Im Gespräch mit jazz-fun.de: Axel Fischbacher

Axel Fischbacher
Axel Fischbacher, Foto: Claudia Fischbacher

Der 1956 in Lübeck geborene Jazzgitarrist Axel Fischbacher zählt seit langem zu den führenden Solisten der europäischen Jazzszene. Er unternahm zahlreiche Tourneen durch Europa, Kanada und die USA und trat bei den meisten renommierten Jazzfestivals auf. Er veröffentlichte acht Alben als Bandleader, wirkte bei über 50 Aufnahmen mit und spielte mit zeitgenössischen Jazzgrößen wie Danny Gottlieb, Mark Egan, Adam Nussbaum, Ohad Talmor, Marc Johnson, Michal Urbaniak, Joe Haider, Barney Willen, Steve Grossman, Curt Cress, Stu Goldberg, Hermeto Pascoal und Ronnie Burrage. Axel Fischbacher arbeitet abwechselnd in New York, Kanada und vielen Ländern Europas, lebte in Spanien, Österreich, der Schweiz und derzeit in Hilden, Nordrhein-Westfalen.

jazz-fun.de traf diesen bemerkenswerten Künstler und sprach mit ihm über seine aktuellen Projekte.

jazz-fun.de:
Dein letztes Album "Bebop Sketches" (JazzSick Records, 2020) ist auch als Buch erschienen. Wie kam es dazu?

Axel Fischbacher:
Das ist entstanden parallel zu unserem Plan, das Album mit einem Crowdfunding zu finanzieren.

Da kam mir die Idee den Leuten, die uns unterstützen die Musik auch in schriftlicher Form zugänglich zu machen.

Anfangs war die Idee, lediglich einzelne Passagen unserer Musik rauszuschreiben und diese dann im Booklet der LP neben den Textpassagen und Bildern abzudrucken.

Ich hatte aber damals schon Kontakt mit Wolfgang Kehle aufgenommen, der für die Zeitschrift Gitarre und Bass die Transkriptionen vieler renommierter Gitarristen macht. Da konnte man immer gleich schon sehen das Wolfgang sehr kompetent arbeitet und meine Solos sicher viel besser rausschreibt als ich selbst. Wir haben uns dann besser kennengelernt, ich habe ein paar Tage bei ihm am Bodensee verbracht. So eine Art Arbeitsurlaub. Wir haben uns gut verstanden, viele Gemeinsamkeiten in unseren Sichtweisen auf Musik gefunden und letztlich ist dabei die Idee herausgekommen uns nicht auf ausgeschriebene Solos zu beschränken, sondern das zu ergänzen mit Erklärungen dazu warum ich was wie und wann spiele. Es ist eine spannende Sache dabei herausgekommen, aber es muss auch klar sein, dass ist kein Buch darüber ist, wie man Gitarre spielt oder lernt, sondern darüber, wie ich Gitarre spiele und wie ich es gelernt habe. Und noch lerne.

jazz-fun.de:
An wen richtet sich das Buch und warum?

Axel Fischbacher:
Das Buch richtet sich vor allem an Leute, die die Basics der Jazzgitarre schon weitgehend beherrschen und (trotzdem) zugänglich sind für die Vorstellung, dass es nicht „Das Können“ gibt, sondern einfach Menschen, die spielen. Die Materialflut im Internet und auch diese „Verhochschulung“ unserer Kunst sind mir zuviel Tamtam.

Die Welt braucht sicherlich nicht noch ein weiteres Buch, wo Tonleitern aufgelistet oder vierstimmige Voicings erklärt werden oder in dem man sich in wichtigen Jazz Theorie-Erklärungen verheddert. Davon gibt es mehr als genug. Zwar auch ein paar gute, aber viele dieser „Werke“ haben etwas von einem Kochbuch: „Man nehme ein wenig Ionisch und eine Prise Alteriert und schon hat man eine prima Improvisation.“

Auf Workshops und Clinics begegnen mir vor allem immer wieder Leute, die vor lauter Begrifflichkeiten aus dem „Akkordstufen System Lexikon“ gar nicht mehr auf die Idee kommen, dass Musik die Kunst des Hörens ist und wesentlich mehr mit den Ohren zu tun hat als mit der Grifftabelle.

