Johannes Barthelmes im Gespräch mit Cosmo Scharmer von jazz-fun.de

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Johannes Barthelmes im Gespräch mit Cosmo Scharmer

jazz-fun.de:
Wie war die Situation der Jazzer kurz vor dem Fall der Mauer im damaligen West-Berlin Ende der 80-ziger? Wie war die Lage für die Band serene, für den Tenorsaxofonisten Johannes Barthelmes?

Johannes Barthelmes:
Ich habe für ca. 10 Jahre fast ausschließlich mit dem Quartett serene gespielt. Serene war erfolgreich und so hatten wir genügend Arbeit. Zudem wurde damals auch die Clubszene vom Berliner Senat gut unterstützt. Überhaupt gab es in Deutschland Geld für Kultur, und die Clubs konnten den Musikern vernünftige Honorare zahlen. Also, viel Geld konnte man damit nicht verdienen, aber wir konnten davon einigermaßen gut leben. Und das war für einen Künstler wie mich ideal, der konsequent zu 100 Prozent nur das spielt, was er spielen will und nie etwas spielt, was er nicht spielen will, nur um Geld zu verdienen. Demzufolge war die Situation damals für mich hervorragend.

jazz-fun.de:
Hat sich das heute geändert?

Johannes Barthelmes:
Sehr viel kann ich dazu noch nicht sagen, da ich seit kurzem erst wieder dabei bin und nur wenige Auftritte hatte. Aber ich habe das Gefühl, dass der Kultur und auch den Veranstaltern Geld fehlt. Die Musiker spielen mittlerweile in der Regel für eine freiwillige Spende – freier Eintritt gegen eine Spende in der Pause. Das kann man so oder so sehen.

Anfang der 90er Jahre hatte ich mich von serene getrennt. Nach 10 Jahren des Spielens mit der gleichen Band waren wir an einem Punkt angekommen, nicht mehr gemeinsame, sondern eigene Wege gehen zu wollen. Das war auch in Ordnung.

Glücklicherweise wurde ich zur selben Zeit von Uli Lenz angerufen, einem großartigen Pianisten, der mich fragte, ob ich Lust auf ein Duo mit ihm hätte. Ich sagte ja, und es begann eine sehr interessante Zeit für mich. Ein Duo aus Klavier und Saxophon ist tatsächlich eine riesige Herausforderung. Doch mit einem Pianisten wie Uli Lenz, der über eine unglaubliche Power und ein großartiges Handwerk verfügt - auch noch ein begnadeter Schlagzeuger ist -, hatte ich am Klavier eine ganze Band. Mit Uli Lenz hatte ich quasi einen fantastischen „Bassisten“ und „Schlagzeuger“, da er sehr perkussiv begleiten konnte. Die Kritiken hoben diesen Aspekt oft hervor: Dieses Duo klingt wie ein ganzes Orchester. Das Spielen im Duo war stets sehr inspirierend, da ich meine ganze Power mit dem Sax komplett einbringen, ausleben konnte. Ja, ich hatte eine tolle Zeit mit Uli Lenz, in der ich viel gelernt habe.

jazz-fun.de:
Wie lang hat diese Phase mit Uli Lenz gedauert?

Johannes Barthelmes:
Gott sei Dank ging das über sechs, sieben Jahre. Wir wurden auch aus der ganzen Welt eingeladen. Wir waren fast zwei Monate im Duo in Südostasien auf Tournee. Dann kam der entscheidende Punkt, das Ereignis, das mein Leben stark verändern sollte. Mir war bewusst, dass ich wegen meiner Wirbelsäule gesundheitlich in viele Schwierigkeiten kommen konnte. Oft konnten Konzerte gar nicht stattfinden, weil ich kurz zuvor wegen starker Schmerzen ausfiel. Ich befürchtete, dass es meine letzte Tournee sein könnte. Als wir in Vietnam, in Hanoi, landeten, sah ich ein Bild von Asien, wie es mir als Kind im Märchen immer vorgestellt hatte. So entschloss ich mich, diese Eindrücke festzuhalten. Nach meiner Rückkehr in Deutschland kaufte ich mir eine Kamera, um damit einen kreativen Ausgleich für den riesigen Verlust der Musik zu schaffen.

jazz-fun.de:
Es waren also diese ernsten gesundheitlichen Probleme, die dazu geführt haben, sich von der Musik zu verabschieden?

Johannes Barthelmes:
Ja, einer der Hauptgründe dafür war, dass ich in den letzten Jahre vor dem großen Bruch wegen der Schmerzen so gut wie gar nicht üben konnte. Das war für mich sehr schrecklich, denn ich hatte noch viele Ideen und spürte Potenzial, um mein Handwerk zu erweitern. Es war so, dass ich nur ein paar Tage vor dem Konzert mich ansatztechnisch fit machen konnte, indem ich 2 oder 3 Tage jeweils eine Stunde übte, damit wenigsten mein Ton, mein Sound auf dem Saxophon gut wäre. Aber ich spürte keine musikalische Entwicklung. Das war schrecklich, nicht üben zu können und Konzerte nur mit etlichen Spritzen Cortison überhaupt angehen und überstehen zu können.

jazz-fun.de:
Das war ein unheimlich schmerzlicher Bruch. Wie lange hat diese Phase gedauert?

