Eva Klesse Quartett - Stimmen

Eva Klesse Quartett - Stimmen - Albumcover
Eva Klesse Quartett - Stimmen

Eva Klesse Quartett
Stimmen

Erscheinungstermin: 01.11.2024
Label: enja records, 2024

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jazz-fun`s recap:

Wer die Künstlerin und ihre Mitmusiker kennt, kann sagen: Es musste einfach passieren. Das Album ist ein Sammelsurium wichtiger Gedanken, Texte und musikalischer Reisen in unbekannte Jazzgefilde (Don't Hit On Me). Das Wichtigste aber ist, dass die Inhalte wörtlich, ohne Sticheleien, unnötige Metaphern oder Abkürzungen vermittelt werden. Jeder hat seine eigene Stimme, die er benutzen muss, um seine Gedanken zu vermitteln. Dieses Album ist ein Meilenstein in der Arbeit dieses einzigartigen musikalischen Kollektivs um Eva Klesse. Ein Muss für alle Liebhaber wahrer Kunst! (Jacek Brun, 22.11.2024)

Besetzung

Evgeny Ring – Saxophon, Komposition
Philip Frischkorn – Klavier, Komposition
Marc Muellbauer – Kontrabass
Eva Klesse – Schlagzeug, Komposition

feat.
Michael Schiefel – Stimme
Zuza Jasinska – Stimme
Philipp Rumsch – Sound Design, Electronics

Über das Jazz Album von Eva Klesse Quartett - Stimmen

Einfühlsam, ausdrucksstark, mutig und zart. Vier Worte, die während des Nachdenkens über das Eva Klesse Quartett und seine Protagonist*innen ohne Zögern auf Papier fallen. Zehn Jahre nach dem Erscheinen ihres ersten Albums XENON in 2014 veröffentlicht die Band im Herbst 2024 mit STIMMEN ihr sechstes, womöglich bislang persönlichstes und politischstes Album. Gemeinsam mit den drei Gastmusiker*innen Michael Schiefel (Stimme), Zuza Jasinska (Stimme) und Philipp Rumsch (Sound Design, Electronics) kreieren Evgeny Ring (Saxophon), Philip Frischkorn (Klavier), Marc Muellbauer (Kontrabass) und Eva Klesse (Schlagzeug) einen komplexen Klangkosmos in der Form eines musikalischen Essays, der die Konfrontation mit Schmerz, Trauer, Wut und Verzweiflung nicht scheut und gleichzeitig immer wieder von Hoffnung erzählt.

Elf Jahre Bandgeschichte Ausgangspunkt der gemeinsamen Entwicklung der inzwischen elf Jahre bestehenden Quartetts bildete im Januar 2014 ein Session-Opener-Konzert im damaligen Liveclub Telegraph in Leipzig. Tausende Kilometer um die halbe Welt hat die Band seitdem bereits miteinander zurückgelegt und Auszeichnungen wie den ECHO Jazz und den SWR Jazzpreis erhalten. Die Musiker*innen sind an- und miteinander gewachsen und haben ihr gemeinsames Gespür für das ihnen so zu eigen gewordene Einfangen und Erzählen von Geschichten immer weiterentwickelt. Evgeny Ring, Philip Frischkorn und Eva Klesse sind Gründungsmitglieder, seit 2022 und der jüngst zurückliegenden Veröffentlichung songs against loneliness feat. Wolfgang Muthspiel ist Kontrabassist Marc Muellbauer Teil des Quartetts. Das Quartett trägt den Namen der Schlagzeugerin. Künstlerisch ist die Band seit Beginn ein Kollektiv. Die neue Veröffentlichung STIMMEN unterstreicht das. Philip Frischkorn, Evgeny Ring und  Eva Klesse haben entlang eines gemeinsamen Gedankens individuell je ein konzeptionell wie kompositorisch eigenständiges Kapitel erarbeitet. In dieser gleichberechtigten und integrierenden künstlerischen Zusammenarbeit liegt eine besondere Qualität des Quartetts. STIMMEN entstand nahezu zeitgleich mit dem Vorgängeralbum. Beiden Veröffentlichungen ist gemein, dass sie sich auf Zeitgeschehen beziehen, indem sie, sozusagen musikalisch kommentierend, auf gegenwärtige Situationen eingehen. Uraufgeführt wurde STIMMEN 2021 und erscheint jetzt in leicht überarbeiteter Form.