Mein Buch, direkt parallel zum Album, bildet Musik ab, die wirklich stattgefunden hat und eben sehr viel mehr mit Hören als mit Wissen zu tun hat. Im Nachhinein erkläre ich, so detailliert wie ich eben kann, meine persönliche Herangehensweise und die Wege wie ich es gelernt habe. Auch meine Irrtümer kommen vor, denn obwohl ich dreimal ein Musikstudium angefangen habe, bin ja hauptsächlich Autodidakt.

Ich möchte die Leute ermutigen ihren eigenen Weg des Lernens als ein Abenteuer zu sehen, als ein Erlebnis, und dabei nicht so ergebnisorientiert unter Druck zu geraten und immer etwas „abliefern“ zu müssen. Es gefällt mir, wenn gute Fragen gestellt werden und man den ausgetretenen Pfaden misstraut. Und: Es ist mir wichtig, Musik als einen Bereich zu sehen, in dem man sich nicht unbedingt konkurrierend miteinander beschäftigt.

jazz-fun.de:
Zurück zum Album: Wie bist du auf die Idee gekommen, dieses Repertoire in einem Gitarrentrio zu spielen?

Axel Fischbacher:
Das Album ist relativ spontan entstanden aus so einer Situation heraus, wo wir zu dritt gerade mächtig im Stress waren und in den Vorbereitungen für eine Produktion mit der Kammerphilharmonie Wuppertal.

Unser Drummer, Tim Dudek, hat in Köln ein eigenes kleines Studio. Da haben wir einfach zwei Tage lang “just for fun“ mal herumgespielt mit den „Standards der Standards“.

Also den Stücken, die man als Jazz Musiker mit als erstes lernt, aber sie hinterher nur noch auf Jamsessions spielt und nie auf die Idee kommt sie aufzunehmen, obwohl das oft die Stücke sind, in denen man sich am besten wirklich frei bewegen kann.
Das war eben gar nicht so zielgerichtet, aber das Ergebnis hat uns so gefallen, dass wir gedacht haben: “Komm das veröffentlichen wir jetzt!“.

Ich halte das ehrlich gesagt für meine bisher beste Arbeit und die Tatsache, dass das Album ausverkauft ist, obwohl wir es mit Ansage nur auf Vinyl veröffentlicht haben, gibt mir auch ein bisschen recht. Man kann das allerdings jetzt noch als High Resolution Download auf www.highresaudio.com bekommen.

jazz-fun.de:
Dein nächstes Projekt ist eine lange vorbereitete Aufnahmesession im legendären 'Abbey Road Studio'. Auch das ist ein ungewöhnliches Projekt. Erzähl uns davon.

Axel Fischbacher:
Weil es mit der Bebop Sketches so gut lief, wollte ich mich unbedingt die nächsten Jahre weiter hauptsächlich meinem Trio zu widmen. Dann kommt natürlich die Idee, auch ein Trioalbum mit meiner Musik zu machen, denn das Standards Programm war ja eher eine Ausnahme.

Und weil wir eben schon auf der Vinylschiene waren, haben wir beschlossen so weiterzumachen, noch eins draufzusetzen und eine Direct-to-Disc Produktion zu machen.

Ich habe dann nach Studios gesucht, und in erreichbarer Entfernung tatsächlich noch drei Stück gefunden die diese alte Technik noch haben. Und ohne jetzt den anderen beiden Unrecht zu tun, denn die sind sicher auch sehr gut, haben wir uns dann für die “Legende“ Abbey Road entschieden – wenn schon, denn schon. Ende August ist es so weit. Zwei Tage in den heiligen Hallen.

jazz-fun.de:
In welchen Formaten wird das Album erscheinen?

Axel Fischbacher:
Das Album wird natürlich als LP erscheinen. Wie auch vorher werden wir das mit viel Liebe machen. 180g. schönes Klappcover auf jeden Fall. Auch hier: Wenn schon, denn schon. Ich komme ja aus der LP-Generation.

Ich hoffe wir schaffen es, das Album noch vor Weihnachten rauszubringen. An uns soll es nicht liegen, aber die Vinylhersteller haben eine Menge Nachfrage dieser Tage.  

