Hiromi - Silver Lining Suite

Hiromi - Silver Lining Suite

Hiromi
Silver Lining Suite

Erscheinungstermin: 08.10.2021
Label: Concord, 2021

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Im Sommer 2021 wurde Hiromi eingeladen, bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Tokio aufzutreten – ein Jahr vorher war das alles andere als abzusehen. 2020 war ein Jahr, in dem sich schon früh dunkle Wolken auftürmten, die sich nie zu verziehen drohten. Inmitten der Flut von schlechten Nachrichten waren Silberstreifen (silver linings) schwer auszumachen, aber Hiromi war entschlossen, einen zu finden. Sie fand ihn auf der Bühne des Blue Note Tokyo, dem sie half, wieder Leben einzuhauchen, nachdem es durch die Pandemie zum Schweigen gebracht worden war. Sie träumte von einem Quintett mit Klavier und Streichern und komponierte die Silver Lining Suite, die in den schwierigsten Zeiten Hoffnung gibt und gleichzeitig eine umfassende Bandbreite an Emotionen veranschaulicht, die das Jahr der Quarantäne(n) der Welt hervorgerufen hat.

Die Silver Lining Suite, die am 8. Oktober 2021 via Telarc / Concord erschienen ist (die Veröffentlichung der 2-LP ist für den 3. Dezember geplant), vereint Hiromis virtuoses und gefühlvolles Klavier mit einem Streichquartett, das von dem Violinisten Tatsuo Nishie, Konzertmeister des New Japan Philharmonic, zusammengestellt wurde. Das Resultat lässt die Grenzen zwischen klassischer Musik und Jazz verschwimmen und schafft eine lebendige Mischung aus der glühenden, vom Rock inspirierten Energie und der filmischen Schönheit, die Hiromi immer schon in ihre Musik eingebracht hat.

Wie die Pianistin/Komponistin sagt: “Ich denke, es gibt nur zwei Genres: das Genre, das mein Herz bewegt, und das Genre, das es nicht tut. Es ist mir also egal, in welche Kategorie dieses Album eingeordnet wird... Ich spiele einfach die Musik, die mein Herz berührt.”

Hiromi fand sich in ihrem Heimatland Japan wieder, nachdem eine US-Tournee im vergangenen März plötzlich abgebrochen wurde. “Ich hatte gerade meinen Auftritt in Seattle beendet und bin nach San Francisco gereist, als der Ausnahmezustand ausgerufen wurde,” Hiromi erinnert sich. “Wir merkten, dass sich in Seattle etwas anbahnte. Nachts war es wie eine Geisterstadt; die Leute kamen zwar immer noch zur Show, aber alle waren so zurückhaltend. Ich konnte nicht einmal den Tontechniker umarmen, wie ich es immer tue. Dann herrschte so eine seltsame Stimmung am Flughafen. Ich beschloss, nach Tokio zu kommen und abzuwarten, was passiert, aber die Situation wurde immer schlimmer.”

Plötzlich von ihrem Lebenselixier, der Musik, abgeschnitten, war Hiromi fassungslos über die unablässige Flut schrecklicher Ereignisse, die im Gefolge des Coronavirus Leben und Lebensunterhalt bedrohten. Vor allem die verheerenden Auswirkungen auf die Musikbranche gingen ihr sehr nahe. “Am Anfang war es seltsam, beunruhigend und unsicher, voller negativer Gefühle.”, erzählt sie. “Shows wurden eingestellt und viele Veranstaltungsorte geschlossen, einige davon leider für immer. Immer, wenn ich solche Nachrichten hörte, war ich niedergeschlagen. Ich habe viel an meine Freunde gedacht, die in der Musikbranche arbeiten, und ich habe versucht, etwas Positives zu finden, das ich in dieser Situation tun konnte.”

Im Blue Note Tokyo fand sie einen idealen Partner, auf dessen Bühne normalerweise renommierte Jazzkünstler aus der ganzen Welt auftreten. Als die Spielstätten vorsichtig wieder geöffnet wurden, schlug Hiromi eine Reihe von Live-Stream-Konzerten mit begrenzter Kapazität vor, die sie "Save Live Music" nannte, und gab schließlich im August und September 2020 an 16 Tagen bemerkenswerte 32 Solokonzerte.

Da eine zweite Serie für Dezember und Januar geplant war, wollte Hiromi nicht wieder allein spielen. Weil ihre üblichen Bandkollegen einen Ozean entfernt waren und nicht reisen konnten, überlegte sie, wie diese Konzerte aussehen sollten. Nach einem Auftritt mit dem New Japan Philharmonic hatte sie sich mit Tatsuo Nishie angefreundet, und so nahm die Idee eines Klavierquintetts Gestalt an. “Ich habe schon immer leidenschaftlich gerne für Streicher geschrieben,” erklärt sie, die während ihres Studiums am Berklee College of Music Komposition studiert hat. “Ich stellte vier Stühle auf die Bühne in der Nähe des Klaviers und in meinem Kopf machte es klick. Ich sah diese Kulisse, das Klavier und vier leere Stühle, und ich begann, etwas zu hören. Ich wusste, dass es funktionieren würde. Ich rief Tatsuo an, bevor ich überhaupt die Musik geschrieben hatte.”