Was heißt es, eine Stimme zu haben? Wer wird gehört? Wer wird nicht gehört? Warum? Was heißt es, sich Gehör zu verschaffen? Kann eine Stimme zu laut werden und was geschieht dann mit ihr? Wie kann einem Gegenüber, dessen Geschichte droht, in der Schnelllebigkeit des Alltags oder in der Flut der auf uns einstürzenden Bilder unterzugehen, eine Stimme gegeben werden? Die Idee des Kollektivs zu STIMMEN entstand 2020 in der Einsamkeit des ersten COVID-19 bedingten Lockdowns. Ausgangspunkt der Arbeit war die Überzeugung des Ensembles, dass der äußeren Abschottung innerer Widerstand geleistet werden müsse. Als Reaktion auf die Einschränkungen entschieden sich die Musiker*innen dazu, Personen zuzuhören, deren Geschichten ihnen weiter weg, denn je erschienen und deren Stimmen ihrer Einschätzung nach im Getöse der Gegenwart, bestimmt durch Pandemie und weltpolitische Konflikte, unterzugehen drohten. So entstanden sind 13 neue Stücke in drei Kapiteln, durch die sich wie ein roter Faden die Thematisierung von Gesellschaftsumbrüchen spinnt: Geschichten vom Leben, Träumen, Hoffen und Vermissen im Sozialismus. Gedichte und Geschichten von und über russische Freiheitskämpferinnen, die mutig aufbegehrten, solange sie konnten. Erzählungen von der beklemmend gewaltsamen Diskriminierung aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, (sozialer) Herkunft oder Sexualität in der Welt.

Mit der Beschreibung symbolisch zu verstehender Lebensgeschichten und -realitäten, den damit verbundenen individuellen Kämpfen und ihren Folgen für die Beteiligen, geht für das Quartett eine Botschaft der Hoffnung einher: individueller Einsatz, Engagement und der Kampf für eine lebenswerte Zukunft lohnen. Der Kollektivgedanke, der die Band bereits lange trägt und welcher eine ihrer Stärken ausmacht, wird auf STIMMEN noch weitergedacht und so hat sich das Quartett drei Gastmusiker*innen für diese Produktion eingeladen. Die Berliner Sänger*innen Michael Schiefel und Zuza Jasinska leihen ihre Stimmen jenen, deren Geschichten zu Wort kommen und der Leipziger Pianist und Sound Designer Philipp Rumsch steuert elektronische Klangfacetten bei, wird zur radiohaften Zuspielmaschine, verwandelt, transformiert und verdoppelt die teilweise Originalstimmen und sorgt damit dafür, dass die Zuhörer*innen einem Chor von Erzähler*innen gegenüber stehen.

Mit STIMMEN wagt sich das Eva Klesse Quartett auf neues, außergewöhnliches Terrain und erschließt sich über die Hinzunahme von Sprache und Text neue Bedeutungsebenen. Waren die Musiker*innen bereits bislang als famose Erzähler*innen bekannt, so legt diese Qualität durch die dramaturgische Aufbereitung der Stoffe in STIMMEN nun noch weiter zu.

In den Kapitelnotizen, hervorgegangen aus Gesprächen, kommen Philip Frischkorn, Evgeny Ring und Eva Klesse selbst zu Wort und sprechen über die Hintergründe ihrer Kompositionen.

