Michał Barański - zwischen Jazz, indischer Rhythmik und globalem Klangdenken

Michał Barański
Michał Barański

Mit „No Return, No Karma“ öffnet Michał Barański ein neues Kapitel seines musikalischen Universums: zwischen Jazz, indischer Rhythmik und globalem Klangdenken. Im Interview spricht der polnische Bassist über Freiheit und Struktur, geopolitische Inspirationen, seine Zusammenarbeit mit internationalen Musiker:innen – und warum für ihn der Jazzgeist wichtiger ist als jedes Genre.

jazz-fun.de:
Michał, der Titel „No Return, No Karma“ ist provokant und vielschichtig. Was bedeutet er für dich – und wie bezieht er sich auf die Musik dieses Albums?

Michał Barański:
Ich denke, dieser Titel hat zwei Ebenen. Die erste ist: Es gibt keine Rückkehr zu Masovian Mantra, meinem Debütalbum, denn hier gibt es keine so direkten Bezüge mehr zur mazowischen Volksmelodik und zur polnischen Folklore. Das hat mir als Komponist mehr Freiheit gegeben – ich konnte stärker ins Jazz-Feeling gehen, mich freier durch Improvisation ausdrücken und die Melodik des Nahen Ostens und Indiens offen behandeln.

Die zweite Ebene hat mit meinem Hobby zu tun – meinem Interesse an Geschichte und Geopolitik. Der Titel spielt darauf an, dass es keine Rückkehr mehr in die ruhigen Zeiten der 90er-Jahre und der frühen 2000er gibt. Die Welt ist multipolar und kompliziert geworden. Die Behauptung vieler Philosophen Ende der 90er, es gäbe nun eine globale Weltordnung und das „Ende der Geschichte“, ist sehr schnell gealtert. Sie hat sich als falsch erwiesen. Die Welt ist wieder multipolar, wandelbar, multikulturell – mit all ihren Vor- und Nachteilen.

jazz-fun.de:
Deine Musik verbindet Jazz, indische Rhythmik, europäische Sensibilität und Bezüge zur polnischen Volksmusik. Wie ist es dir gelungen, all diese Fäden zu einem Ganzen zu verknüpfen?

Michał Barański:
Meine musikalischen Interessen kreisen genau um diese Elemente: um Jazz im weiten Sinne, mit seiner ganzen Geschichte – von den 50er- und 60er-Jahren über die 70er und 80er bis hin zum sogenannten Jazz Fusion, einer eklektischen Form des Jazz, in der sich viele Genres verbinden lassen. Mich fasziniert auch der Einfluss des europäischen Jazz auf den internationalen Jazz – etwa das ECM-Label, die skandinavische Schule, die unter anderem Tomasz Dąbrowski repräsentiert, der heute in Schweden lebt.

Ich höre sehr breit gefächerten Jazz – die ganze Geschichte bis in die jüngste Gegenwart. Dazu kommen andere Richtungen: Folklore verschiedener Länder, nahöstliche und indische Musik, weit gefasste World Music sowie Blues, R’n’B, Hip-Hop und elektronischer Pop auf höchstem Niveau.

jazz-fun.de:
Auf dem Album arbeitest du mit vielen besonderen Künstler:innen und Klangfarben – Ud, Tabla, Konnakol. Welchen Moment dieser Zusammenarbeit erinnerst du am intensivsten und warum?

Michał Barański:
Ich muss damit beginnen, dass mich Shachar Elnatan, der die arabische Laute Ud spielt, enorm inspiriert. Ich habe ihn gebeten, dieses Instrument auf dem Album oft einzusetzen – das ist für mich ein neuer Abschnitt. Es gibt hier weniger polnische Melodik und dafür mehr östliche, multikulturelle Elemente. Der Ud verbindet sich großartig mit meinen jazzigen Ideen.

