Über ihre Asien- und Ozeanien-Tour 2026, kulturelle Identität, Improvisation und die verbindende Kraft der Musik

Alexandra Ivanova
Alexandra Ivanova, Foto: M Tubagus Rizky

Von Jacek Brun

Drei Kontinente, 14 Konzerte und Begegnungen mit ganz unterschiedlichen musikalischen Kulturen: Für die Pianistin und Komponistin Alexandra Ivanova wurde ihre Asien- und Ozeanien-Tournee im Jahr 2026 zu weit mehr als einer Konzertreise. Gemeinsam mit ihrem Trio führte der Weg sie von Indonesien über Australien bis nach China. Dabei stellte sich immer wieder die Frage, was musikalische und kulturelle Identität eigentlich bedeutet.

Alexandra Ivanovas eigene Biografie ist von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen geprägt, die auch in ihrer Musik aufeinandertreffen. Dabei wird Improvisation zu einer Sprache, die Grenzen überschreiten kann und gleichzeitig Raum für die eigene Herkunft lässt.

Im Gespräch mit jazz-fun.de erzählt Alexandra Ivanova von prägenden Begegnungen auf ihrer Tour, von der besonderen Dynamik ihres Trios und davon, wie unterschiedlich das Publikum auf ihre Musik reagiert. Es geht um Heimat und Zugehörigkeit, um Zuhören und Vertrauen – und um die Erfahrung, dass Musik Menschen miteinander verbinden kann, lange bevor Worte es tun.

jazz-fun.de:
Alexandra, eure Tour führte Euch durch Indonesien, Australien und China – mit Konzerten in ganz unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Wenn Du heute auf diese Reise zurückblickst: Welcher Gedanke kommt Dir als Erstes in den Sinn?

Alexandra Ivanova:
Das war komplett verrückt! Während einer langen Zeit vor, während und sogar nach der Tournee fühlte sich alles sehr surreal an. Eine so weite Reise mit so vielen Konzerten zu spielen, viele davon in Städten, Clubs oder Festivals, wovon ich vor Jahren nicht gewagt hätte zu träumen - es war einfach unglaublich und so viel auf einmal! Ich habe die Erlebnisse und Erfahrungen noch einige Wochen danach auf mich wirken lassen und mittlerweile fühlt es sich ein wenig realer an, aber immer noch teils wie aus einem fantastischen Traum.

jazz-fun.de:
Viele Deiner Kompositionen beschäftigen sich mit kultureller Identität, Herkunft und dem Gefühl des Dazwischenseins. Wie hat diese Tour Deinen Blick auf diese Themen verändert?

Alexandra Ivanova:
Ich würde sagen, die Tournee hat mich in diesen Themen unglaublich bereichert. Jedes Mal, wenn wir im Rahmen unserer Konzerte über das Aufwachsen zwischen verschiedenen Kulturen sprechen, kommen Menschen mit ihren eigenen Erfahrungen zu uns und erzählen, in welcher Hinsicht sie ebenso zu dem einen oder anderen Ort, der einen oder anderen Kultur einen tiefen persönlichen Bezug verspüren, oder eine vergangene Wahlheimat, Familie oder prägende Erfahrungen haben. Ob in Changsha, Jakarta, Melbourne, Shanghai oder Peking – es fanden sich immer wieder Menschen im Publikum, die genauso mehr als eine Kultur in sich tragen und leben. Vielleicht haben sie Wurzeln aus einem Land wo sie nicht geboren oder aufgewachsen sind und suchen nach dieser Verbindung, oder aber sie haben in einem anderen Land eine bessere Zukunft gesucht, vermissen ihr Zuhause, ihre engen Freunde und Familie. Es war spannend, wie ich in verschiedenen Ländern verschieden gesehen wurde: so wurde in Indonesien besonders der Einfluss der arabischen klassischen Musik (Maqam) wahrgenommen, während sich in Australien immer wieder Menschen der bulgarischen Diaspora im Publikum fanden. In China wiederum erwarteten manche Publikumsgäste einen Bezug zu Russland – der bei oft aufgrund des Namens erwartet wird. Dort waren es insbesondere Gäste aus der Ukraine oder mit russischen Wurzeln, die mich auf meine Herkunft ansprachen und ihre Erlebnisse teilten.
Mit jedem Konzert fühle ich mich noch tiefer dazwischen – das ist ein ganz bestimmter Blickwinkel und genau dort sitze ich, so wie viele Menschen auch. Immerhin sind fast 4% der Welt Teil einer Diaspora, in Deutschland ein Drittel der Gesellschaft. Es ist nicht immer einfach, dazu zu stehen oder sich das so einzugestehen, wenn man in einer Welt aufwächst, wo erwartet wird, dass man möglichst in eine Schublade passen soll.

