Vom Weglassen zum Wesentlichen: Christian Krischkowsky über „Discovery of Lightness“

Christian Krischkowsky Quartet
Christian Krischkowsky Quartet, Foto: Nicole Müller

Mit „Discovery of Lightness“ legt das Krischkowsky Quartet ein Album vor, das von Reduktion, Aufmerksamkeit und innerer Klarheit erzählt. Schlagzeuger und Komponist Christian Krischkowsky spricht im Interview über Leichtigkeit als Haltung, über das bewusste Weglassen, über Intimität im Ensembleklang und über eine Band, die seit fast zehn Jahren gemeinsam wächst. Ein Gespräch über Vertrauen, Raum, poetische Klangbilder und die Kunst, zum musikalischen Kern vorzudringen.

Peter Ehwald - tenor sax
Marc Schmolling - piano
Roland Fidezius - double bass
Christian Krischkowsky - drums

jazz-fun.de:
Christian, der Titel „Discovery of Lightness“ klingt wie eine künstlerische und persönliche Suche zugleich. Was bedeutet „Leichtigkeit“ für dich – musikalisch und menschlich?

Christian Krischkowsky:
In erster Linie hat der Titel eher eine menschliche Bedeutung, ist aber auch ein persönliches Motto für mich selbst, die Augen offen zu halten und zu spüren was unnötiger Ballast ist und wo man Dinge vereinfachen oder weglassen kann. In welchen Situationen fühlt man vielleicht zu viel, lässt sich von zu vielen Informationen und Eindrücken unserer komplexen Welt verwirren und verliert dadurch auch sehr leicht das Wesentliche für sich selbst aus den Augen. Dieses persönliche Motiv überträgt sich aber auch auf die Musik. (Wahrscheinlich passiert das dann ganz von selbst) Entgegen dem was man vielleicht erwarten würde bei diesem Albumtitel, haben uns diese neuen Stücke vergleichsweise zu früheren Programmen bisher am meisten herausgefordert, um das Wesentliche herauszuarbeiten und zum musikalischen Kern vorzudringen. Von daher war der Titel „Discovery of Lightness“ auch für uns als Band ein allerdings eher unbewusst musikalisches Leitmotiv beim Entstehungsprozess des Albums.

jazz-fun.de:
Deine Kompositionen sind anspruchsvoll, wirken aber nie verkopft. Wie findest du beim Schreiben die Balance zwischen struktureller Tiefe und dieser natürlichen, fließenden Klarheit?

Christian Krischkowsky:
Grundsätzlich verbinde ich beim komponieren sehr oft rhythmische Ideen und Strukturen  mit meinem Hang zur Melodie und Harmonie. Gleichzeitig möchte ich auch musikalische Atmosphäre schaffen. Das Besondere ist diesmal, daß sich Komposition und Improvisation noch mehr vermischen und teilweise parallel miteinander verlaufen. Die Grenzen sind fließend. Die neuen Stücke sind (auch dadurch) zwar komplex, haben manchmal aber nur eine einzige rhythmische Grundidee, die verschieden interpretiert als roter Faden  durch die Kompositionen führt wie z.B bei „Green“ oder „Wintermensch“ . Also eigentlich ein  einfacher Kerngedanke, der sicherlich auch die „Natürlichkeit“ der Musik unterstützt. Außerdem habe ich das Handwerk Komponieren nicht im herkömmlichen Sinne gelernt bzw. studiert und gehe schon immer eher intuitiv ans Erfinden von Musik heran. Zudem nehme ich mir Zeit für den Entstehungsprozess und benötige immer wieder geistigen Abstand, um auch hier den Blick auf das Wesentliche zu behalten. Am Ende entscheidet auf jeden Fall immer mein Bauchgefühl, was dann als Grundlage für die Arbeit mit unserer Band auf dem Papier steht.

jazz-fun.de:
Der Ensembleklang ist zentral für dieses Album. Was macht für dich die besondere Chemie zwischen Peter Ehwald, Marc Schmolling, Roland Fidezius und dir aus?