Es wird eine Limited Edition. Die genaue Stückzahl hängt auch ein bisschen von den Vorstellungen unseres Labels Jazzsick Records ab. Wenn die ausverkauft sind, gibt es keine Nachpressung. Dann machen wir lieber eine neue Platte. Es gibt dann allerdings wieder den High Resolution Download. Es gibt von meinen zukünftigen Arbeiten keine Streams, bevor dafür nicht anständig bezahlt wird.

jazz-fun.de:
Wer wird außer dir noch an diesem Projekt beteiligt sein? Wie wird die Band zusammengesetzt sein?

Axel Fischbacher:
Die Band ist mein geliebtes Trio mit Nico Brandenburg am Bass und Tim Dudek am Schlagzeug. Wir haben vorher noch eine Reihe von Konzerten zum “Rundspielen“ des Abbey Road Programmes.

Wir nehmen Johannes Kellig als Engineer mit. Den haben wir kennengelernt, weil er eine tolle Arbeit gemacht hat für unsere Produktion mit „Axel Fischbacher Trio featuring Sophia Oster“. Die in kürze erscheinen wird. Ebenso kommt ein Team mit für ein „Making of“ Video und jemand, der auf der linken Seite Autofahren kann.

jazz-fun.de:
Wir freuen uns sehr, dass ihr es geschafft habt, das Geld für all das aufzutreiben. Wie habt ihr das gemacht?

Axel Fischbacher:
Ich habe dieses Jahr so ein bisschen Glück gehabt. Erstens haben wir eine recht hohe Projektförderung von der Initiative Musik bekommen. Mit der können wir die Herstellung bis zu einem gewissen Grad bezahlen. Wir haben aber vor allem für die Produktion selber ein Crowdfunding ins Leben gerufen. Das ist eine tolle Methode, wenn man so ein wenig eine Community hat (ich hasse das Wort Fanclub). Die Leute unterstützen uns und kaufen das Album vorab. Es haben sehr viele gemacht. Man scheint uns zu vertrauen. Und ich möchte mich hier noch einmal sehr, sehr herzlich dafür bedanken und versprechen, dass wir das Beste geben werden.

jazz-fun.de:
Ich habe ausgerechnet, dass dies das 30. Album Deiner Karriere sein wird, stimmt das?

Axel Fischbacher:
Viel hilft viel ????

Natürlich nicht. Es war früher oft nicht so wichtig und wir haben dann eben einfach mal „noch ne Platte“ gemacht.

Konkret:
Ich bin grad mal an mein Regal gegangen. Da stehen 33 Stück. (siehe Foto).

Ehrlich! Ich kuck und zähle da nicht genau. Es sind einige dabei von denen ich wünschte, sie wären im Mischpult stecken geblieben. Andere wiederum sind gut, aber aus den üblichen „Businessgründen“ garnicht erschienen. Insgesamt finde ich es trotz meines hohen Alters inflationär, denn es gibt auch sicher nochmal so viele, wo ich als Sideman mitspiele.

Bei meinen älteren Aufnahmen habe ich oft Jahre gebraucht, um mich mit den Ergebnissen anzufreunden oder besser gesagt „abzufinden“. Wenn ich aber jetzt z.B. meine Mysterious Princess von 1993 höre, frage ich mich, was ich damals zu meckern hatte und finde sie wirklich gut.

Was ich auch sagen möchte: zu den Aufnahmen der letzten 15 Jahren kann ich vorbehaltlos stehen.

Axel Fischbacher CD`s
Axel Fischbacher CD`s

jazz-fun.de:
An welche Periode Deiner langen Karriere erinnerst Du Dich am besten, welche hat Dir am meisten Spaß gemacht?

Axel Fischbacher:
Da gibt es viel. Meine Anfänge in Duisburg mit Kim Merz und co.

Dann Düsseldorf.
Die ersten richtigen Touren mit der Fusionband Senora, Der Christoph Spendel Group und später mit meinem eigenen ersten Trio.

Meine Zeit in der Düsseldorfer Altstadt. Wilde Musiker-WG mit Stefan Rademacher und Max Zentawer und wirklich jeden Abend ein Gig, wenn nicht auf Tour, dann im legendären Downtown für „modern“ und im Dr Jazz für „Entertainment“.
Meine sieben Jahre als Gitarrenprofessor an der Jazzhochschule in Bern: Man hat dort gesagt ich sei der „einzig bezahlte Student“ – ich habe das als Lob empfunden.