jazz-fun.de:
Eure Musik verbindet Einflüsse aus dem europäischen Jazz, *Maqam, bulgarischer traditioneller Musik, afro-kubanischer Musik und improvisierter Musik. Hast Du erlebt, dass Menschen in verschiedenen Ländern ganz unterschiedliche Aspekte Deiner Musik wahrgenommen haben?

Alexandra Ivanova:
Ich denke, dass Jazz und Maqam sehr universelle Improvisationssysteme sind – jeweils in ihren verschiedenen geographischen und kulturellen Bereichen, die sich natürlich auch überlappen. Es sind musikalische und improvisatorische Sprachen, die aus Jahrhunderten von kulturellen Mischungen, Eroberungen, Rückeroberungen und friedlichem Miteinander entstanden sind.

Ich würde sagen, dass in Indonesien und China besonders der Bezug zur europäischen klassischen Musik gehört wurde – etwas, was mir innerhalb von Europa gar nicht so sehr bewusst ist. Spannend war auch, dass mich brasilianische Musiker auf dem Java Jazz Festival auf den kubanischen Bezug ansprachen. Außerdem wurde in Indonesien auch der Einfluss von der arabischen klassischen Musik immer bewusst vom Publikum gehört, gewissermaßen aus der Perspektive eines östlichen Nachbars der Region Westasien und Nordafrika. In Australien wiederum war es spannend, dass insbesondere Menschen mit Wurzeln in dieser Region oder in Bulgarien sehr warmherzig auf die Arrangements von Umm Kulthoum, oder dem bulgarischen Kinderlied reagierten. Das erlebe ich immer wieder. Ich denke, dass es nicht so gewöhnlich ist, dass auf Jazz- und Klassik-Bühnen Musik dieser Kulturen/Menschen gespielt wird, und das in einem zeitgenössischen Kontext. Es fühlt sich oft so an, als ob das für die Menschen etwas ganz besonderes ist, ihre eigenen musikalischen Erinnerungen und Referenzen auf diese Art und Weise in einem neuen Licht zu sehen, oder überhaupt in einem Jazz-Kontext zu hören.

Alexandra Ivanova Trio
Alexandra Ivanova Trio, Foto: M Tubagus Rizky

jazz-fun.de:
Besonders beeindruckend wirkt, wie offen das Publikum auf Eure persönlichen Geschichten reagiert hat. Gab es Begegnungen nach den Konzerten, die Dir bis heute im Gedächtnis geblieben sind?
(Dabei kann Alexandra beispielsweise von der jungen bulgarischen Pianistin in Melbourne oder von Gesprächen in Indonesien erzählen.)