Christian Krischkowsky:
Obwohl diesmal die Arrangements als musikalische Grundlage relativ viel vorgeben, gibt es letztlich großen Freiraum für Peter, Marc und Roland und alle bringen ihre Ideen und ihre eigene musikalische Persönlichkeit mit ein. Marc z.B spielt viel freie Musik, ist aber gleichzeitig auch sehr verwurzelt in der Jazztradition. So ist jeder von uns individuell musikalisch geprägt, und das alles kann und soll mit einfließen. Erst durch unsere  Arbeit im Quartett an den neuen Sachen, bei der manches ausprobiert,“ über den Haufen geworfen“ und verändert wird, werden die  Kompositionen in der Gemeinschaft „zum Leben erweckt“ und jeder von uns bekommt mit der Zeit seinen eigenen Zugang zu den Stücken, was letztlich dann vermutlich unseren individuellen Ensembleklang hervorbringt.

jazz-fun.de:
Du hast früher lauter und kraftvoller gespielt – heute hört man viel Intimität, Feinheit und Raum in deinem Schlagzeugspiel. Welche Entwicklung liegt dahinter?

Christian Krischkowsky:
Da meine musikalischen Wurzeln auch als Schlagzeuger in der Rock und Popmusik liegen, habe ich früher wohl auch lauter und kraftvoller getrommelt als heute. Außerdem waren die Bands damals schon aufgrund der Musik deutlich lauter als die meisten Bands in denen ich heute trommle. In einigen aktuellen Besetzungen spielen wir live nahezu komplett akustisch, d.h ich muss alleine deswegen schon leiser spielen, um meine Mitmusiker:Innen gut zu hören und interaktiv sein zu können. Außerdem habe ich im Laufe der Zeit bemerkt, wie sehr ich mit meiner Dynamik Einfluss auf die gesamte musikalische Atmosphäre nehmen kann und sich dadurch auch die Möglichkeit ergibt neue Räume zu öffnen für den Gesamtklang einer Band.

jazz-fun.de:
Viele Stücke wirken fast poetisch, mit weichen Klangflächen und lyrischen Bögen. Denkst du beim Komponieren in Farben, Bildern oder Stimmungen?

Christian Krischkowsky:
Die Inspirationen sind unterschiedlich und oft entstehen bestimmte Bilder oder Stimmungen auch erst während des Komponierens. Manchmal sind es aber auch besondere Erlebnisse, die in die Musik einfließen, wie z.B ein „Kirchenglocken-Konzert“ , das ich an einem Ostersonntag in einem italienischen Bergdorf erlebt habe. Alle Kirchen der kleinen Dörfer am Berghang und auch im Tal haben irgendwann gleichzeitig ihre eigenen kleinen Melodien geläutet, was durch das Natur-Echo oben am Berg dann als wunderschöne Kakophonie (im positiven Sinne!) zu hören war. Diesen Einfluss hört man in dem freien Stück „Livo Bells“ und in Teilen von „Origami Turtles“.

jazz-fun.de:
Die Band existiert seit fast zehn Jahren – eine lange Zeit in der heutigen Jazzszene. Wie hat sich euer gemeinsamer Sound über diese Jahre verändert?

Christian Krischkowsky:
Ja wir spielen jetzt tatsächlich schon 10 Jahre in dieser Besetzung zusammen, und mit Marc mache ich sogar schon seit über 20 Jahren Musik. „Discovery Of Lightness“ ist unser drittes gemeinsames Quartett Album, und wir sind uns im Laufe der Zeit immer vertrauter geworden sowohl musikalisch als auch menschlich. Die Stücke werden bei jedem Konzert neu aus dem Moment heraus entwickelt und die Sache bleibt immer spannend und fordert jedes mal aufs neue unsere Aufmerksamkeit. Jeder weiß inzwischen wie der andere „tickt“, übernimmt Initiative und bringt seine Persönlichkeit ein, die sich natürlich bei jedem Einzelnen im Laufe der Zeit auch außerhalb dieser Band weiterentwickelt hat. Wir haben Vertrauen ineinander und sind inzwischen einfach sehr gut aufeinander eingespielt. Das ist eigentlich der wesentliche Kernpunkt der Entwicklung unseres Bandsounds. Ich fühle mich enorm wohl in dieser Band!

jazz-fun.de:
Peter Ehwalds Klangfarbenpalette – vom Tenor bis zum Tárogató – verleiht dem Album besondere Tiefe. Wie beziehst du diese instrumentale Vielfalt in deine Kompositionen ein?