Am meisten Spaß aber macht es jetzt. Die letzten 15 Jahre sind klasse. Die Blue Monday und Jazzattack Konzertreihen sind extrem bereichernd und haben mir ermöglicht mit einer großen Zahl toller Musiker spielen zu dürfen. Ich habe eine tolle Band und mir das Privileg erarbeitet, nichts mehr machen zu müssen, das ich ausschließlich wegen der Kohle machen würde.

jazz-fun.de:
Welche Künstler und Musiker haben Dich am meisten inspiriert? Wer hat Deine Ausbildung und Deine musikalische Entwicklung am stärksten beeinflusst?

Axel Fischbacher:
Meine Gitarrenhelden sind Alvin Lee und Robben Ford und John Scofield. Aber grundlegender musikalischer Einfluss war eher Herbie Hancock.

Sco und John Abercrombie sind auch aktiv Lehrer von mir gewesen, aber eben zu einer Zeit, als ich mein Zeugs schon weitestgehend konnte. Durch sie habe ich mich aber oft sehr bestätigt gefühlt in dem, was ich über Musik dachte.
Ich würde sonst fast sagen, dass Vertreter andere Künste mehr Einfluss auf mein Tun und Denken gehabt haben als die Musiker. Ich habe Filme vertont und an einigen Theatern Bühnenmusik geschrieben. Da kriegt man andere Sichtweisen auf Spannungsbögen, Brüche, Steigerung etc.

Schriftsteller auch. Peter Handke, bei dem man lernen kann, sich nicht auf Methoden zu verlassen und dass es sich lohnt, wenn man darum kämpft nicht „automatisch“ zu werden.

Bildende Künstler wie Beuys, von dem man lernen kann, das sich Technik nicht selbstständig machen sollte, sondern dem Ausdruck dienen. Max Ernst; Eine Portion Dadaismus kann der oft furchtbaren „Wichtigkeit“ von uns Jazzmusikern nicht schaden.

jazz-fun.de:
Hast Du Pläne, in nächster Zeit Konzerte zu geben?

Axel Fischbacher:
Erstmal ist Sommerpause, abgesehen von 4 kleinen Gigs vom 6 bis 10 August. Es gibt dann eine Menge Konzerte im kommenden Herbst.

Eine Triotour im Septenber mit dem Trompeter Ryan Carniaux, dann im Oktober eine Axmusic Jamtour mit Sebastion Gahler, Guido May und Martin Furmann.

Im November Album Releasetour mit Sophia Oster.

Reine Triokonzerte kommen auch noch. Aber da wird der Schwerpunkt eher 2024 sein, wenn das Album wirklich da ist.
Dann gibt es ab Dezember noch eine neue Band „Black Dog“, da spielen wir Blues. Das ist mit Chritoph Grab am Saxofon, Thomas Bauser an der B3 Hammond und der großartigen Mareike Wiening an den Drums. Findet man alles auf meiner Homepage.

jazz-fun.de:
Und hier noch ein paar ganz private Fragen
Welche Musik hörst Du "privat"?

Axel Fischbacher:
Es gibt einen DJ, der heißt Lasse Lambretta. Elektrosound. Finde ich tierisch.

Sonst höre ich gerne Mozart. Und ich habe eine Playlist, in der ich alles sammele, von dem ich mich erinnere, dass ich es jemals gut fand: da ist viel Jazz, aber auch Georg Danzer, und Maurizio Kagel und Grönemeyer und Hannes Wader.

Wenn ich eine Bildungslücke entdecke, so zum Beispiel habe ich gerade Mahler entdeckt, dann besorge ich mir alles von diesem Musiker und höre mich durch (Aber das ist eigentlich schon eher Arbeit als Privat – naja lässt sich eh nicht richtig trennen).

jazz-fun.de:
Pizza oder Pasta?

Axel Fischbacher:
Beides.

jazz-fun.de:
Was ist für Dich der schönste Ausblick?

Axel Fischbacher:
Die Lübecker Bucht (vom Strand in Haffkrug).

jazz-fun.de:
Was machst Du an einem Sonntag, wenn Du nicht musizierst?

Axel Fischbacher:
Möglichst Fahrad fahren.

jazz-fun.de:
Dein Lieblingsgetränk?

Axel Fischbacher:
Espresso.

Text: jazz-fun.de, Axel Fischbacher
Foto: Claudia Fischbacher

Axel Fischbacher Internetseite:
http://axelfischbacher.com/

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