Johannes Barthelmes:
Ich habe tatsächlich, bis ich wirklich als Musiker wieder zurück war, 20 Jahre gebraucht, vielleicht etwas länger. Ab 2016 gab es stets neue Versuche mit dem Musikmachen wieder anzufangen.

jazz-fun.de:
Danach hast du unter anderem auch als Fotograf gearbeitet. Kannst du dazu was sagen?

Johannes Barthelmes:
Ja, ich hatte das Glück, dass ich die Fotografie für mich entdecken konnte. Hauptschwerpunkt war Street-Fotografie mit Menschen als Protagonisten. Ich hatte dann das Glück, dass ich auch zu weltweiten Ausstellungen bis nach Kuala Lumpur eingeladen wurde. Vom Aspekt der Kreativität war das eine große seelische Befriedigung. Doch die Musik hat mir immer sehr, sehr schmerzlich gefehlt.

Dann geschah Folgendes. Von einer kubanischen Institutionen wurde ich zu einer großen Ausstellung - zusammen mit einem kubanischen Maler - nach Kuba eingeladen. Das war eine großartige Sache, und so konnte ich auf Kuba immer mehr Fuß fassen. Ich war kurz davor, ganz nach Kuba zu ziehen, was aber relativ kompliziert war oder ist. So habe dann jährlich an die vier Monate auf Kuba verbracht. Und in meiner geliebten Stadt Havanna war ich stärker zuhause und bekannter als in Berlin.

jazz-fun.de:
Du warst also als Fotograf in Kuba tätig?

Johannes Barthelmes:
Der Grund für meine vielen Aufenthalte auf Kuba - wie auch etliche Aufenthalte in Indien - war ausschließlich die Fotografie. Allerdings konnte ich - im Gegensatz zu Berlin - auf Kuba der Musik nirgends entfliehen. Denn Kuba ist durch und durch musikalisch. Da hört man bis nachts um zwölf aus jedem Häuserblock einen Trompeter oder einen Pianisten üben. Überall auf der Straße und in Restaurants spielen hervorragende Musiker ihre fantastische kubanische Musik. Und irgendwie hat mich diese kubanische Musik dazu gebracht, dass ich irgendwann mal plötzlich anfing zu üben. Das war am berühmten Malecón von Havanna - mit einem geliehenen Instrument eines kubanischen Saxofonisten. Anderswo konnte ich nirgends üben, nur im Freien. Und dann geschah diese kleine märchenhafte Geschichte. Während ich am Malecón Saxophon spiele, warfen mir Touristen plötzlich Geld in meinen Saxophonkoffer, was mich überraschte und sehr freute. Sofort war kubanische Polizei da, fragte nach Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, die ich natürlich nicht hatte. In mir kam ein ganz starkes Gefühl hoch: Ich bin halt doch im tiefsten Inneren Musiker.

jazz-fun.de:
Dann war es Kuba und seine Musik, die dich als Musiker reanimiert hat?

Johannes Barthelmes:
Das kann man gut so sagen. Ich konnte danach der Musik nie wieder den Rücken kehren.

jazz-fun.de:
Ja, eine schöne und fantastische Geschichte. Wie ging es danach weiter?

Johannes Barthelmes:
Ich habe mir immer wieder ein Instrument ausgeliehen – zeitweise besaß ich auch mal eins -, wollte zur Musik, zum Spielen zurückkommen, um es dann - nach ein paar Wochen - wieder aufzugeben. Es war sehr, sehr schwer, nach so langer Zeit des Nicht-Spielens wieder anzufangen.

Eines Tages saß ich mit ein paar Musikern abends zusammen. Unter ihnen war auch mein Freund Paolo Eleodori, den ich als Mensch und Schlagzeuger sehr schätze. Auf dem Weg nach Hause, sagte ich spontan: „Ich habe gerade wieder ein Instrument. Wie wäre es denn, wenn wir zusammen spielen, was ausprobieren wollen?“ Paolo Eleodori war sofort Feuer und Flamme von der Idee und brachte zwei weitere Musiker mit zur Probe. Das waren der Bassist Carmelo Leotta und der Pianist Davide Incorvaia, zwei in Berlin lebende Italiener. Vor der Probe erklärte ich den Musikern mein aus Kuba inspiriertes Credo: „pasión o muerte“. Also totale Hingabe. Sonst sei es sinnlos, Musik zu machen. Als dann die Musiker anfingen, meine Komposition Kali Méra zu spielen, da wusste ich sogleich: Das ist es, das ist das neue Quartett.

jazz-fun.de:
Auch das ist eine tolle Geschichte. Kuba liegt auch in Italien, aber hier im „karibischen“ Berlin kam alles zusammen. Wie geht es weiter?

Johannes Barthelmes:
Erfreulicherweise gibt es doch etliche Veranstalter, die sich an mich erinnern. Wir haben jetzt schon ein paar Konzerte in Aussicht, trotz der schwierigen Situation der Pandemie. So sind wir nach Österreich eingeladen. In Berlin spielen wir übrigens am 29. Juli im Musikinstrumenten-Museum. Ja, es tut sich was. Meine Zukunft wird die Musik sein und so viel Fotografie wie möglich.

jazz-fun.de:
Vielen Dank Johannes Barthelmes für diese spannende Geschichte.

Johannes Barthelmes:
Es war mir eine Freude.

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