Christian Krischkowsky:
Ja, Peter bereichert mit seinen vielfältigen Klangmöglichkeiten seiner verschiedenen Instrumente, und seiner intensiven Spielweise enorm unseren Sound. Manchmal habe ich schon vorab eine bestimmte Klangfarbe im Ohr, aber sehr oft schlägt Peter auch etwas vor. Z.B bei  „Urbino“, wo er zum ersten mal bei uns die Klarinette einsetzt. Eine tolle Idee, weil dieser Klang die besondere Atmosphäre dieser Komposition noch mehr hervorhebt. Ebenso war das bei „Green“ ,wo Peter Tárogató spielt. Inzwischen kann ich mir auch den Namen dieses schönen Instruments merken und weiß, daß dieses ungarisches Holzblasinstrument (einfach erklärt) eine Mischung aus Klarinette und Sopransaxophon ist. Ein schöner warmer Klang.

jazz-fun.de:
Pop und Rock waren frühe Einflüsse deiner musikalischen Entwicklung. In welcher Form tauchen diese Einflüsse heute noch in deinem Spiel oder deinen Kompositionen auf?

Christian Krischkowsky:
Ich höre immer noch sehr gerne Popmusik oder andere Genres, aber bei diesem Album sind diese Einflüsse wenn dann eher unterbewusst und fließen nur indirekt mit ein, z.B scheue ich mich nicht davor auch mal einfache Harmoniefolgen mit wenig Akkorden zu verwenden, wie das ja auch manchmal in der Popmusik zu hören ist. Wichtig ist mir hauptsächlich, ob damit  musikalisch etwas transportiert wird. Bei unserem Titelstück „Discovery Of Lightness“ z.B sind zumindest im ersten Teil eigentlich nur drei einfache Akkorde zu hören, die wiederholt werden. Das bekommt zusammen mit mit dem holprigen Grundbeat etwas hypnotisches. Mit diesen „wackligen“, vom HipHop inspirierten Grooves beschäftige ich mich schon länger am Schlagzeug und das fließt immer wieder auch in meine Kompositionen ein.

jazz-fun.de:
Du hast das Album mit der Band über längere Zeit erarbeitet und sogar unverstärkte, sehr intime Konzert-Setups ausprobiert. Wie verändern solche Erfahrungen den Studiomoment?

Christian Krischkowsky:
Ja, ich bin immer wieder nach Berlin gefahren und wir haben uns das neue Programm über ca. 1 Jahr hinweg im Proberaum, bei einzelnen Konzerten und auf Tour gemeinsam erarbeitet. Wenn es der jeweilige Raum zulässt, dann spielen wir liebsten fast ausschließlich ganz akustisch. Also bis auf den Kontrabass wird kein Instrument zusätzlich verstärkt.Wir sitzen bzw. stehen dann auch relativ nahe beisammen und können so direkt und feinsinnig aufeinander reagieren.

Im Studio machen wir es ähnlich. Während wir z.B unser erstes Album „Digital Immigrant“ noch mit räumlicher Trennung aufgenommen haben, sind wir inzwischen viel lieber zusammen in einem Raum beim Aufnehmen, um eine ähnlich intime Atmosphäre herzustellen wie live, in der wir noch direkter musikalisch miteinander kommunizieren können. Das funktioniert aber auch nur deswegen, weil wir uns die relativ komplexe Musik im Vorfeld gemeinsam erarbeitet haben und uns inzwischen wie gesagt musikalisch schon gut kennen. Diese Art Aufzunehmen ist weniger perfektionistisch, transportiert dafür aber vielleicht etwas mehr Wärme und individuellen Bandklang, was man dann später möglicherweise auch beim Anhören spürt.

jazz-fun.de:
Du lebst bewusst abseits der großen Jazzmetropolen. Welche Rolle spielt dieser räumliche Abstand für deine Kreativität und deinen künstlerischen Fokus?