Alexandra Ivanova:
Davon gab es einige! In Melbourne zum Beispiel haben hat uns eine junge bulgarisch-abstämmige Teenagerin und angehende Pianistin herzergreifende Überraschungsbriefchen hinterlassen. Gleich bei unserer Tournee-Eröffnung im Soundtrip Studio Jakarta fand sich eine ganze Gruppe von jungen Unternehmer:innen aus verschiedensten Kulturen, die selbst ihren Bezug zur indonesischen Kultur ihrer Eltern suchen und davon erzählten. Generell wird ja immer erwartet, man soll alles von seiner DNA-Kultur kennen. Wenn man jedoch anderswo sozialisiert ist, dann ist man für die Blutsverwandten Ausländer und für die, wo man aufgewachsen ist gewissermaßen auch. Das erleben die meisten Menschen, die Teil einer Diaspora sind. Ganz rührend war auch eine Dame in Shanghai, die meinte, sie wäre mit viel Vorbelastung ins Konzert gekommen und habe – so wie es für uns auch passierte – im Laufe des Konzerts eine gewisse Erdung und Beruhigung durch die Musik erfahren. Solche Momente sind wie Juwelen, die noch lange Kraft spenden. Oder ein ekstatischer Zuhörer in Sydney: „Ich habe auf social media gescrollt und kurz bevor ich schon fast am Einschlafen war, sehe ich: eine bulgarisch-abstämmige Pianistin?! Jetzt sitze ich hier und höre Stücke aus meiner Kindheit gespielt von einem Trio aus Österrich und Deutschland in Jazz Improvisation in Marrickville Sydney?! Das gibt es doch gar nicht!!!“

jazz-fun.de:
In Melbourne entstand mit Sunny Kim ein ganz besonderes Konzert, obwohl ihr vorher noch nie gemeinsam auf einer Bühne gestanden hattet. Was hat diese Zusammenarbeit für Dich so besonders gemacht?
(Auch die australische Rezension hebt genau diese außergewöhnliche musikalische Verbindung hervor.)

Alexandra Ivanova:
Ich habe Sunny Kim als Mentorin und Faculty auf der Banff Residency in Kanada kennengelernt und unser allererstes Gespräch dauerte mehrere Stunden. Es war so, als ob ich eine Schwester oder Seelenverwandte traf, die sich genauso zu keiner und zu vielen Kulturen zugehörig fühlt. Wir haben sehr lange darüber geredet. Die Zusammenarbeit mit ihr war wirklich ein Traum, weil es sich eben so wie Familie angefühlt hat: das Zusammenspiel war von viel Empathie und ihrem Improvisationsansatz in Deep Listening geprägt. Sie brachte eigene Kompositionen mit, die auf Gedichten basieren. Erstmalig erklang auch Stimme zu zwei meiner Kompositionen (Nostalgia und Awakening), die wir bisher immer nur instrumental gespielt haben – das war wirklich ganz besonders und hat sich gleichzeitig vollkommen natürlich angefühlt. Ich denke, was uns mit Sunny verbindet, ist, dass wir tiefgründige Themen und Verletzlichkeiten miteinander teilen. Ihre Verbindung mit dem Trio, mit Judith und Axel, war genauso unmittelbar, sodass wir gemeinsam sehr frei und feinfühlig aufeinander eingehen, Dinge riskieren und ausprobieren konnten. Vor dem Konzert haben wir gemeinsam ein paar tiefe Atemzüge genommen – die musikalische Verbindung danach war einfach magisch!

jazz-fun.de:
Improvisation spielt in Deiner Musik eine zentrale Rolle. Hat sich das gemeinsame Musizieren während einer so langen Tournee verändert? Ist das Trio unterwegs noch enger zusammengewachsen?

Alexandra Ivanova:
Auf jeden Fall. Wir sind ja einen Monat lang gemeinsam durch viele verschiedene Welten gereist und haben Herausforderungen gemeistert, intensive Erlebnisse, verschiedenstes Essen und Eindrücke geteilt. Schon das erste Tourneekonzert gemeinsam war sehr entspannt. Danach haben wir gescherzt und uns gefragt, wie das dann wohl beim letzten sein würde. Im Laufe der Tournee haben sich Judith und Axel immer mehr mit eigenen Ideen eingebracht und wir haben viel Neues gemeinsam ausprobiert, auch experimentiert. Insbesondere in Sachen freier Improvisation habe ich auch einiges von ihrer Erfahrung lernen können. Am spannendsten war unsere gemeinsame Erkenntnis am Ende der Tournee: Auch nach 14 Konzerten wurde es bis zuletzt nicht langweilig und die Musik klang immer noch genauso lebendig, entwickelte sich mit jedem Konzert weiter!

jazz-fun.de:
Deine Musik versteht Improvisation als einen demokratischen Raum, in dem unterschiedliche musikalische Traditionen miteinander in Dialog treten. Hast Du auf dieser Reise erlebt, dass dieses Konzept auch vom Publikum unmittelbar verstanden wurde?

