Wie Klang zur Erinnerung wird: Jussi Reijonen über sein außergewöhnliches Soloalbum

Jussi Reijonen
Jussi Reijonen, Foto: Ville Tanttu

Mit “Jussi Reijonen - sayr: salt | thirst” legt Jussi Reijonen ein radikal persönliches, improvisiertes Soloalbum vor – eine Reise durch Erinnerung, Klang und Identität. Auf einer einzigen Stahlsaiten-Gitarre erschafft er einen schillernden Kosmos zwischen Oud, Kora, Kantele, Bach, arabischer Musik und der Rohheit des Rock. Im Interview spricht Reijonen über seinen „memory palace of sound“, über Stille als Gegenpol zu Bewegung, über die überraschende Entstehung dieses Albums – und darüber, warum er sich mit diesem Werk bewusst ungefiltert, nackt und kompromisslos zeigt.

jazz-fun.de:
Jussi, der Titel “sayr: salt | thirst” ist sehr suggestiv. Was steckt hinter „sayr“ – und wie verbinden sich „salt“ und „thirst“ in deiner musikalischen Vision?

Jussi Reijonen:
Als ich Mitte der 1990er in Beirut lebte, öffnete mein Englischlehrer Mr. Djordjevic mir eine ganz neue Welt des kritischen und analytischen Lesens zwischen den Zeilen. Er weckte in mir eine tiefe Faszination für Worte – ihren Klang, ihre Form, ihre Bedeutungen, Konnotationen, Rhythmen, Texte und Subtexte. Ich glaube, das beeinflusst nicht nur, wie ich meine Werke betitle, sondern auch, wie ich Musik höre und wie ich mit Ebenen von „Text“ und „Subtext“ innerhalb der Musik spiele.

In diesem Sinne tragen auch meine ersten Alben un | ان und Three Seconds | Kolme Toista Titel, in denen zwei oder mehr Bedeutungen nebeneinanderstehen. Sie scheinen auf einer Ebene dasselbe in zwei Sprachen zu bezeichnen, können aber – je nach Sprache und metaphorischer Ebene – unterschiedliche Interpretationen eröffnen.

Sayr ist ein Wort aus dem Kontext arabischer Musik und bedeutet „Weg“, „Verlauf“ oder „Bewegung“. Und mit salt | thirst habe ich diese Gegenüberstellung fortgeführt, diesmal jedoch aus der poetischen Spannung eines Gegensatzes heraus, die in dieser Musik für mich erzählt wird.

jazz-fun.de:
Für dieses Album hast du ein einziges Instrument – eine Stahlsaiten-Gitarre – in einem einzigen Take aufgenommen. Wie bist du zu dieser Form gekommen?

Jussi Reijonen:
Um ehrlich zu sein: Dieses Album war ein reiner glücklicher Zufall.
Seit dem Sommer 2024 war ich auf der Suche nach neuen Keimen für Ideen, um mein nächstes Ensemblewerk zu komponieren – eine Weiterentwicklung dessen, was wir mit dem Nonett auf Three Seconds | Kolme Toista gemacht haben.

An einem Sonntagnachmittag im März spielte ich in meinem Heimstudio einige Gesten durch, die noch keinen musikalischen Inhalt hatten, improvisierte bei einer Tasse Kaffee und wollte eigentlich nur mögliche Ideen für Kompositionen festhalten. Plötzlich kam diese Musik völlig aus dem Nichts.

Die etwa 40 Minuten, die es brauchte, sie zu spielen, fühlten sich wie ein Flow-Zustand an: Ich habe nicht ein einziges Mal gezögert oder hinterfragt, sondern einfach zugelassen, dass sich etwas entfaltet. Zum Glück lief die Aufnahme. Es gibt keine Schnitte – außer dem Entfernen eines Niesers.

jazz-fun.de:
Du hast in Finnland, Jordanien, Tansania, Oman und Libanon gelebt. Wie prägt dieser multikulturelle Hintergrund deinen heutigen Sound – besonders auf diesem Soloprojekt?

Jussi Reijonen:
Ich glaube, das alles ist da drin. Ich hatte mich viel mit der Verbindung von Klang und Erinnerung beschäftigt – wie das eine das andere hervorruft, und wie daraus musikalische Formen entstehen könnten.

Irgendetwas in Klang und Resonanz einer Gibson LG-2 aus den späten 1940ern, die mir ein ehemaliger Student schenkte, hat plötzlich alles miteinander verwoben. Die Umgebungen, in denen ich aufgewachsen bin, die Menschen, die Kulturen, die Musik – alles ist darin enthalten.

jazz-fun.de:
„Sayr“ bedeutet im Arabischen „Reise“ oder „Bewegung“. Wie ist diese Idee eines Weges in der Struktur des Albums wiederzufinden – musikalisch und persönlich?

