen Werke dann umgesetzt werden, möchte ich aber im Moment noch für mich behalten.

jazz-fun.de:
Wann und wo kann man Euch live hören?

Stephan-Max Wirth:
Die nächste Möglichkeit besteht am 10. und 11. November 2023 im Berliner Jazzclub „Schlot“,unsere Record-Release-Party. Wenn ihr also in der Nähe seid: Kommt zahlreich, es lohnt sich! Da bekommt man dann auch von mir persönlich meine erste LP. Wir planen von diesen Konzerten auch einen Filmmitschnitt. Ich freue mich schon riesig darauf! Unter www.stephanmaxwirth.de findet man zahlreiche weitere Tourdaten, ich hoffe auch in eurer Gegend! Und falls ihr Tipps habt, wo gute Konzerte stattfinden und eine Experience gut reinpassen würde, schreibt mir. Ich habe immer zwei offene Ohren für meine Fans!

jazz-fun.de:
Welche Musik hörst Du "privat"?

Stephan-Max Wirth:
Im Moment läuft gerade Stan Getz „Café Montmartre“, wunderbar! Ich höre aber nicht nur Jazz, Björk auf der Waldbühne hier in Berlin war ein Erlebnis, und ich besuche auch regelmäßig klassische Konzerte in Philharmonie und Konzerthaus; dass meine Frau in diesem Bereich arbeitet, ist dafür sehr praktisch.

jazz-fun.de:
Pizza oder Pasta?

Stephan-Max Wirth:
Beides mag ich sehr gerne, am liebsten mit Meeresfrüchten.

jazz-fun.de:
Was ist für Dich der schönste Ausblick?

Stephan-Max Wirth:
Die Zeit vergesse ich am besten am Meer. Stundenlang könnte ich den Wellen zuschauen, hier fühle ich mich ganz eins mit der Welt.

jazz-fun.de:
Was machst Du an einem Sonntag, wenn Du nicht musizierst?

Stephan-Max Wirth:
Ich liebe es mit meiner Familie zusammen zu sein, raus in die Natur zu gehen, auch ein gutes Buch zu lesen oder portugiesische Grammatik zu trainieren. Einfach mal gar nichts zu tun ohne dass einem langweilig wird, ist auch ein toller Sonntag.

jazz-fun.de:
Dein Lieblingsgetränk?

Stephan-Max Wirth:
Ein guter Wein, gerne einen Côtes du Rhône oder ein Sylvaner aus dem Elsass.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Interview!

Text: jazz-fun.de, Stephan-Max Wirth
Foto: A. Hopfengart

Stephan-Max Wirth Internetseite:
http://stephanmaxwirth.de/

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