WITNESSES
Komposition: Philip Frischkorn
Stimme: Ellen Hellwig (DEU)
"Am Beginn der Arbeit stand das Hinterfragen meiner eigenen Vorurteile. Ich wollte herausfinden, wie es war, in der DDR zu leben, und vor allem, wie es war, an der Friedlichen Revolution teilzunehmen und welche Träume damit verbunden waren. Und warum aus so viel utopischem Potenzial auch eine so große Enttäuschung geworden ist, die meinem Gefühl nach bis heute nicht aufgearbeitet wurde." Detailliert, unterbrochen von Pausen des Nachdenkens, erzählte Philip Frischkorn von seinem individuellen Zugang zu STIMMEN. "Als ich damals nach Leipzig gekommen bin, hab ich gedacht, dass all diese Orte schon so viel gesehen haben an Zeitgeschichte – die Demonstrationszüge um den Ring – und ich kaum etwas davon weiß und irgendwie auch nicht so viel darüber gesprochen wird, wenn man nicht fragt." Ausgehend von diesen Impulsen und Interessen hat sich Frischkorn zum Zeugen der Geschichte von Ellen Hellwig – einer 1946 geborenen Schauspielerin und Sozialistin, die vor und nach der Wende in Leipzig lebte – gemacht. Mit WITNESSES hofft Philip Frischkorn, gedanklich in Anlehnung an Judith Butler und in Verschränkung von Vergangenheits- und Gegenwartsperspektive eine Art "Trauerritual" mit Blick auf die Zeit nach dem Ende einer Revolution zu schaffen: "Genau in dem Moment, da man denkt, es sei alles möglich, verengen sich die Möglichkeiten wieder auf eine Realität und für alles, was da untergeht, bräuchte es den Raum, um zu sagen: Es ist aber schade, dass es nicht so oder so gekommen ist", meint er und fügt hinzu "man sieht die Zustände zu oft nur wie sie sind und nicht, wie sie sein könnten" und meint abschließend "wir könnten aus der Friedlichen Revolution noch so viel lernen, im besten Fall vielleicht auch, wie ein gelungeneres Zusammenleben funktionieren könnte."

PEACEFUL WARRIORESSES
Komposition: Evgeny Ring
Stimmen: Daria Serenko (RUS), Yulia Tsvetkova (RUS)
Zögernd, beinahe vorsichtig und auf der Suche nach den passenden Worten beginnt Evgeny Ring zu sprechen. PEACEFUL WARRIORESSES widmet sich seinem Heimatland Russland. "Es war nie einfach, sich dort für Freiheit und gesellschaftliche Veränderungen einzusetzen. Als ich selbst noch in Russland lebte, habe ich, wie so viele im Land, das Narrativ ‚man solle sich nicht in die Politik einmischen‘ als selbstverständlich hingenommen. Erst Distanz und viele Jahre des Lebens in Deutschland brachten mir ein Verständnis dafür, in welchem Umfang das Regime Andersdenkende unterdrückt und wie mithilfe von Propaganda seitens des Staates große Teile der Bevölkerung für ideologische Zwecke missbraucht werden." Bei der Arbeit an PEACEFUL WARRIORESSES suchte Evgeny Ring nach Personen, die sich künstlerisch mit dem politischen Geschehen in Russland auseinandersetzen. So stieß er auf Daria Serenko, eine zeitgenössische feministische Aktivistin und Dichterin, die 2020 das Literaturprojekt "Zakaznoe Pismo" ins Leben gerufen hat. In ihren "Auftragsbriefen", von denen Ring zwei ausgewählt hat, geht es um die landesweiten Massenproteste – "die ersten in der Geschichte des modernen Russlands" – die im Januar 2021 als Reaktion auf die Festnahme des inzwischen verstorbenen Oppositionsführers Alexei Nawalny begannen. "Demonstrationen, die bereits vor ihrem Stattfinden von der Regierung illegalisiert worden sind. Jede Zeile in Darias Texten ist ein Bild, mit dem jede*r Russe*in etwas anfangen kann." Im Mittelteil von Rings Kapitel kommt die Geschichte der Verhaftung der Künstlerin und Aktivistin Yulia Tsvetkova zu Gehör. Ausschnitte aus Interviews mit Tsvetkova illustrieren, wie der Staat auf brutale und gesetzlose Art gegen Kritiker*innen vorgeht. Daria Serenko und Yulia Tsvetkova mussten Russland inzwischen aufgrund drohender Gewalt und Freiheitsstrafen verlassen. Für Evgeny Ring war es die erste künstlerische Auseinandersetzung mit Textmaterial. "Es ist schwer, mit Text zu arbeiten, der Inhalt geht noch einmal ganz anders ins Innere, wenn man beim Komponieren jede Zeile tausendmal liest und hört." Die künstlerische Arbeit zum PEACEFUL WARRIORESSES hat vor Beginn des vollumfänglichen Angriffskrieges Russlands auf die Ukraine stattgefunden. Die im Kapitel erwähnten Themen und Probleme erscheinen Ring zum aktuellen Zeitpunkt wie die Vorstufe einer Katastrophe. "Umso wichtiger ist es für mich, die Stimmen der Freiheitskämpfer*innen, die sich gegen das russische Regime einsetzen, zu verstärken und sie zu unterstützen", schließt Evgeny Ring.