Ähnlich ist es mit der Tabla – Bodek Janke war diesmal zwei volle Tage bei der Session dabei und nicht nur für ein Stück wie auf Masovian Mantra. Auch das Konnakol ist ein sehr wichtiges Element: Es verbindet all diese verschiedenen Musikrichtungen über eine gemeinsame rhythmische Denkweise, die sowohl im Jazz als auch in der Volksmusik unterschiedlicher Regionen Asiens funktioniert.

Die gesamte Aufnahmesession war für mich ein einziges großes Glück – mit Musiker:innen wie Michał Rudaś, Shachar Elnatan oder Bodek Janke in Warschau eine so „exotisch“ klingende Musik aufnehmen zu können, ist ein echtes Geschenk.

jazz-fun.de:
In unserer Rezension haben wir geschrieben, dass sich deine Musik einfachen Kategorien entzieht. Findest du, dass Jazz-Genres überhaupt noch Sinn haben – oder überschreitest du sie bewusst?

Michał Barański:
Ich liebe Jazz. Er ist meine liebste Musikform, weil Improvisation hier so viele Möglichkeiten eröffnet und live sehr aufregend ist. Die Sprache des Jazz, der Swing, das Feeling – das ist für mich das Entscheidende. Aber das hindert mich nicht daran, Grenzen zu überschreiten.

Solange alles im Geist des Jazz gespielt ist, mit diesem Feeling und in der Tradition der großen Bands – etwa des zweiten Quintetts von Miles Davis oder des Quartetts von John Coltrane – lösen sich Genregrenzen auf. Dann fließt die Musik einfach, und es ist egal, ob das nun „dieser“ oder „jener“ Jazz ist.
Für mich bleibt der Geist des Jazz der 60er-Jahre das Wichtigste – am meisten fasziniert mich Musik, die diesen Spirit in sich trägt.

jazz-fun.de:
Wie sah dein Kompositionsprozess für dieses Album konkret aus?

Michał Barański:
Alles, was du eben aufgezählt hast, stimmt. Manchmal beginne ich mit einem Rhythmus, manchmal mit einer Melodie, manchmal mit einer bestimmten Atmosphäre oder einem Instrument. Oft komponiere ich mit einem konkreten Musiker im Kopf. Es gibt keine festen Regeln – das ist sehr jazztypisch: hier und jetzt. Die entscheidende Frage ist: Fließt die Musik oder nicht?

jazz-fun.de:
Das Album wirkt sehr groß angelegt – sowohl spielerisch als auch klanglich. Hast du dir Grenzen gesetzt oder völlige Freiheit zugelassen?

Michał Barański:
Es stecken sehr viel Vorbereitung und harte Arbeit in diesem Album. Die Freiheit entsteht erst im eigentlichen Kompositionsprozess. Die Ausarbeitung des Materials, die Entwicklung der Ideen, die Auswahl der Gäste – das war ein enormer Aufwand an Zeit, Energie und Konzentration. Die echte Freiheit beginnt erst dann, wenn die Platte erschienen ist und wir die Musik auf der Bühne frei improvisieren können.

jazz-fun.de:
Gab es einen Moment auf der Platte, der für dich während der Session besonders entscheidend war?

Michał Barański:
Der Titeltrack „No Return, No Karma“ war in dieser Hinsicht ganz besonders – er ist wie eine kleine Suite, in der viele Entscheidungen direkt im Studio gefallen sind. Die Idee, akustische und elektrische Gitarre mit dem Cello zu kombinieren, ist dort entstanden. Auch der Teil mit dem großartigen Solo von Tomasz Dąbrowski ist ein Produkt dieses „Hier und Jetzt“. Wir haben uns im Studio spontan entschieden, an dieser Stelle kein Bass-Solo zu spielen, sondern die Trompete nach vorne zu holen und dem Bass eher die Rolle von Rufen und Antworten in einem Dialog mit der Trompete zu geben. Das hat wunderbar funktioniert. Es war ein Schlüsselmoment, der der weiteren Session enormen Rückenwind gegeben hat.

jazz-fun.de:
Als Bassist und Komponist hast du zwei sehr unterschiedliche Rollen. Wie verbindest du sie in diesem Projekt?

