Rezension des Albums "Heiner Müller tanzt mit Jimi Hendrix Polka" von Hannes Zerbe Jazz Orchester Berlin
Hannes Zerbe Jazz Orchester Berlin
Heiner Müller tanzt mit Jimi Hendrix Polka
Erscheinungstermin: 14.10.2026
Label: JazzHausMusik, 2026
Wenn Heiner Müller mit Hendrix tanzt
Schon der Titel kündigt an, dass hier musikalische Welten aufeinandertreffen, die sich auf den ersten Blick kaum miteinander verbinden lassen. Heiner Müller, Dmitri Schostakowitsch und Jimi Hendrix gehören zu völlig unterschiedlichen kulturellen Räumen. Hannes Zerbe interessiert sich jedoch gerade für diese Reibung.
Seit Jahren entwickelt er mit seinem Jazz Orchester Berlin eine Sprache, in der Jazz, klassische Moderne, Literatur und freie Improvisation ineinandergreifen. Dabei entstehen keine bloßen Bearbeitungen vorhandenen Materials. Zerbe benutzt Zitate, Texte und musikalische Erinnerungen vielmehr als Ausgangspunkte für neue Zusammenhänge.
Heiner Müller tanzt mit Jimi Hendrix Polka führt diesen Gedanken besonders weit.
Die Musik besitzt die strukturelle Genauigkeit großformatiger Komposition und zugleich die Freiheit des Jazz. Dichte Ensemblepassagen können plötzlich aufbrechen, einzelne Stimmen treten hervor, improvisierte Abschnitte verändern die Perspektive. Was zunächst komplex erscheint, entwickelt dabei eine erstaunliche Unmittelbarkeit.
Auch die literarische Ebene wird Teil dieses Klangraums. Texte von Jimi Hendrix interessieren Zerbe nicht nur als Begleiterscheinung seiner Songs. Ihre eigenwillige, teilweise verstörende Bildsprache wird von der Schauspielerin Heide Bartholomäus gesprochen und in freier deutscher Übertragung weitergedacht.
Damit verschiebt sich auch die Wahrnehmung von Hendrix. Er erscheint nicht nur als Gitarrist und Ikone des Rock, sondern ebenso als Autor einer poetischen Welt.
Schostakowitsch und Heiner Müller erweitern dieses Spannungsfeld noch einmal. Unterschiedliche Epochen, politische Erfahrungen und ästhetische Vorstellungen treffen aufeinander, ohne dass Zerbe versucht, ihre Gegensätze zu glätten.
Der Ernst dieses Konzepts führt trotzdem nie zu schwerfälliger Musik.
Das ist eine große Stärke des Albums.
Immer wieder entstehen Passagen von enormem Schwung, Witz und rhythmischer Energie. Die Arrangements können komplex sein und unmittelbar danach beinahe ausgelassen wirken. Man wird gefordert, aber ebenso mitgerissen.
Schon auf der Aufnahme entwickelt diese Musik eine enorme Wirkung. Man kann sich leicht vorstellen, welche zusätzliche Kraft sie im Konzert entfaltet, wenn ein solches Ensemble seine Dynamik unmittelbar in den Raum setzt.
Heiner Müller tanzt mit Jimi Hendrix Polka ist deshalb weder akademisches Experiment noch orchestrale Fingerübung. Es ist eine Musik voller Ideen, Kontraste und Leidenschaft. Intelligent genug, um lange darüber nachzudenken. Und lebendig genug, um dabei einfach mitgerissen zu werden.
(Jacek Brun, 06.11.2026)
Titelliste
- Die Hydra
- Voodoo Child
- Burning Of The Midnight Lamp
- And The Wind Cries Mary
- Polka
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