Das kubanische Feuer lodert - Roberto Fonseca im Berliner Quasimodo – 28.11.2019

von Cosmo Scharmer

Roberto Fonseca
Roberto Fonseca, Foto: Alejandro Azcuy

Roberto Fonseca, piano, keys, vocals
Yandy Martinez, electric bass, acoustic bass
Ruly Herrera, drums

Wenn Kuba ruft, kommen die Leute. Also ist der Club gut gefüllt, genau richtig für ein Konzert, das spannend zu werden verspricht. Zur Begrüßung informiert die Chefin stolz, dass das Quasimodo zur „Spielstätte des Jahres“ gekürt wurde und bedankt sich beim Publikum. Na dann... schon geht´s los.

Und zwar mit Gesang vom „Band“ bzw. einem digitalen Medium. Auf dem Display der Bühne ist ein Foto des Pianisten zu sehen, zu hören ist gemurmelter Text, der einem Spanisch vorkommt. Das ist bei der nun einsetzenden Musik nicht der Fall. Es handelt sich weder um Klänge aus der iberischen Musiktradition, noch aus der lateinamerikanischen oder kubanischen. Stattdessen spielen E-Bass und Drums einen geraden durchlaufenden Beat, in den das Piano kräftige Akkorde und Melodielinien schlägt. Ein rhythmisch akzentuierter Funk stellt sich dem Publikum vor. Die Rhythmusinstrumente halten sich zurück, lassen dem Piano den Vorrang, dessen Läufe nicht allzu zu harmonisch aufbranden, sondern sich freier gebärden. Alles zusammen geht´s schon gut ab!

Roberto Fonseca stellt die Band vor, betont sein Anliegen, hier Musik und Kultur Cubas zu vermitteln, spielerisch natürlich. Der nächste Titel „Kachucha“ erhält wie sein Vorgänger Hintergrundstimmen zur Einleitung und entpuppt sich rasch als klar akzentuierter tanzbarer Latin Sound zwischen tradiertem Mambo und zeitgenössischem Salsa. Richtig Tanzen ist im vollen Club nicht möglich.

Der Refrain „Ah, de Cuba yo soy“ soll zum Mitklatschen animieren, was zum Teil auch geschieht. Aber der Abend ist noch jung und das Trio hat gerade erst angefangen, karibisch einzuheizen. Nach der Einleitung mit klassischem Piano-Anschlag nimmt das Thema Fahrt auf, windet sich in spiralförmigen Linien auf der Tonleiter hoch, um dann mittels präpariertem E-Piano Anklänge an den Orient einzusprengen. Die Musik ist jetzt rockig, zumindest Jazz-rockig. Vom Latin Touch ist nichts mehr zu hören. Der knallende Sound mit den rockigen Sequenzen bildet die Vorlage für die solistischen Eskapaden von Roberto Fonseca´s Piano. Der nächste Wechsel vom Funky-Beat zum kubanischen Klassiker lässt aber nicht lange auf sich warten. Der dem Publikum wohlbekannte Song „Quizás, quizás, quizás“ war mal ein klassischer Bolero-Cha-Cha-Cha, der in dieser Version nicht mehr klassisch tanzbar erscheint. Das quirlige, treibende Spiel des Pianos, seine stakkatohaften Triller, seine frei gespielten Anschläge verhindern das. Das ist kubanischer Hexensabbat oder der mit der Tastatur tanzende Santería-Magier.

Das Trio beherrscht viele Stile und zeigt dies auch häufig; die Wechsel kommen überraschend schnell, die Themen verweilen nur kurz. Etwas längere musikalische Statements hätten sicher viele Liebhaber.

Jetzt sind Balladen angesagt. Der gestrichene Kontrabass von Yandy Martínez kann seine klassische Schule nicht verleugnen und legt mit wohltönenden geschwungenen Melodien vor. Die Drums runden mit dezent geschlagenen Klöppeln behutsam ab, das Piano unterstütz die Melodie des Basses mit unisono gespielten Linien. Diese gefühlvolle Ballade verlangt geradezu nach einer eleganten Rumba, so schwelgerisch tönt diese Geschichte, erzählt mit leisen Tönen. Dann der knallharte Bruch.

Ein knarrend, knatternder Sound von E-Bass & Drums - irgendwo zwischen Rock, Funk und Fusion – vertreibt die formschöne Rumba. Fonseca hat sich ein tragbares Keyboard umgehängt und beschwört mit seinem Spiel den hektischen Geist des elektrischen Jazz der Siebziger. Es klingt nach Herbie Hancock und Chick Corea. Handwerklich ist das gut gemacht, doch zeigt sich hier keine individuelle Handschrift des Trios. Auch wenn dieser Sound wohl über einige Anhänger verfügt, möchte man den Musikern zurufen: Schuster bleib bei Deinen Leisten! Der bombastische E-Sound ist die Vorlage für das Spiel des Drummers Ruly Hernandez, der sich die Gelegenheit nicht entgehen lässt, seine virtuose Technik bezüglich Schnelligkeit und Präzision auszuspielen. Der E-Spuk dauert nicht allzu lange und wird von einem Bolero abgelöst. Wir sind wieder in Kuba.

Yesun: der Titel des letzten Albums ist ein Kunstwort aus den Namen der Santería Gottheiten Yemayá und Ochún, wie Roberto Fonseca erläutert. Daraus spielt das Trio dann „Stone of Hope“. Der kubanische „Stein der Hoffnung“ soll uns alle begleiten. Schön gesagt und ebenso vorgetragen. Eingeleitet durch karibisch-afrikanische Gesänge vom „Band“ ergreift ein balladenhaftes Thema den Raum. Bewegende Melodielinien entströmen den Instrumenten, sorgen für Emotionalität und nehmen die Anwesenden gefangen. Das Stück steigert sich rhythmisch stetig, wird schneller, ohne an Ausdruckskraft zu verlieren. Ein so emotionales und harmonisches Thema hätte der „Unterstützung“ durch die gezeigten Video-Szenen aus Sport und Alltag nicht bedurft. Absolut überflüssig.

Der nächste Titel nennt sich „Cadenas“ (Ketten) und so scheppernd klingt es auch. Neben Drums und Bass, die sich alle Mühe geben, mittels geradem „funky“ Beat, diese Ketten zu sprengen, gesellt sich das Piano. Elektronische Effekte und Riff-Strukturen zerren an den Ketten, wobei nicht erkennbar ist, welche musikalischen Ketten hier gesprengt werden sollen. Dieses Trio ist immer für eine Überraschung gut: Ein souveränes Solo des Pianisten vertreibt geschwind den Latino-Pop. Stakkatohafte Akkorde, jazzige Anschläge und perlende Linien versöhnen Freund und Freundin kubanischer (Jazz-)Musik. Piano a la Cubana!

Vor dem Rausschmeißer-Song noch eine Ballade gefällig? Ja, bitte. Yandy Martínez greift wieder zum Bogen und streicht sein Instrument geradezu klassisch. Sagt da nicht jemand „Schubert“? Jetzt geht das Thema in einen warmtönenden Walking Bass über. Zuerst schimmern Tango-Rhythmen durch, dann entpuppt sich das Stück mit „Besarme Mucho“ als einer der großen Klassiker des Boleros. Die formschöne Ballade wird mit deutlichem Bezug zur Tradition zelebriert. Davon kann der Aficionado gar nicht genug bekommen!

Text: Cosmo Scharmer

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