Alexandra Ivanova:
Ich denke, man muss das gesamte Konzept nicht unbedingt auf Kopfebene verstehen, um emotional von der Musik berührt zu werden. Mir ist wichtig, dass in unserem Ansatz keine einzelne Tradition oder kein einzelnes System die „Oberhand“ hat und die anderen als exotisch (ab)wertet. Viel mehr bewegen wir uns musikalisch in einem Zwischenraum, wo wir ständig verschiedene teils widersprüchliche Traditionen, Regeln, Systeme gleichberechtigt miteinander verhandeln – genau dadurch entstehen musikalisch interessante Konversationen und Kompromisse. Ganz oft hat das Publikum in verschiedenen Orten eben ganz unterschiedliche Puzzleteile verstanden oder wahrgenommen – jeweils die Teile, die ihnen bekannt sind. Hat man zu mehr als einer Musik/Kultur einen engen Bezug, dann spricht man auch auf mehrere Facetten gleichzeitig an. Es besteht also immer eine Mischung aus Vertrautem und Fremden, bloß die Proportion des einen zum anderen ist für jeden Zuhörer individuell anders, aber viele Menschen erleben die Musik auch als etwas, das einfach in einem Zwischenraum entstanden ist und nicht genau eingeordnet werden kann.

jazz-fun.de:
Die Konzerte fanden in sehr unterschiedlichen Räumen statt – vom Jazzclub über Festivals bis hin zu kulturellen Institutionen. Verändert ein Raum die Art und Weise, wie Du spielst oder Musik wahrnimmst?

Alexandra Ivanova:
Auf dieser Tournee gab es natürlich jede Menge Einflüsse, die auf uns gewirkt haben. Insbesondere, was in den Tagen, Stunden oder Minuten vor dem Konzert so passiert ist. Die Intensität der Konzerte verändert sich denke ich nicht von Raum zu Raum – wir bringen diese quasi mit auf die Bühne, egal wie groß oder klein. Natürlich kann es manchmal sein, dass es technisch mehr oder weniger Ablenkungen von Monitoring oder Sound gibt, das kann bei so vielen verschiedenen Konzerten schon gewöhnungsbedürftig sein, da wir immerhin gerne einen akustischen Sound suchen. Man gewöhnt sich aber schnell daran, mit allen möglichen Gegebenheiten zu arbeiten. Viel mehr als der Raum wirkt eigentlich die Publikumsenergie darauf, wie ich Musik spiele oder wahrnehme. So war es zum Beispiel auf Java Jazz vor knapp 800 Leuten eine erstmalige Erfahrung, sich auf einer so großen Festivalbühne wie in einem intimen Jazzclub zu fühlen. Bloß ein Satz gebrochenes Indonesisch hat gereicht und das Publikum war sofort vom ersten Stück an für uns gewonnen!

jazz-fun.de:
Auffällig war, wie viele junge Menschen Eure Konzerte besucht haben – besonders in Indonesien und China. Welche Eindrücke hast Du von der jungen Jazzszene in diesen Ländern mitgenommen?

Alexandra Ivanova:
Es war wirklich erfrischend, so viele junge Menschen, in Indonesien auch insbesondere einen Großteil an jungen Frauen im Publikum zu sehen. Dort, insbesondere in Jakarta, gilt westliche Musik gewissermaßen als Rarität, da die Stadt selbst nicht so viel Tourismus anzieht. Auch Frauen, Instrumentalistinnen und Komponistinnen auf der Bühne sind nicht immer Gang und Gebe. In diesem Sinne gab es nach dem Konzert der „European Jazz Night“ im Institut francais Jakarta einen großen Andrang für Fotos und Gespräche, wo besonders viele Frauen auf uns zukamen und großzügiges Feedback teilten. In China gilt Jazz, durch den nordamerikanischen Bezug, als historisch junges Genre, das besonders unter jungen Leuten als „Underground Kultur“ gelebt wird. Es ist also unter jungen Leuten „cool“ in den Jazzclub zu gehen, mit Freunden oder für Dates.
Generell war das junge Publikum sehr neugierig und durstig nach neuer improvisierter Musik. Es waren immer wieder auch viele junge Musiker oder Studenten unter den Gästen, die uns detaillierte Fragen zu Harmonie, Improvisation oder Komposition stellten – ich denke, gewissermaßen sehen sie sich in uns wieder.