Jussi Reijonen:
In diesem Werk bezieht sich sayr auf den improvisierten Weg, den man durch ein umgekehrtes „Memory Palace“ aus Klang nimmt.
Der Gedächtnispalast oder method of loci ist ein Konzept, das mir mein Freund, der Komponist und Setar-Virtuose Nima Janmohammadi, nahegebracht hat, und das ich aus Frances A. Yates’ Buch The Art of Memory kenne.

Üblicherweise stellt man sich einen Palast mit unterschiedlichsten Räumen vor, die man so detailliert wie möglich imaginiert, und platziert Erinnerungsbilder – imagines – an bestimmten Orten. Beim gedanklichen Durchschreiten ruft jeder Ort das entsprechende Bild hervor.

Für dieses Projekt habe ich das umgekehrt angewandt:
Da ich als Kind so viel zwischen Ländern und Kulturen unterwegs war, habe ich vieles in meinem Leben – Emotionen, Erfahrungen, Umgebungen – durch Musik verarbeitet. Ich fragte mich: Könnte ich dabei eine Art klanglichen Gedächtnispalast erschaffen haben, in dem bestimmte Klänge Erinnerungen speichern?

Also wurde dieses Album letztlich ein Selbstexperiment:
Ich begann zu improvisieren, ausgehend von gestischen Zellen ohne musikalischen Inhalt („Oktave“, „linke Hand variieren“, „sprachähnlich“ usw.). Diese Zellen wurden meine musikalischen loci. Wenn ich sie improvisatorisch „besuchte“, tauchten musikalische imagines auf – Melodien, Themen, Rhythmen –, die mit meinen Erfahrungen verbunden sind.

Aus diesen Materialien entstand nach und nach ein musikalischer Weg durch den Gedächtnispalast. Dieser Weg ist sayr – was zugleich zu einer metaphorischen Rückbindung an die Bedeutung des Wortes im arabischen Maqam wird.

jazz-fun.de:
Kritiken erwähnen, dass deine Gitarre wie Oud, Kora oder Kantele klingt, obwohl du nur eine Stahlsaiten-Gitarre spielst. Wie entsteht diese klangliche Vielfalt?

Jussi Reijonen:
Ich versuche selbst noch zu verstehen, was da passiert ist. Die Resonanz dieser alten Gibson hat etwas in mir ausgelöst – Erinnerungen an Orte, Menschen, andere Saiteninstrumente. Sie hat meine Spielweise völlig verändert; besonders die Daumentechniken auf “salt: sarvi“ sind dafür ein Beispiel. Es fühlte sich an, als spiele die Musik sich selbst.

Aber natürlich steckt viel Arbeit dahinter.
Vom Sommer 2024 bis März 2025 habe ich intensiv an Tonbildung, Intonation und Kontrolle auf akustischer Gitarre und arabischer Oud gearbeitet – durch technische Übungen und improvisatorische Etüden. Besonders das extrem langsame Spielen der Laute-Suiten von J.S. Bach, mit Fokus auf exakte Stimmführung und dynamische Relationen, hat meine Kontrolle über Mehrstimmigkeit geschärft.

Das hat enorm beeinflusst, wie ich auf die entstehenden Obertonlandschaften reagiere – wie viel man mit nur ein oder zwei unabhängigen, aber kontrapunktisch verbundenen Linien andeuten kann.

Gleichzeitig stammen meine stärksten ästhetischen Impulse eher von Oud-Meistern wie Hamza el Din, Munir Bashir und Farid al Atrash, von Mahmoud Guinia, von Ran Blake, Fairuz, Umm Kulthum, Camarón de la Isla, Paco de Lucía, Ali Farka Touré und Lightnin’ Hopkins – und tief in mir auch vom rohen Rock-Spirit meiner Jugend.
Aus all dem scheine ich intuitiv die Klangsprache dieses Albums gewebt zu haben.

jazz-fun.de:
Du hast einmal gesagt: „Movement needs stillness, and stillness needs movement.“ Wie erlebst du dieses Gleichgewicht beim Spielen?

Jussi Reijonen:
Ich war sehr berührt von T.S. Eliots Four Quartets, besonders von Burnt Norton II, aus dem die Zeilen stammen:

At the still point of the turning world. Neither flesh nor fleshless;
Neither from nor towards; at the still point, there the dance is,
But neither arrest nor movement. And do not call it fixity,
Where past and future are gathered. Neither movement from nor towards,
Neither ascent nor decline. Except for the point, the still point,
There would be no dance, and there is only the dance.

Es ist die Poesie der Relativitätstheorie, oder?

In Komposition wie Improvisation ist die Leitfrage immer: „Was ist notwendig?“
Stille und Klang, Abwesenheit und Präsenz existieren nur in Relation zueinander. Alles ist Kontrapunkt.

jazz-fun.de:
Dein vorheriges Album war ein großes Ensembleprojekt. Warum jetzt dieser radikale Schritt zum Soloalbum?