Christian Krischkowsky:
Auf der einen Seite vermisse ich es schon manchmal nicht auch dort zu leben, wo sich viele Dinge am Puls der Zeit entwickeln, so wie meine Quartettkollegen, die alle drei in Berlin wohnen.  Ich bin sehr gerne in größeren Städten und genieße auch den anderen, etwas schnelleren Rhythmus. Das kulturelle Programm und die Musik, die dort passiert inspiriert mich sehr. In Städten wie Berlin oder Köln hätte ich viele musikalisch Gleichgesinnte in meiner direkten Umgebung und bestimmt würden auch neue Projekte dadurch entstehen. Auf der anderen Seite merke ich immer mehr, daß ich einfach kein Großstadtmensch bin und auch die Ruhe der Natur in meiner Umgebung brauche, um Kraft zu tanken für mich selbst und auch für meine Arbeit. Ich liebe z.B die Landschaft der Schwäbischen Alb, die fast direkt vor meiner Haustür liegt. Dort ein bisschen herumzuwandern ist wie ein kurzer Urlaub für mich und man bekommt wieder neue Gedanken und Ideen, was abgesehen vom persönlichen Wohlfühlaspekt natürlich auch meiner Kreativität zugute kommt. Denn vor allem das Komponieren ist ein intensiver Prozess für mich, bei dem ich Ruhe und Zeit brauche und ich mich auch nicht zu sehr ablenken lassen möchte.

Letztlich brauche ich beides und freue mich, wenn ich durch meine Projekte immer wieder in die „Jazzmetropolen“ reisen und mich inspirieren lassen kann, und genieße dann auch wieder das etwas beschaulichere Leben zuhause in Ulm.

jazz-fun.de:
Viele Hörer:innen beschreiben das Album als warm, weit und erzählerisch. Was wünschst du dir, dass Menschen empfinden, wenn sie „Discovery of Lightness“ hören?

Christian Krischkowsky:
Natürlich würde ich mir wünschen, dass wir es schaffen die Menschen mit unserer Musik zu berühren. Besonders schön wäre es, wenn unsere Stücke bei den Hörer:innen ein Eigenleben entwickeln und vielleicht eigene Gedanken, Bilder, kleine Geschichten oder andere Assoziationen hervorbringen, und dadurch eine persönliche, ganz individuelle Verbindung mit der Musik entsteht.

jazz-fun.de:
Die Band ist eine echte working band. Was möchtest du mit diesem Quartett in Zukunft noch erforschen – klanglich, kompositorisch oder in neuen Konstellationen?

Christian Krischkowsky:
Diese Band ist in jeder Hinsicht ein Geschenk für mich und ich möchte unbedingt weiter machen  mit Peter, Marc und Roland und weitererhin gemeinsam an unserer Musik und neuen Ideen arbeiten. Sehr gerne würde ich irgendwann einmal ein Livealbum mit dem Quartett aufnehmen, da sich auch vorallem ältere Stücke im Laufe der Zeit Live nochmals deutlich weiterentwickelt haben. Vielleicht schreibe ich auch irgendwann weitere eigenen Quartett Versionen von Thelonious Monk Stücken und wir verbinden dann beides und nehmen ein Livealbum auf mit Monk Kompositionen und  Monk-artigen Stücken. Wir haben ja bereits meine beiden Monk Arrangements von Evidence“ und „I mean you“ aufgenommen für unsere ersten beiden Alben. Das sind aber alles erst einmal Gedanken für die Zukunft und es gibt noch keine konkreten Pläne. Im Moment beginne ich mich mit Ideen für ein anderes neues musikalischen Projekt zu beschäftigen und freue mich vorallem jetzt erst einmal auf weitere Release Konzerte mit dem Quartett. Im April sind wir wieder auf Tour!

Vielen Dank lieber Jacek für dein Interesse an unserer Musik!

jazz-fun.de:
Vielen Dank Christian für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Nicole Müller

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