pass the mic
Komposition: Eva Klesse
Stimmen: Sondos Shabayek (EGY), Carolin Emcke (DEU), Fred Hersch (USA) u.v.m.
"Was auf den ersten Blick wie mehrere Themen nebeneinander erscheinen kann, ist bei genauerem Hinschauen miteinander verbunden", sagt Eva Klesse zu pass the mic. Der erste Song des Kapitels ist inspiriert von Erzählungen des US-amerikanischen Pianisten Fred Hersch über Erfahrungen nach seinem Coming-out: "Es ist okay, dass du schwul bist, aber bitte: ‘Mach mich bloß nicht an‘ sagen ihm männliche Musikerkollegen – als ob alle queeren Personen automatisch übergriffig wären..." Carolin Emcke hat Herschs Erlebnisse in ihrem Buch "Ja heißt ja und …" aufgegriffen und auch auf ihre eigene Lebenswelt bezogen. "Diese hieraus sprechende Verunsicherung von Männern, wenn sie auf einmal (gefühlt) in den Blick eines Begehrens kommen, mit dem Frauen* oder queere Personen ja sehr häufig umgehen (müssen), und die Art, damit umzugehen, finde ich schon interessant. Und auch die immer noch mitschwingende Queerfeindlichkeit und den Machismo. Das ist ein Wutsong!", meint Eva Klesse zu DON’T HIT ON ME. "Ich hatte das große Glück und Privileg, so viel ins Ausland reisen zu dürfen, andere Menschen und Länder kennenzulernen, daraus erwächst meiner Meinung nach auch eine Verantwortung: nämlich die, verschiedene Lebensrealitäten miteinander zu verbinden, Geschichten weiterzutragen. Vielleicht nicht immer auf der Bühne, aber eben auch." Auf einer Konzertreise nach Ägypten erfuhr Eva Klesse in Gesprächen, dass über 80 % der Frauen dort der Praxis der Genitalverstümmelung ausgesetzt sind. "Das hat mich sehr mitgenommen und beklommen gemacht." Sondos Shabayek, eine Theater- und Filmemacherin, Intimitätskoordinatorin und feministische Aktivistin aus Kairo/ Berlin hat Erfahrungsberichte von ägyptischen Frauen gesammelt – diese Stimmen kommen in 8 OUT OF 10 zu Wort.

YOU CANNOT BE WHAT YOU CANNOT SEE beschließt Eva Klesses Kapitel – "Das ist eine Hoffnungshymne!". Stimmen von gesellschaftspolitisch engagierten Women* of Color sind hier zu hören. "Hier geht es unter anderem um Repräsentation: wenn wir nicht sehen, was wir sein können, dann streben wir vielleicht auch nicht danach", so die Schlagzeugerin. Und: "Wer sich "unpolitisch" verhält, verhält sich politisch. Weil damit einfach die bestehenden Machtverhältnisse unterstützt werden. Ich bin froh, mit diesem Projekt nun an die Öffentlichkeit zu gehen – auch wenn es für uns und das Publikum herausfordernd sein kann." Klar ist für Eva Klesse, dass man sich durch eine Veröffentlichung wie STIMMEN "verletzlicher macht, als wenn man ausschließlich seine (Instrumental-) Musik präsentiert", macht im gleichen Atemzug jedoch auch deutlich: "Ich finde es wichtig und imm er wichtiger, sich zu positionieren – auch für uns Musiker*innen".

Text: Esther Weickel

Titelliste

  1. Equation (Intro)
  2. Over And Over And Over Again
  3. Metamorphosis
  4. United Resistance
  5. Equation
  6. What's Beneath The Snow?
  7. Fear (Prelude)
  8. Fear
  9. Spring (Prelude)
  10. Spring
  11. Don't Hit On Me
  12. 8 Out Of 10
  13. You Cannot Be What You Cannot See

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