52. Internationale Jazzwoche Burghausen - ein Festival voller Euphorie

Seit 52 Jahren verwandelt sich die süddeutsche Kleinstadt alljährlich in ein Jazz-Mekka. Burghausen, an der Salzach gelegen, die die Grenze zwischen Deutschland und Österreich bildet, hat einiges zu bieten. Zu den wichtigsten gehören meiner Meinung nach die längste Burg der Welt und eines der ältesten Jazzfestivals Deutschlands.

Ziel meiner Reise in den Süden Deutschlands war natürlich die "Internationale Jazzwoche Burghausen", die dieses Jahr vom 21. bis 26. März stattfand. Diese Stadt hat, wie Roland Spiegel und Ulrich Habersetzer in ihrem Buch "It has Lines in its Face" schreiben, "eine Aura, die nicht nur Touristen zu bewegen, sondern auch Musiker zu inspirieren scheint". Und das tut sie tatsächlich: Der "Swing and Jazz" dieser Stadt ist vom ersten Moment an spürbar.

Von Anfang an war es eines der Hauptziele des Festivals, die kulturelle Vielfalt des Jazz zu präsentieren. In diesem Jahr haben die Organisatoren diese Herausforderung angenommen. Es fehlte nicht an musikalischen Klängen aus der ganzen Welt und allen möglichen jazzorientierten Musikstilen, was für Jazz-Puristen manchmal befremdlich sein mag.

Aber der Reihe nach. Zum dreizehnten Mal in Folge fand das Finale des "Europäischen Burghauser Jazznachwuchspreises" statt. Die diesjährigen Finalisten waren Michele Sannelli & The Gonghers (Italien), Nils Kugelmann Trio (Deutschland), Fenix (Niederlande), Michelangelo Scandroglio Group (Italien) und Jarecki Jazz Octet (Polen). Die Jury bestehend aus Roland Spiegel, Ralf Dombrowski, Reinhard Köchl und Szymon Kleckowski vergab den ersten Preis an das Nils Kugelmann Trio aus Deutschland. Der zweite Preis ging an Michele Sannelli & the Gonghers aus Italien. Der dritte Platz ging an das Jarecki Jazz Octet aus Polen. Jedes Jahr wird auch der beste Solist gekürt. In diesem Jahr ging der Preis an den Pianisten Nico Tangherlini von der Michele Scandroglio Group aus Italien.

Die Gewinnerband eröffnete am Mittwochabend offiziell die Jazzwoche. Als Opener durften sie ein komplettes Set auf der großen Bühne der Wackerhalle spielen. Nach dem Auftritt des Nils Kugelmann Trios spielte der Fusion-Gitarrist Lee Ritenour mit seinen Freunden das erste offizielle Konzert des Festivals.

Die folgenden Tage waren vollgepackt mit Konzerten, deren Musik so vielfältig und abwechslungsreich war, dass die Woche wie im Flug verging und viel Spaß machte. Der Bassist Heiri Känzig führte das Publikum mit seiner Band Travelin' durch verschiedene Regionen vom Bosporus bis in die Schweizer Berge und kombinierte die unterschiedlichsten Klänge äusserst gekonnt - der Kontrabass des Leaders und die Oud von Amine Mraihi sowie die vielfarbige, selbstbewusste Stimme von Veronika Stalder überbrückten stilistische Distanzen souverän und kreierten mit Marc Méan am Piano und Lionel Friedli am Schlagzeug mitreissende Jazz-Grooves.

Supergombo aus Frankreich überraschte mit mitreissenden Rhythmen und stilistischer Vielfalt. Ihr Konzert war Energie pur und riss selbst die Unbeweglichsten von den Sitzen. Afrikanische Rhythmen, anmutige Melodien und die charismatische Präsenz der gesamten Band machten dieses Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis. Robert Randolph, hinter seinem Instrument ganz vorne auf der großen Bühne der Wackerhalle sitzend, eröffnete sein Konzert mit "I'm so glad" von Cream und machte sofort klar, was in den nächsten eineinhalb Stunden zu hören sein würde. Die mitreißenden Soli der Pedal-Steel-Gitarre dominierten den Rest des Abends, an dem wir von der Kraft und dem Charisma dieses außergewöhnlichen Künstlers beeindruckt waren.

Einer der Höhepunkte des Festivals war das Konzert von Lakecia Benjamin, die zu den herausragenden Persönlichkeiten der aktuellen internationalen Jazzszene zählt. Im goldglänzenden Outfit betrat sie die Bühne und skizzierte mit ihrem Instrument musikalische Geschichten in Stücken wie "Amazing Grace", "My favourite things" oder dem Titelstück ihres Albums "Phoenix". Begleitet von ihren Musikerkollegen Zaccai Curtis am Piano, Ivan Taylor am Bass und EJ Strickland am Schlagzeug war das Konzert einer der Höhepunkte des Festivals.

Die traditionelle Blues-Show am Samstagnachmittag versprühte wie immer echtes All-American-Feeling direkt aus Texas und Chicago. Trudy Lynn aus Houston und Toronzo Cannon mit seiner Band The Chicago Way sorgten nicht nur für viel Spaß, sondern vor allem für den musikalischen Spirit direkt aus Amerika, voller Leben, Energie, Nostalgie und dem einzigartigen Blues-Feeling, das man nur haben kann, wenn man in Übersee geboren wurde. ....

Es war eine großartige Idee der Organisatoren, die bereits legendären Jaga Jazzist aus Norwegen einzuladen. Diese norwegische Supergruppe kann auf eine vier Jahrzehnte währende Geschichte zurückblicken. Free Jazz, Jazzrock, elektronische Musik, Ambient, Progressive Rock, Noise, Minimal Music, Punk, klassische Musik und verschiedene andere Genres werden kombiniert, vermischt, zu einem Ganzen zusammengefügt und auf einer Bühne präsentiert. Jedes Konzert von Jaga Jazzist ist ein neues Abenteuer, man kann nie mit absoluter Sicherheit vorhersagen, was passieren wird. Hier sind alle Möglichkeiten offen. Das war ein großartiges Konzert!

Wir haben die 52. Internationale Jazzwoche Burghausen als Fortsetzung einer langen und reichen Tradition erlebt. Nach den vielen Erfolgen und mittlerweile legendären Konzerten der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, nach den großen Schwierigkeiten der Pandemie, hat das diesjährige Festival noch nicht die Höhen der vergangenen Jahre erreicht. Es ist schwierig, immer auf dem höchsten Niveau zu sein, und nach den Turbulenzen der letzten zwei Jahre wäre es auch unmöglich. Dennoch haben die Organisatoren die Herausforderung angenommen und versucht, die "goldene Mitte" zu finden, indem sie ein Programm zusammengestellt haben, das sowohl das Publikum anspricht, das tief im Jazz verwurzelt ist, als auch diejenigen, die sich für ein breites Spektrum von Musikrichtungen interessieren können und sollen. Erwähnenswert ist natürlich auch die hervorragende Organisation und das sehr hohe Niveau des Nachwuchswettbewerbs, der zu einem unverzichtbaren Bestandteil dieser jährlichen Veranstaltung geworden ist.

Wir danken der IG Jazz Burghausen e.V. für die Vorbereitung der diesjährigen Veranstaltung und freuen uns schon auf das nächste Jahr. Auf Wiedersehen!

Die Videos zu allen Konzerten kann man unter folgendem Link oder in der ARD Mediathek einsehen:
https://www.br-klassik.de/concert/52-jazzwoche-burghausen-2023-uebersicht-100.html

Die gesamte Fotoreportage finden Sie hier.

Text und Foto: Jacek Brun

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