Der luxemburgische Gitarrist und Komponist über Emotion, Erinnerung und die Kunst, Big Band-Jazz mit persönlicher Tiefe zu verbinden.

Gilles Grethen
Gilles Grethen, Foto: Emile Mentz

Mit „Nostalgie“ präsentiert Gilles Grethen ein außergewöhnlich persönliches Album, das orchestrale Weite und intime Emotionen miteinander verbindet. Im Interview spricht der luxemburgische Gitarrist und Komponist über seine Inspirationen, die Arbeit mit der Big Band, über Erinnerungen, Freundschaften und die Kunst, Gefühle in Klang zu verwandeln.

jazz-fun.de:
Gilles, dein neues Album trägt den Titel „Nostalgie“. Was verstehst du unter diesem Begriff – und wie spiegelt er sich konkret in der Musik dieses Projekts wider?

Gilles Grethen:
Nostalgie ist für mich ein sehr positives Gefühl, und ich verbinde damit alte, schöne Erinnerungen. Ich habe für das Album auf mein bisheriges Leben zurückgeschaut und wichtigen Personen, Orten oder Erfahrungen einen Song geschrieben. Es ist also ein sehr persönliches Album mit vielen Emotionen und Rückblicken auf mein Leben.

jazz-fun.de:
Du leitest eine Big Band voller Klangfarben und orchestraler Energie – wie kam es zur Entscheidung, dieses Projekt in großer Besetzung umzusetzen, und was hat dich daran gereizt?

Gilles Grethen:
Es hat mich immer schon sehr gereizt, für Big Band zu schreiben. Als ich ganz jung war und noch klassische Musik gemacht habe, hörte ich immer wieder in CDs von meinem Vater rein, z. B. Count Basie Orchestra oder Ella Fitzgerald mit Count Basie. Da hat sich der Jazz langsam, aber sicher in mein Herz geschlossen – und so natürlich auch die Big Band. Später erst habe ich dann Thad Jones & Mel Lewis, Kenny Clarke & Francis Boland, Maria Schneider und Darcy James Argue entdeckt, um nur ein paar zu nennen, die mich beeinflusst haben. Es war also nur eine Frage der Zeit, wann ich mein erstes Big-Band-Projekt angehe.

jazz-fun.de:
In der Rezension heißt es: „Die Musik ist abwechslungsreich, stilistisch offen und dabei stets klar in ihrer narrativen Linie.“ Wie wichtig ist dir diese erzählerische Qualität – und wie gehst du beim Komponieren damit um?

Gilles Grethen:
Mir ist es vor allem wichtig, Emotionen zu transportieren und Gedanken anzuregen. Ob diese Gefühle und Gedanken die sind, die ich auch gemeint habe oder ganz andere, ist mir eigentlich nicht so wichtig – auch wenn es jemandem gar nicht gefällt. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass es in einem Menschen gar nichts auslöst.

jazz-fun.de:
Viele Stücke des Albums beziehen sich auf Orte oder Menschen aus deinem Leben („Bryant Park“, „Old Friends“). Welche Rolle spielt Erinnerung für deine Musik – und wie wählst du solche Referenzen aus?

Gilles Grethen:
Genau, alle Stücke beziehen sich auf Personen oder Orte. „Old Friends“ bezieht sich auf meine ältesten und besten Freunde aus meiner Heimat Luxemburg. Solche Freundschaften werden nie vergehen, egal wie weit man weg wohnt und wie selten man sich sieht. „Bryant Park“ ist ein Park in New York (zwischen 40th/42nd Street und 5th/6th Avenue). Ich habe dort oft gesessen und die ganz besondere Atmosphäre genossen. Dort ist auch die Idee für dieses Album entstanden und die Melodie zum Stück. „Buddy“ ist Michel Meis gewidmet, der während der Studienzeit zu einem meiner besten und engsten Freunde wurde. Außerdem spielt er Schlagzeug auf dem Album. Zu allen Stücken gibt es eine Geschichte – auf sozialen Medien werde ich bald zu allen Songs die Geschichten erzählen.

jazz-fun.de:
Du bist Gitarrist und Komponist – wie verbindest du diese beiden Rollen, wenn du eine große Ensemblebesetzung leitest und zugleich musikalisch mitgestaltest?

Gilles Grethen:
Ja, das ist sehr schwierig, und wer das Album aufmerksam hört, merkt, dass die Gitarre nicht sehr oft zu hören ist. Das liegt daran, dass ich sie selbst spiele. Die Big Band zu leiten und ein Instrument zu spielen, sind zwei verschiedene Rollen, die eigentlich beide die volle Konzentration benötigen. Deshalb habe ich auch beim Release-Konzert nicht mehr selbst Gitarre gespielt. Das Ensemble zu leiten, macht mir sehr viel Spaß, und ich kann mich dann vollständig darauf konzentrieren.

jazz-fun.de:
Orchestraler Jazz kann schnell schwer oder überfrachtet wirken – wie gelingt es dir, deine Big Band frisch, transparent und emotional zugänglich klingen zu lassen?

