JazzBaltica 2018 oder 13 Kurzgeschichten vom hohem Meer im Osten, dem Mare Balticum und seinem Jazz. Sa. 23.06.2018

Zwischen Jazz und Schabernack oder der Entertainer - Helge Schneider & Pete York – „Heart Attack No. 1“

Helge Schneider
Helge Schneider, Foto: Jacek Brun

Der Mann mach es leicht, was zu schreiben. Er macht es schwer, nur wenig zu sagen. Dafür liefert er zu viele Vorlagen. Er ist der Entertainer in Sachen schalkhafter Musik, auch im Jazz. Mit von der Partie ist der legendäre Pete York an den Drums. Ihre Musik ist der Sound der kleinsten Big Band. Diese verfügt nur über 2 Instrumente: Hammond-B3-Orgel und Drums, die dieses Genre einst prägten – wenn auch begrifflich damals noch im Rock residierend. Zur Verstärkung darf heute auch ein ausgefuchster Gitarrist mitspielen.

Die Orgel dröhnt noch zart und leise. Dezent swingende Orgelmusik macht sich breit. Eine gängige Melodie zerrt an der Grenze zum Schabernack. Noch augenzwinkernd, aber langsam geht es los mit dem Röhren der B3. Noch geht der Mann an der Gitarre etwas unter, aber schon im 2. Set darf er zeigen, was Sache ist. Auf einer bluesigen Basis - Orgel und Drums halten sich diskret - zurück, spielt Henrik Freischlander einen eckigen bis sperrigen Stil, weniger rund, dafür tönt ein knarrend knackiger Gitarren-Sound.

Hendrik Freischlander
Hendrik Freischlander, Foto: Jacek Brun

Der nächste Titel – Blueberry Hill – startet im akustischen Gewand eines „Alleinunterhalters“, der bei familiären Festen (fast) alle mit seiner kitschigen Orgel verschreckt, wenn nicht quält. So auch hier, aber schon bald fängt es an zu swingen. Traditioneller, aber ernstgemeinter Orgel-Sound mit gekonnter Unterstützung der vorzüglichen Pete Yorks. Die Gitarre setzt gegenteilige, aber passende Akzente zur lärmenden B3. Das Trio bewegt sich irgendwo zwischen Swing, Rock, Fusion und Persiflage. Helge Schneider erklärt: „ …das nächste Stück ist wieder mit Musik drin.“ Ja, so klingt es auch, gefüllt mit musikalischer Schlitzohrigkeit.

Es schält sich eine bestimmte Struktur heraus. Es beginnt mit einfachen, bekannten Themen, die entweder ganz vorsichtig – nur keinen erschrecken - intoniert werden oder aber so verschmitzt, so augenzwinkernd, vorgetragen werden, dass sie gar nicht allzu seriös gemeint sein können. Dann tönen einige Akkorde nach Kindergeburtstag, wo Tonleitern geübt werden. Oder der Sound lechzt nach schwülstigen „Bar-Jazz“ mit delikater Nähe zum Rotlichtmilieu. So soll es früher gewesen sein. Fazit: „Erst fängt es ganz langsam an, aber dann, aber dann…“ Dann ist so gute wie ernstzunehmende Musik angesagt: Die Hammond dröhnt in altbewährte Art und Weise, die Gitarre spielt bluesig-rockige Läufe, der Drummer Pete York zeigt, dass er schon immer Jazzer war, auch wenn er im Augenblick eher Rock trommelt: sein Solo beweist den „Mann an der Schießbude“, der große Applaus gibt ihm Recht.

Das legendäre „Take the A Train“ klingt dann nach der - schwer in die Jahre gekommen - New Yorker U-Bahn mit ihrer „mechanischen“ Musik während der schäppernden Fahrt. Starke Zweifel sind angebracht, on man/frau einsteigen sollte. Helge schreckt vor nichts zurück, jetzt tritt er seine B3 mit den Füßen, um – wie er danach ausführt – den teuren Bassisten zu ersparen.

Pete York
Pete York, Foto: Jacek Brun

Nun kommt die Band dran. Sein Dinglish kann sich hören lassen, als er Hendryk Freischlander wegen seiner Herkunft aus dem Sauerland ins „jazzige“ Wuppertal verfrachtet. Nach „Elfriede“ von Bill Remsy („Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe“) kommt jetzt auch der jazzige Gitarrero aus dieser trendigen Gemeinde. Die lachenden Zuhörer sind auf Helges Seite. Der fast 76-jährige – großer Applaus -, aber stets agile Pete York wird zum Objekt seiner Ansprache: „Heart Attack No. 1”. Mehr sei nicht verraten, die Konzerte der Band sollten unmittelbar besucht werden. Der Autor verzichtet auf weitere Hofberichterstattung.

Na, gut. Ein letztes Zitat. „Sweet Child in Time“, der Rock-Klassiker mit dem markanten Orgel-Motiv, kennt jeder. Dies sei, so Helge, sein Song gewesen. Da habe er lange gesucht, bis er mit Deep Purple eine Gruppe fand, die diese Akkorde auch spielen konnten. So war´s. Zum Ende schenkt der Man an der B3 seinem Publikum noch ein paar klassische Orgel-Thriller, schwenkt dann wieder zur erbaulichen Kirchenmusik über, die sich dann als der Rock-and-Roll-Hit „Just a Gigolo“ entpuppt. „Zum Piepen, dieser Vogel“ raunt jemand neben mir. Zum Jazzen dieser Charakterkomödiant.

Text: Cosmo Scharmer

Foto: Jacek Brun

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