Rezension des Jazz-Albums "UNSPOKEN" von Julie Campiche
Julie Campiche
UNSPOKEN
Erscheinungstermin: 13.02.2026
Label: Ronin Rhythm Productions, 2025
Julie Campiche – UNSPOKEN: Harfe, Stimme und gesellschaftliche Klangpoesie
Die Genfer Harfenistin Julie Campiche gehört zu den eigenständigsten Stimmen der europäischen Szene. Ihr Instrument versteht sie als polyphones und polymorphes Klangmedium: Im Jazzquartett, im kammermusikalischen Strings Project oder in Musik für Film und Performance sucht sie konsequent nach Ausdrucksformen für aktuelle gesellschaftliche Themen. Mit UNSPOKEN legt Campiche nun ihr erstes Soloalbum vor – ein Werk mit klarer inhaltlicher Ausrichtung.
Jedes Stück des Albums ist als musikalisches Porträt einer engagierten Frau oder einer Bewegung für Frauenrechte konzipiert. Ausgangspunkt war unter anderem der Podcast „Un podcast à soi“ von Charlotte Bienaimé, der zentrale Fragen zu Geschlecht und Feminismus behandelt. Ein Zitat von Virginia Woolf – „In der Geschichte war meist die Frau anonym“ – bildet einen gedanklichen Resonanzraum für das Projekt. Campiche verfolgt jedoch keinen programmatischen Gestus; UNSPOKEN ist weniger Manifest als künstlerisches Statement, das weibliche Stärke, Engagement und Offenheit reflektiert.
Musikalisch bewegt sich das Album zwischen Intimität und Entschlossenheit. Die scheinbar fragile Klangwelt der Harfe entfaltet eine bemerkenswerte innere Kraft. Klare, lyrische Melodien verbinden sich mit gesungenen Passagen, die den Stücken zusätzliche Nähe verleihen. Die Dramaturgie der Titel erzeugt einen Spannungsbogen, der das Album als zusammenhängende Erzählung erfahrbar macht.
Produziert mit der Transparenz und Unabhängigkeit einer Indie-Pop-Ästhetik, integriert UNSPOKEN dezente Elektronik, Effekte sowie vokale und klangliche Samples. Obwohl sich das Projekt stilistisch teilweise von klassischen Jazztraditionen entfernt, bleibt die improvisatorische Offenheit als Haltung spürbar. Das Ergebnis ist ein atmosphärisch dichtes Werk, das gesellschaftliche Reflexion mit persönlicher Klangpoesie verbindet.
UNSPOKEN positioniert sich damit als eigenständiges, genreübergreifendes Album, das künstlerische Sensibilität und thematische Relevanz in eine klare musikalische Form übersetzt.
(Jacek Brun, 20.02.2026)
Besetzung
Julie Campiche - Harfe, Stimme, Electronics, Samples
Fabien Iannone - Bass, Tom bei Zaina, Andréa Bescond, Maman du ciel, Rosa, Las Patronas (Tracks Nr 3, 4, 5, 7, 8)
Titelliste
- Anonymous
- Grisélidis Réal
- Rosa
- Andréa Bescond
- Las Patronas
- Tarana Burke
- Maman Du Ciel
- Zaïna
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