Thomas Julienne im Gespräch mit Cosmo Scharmer von jazz-fun.de

Thomas Julienne
Thomas Julienne

Die Musik des Albums L'Hiver deckt ein breites Spektrum an Genres und Stilen ab. Sie klingt wie ein gelungenes "Cuvee" aus Chanson, Volkslied, Weltmusik, Pop und klassischer Kammermusik. Auch Jazz, Klezmer und Elemente aus dem Orient sind zu entdecken. Dieses Cuvee ist - zusammen mit dem Gesang - das Spezifische der Musik von Thomas Julienne, sozusagen sein Alleinstellungsmerkmal. Jazz-fun.de will mehr darüber erfahren.

Klassische Ausbildung und Musik

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Kann man auch ohne klassische Ausbildung guten Jazz auf dem Kontrabass spielen?

Thomas Julienne
Ich würde sagen ja, aber in der klassischen Musik lernt man sehr viel über das Stimmverhalten. Mit dem Bogen zu spielen erzeugt ein ganz anderes Gefühl, und es ist wirklich eine gute Sache, sich mit der Cello-Suite von Bach zu beschäftigen, auch wenn sie nicht einfach ist! Das ist gut für die Harmonie und die ursprüngliche Basslinie, auch wenn sie für Cello geschrieben ist.

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Selbst für Jazz-Bassisten ist es nicht mehr ungewöhnlich, klassische Musik zu spielen. Spielst du auch klassische Musik und wenn ja, welches klassische Genre bevorzugst du?

Thomas Julienne
Als ich jünger war, habe ich oft in klassischen Orchestern gespielt. Ich habe viel gelernt, indem ich alle diese berühmten Komponisten gespielt habe: Ravel, Tschaikowsky, Bach, Beethoven. Aber im Moment spiele ich lieber Jazz und vor allem komponierten Jazz. Auch deswegen, weil es gut ist, lange mit einer Band zusammen zu sein. Mir gefällt die Idee, mit anderen Musikern ein Projekt über mehrere Jahre zu realisieren.

Jazz

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Wann und wie bist du zum Jazz gekommen?

Thomas Julienne
Ich muss sagen, dass Jazz nicht mein erster kultureller Hintergrund war. Ich bin mit Rock, Post-Rock, klassischer und arabischer Musik aufgewachsen. Nun, ich bin zum Jazz gekommen, indem ich zuerst "Electro Jazz" gehört habe, besonders die Band von Ninja Tune, "The Cinematic Orchestra" oder "The Herbaliser"... Dann fing ich an, die Grundlagen des Jazz zu erforschen, die Wurzeln zu finden, indem ich mich intensiv mit Mingus, Miles, Coltrane und Wayne Shorter beschäftigte.

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Gibt es Jazz-Klassiker, unabhängig vom Instrument, die dich besonders fasziniert haben?

Thomas Julienne
Ja, natürlich, Dexter Gordon mit dem Album "Go". Von Miles und Coltrane würde ich sagen, einfach alles! Dann Brad Meldhau und "The Bad Blus" wären zu nennen, da ich auch die Vermischung mit anderen Musikstilen mag. Wie z.B. ein Cover von Aphex, Twin von Bad Plus oder Brad Meldhau spielt Nick Drake oder Radiohead.

Der Kontrabass

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Das Instrument ist eines der unverzichtbaren Instrumente im Jazz. Der Bass hat die Eigenschaft, sowohl als Rhythmus- als auch als Melodieinstrument eingesetzt zu werden. Traditionell war der Bass ein Instrument, das für den Rhythmus - historisch gesehen für den Swing - sorgen musste. Von dieser einschränkenden Rolle des Rhythmus hat sich der Bass längst emanzipiert. Wo siehst du dich in der Tradition der Jazz-Bassisten? Welcher Bassist des Jazz, auch in Frankreich, hat dich beeindruckt oder sogar beeinflusst?

Thomas Julienne
Dave Holland und Larry Grenadier, ich muss jetzt an Hari Shragavan dranbleiben :) ! In Frankreich haben mich Henri Texier und der in Paris lebende Chris Jennings geprägt.

Den größte Einfluss auf mich hat Larry Grenadier. Es ist schwer, diese Frage zu beantworten, da ich noch jung bin und viele Möglichkeiten zur Fortentwicklung habe. Ich mag die Idee, modern im Sound zu sein, aber Bass ist immer noch Bass. Das bedeutet, dass die Funktion des Instruments immer noch dieselbe ist. Man muss sehr kreativ sein, aber stets funktional für die Band, für den Beat und die Harmonie spielen. Und das uneigennützig im Interesse des Gruppen-Sounds.

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Wenn es überhaupt möglich ist, diese Frage zu trennen. Sind es eher die rhythmischen Komponenten, das Swingen im weitesten Sinne, oder eher die warmen Klangfarben des Holzbasses, die faszinieren?