Alexandra Ivanova Trio
Alexandra Ivanova Trio, Foto: M Tubagus Rizky

jazz-fun.de:
Während der Tour hast Du Menschen mit ganz unterschiedlichen kulturellen Hintergründen erreicht. Gibt es einen Moment, in dem Dir besonders bewusst wurde, dass Musik tatsächlich sprachliche und kulturelle Grenzen überwinden kann?

Alexandra Ivanova:
Diese Grenzen gibt es eigentlich nicht – sie sind ein rationales Konstrukt, das viel jünger ist als die universelle Kraft der Musik. Mit Worten, Theorien, Konzepten und Ländern haben wir diese Grenzen erfunden, sie sind und bleiben aber eine menschliche Erfindung. Die Musik hingegen berührt seit Urzeiten auf eine ganz natürliche, physiologische Art und Weise unsere Emotionen. In ihr gibt es keine Grenzen, sondern nur Verbundenheit und mehr oder weniger große Verwandtschaft (zB zwischen bulgarischer und arabischer Musik, oder aber zwischen synkopierten Rhythmen in der afrokubanischen Musik und den ebenso im Tanz verwurzelten ungeraden Takten des Balkans). Insbesondere in China spürte ich oft, zB beim Montreux Jazz Festival China wo viele Familien mit Kindern im Publikum waren, dass dort, wo die Worte nicht reichen ein gemeinsames Erleben durch die Musik passiert und uns emotional miteinander verbindet.

jazz-fun.de:
Zwischen den Konzerten blieb sicher auch Zeit, Städte, Menschen und Kulturen kennenzulernen. Gab es einen Ort oder eine Begegnung, die Deine Kreativität besonders angeregt hat?

Alexandra Ivanova:
Ich bin immer sehr von der Natur und verschiedenen Landschaften inspiriert. So waren für mich besonders die Vögel in Merimbula sehr eindrucksvoll: neben riesigen Pelikanen, die wir zum ersten Mal in Echt sahen, gab es mitten auf der Promenade auch einen großen Baum, in dem über 200 weiße Kakadus schliefen. In China hatte ich zwischen den Konzerten ein paar Tage Zeit einen Naturpark im Inland zu erkunden. Dort waren nicht nur die besonders vertikal geformten Berglandschaften (Quarzsandsteinsäulen) eindrucksvoll, sondern auch ein Ort, wo ich mit der Kultur der Tujia, einer ethnischen Minderheit, in Kontakt kam. Plötzlich fühlte ich eine tiefe Verbundenheit zur möglichen asiatischen Urwurzeln bulgarischer Völker: die Trachten, aber auch die Blasinstrumente und die besondere Art und Weise Melodien anzustimmen und zu verzieren. In den Bergen hallte irgendwo diese Musik und ich konnte es mir nicht ausreden, dass ich – so weit ich auch wegreise von dem, was ich kenne – wohl immer etwas Vertrautes finden werde, eine tiefe Resonanz mit einer Urverwandtschaft.

Alexandra Ivanova Trio on Tour
Alexandra Ivanova Trio on Tour, Foto: M Tubagus Rizky

jazz-fun.de:
Einige der neuen Stücke deuten bereits eine musikalische Weiterentwicklung an. Hat diese Reise neue Ideen oder Kompositionen angestoßen, die vielleicht auf einem zukünftigen Album zu hören sein werden?