Nishie hatte die Aufgabe, Musiker zu finden, die Hiromis klassisch inspirierte Kompositionen spielen und gleichzeitig ins Jazzvokabular übergehen konnten. Er verpflichtete den Geiger Sohei Birmann, die Bratschistin Meguna Naka und den Cellisten Wataru Mukai – letzterer war eine besonders wichtige Wahl, da er die Pizzicato-Basslinien spielen sollte.

Die Suite beginnt mit Isolation, einem emotionalen Zustand, mit dem jeder im Laufe der Pandemie vertraut wurde. Zu einer einzelnen Stimme gesellen sich bald andere in einem entschlossenen, anmutigen Tanz, der ein stürmisches Solo von Hiromi auslöst, das klingt, als seien die Schleusen ihrer Fantasie plötzlich geöffnet worden. Dunkle und aufwühlende Linien zerfallen und konvergieren in The Unknown, das die Angst und Unvorhersehbarkeit beschreibt, die den Verlauf des letzten Jahres kennzeichneten.

Diese Empfindungen hinterließen bei vielen das Gefühl, auf dem Meer zu treiben, eine Vorstellung, die in dem melancholischen Drifters wunderbar eingefangen wurde. Die Emotionen schwankten während der gesamten Erfahrung von einem Extrem ins andere, und Hiromi und das Quartett sammelten sich mit dem stählernen Fortitude, einem Zeugnis der Widerstandsfähigkeit der musikalischen Gemeinschaft, die diesen schrecklichen Sturm überstanden hat. Uncertainty, das mit einer introspektiven Soloeinlage des Pianisten beginnt, wurde erst spät in die Suite aufgenommen. Hiromi komponierte das beunruhigende Stück, nachdem ihre Januar-Reihe wegen des erneuten Lockdowns Japans auf März verschoben worden war, als Porträt des Augenblicks und als Geschenk an die Zuhörer, die im Frühjahr geduldig wiederkamen.

Die drei verbleibenden Stücke sind erweiterte Kompositionen aus Hiromis One Minute Portrait-Serie, in der sie auf ihrer Instagram-Seite virtuelle Duos mit weit entfernten Kollegen spielte. Entschlossenheit wandelt sich in Hoffnung im entschiedenen Someday, das ursprünglich mit dem Bassisten Avishai Cohen gespielt wurde und darauf zu beharren scheint, dass ein Ende irgendwann kommen wird. Das lebhafte Jumpstart, ursprünglich ein feuriges Pairing mit dem Pianisten Stefano Bollani, sagt die Erneuerung voraus, die mit dem lang erwarteten Moment kommen wird. Und das vom Tango inspirierte Ribera del Duero aus dem Duo mit dem Harfenisten Edmar Castaneda ist nach Hiromis Lieblingswein benannt, auf den sie sich freut, um ihn wieder einmal mit Freunden zu teilen.

11:49PM schließlich ist eine Reprise aus ihrem Trio-Album Move aus dem Jahr 2012, inspiriert von einem Zitat aus Shakespeares Macbeth: "The night is long that never finds the day." Die Zeile gab Hiromi die Hoffnung, dass sie eines Tages wieder vor einem begeisterten Publikum spielen würde.

“Der Morgen wird kommen”, beharrt sie. “Die Sonne wird wieder aufgehen. Deshalb habe ich weiter Musik geschrieben. Sie zeigt meine emotionale Reise durch die Pandemie.”

Text: Concord

jazz-fun.de meint:
Wir haben es hier nicht nur mit einem Höchstmaß an Virtuosität zu tun (an die uns Hiromi bereits gewöhnt hat), sondern auch mit wunderschön komponierter und arrangierter Musik. Das Album wird sicherlich Fans von leicht verdaulichen Stilmischungen ansprechen, aber auch anspruchsvolle Hörer, die in der Musik subtilere Eindrücke und mehr Authentizität suchen, werden sicherlich auf ihre Kosten kommen. Wir sind begeistert!

  1. Silver Lining Suite: Isolation
  2. Silver Lining Suite: The Unknown
  3. Silver Lining Suite: Drifters
  4. Silver Lining Suite: Fortitude
  5. Uncertainty
  6. Someday
  7. Jumpstart
  8. 11:49 PM
  9. Ribera Del Duero

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