Jussi Reijonen:
Ich hatte ursprünglich nicht vor, ein Soloalbum zu machen – schon gar nicht ein komplett improvisiertes. Der Plan war ein Nachfolger von Three Seconds mit dem Nonett.

Umso schöner war die Überraschung, denn ich hatte mir schon lange vorgenommen, irgendwann ein Soloalbum aufzunehmen, fühlte mich aber nie bereit.

Einen eigenen Zugang zum solistischen Spiel auf Gitarre und Oud zu finden, ohne andere zu imitieren, war über 15 Jahre lang eine große Herausforderung – technisch wie konzeptuell.

Aber die Lebensphase, in der ich mich befand, die zunehmende Selbstreflexion und meine Beziehung zu genau dieser Gitarre lenkten die Musik in diese Richtung. Ich musste einfach folgen.

Es fühlt sich enorm befreiend an, etwas so Rohes, Unbearbeitetes zu veröffentlichen. Es ist ein kleiner Protest gegen die „Instagram-gefilterte, Photoshop-polierte, autotune-glättete“ Kultur unserer Zeit: ein bewusst ungefiltertes Sein.

jazz-fun.de:
Gab es Momente – besonders im Vergleich von „salt“ und „thirst“ – die für dich transformativ waren?

Jussi Reijonen:
Ja – “salt: sarvi”. Es war der Auszug, den ich als digitale Single veröffentlicht habe.
Dort bin ich in eine für mich völlig neue Art des Gitarrenspiels hineingeraten – technisch und ästhetisch. Diese Daumentechnik, die an Flamenco angelehnt ist, klang auf meiner Gibson wie eine Mischung aus Guembri und Talking Drum.
Und die Art, wie meine unterschiedlichen Einflüsse sich darin miteinander verbinden, war ein Schlüsselmoment.

jazz-fun.de:
Wie improvisierst du, wenn es keinerlei Arrangement oder Overdubs gibt? Gibt es einen Plan – oder völliges Loslassen?

Jussi Reijonen:
Völliges Loslassen. Es gab keinen Plan, außer von den gestischen, inhaltsfreien loci auszugehen.
Danach ist es ein Aushandlungsprozess zwischen Kopf und Herz, Händen und Instrument, Klang und Stille, Resonanz, Zeit und Raum.

jazz-fun.de:
Deine Musik überschreitet Genregrenzen – Jazz, Weltmusik, Folk, sogar Klassik. Welche Rolle spielt diese Offenheit für dich?

Jussi Reijonen:
Vielleicht weil ich als Kind ständig in Situationen war, in denen ich Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede überwinden musste – wie damals in der amerikanischen Schule in Amman, ohne ein Wort Englisch oder Arabisch zu sprechen.

Ich neige als Mensch dazu, mich auf das Gemeinsame zu konzentrieren, nicht auf das Trennende. So höre ich auch Musik: All diese Genres teilen so viel – und sind zugleich wunderbare, eigenständige Welten.

Ich verstehe Musikmachen als erzählerischen Akt: Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu einem kohärenten Narrativ zu verweben.

jazz-fun.de:
Was wünschst du dir, dass Hörer:innen fühlen oder mitnehmen, wenn sie dieses Album in einem stillen Moment hören?

Jussi Reijonen:
Das ist ein Raum, in den ich keinen Zutritt habe und auch keinen Anspruch darauf.
Wie jemand hört, fühlt und reagiert, gehört allein dieser Person.
Mich fasziniert diese Vielfalt an Interpretationen, und ich schätze sie sehr.

jazz-fun.de:
Wie könnte der „sayr“-Weg weitergehen – mit anderen Instrumenten, live oder in neuen Besetzungen?

Jussi Reijonen:
Sayr wird parallel zu meinen Ensemblearbeiten weiterlaufen.
Ich habe bereits das zweite Kapitel aufgenommen und veröffentlicht: sayr: kaiho – live in Helsinki, ein Konzert im Musiikkitalo am 19. September 2025, auf dem ich sowohl Stahlsaiten-Gitarre als auch Oud gespielt habe.

In dieser Aufführung wurde mir klar, dass sayr ein ständig wachsendes, sich weiterentwickelndes, improvisiertes musikalisches Organismus ist – jede Performance ein neues Stadium im Dialog zwischen den ursprünglichen loci und den aus ihnen entstehenden imagines.
Metaphorisch ist es ein gestischer taqsim durch Zeit, Raum und Erinnerung.

Ich hoffe, sayr auf Tour zu bringen und meinen musikalischen Gedächtnispalast in vielen Soloauftritten weiter zu erkunden. Vielleicht wird es auch Duo- oder Trio-Besetzungen geben – wer weiß?

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

CD, LP, digitale Formate exklusiv auf Bandcamp:
https://jussireijonen.bandcamp.com

Jussi Reijonen Internetseite:
https://www.jussireijonen.com/

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Ville Tanttu

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 6 plus 2.