Michał Barański:
Auch hier ist nichts schwarz-weiß. Manchmal denke ich mehr wie ein Bandleader, manchmal mehr wie ein Bandmusiker. In bestimmten Momenten muss man sehr schnell Entscheidungen treffen, das eigene Ego als Leader zurücknehmen und an die anderen denken – daran, dass auch sie ihre Grenzen haben, so wie man selbst. In der Jazzmusik gibt es keine fertigen Definitionen. Am Ende zählt der Moment.

jazz-fun.de:
Wie haben deine Erfahrungen in Polen und deine Arbeit in unterschiedlichen Kulturen den Klang dieses Albums beeinflusst?

Michał Barański:
Meine Erfahrungen als Sideman und Begleiter großer Namen – im polnischen Jazz wie auch international – haben mich viel gelehrt: wie Leader eine Band führen, wie sie komponieren, wie sie ein Konzert dramaturgisch aufbauen. All das hat den Sound und den Geist dieses Albums stark geprägt. Meine Erfahrung als Bassist ist dabei zentral – das ist mein großer Vorteil als Leiter eines eigenen Projekts.

jazz-fun.de:
Was wünschst du dir, dass die Hörer:innen empfinden, wenn sie „No Return, No Karma“ in einem ruhigen Moment auflegen?

Michał Barański:
Ich würde mir wünschen, dass sie eine Erzählung spüren – eine Geschichte, die aus diesen Klängen entsteht. Die Geschichte jedes einzelnen Musikers, meine eigene Lebensgeschichte, meine Emotionen. Vielleicht trägt diese Musik die Hörer:innen in andere Weltgegenden – nach Osten oder in den Süden, dorthin, wo es mehr Sonne gibt als bei uns in Europa. Das wären meine Wünsche an die Zuhörer:innen.

jazz-fun.de:
Wie wichtig ist dir die Gemeinschaft der Musiker:innen – dein Kernensemble und die Gäste – für deine Vision eines globalen Jazz?

Michał Barański:
Die größte Stärke dieser Platte ist mein eingespieltes Quartett: Shachar Elnatan, Michał Tokaj und Łukasz Żyta. Wir haben mit dem Projekt Masovian Mantra etwa hundert Konzerte gespielt – das ist der Kern meiner Musik. Es sind fantastische Musiker, die meine komplexen Rhythmen mit großer Leichtigkeit und einem echten Jazz-Feeling spielen können. Genau darum geht es uns: Diese scheinbar komplizierten Strukturen so zu spielen, dass das Publikum die Komplexität gar nicht als solche wahrnimmt, sondern einfach einen Fluss spürt.

Die Gäste – Bodek Janke, Shachar Elnatan, Michał Rudaś, Tomasz Dąbrowski – waren da, um ganz bestimmte Farben und Inspirationen einzubringen. Sie haben das Konzept eines globalen Jazz auf dieser Platte entscheidend mitgeprägt.

jazz-fun.de:
Und wie geht es nach einem so ambitionierten Album weiter?

Michał Barański:
Im Moment konzentriere ich mich ganz auf dieses Album. Was die Zukunft bringt, wird sich zeigen. Ich bin mir aber sicher, dass die dritte Platte in ein paar Jahren wieder anders sein wird – ich habe ein großes Bedürfnis nach Entwicklung und Richtungswechseln. No Return, No Karma ist in diesem Sinne auch meine persönliche Philosophie: Es gibt kein Zurück, keine „Karma-Abrechnung“ – wir gehen weiter.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Michał Barański Internetseite:
https://www.michalbaranski.net/

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Michał Barański

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 3 plus 8.