Thomas Julienne
Der Sound ist wirklich wichtig. Bei der Intonation der Bassisten weiß man sofort, wer spielt: Larry Grenadier, Dave Holland oder Gary Peacock. Man muss wissen, wie man mit dem Bass swingt, man muss tight (straff, knackig) sein, wenn es darum geht, Musik zu machen. Aber der Bass bietet viele Möglichkeiten. Man kann ihn auch "präparieren", indem man Werkzeuge auf die Saiten legt. Dann gibt der Bass sogar schreckliche Töne von sich!!!

Die Musik - Theorem of Joy

jazz-fun.de
Das aktuelle Album L'Hiver ist ein Teil der Albumreihe "Theorem of joy". Wie kam es zu dieser Serie, was war die Idee am Anfang?

Thomas Julienne
"L'hiver" ist das zweite Album dieser Serie. Ja, ich hoffe, dass es noch weitere Alben geben wird! Ich muss einfach schreiben, das ist ein langer und tiefer kreativer Prozess für mich. Die Idee von "Theorem of joy" ist es, eine Art „wissenschaftliche“ Musik zu schreiben, die jedoch nicht schwer zu hören und dabei sehr emotional ist. Wie Mathematik poetisch sein kann, so sollte diese Musik das auch erreichen können. Ja, so etwas in der Art.

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Auf der Aufnahme ist mehr der Komponist und Arrangeur Thomas Julienne zu hören, weniger der Solist. Ist dieser solistische Rückzug ein Aspekt des Konzepts dieser Musikreihe?

Thomas Julienne
Bei „Theorem of joy“ konzentriere ich mich sehr darauf, die Musik in eine bestimmte musikalische Richtung zu schreiben und dann in Sinner meiner Komposition zu führen. Ich kümmere mich nicht darum, ein Solo zu spielen. Dazu haben die anderen Mitglieder der Band genug Gelegenheiten. Wenn es für die Komposition notwendig ist, so kann ich auch ein Solo spielen. Ich denke, dass dieser Gedanke auch für die Stimmen und Soli der anderen Instrumente gilt.

Der Gesang, die Stimme

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Es ist unüberhörbar, dass der Gesang in deiner Musik eine besondere Bedeutung hat. Wie kam es dazu, dass die Stimme stark im Fokus der Musik steht?

Thomas Julienne
Ich mag die Möglichkeiten, Texte in meine Musik zu integrieren. Dazu kommt, dass ich die Sängerin Camille "Ellinoa" schon lange kenne und wir ein gutes gemeinsames Verständnis von Musik haben. Sie versteht wirklich, was ich kompositorisch aussagen will. Zusätzlich höre ich ziemlich viel Vokalmusik, die mich dann auch beeinflusst. Das alles führt zu meiner Vorliebe für Texte, für den Gesang in meiner Musik.

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Der Gesang auf den Alben ist weniger von Jazzelementen wie Phrasierung oder Scatting geprägt, sondern bevorzugt eher folkloristische Färbungen. Einige Stücke wecken Assoziationen mit dem französischen Lied, dem Chanson. Korrekt?

Thomas Julienne
Ja, "de l'autre coté du silence" oder "l'hiver" sind wirklich Lieder, also Chansons, aber mit weiteren Elementen bereichert. Ich bin stark von Serge Gainsbourg und insbesondere von Melody Nelson beeinflusst.

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Neben dem spezifischen Gesang vermittelt auch die Instrumentierung mit Geige oder Akkordeon diesen etwas "folkloristischen" Eindruck.

Thomas Julienne
Ja, auf dem ersten Album ist der Titel "Relax if you can" wirklich von Nick Drakes „River Man“ beeinflusst, das Stück „Atoll“ hat vielleicht Einflüsse von Radiohead oder Mogwaï.

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Gibt es konzeptionelle Unterschiede zwischen den einzelnen Alben der Theorem of Joy-Reihe? Wenn ja, wo liegen sie? Wo gibt es eventuell Unterschiede im Gesang?

Thomas Julienne
Bei dem Album "l'hiver" wollte ich deutlich präziser werden, was die musikalische Richtung betrifft, ein Song steht für eine bestimmte Stimmung!

Ausblick und Ziele

jazz-fun.de
Gibt es Überlegungen, eure Musik in Zukunft in Deutschland live in Konzerten zu präsentieren? Vielleicht auf der Jazzahead in Bremen im Frühjahr 2022?

Thomas Julienne
Ja, ich habe die Absicht nach Bremen zu kommen! Lass uns dort ein Bier trinken!

jazz-fun.de
Ja, sehr gern! Thoms Julienne, vielen Dank für das informative Gespräch.

Durchführung des Interviews Cosmo Scharmer für jazz-fun.de
Foto: Thomas Julienne

Aktuelles Album:

Theorem of joy - L'hiver

Theorem of joy - L'hiver

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