Der Münchner Jazzsommer begeistert mit stilvoller Vielfalt und internationalen Künstlern

Blick von der Dachterrasse des Bayerischen Hofs
Blick von der Dachterrasse des Bayerischen Hofs, Foto: Robert Fischer

In München steht (nicht nur) ein Hofbräuhaus. Vom weltbekannten Biertempel ist es ein Katzensprung zum Marienplatz, dem Herz der Stadt, und von da sind es nur noch ein paar Schritte zum international renommierten Luxushotel Bayerischer Hof, das alljährlich im Juli Schauplatz des Festivals „Jazzsommer“ ist. Leitmotiv der von Oliver Hochkeppel gewohnt souverän kuratierten und moderierten Ausgabe 2025 waren „Voices“ – schließlich hatten die deutschen Landesmusikräte gerade eben die menschliche Stimme zum „Instrument des Jahres“ gewählt.

Hauptakteure des gut besuchten und vom Publikum einhellig gefeierten Festivals waren in der Woche vom 21. bis zum 26. Juli  die „First Lady des US-amerikanischen Jazzgesangs“, Dee Dee Bridgewater, der Gewinner des Sarah-Vaughan-Wettbewerbs, Tyreek McDole, und die als „Rising Star der amerikanischen Szene“ angekündigte Christie Dashiell. Ergänzt wurde das von einem Preisträgerkonzert und dem Auftritt des Jazz Department der Söhne Mannheims gerahmte Festival durch „Deutschlands vielleicht größte Gesangshoffnung“, Alma Naidu, die sich mit dem „deutschen George Benson“, Torsten Goods, die Bühne teilte. Hinzu gesellte sich noch Lars Danielssons „Liberetto“: Dass dieses europäische All-Star-Quartett einen Platz in einem der menschlichen Stimme gewidmeten Konzertumfeld fand, wusste Hochkeppel damit zu erklären, dass der schwedische Bassist vielleicht den „singendsten Ton“ auf seinem Instrument (und außerdem das gesangliche Element ja auch im Namen der Band integriert) hat. Das mit dem singenden Ton stimmt, auch wenn Daniellson bei seinem Auftritt im Nightclub mindestens im ersten Set nicht den besten Tag erwischt hatte – erst im zweiten Teil gelangen ihm und seiner mit Gregory Privat (p), John Parricelli (g) und Magnus Öström (d) famos besetzten Band überzeugendere, ja begeisternde Momente.

Höhepunkt des Festivals war der Auftritt von Dee Dee Bridgewater im Festsaal des Bayerischen Hofs, über den wir an anderer Stelle (hier ist der Bericht "Dee Dee Bridgewater im Festsaal des Bayerischen Hofs") bereits ausführlicher berichtet haben. Auch sie wurde mit Carmen Staaf (p), Rosa Brunello (b) und Shirazette Tinnin (d) von einer exzellenten Band begleitet, und allein ihre – dem Publikum das Blut in den Adern gefrieren lassende – Version des Billie-Holiday-Klassikers „Strange Fruit“ hätte gereicht, ihren Auftritt zu einem unvergesslichen Erlebnis werden zu lassen.

Dass gleich danach im Nightclub des Bayerischen Hofs das Konzert von Tyreek McDole ebenfalls  überzeugen konnte, lag nicht zuletzt an der angenehm zurückhaltenden, vornehmlich seine Mitmusiker – Karim Blal (p), Dan Finn (b), Dylan Band (sax) und Gary Jones III (d) – featurnden Art des charismatischen Jazz-Baritons. Tatsächlich gewannen die Stücke seines Debüts „Open Up Your Senses“ auf der Livebühne in München gegenüber den Albumversionen um einiges an Dynamik, Farben und Frische.

Bei Alma Naidu wird die Zukunft zeigen, ob sie sich mehr in der Rolle der Jazzsängerin wohlfühlt oder doch mehr in die Richtung Singer-Songwriting gehen will. Beide Möglichkeiten stehen ihr, die sich in München bei „To Be A Man“ selbst am Flügel begleitete, offen, und mit ihrem aktuellen zweiten Album, „Redefine“, das sie erstmals auch selbst produzierte, hat sie viel mehr als eine „Talentprobe“ abgelegt. Vor diesem Hintergrund wirkte das auf offener Bühne mehrfach zur Schau getragene (und formulierte) Staunen des charmanten Sängers und hervorragenden Gitarristen Torsten Goods über Naidus „großes Talent“ ein bisschen zu altväterlich-gönnerhaft, auch wenn es womöglich gar nicht so gemeint war. Begleitet wurden die beiden von einer jungen, aber auch schon in den vielfältigsten Projekten erfolgreichen Band, deren Mitgliedern man allesamt eine lange Karriere wünscht: Hannes Stollsteimer (p), Susi Lotter (b) und Valentin Renner (d).

Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner dieses Sängerinnen- und Sängerwettstreits in den ehrwürdigen Räumen des Nobelhotels, so fällt auf, dass die Zeiten, in denen sich Frontfrauen und -männer mit „Begleit“-Bands umgaben, deren alleinige Aufgabe es war, den Star zum Strahlen zu bringen, schon eine ganze Weile vorbei sind. Zum Glück auch für das Publikum. Stattdessen lassen sich die leading voices von heute (ob mit Stimme oder Instrument) gern einbinden in einen sich gegenseitig befruchtenden Gesamtzuhang, sprich: in eine Workingband, und es dürfte kein Zufall sein, dass gerade diejenigen Musikerinnen und Musiker, denen es gelingt eine solche Workingband über Jahre und Jahrzehnte am Leben (vulgo: Kreativsein) zu erhalten, auch die längsten und erfolgreichsten Karrieren haben.

Inwieweit das einer Christie Dashiell gelingen wird, die bereits für ihr zweites eigenes Album, „Journey in Black“, eine Grammy-Nominierung erhielt, wird man sehen. Immerhin hat sie mit Allyn Johnson (p) schon mal einen engen Vertrauten an ihrer Seite, der auch ein exzellenter Arrangeur ist, und mit Reggie Washington (b) und Yoran Vroom (d) zwei Ausnahmekönner an ihrem jeweiligen Instrument. Dass das Konzert ihres Quartetts der zweite Höhepunkt des Festivals wurde, lag aber doch zuerst an Christie Dashiells ausdrucksstarker, in allen Registern gleichbleibend voluminös und präsent bleibender Stimme, am eigenständigen Songwriting und, nicht zuletzt, ihrer warmherzigen Bühnenpräsenz.

Hier schloss sich dann auch ein Kreis – von der 75 Jahre jungen Dee Dee Bridgewater auf der großen Festsaal-Festivalbühne zur ziemlich genau halb so alten Christie Dashiell im Nightclub. Beide Sängerinnen mussten unter anderem Rassismuserfahrungen verarbeiten, und beiden merkt man an, wie traurig sie die gesellschaftspolitische Situation in den „Ununited States of America“ (Dee Dee Bridgewater) macht. Bei Dee Dee Bridgewater überwiegt der – in engagierte Appelle („Raise your voice“) mündende – Zorn, bei Christie Dashiell die Trauer. Kreativen Ausdruck, das zeigte dieses Festival aufs Schönste, finden solche Gefühle am besten in einem schwer zu widerstehenden Mix aus Jazz, Rhythm and Blues, Gospel und Soul. Und man müsste schon ein Herz aus Stein haben, würde man sich davon nicht in seinem Innersten berühren lassen.

Text und Fotos: Robert Fischer

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