Gilles Grethen:
Ich habe in meiner Studienzeit sehr viele Partituren von bekannten Komponisten analysiert – und zwar nicht nur Jazz (z. B. Sammy Nestico, Thad Jones, Maria Schneider oder Darcy James Argue), sondern auch Klassik (z. B. Ravel, Mahler, Debussy, Streichquartette von Alfred Schnittke). Und zumindest eine Sache haben alle gemeinsam: Pausen. Pausen an den richtigen Stellen lassen die Musik atmen und geben dem Zuhörer Platz und Zeit, das Gehörte zu verarbeiten. Außerdem habe ich sehr viel über Orchestration gelernt: Welche Instrumente klingen gut zusammen und welchen Klang kann ich von Instrumentengruppen erwarten? Ich könnte über diese Frage wahrscheinlich mehrere Stunden Podcast aufnehmen oder viele Seiten Text füllen, aber zusammengefasst ist es wohl einfach, Platz zu lassen und – besonders im Jazz – dem Musiker Verantwortung zu geben und Improvisation zuzulassen.

jazz-fun.de:
Der Aufnahmeprozess fand im Herbst 2023 statt, der Mix und das Mastering wurden von Michael Perez Cisneros übernommen. Wie hast du die technische Seite der Produktion wahrgenommen – als Chance oder als Herausforderung?

Gilles Grethen:
Das war wirklich eine große Herausforderung! Wir hatten das Glück, in einem schönen Konzertsaal in Luxemburg (Artikuss in Zolwer) drei Tage lang arbeiten zu können. Dort haben wir dann auch aufgenommen. Der Vorteil war, dass wir klanglich sehr nah an einem Konzert sein konnten, was musikalisch sehr viel Frische und Spontanität gebracht hat. Nachteil war, dass die Aufnahmequalität nicht ideal war. Ich habe also während einiger Wochen mit Michael (in Nashville) zusammen über E-Mail und Telefon gemixt, was über die Distanz auch sehr viel Zeit in Anspruch genommen hat. Aber Michael ist wirklich ein sehr guter Tonmeister mit sehr viel Gespür dafür, was genau die Musik braucht. Und mit dem Sound, den er gezaubert hat, bin ich mehr als zufrieden.

jazz-fun.de:
„Nostalgie“ zeigt, wie groß und zugleich persönlich orchestraler Jazz klingen kann. Hast du diese beiden Ebenen – das Weite und das Intime – bewusst angelegt? Und wie findest du da die Balance?

Gilles Grethen:
Ich denke, dass diese Balance hier zwischen dem Gesamtblick auf das Leben und einzelnen Momenten stehen könnte. Bewusst habe ich dies aber nicht angelegt. Vielleicht kam es mit meiner Idee automatisch, da ich stets einzelne Erinnerungen im Kopf hatte beim Komponieren und diese dann aus der Distanz betrachtet habe – wie sie mein Leben beeinflusst und verändert haben.

jazz-fun.de:
Gibt es Stücke auf dem Album, die dir persönlich besonders am Herzen liegen oder dich beim Schreiben herausgefordert haben?

Gilles Grethen:
Alle Stücke liegen mir natürlich gleichermaßen am Herzen, gerade weil es so ein persönliches Projekt ist. „Bryant Park“ hat aber einen besonderen Platz, da es die Geburt dieser Idee und des Albums war. Vielleicht war es die besondere Atmosphäre dort oder einfach New York und die vielen Konzerte, die ich besucht hatte, und Musiker, mit denen ich dort geredet habe. Vielleicht aber auch, weil ich allein nach New York gereist war (2019) und dort auch sehr viel Zeit zum Nachdenken hatte.

jazz-fun.de:
Wie siehst du deine Rolle im aktuellen Jazzgeschehen – sowohl in Luxemburg als auch international – mit diesem Werk?

Gilles Grethen:
In Luxemburg hat das Projekt besondere Anerkennung bekommen, da es ein luxemburgisches Projekt ist und viele Musiker der luxemburgischen Jazzszene dabei sind. Da ich in Luxemburg eine Förderung für das Projekt bekommen habe, war es mir auch wichtig, die luxemburgische Jazzszene damit zu unterstützen. Viele Musiker schrecken davor zurück, ein Projekt mit größerem Ensemble zu machen, weil es viel Arbeit beim Organisieren ist, aber auch finanziell unterstützt werden muss. Ich denke, es ist wichtig, der Jazzszene zu zeigen, dass solche Projekte möglich sind.

jazz-fun.de:
Wenn jemand dein Album zum ersten Mal hört: Welche Stimmung, welche Gedanken oder Gefühle möchtest du bei den Hörer*innen auslösen?

Gilles Grethen:
Vielleicht kann die Musik auch nostalgische Gedanken beim Zuhörer auslösen. Aber wie ich vorhin schon meinte: Solange meine Musik Gefühle auslöst, ist es mir eigentlich nicht so wichtig, welche das sind. Jeder Mensch hat eigene Erfahrungen und Gefühle und somit auch verschiedene Reaktionen und Empfindungen bei der Musik.

jazz-fun.de:
Und zum Schluss: Was sind deine nächsten Pläne nach „Nostalgie“? Gibt es schon Ideen für neue Projekte, Formate oder Kollaborationen?

Gilles Grethen:
Ich werde erst mal versuchen, noch mehr Konzerte zu spielen, was in der heutigen Zeit mit einem so großen Ensemble nicht so einfach ist. Aber es gibt schon mindestens ein weiteres Konzert in der Planung für nächstes Jahr. Dann werde ich versuchen, mit bestehenden Big Bands in ganz Europa Kontakt aufzunehmen und Kollaborationen anzustreben – dass ich z. B. als Dirigent eingeladen werde und meine Stücke mit der Big Band probe und aufführe.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Album kann direkt bei Gilles Grethen bestellt werden.
Gilles Grethen Internetseite:
https://gillesgrethen.com/

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Emile Mentz

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