Alexandra Ivanova:
Auf jeden Fall. Schon im Rahmen der Reise wurde ein neues Stück quasi auf der Bühne „geboren“. Ich hatte es kurz davor fertiggestellt und erst im Laufe der Tournee nahm es seine volle Form an. Es war spannend, dass es tatsächlich auch durch die Ansprachen und die Kontextualisierung, die quasi zeitgleich adhoc mit der Prämiere stattfinden mussten, ein richtiges Eigenleben bekam. Es geht in vielen meiner kommenden Stücke um die Verbindung zu meinen bulgarischen Großeltern, meiner Kindheit und meinen Ahnen. Auf der Tournee habe ich neue Dinge gewagt, und ich bin froh, dass viele Einflüsse davon in meiner Musik festgehalten werden. Ich bin gerade auch intensiv am Komponieren und finde in vielen meiner Stücke eine Art Zuflucht, die ich mit mir auf der ganzen Welt dabeihaben kann. Je weiter ich reise umso tiefer wird mir bewusst, dass die größte Reise in einem selbst stattfindet.

jazz-fun.de:
Du hast in kurzer Zeit auf drei Kontinenten vor sehr unterschiedlichen Publika gespielt. Gibt es etwas, das alle diese Menschen trotz ihrer kulturellen Unterschiede miteinander verbunden hat?

Alexandra Ivanova:
Ich denke, sie waren immer sehr sehr offen, auch wenn sie sehr unterschiedlich waren. Insbesondere durch das Storytelling, was ein selbständiger Bestandteil unserer Performance ist, waren sehr viele Menschen berührt – dieses Feedback bekommen wir immer wieder von ganz verschiedenen Ecken. Ich denke auch, dass die emotionale Verletzlichkeit, die wir auf der Bühne mitbringen, etwas ganz Besonderes bewirkt – sie ist wie ein Schlüssel zu den Herzen und Seelen der Menschen, die nach dem Konzert tief gerührt zu uns kommen und ihre eigenen Geschichten teilen.

jazz-fun.de:
Nach einer so intensiven Tournee: Was nimmst Du persönlich als wichtigste Erfahrung mit – nicht nur als Musikerin, sondern auch als Mensch?

Alexandra Ivanova:
Es war spannend zu verstehen, dass sich meine Befürchtung nicht verwirklicht hat. Ich dachte, dass ich nach einer so langen Tournee den ständigen Wechsel der Schlaforte leid sein würde. Das war aber gar nicht so. Viel mehr hat sich für mich herausgestellt, dass ich noch viel länger unterwegs sein könnte. Ich fühlte mich am Ende der Tournee irgendwie vollkommen in meinem Element. Allerdings muss ich nächstes Mal auch eine verhältnismäßig lange Pause danach einplanen, um mich wirklich erholen zu können. Die vielleicht wichtigste Erfahrung war aber, dass alles mit den Menschen beginnt und endet. Es ist unglaublich wichtig, mit wem man unterwegs ist, und mit welchen Menschen man sich umgibt: das ist das Um und Auf! Ich war sehr froh, dass Judith und Axel im Trio so unterstützend, wertschätzend und verständnisvoll waren.

jazz-fun.de:
Wenn Du die Asien- und Ozeanien-Tour 2026 in einem einzigen musikalischen Bild oder Klang beschreiben müsstest – wie würde dieser klingen?

Alexandra Ivanova:
Das ist eine spannende Frage! Es hätte bestimmt die schillernde Qualität der Gamelan Textur mit ihren dicht unterlagerten Ebenen und Eindrücken, dazu die Melancholie bulgarischer und arabischer Skalen/Maqams („longing“) und die Vertrautheit, die sie mitbringen. Bestimmt auch eine gute Dosis Improvisation und ungerader Rhythmen, wie die unerwarteten Überraschungen, auf die immer man vorbereitet sein muss. Nach einer großen Suite oder Kadenz in Moll/Dur zugleich (so wie das in diesen Maqam Skalen eben der Fall ist) und einer großen Spannung folgt dann die Auflösung à la Bach - doch nach Dur - und endet mit einem offenen Akkord, der das nächste noch nicht verrät!

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Über den Autor

Jacek Brun ist Gründer und Herausgeber von jazz-fun.de sowie seit vielen Jahren als Journalist, Fotograf und Jazzförderer aktiv. Sein Netzwerk reicht von Künstlern und Festivals bis zu Medienpartnern in ganz Europa.

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