Enders Room - Dear World / Hikikomori

Enders Room - Dear World / Hikikomori

Enders Room
Dear World / Hikikomori

Erscheinungstermin: 03.04.2020
Label: enja, 2020

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Johannes Enders - Saxophones, Flutes, Clarinets, Percussion, Rhondes, Programming
Bastian Stein - Trumpet
Jean-Paul Brodbeck - Piano
Karl Ivar Refseth - Vibraphone
Wolfgang Zwiauer - E-/Synth Bass
Gregor Hilbe - Drums, Percussion
Paula Enders - Vocals 1/7

Einfacher wäre es mit Texten. Ein Gedicht zum Beispiel oder ein Fragenkatalog, Möglichkeiten, der Realität mit der Klarheit des Wortes auf die Schliche zu kommen. Musik hingegen ist uneindeutiger, Chance und Herausforderung zugleich. Man kann ein Stück »Dear World« nennen, in der Hoffnung, der Hörer würde darin ebenso wie der Künstler eine Botschaft an die Welt entdecken, eine Entschuldigung vielleicht oder eine Aufforderung, sich selbst verantwortlich zu fühlen. Ob sie verstanden wird, bleibt jedoch offen, vor allem wenn man wie Johannes Enders bereits ein fortgeschrittenes System der musikalischen Kodierung entwickelt hat, das die eigenen Gefühlslagen und Erkenntnisse in Klang umsetzt. Mal beschäftigt er sich mit einem Abbauprodukt des Blutfarbstoffes im Anschluss an eine gefährliche Stoffwechselstörung, mal mit Glückshormonen, ohne die die positive Wahrnehmung zu einem grauen Schleier emotionalen Einerleis entfärben würde. Kein Problem für den beschreibenden Geist, aber eine echte Aufgabe, wenn man ohne verbale oder optische Hilfsmittel agieren will.

Das Phänomen »Hikikomori« ist auch so ein Fall. Es steht in Japan für Menschen, die schrittweise den Kontakt zur Außenwelt abbrechen und sich in einen Kokon des Selbstbezugs zurückziehen. Sie bleiben nicht nur in ihren Zimmern für sich allein, sondern isolieren damit auch ihre Umwelt von den Ritualen des Alltags. Denn der Aufstand durch Entzug trifft eine Gesellschaft, die auf klaren, ehernen Verhaltensregeln aufbaut, mehr als offensiver Protest. Er markiert die Überflüssigkeit des großen Zusammenhangs und der überlieferten Werte zugunsten eines selbstgewählten Autismus und ist damit eine sehr japanische Art, der Welt den Spiegel vorzuhalten. Für Johannes Enders wiederum ist es ein vielfältiges sematisches Feld, das nach einer Einkreisung verlangt. Als Medium der Annäherung wählt er Enders Room, ein Laboratorium langjähriger Weggefährten, denen er die Möglichkeiten der musikalischen Umsetzung nicht mehr erklären muss. Sie kennen ihn als Skeptiker und Hymniker, als Querdenker und Moderator der Gegensätze. Als einen der reflektiertesten Saxophonisten seiner Generation.

Denn darum geht es bei »Hikikomori«. Formal testet Johannes Enders die Möglichkeiten zeitgemäßen Arrangierens, der Dramaturgie von Spannungsbögen und auch der Stringenz fortlaufender musikalischer Bewegungen und Umwandlungen. Es stellt Modelle gegenüber, den »Electric Room«, den er im Kern allein produziert und nur stellenweise durch die Kollegen hat verändern lassen, und den »Acoustic Room«, der Motive aufnimmt, weiterführt und das Synthetische sich im Analogen und Naturklingenden auflösen lässt. Damit schließt sich auch der Kreis zu dem zunächst eher kryptisch wirkenden Titelthema. Denn musikalisch gesehen lässt Johannes Enders die vor allem durch die Komplexität des Künstlichen empfundene Bedrohung des Individuums in der Natürlichkeit des Klangs aufgehen. Die Gleichung ist einfach: Je mehr analoge, akustische, individuelle Kraft, desto mehr Jazz, wie ihn Johannes Enders meint. Das funktioniert auch ohne Worte.

Text: Ralf Dombrowski

Disk 1

  1. Animale illegale
  2. No judgement day
  3. Minimal response 1
  4. Good bye Waltz
  5. Minimal response 2
  6. Dear world
  7. Minimal response 3
  8. Metacomet
  9. In no books
  10. Minimal response 4
  11. Alien roommates
  12. Metacomet dance

Disk 2

  1. The old promise
  2. Flash na firinn
  3. Visiones
  4. Good bye Waltz
  5. Hikikomori
  6. Good loser
  7. Hikikomori ballade
  8. Reconciliation
  9. Tember
  10. Good loser (Reprise)

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