Songs wie eine warme Zudecke – Kadri Voorand im Interview

Foto von Kadri Voorand
Kadri Voorand, Foto: Anu Hammer

Von Angela Ballhorn

Songs To Hold You“ ist das neueste Album der Sängerin, Pianistin, Multiinstrumentalistin und Komponistin Kadri Voorand aus Estland. Diese lange Aufzählung ist wichtig, denn Kadri nur auf ihre extrem wandelbaren und virtuosen Stimmkünste zu reduzieren, würde der Künstlerin meiner Meinung nach nicht gerecht werden.

Ihr neues Album verzichtet auf atemberaubende Vokalisen und besinnt sich auf Wurzeln. Wurzeln, die in der eigenen Stimme, im Timbre liegen, aber auch in der Tradition der estnischen Volksmusik und der Rolle der Vorfahren, die aus der Sängerin sprechen.

Das Interview per Video fand Anfang März statt, und Kadri Voorand kam gerade von einem Konzert mit ihrem Vokalsextett Estonian Voices aus Finnland zurück.

jazz-fun.de:
Gut, dich zu sehen und toll, daß wir das Interview machen können! Wie war Helsinki mit den Estonian Voices, da wart ihr ja gestern?

Kadri Voorand:
Wir hatten ein tolles Konzert, das Haus war voll mit fröhlichen Menschen, es war mehr eine Party als ein Konzert. Ich bin sehr spät nachts wieder zurückgekommen und brauchte ein bisschen, um wieder im wahren Leben anzukommen. Es war beinahe eine Talkshow. Wir sind ja zu sechst und gestern hatten alle das Gefühl, daß das Publikum dem intimen Geschichtenerzählen gegenüber besonders offen war. Deshalb war es wohl eines der längsten Konzerte, das die Estonian Voices bisher gegeben haben.

jazz-fun.de:
Es ist immer toll, wenn Stücke erläutert werden, man kann die Songs noch mehr geniessen, wenn man etwas über die Entstehungsgeschichte oder den Background weiss.
Du hast mit „Songs To Hold You“ ein neues Programm, neue Stücke und ein neues Album.  Ist es tatsächlich der Nachfolger auf das 2019 bei ACT erschienene Album? Oder gab es etwas dazwischen?

Kadri Voorand:
Es gab ein paar Sachen dazwischen, mein eigenes Projekt war zum Beispiel das letzte Album der Estonian Voices, da steckte die meiste Arbeit der letzten Zeit drin. Dann gab es noch ein Album, das noch nicht im Internet zu finden ist, weil die Mitwirkenden andere Überzeugungen haben. Ich hatte mit dem Schlagzeuger Tanel Ruben, dem Pianisten Kristjan Randalu, dem Bassisten Taavo Remmel und Raivo Tafenau am Saxofon aufgenommen. Das ist ein ganzes interessantes Album mit neuem Material. Leider ist es noch nicht zu bekommen, weil Tanel an andere Wege glaubt.  

jazz-fun.de:
Nicht wegen anderen Verpflichtungen anderen Labels gegenüber? Kristjan ist ja immer noch bei ECM?

Kadri Voorand:
Nein, das hatte damit gar nichts zu tun. Tanel ist nicht so erpicht darauf wie ich, überall, am besten auf der ganzen Welt aufzutreten. Er kann sich diesen Luxus erlauben nein zu sagen, er wird es nicht herausbringen, sondern die CDs an seinen Konzerten verkaufen. Es ist mehr wie ein Souvenir oder eine Speicherkarte nach einem Konzert, auch gerade wenn man keinen CD Spieler mehr besitzt. Die meisten verwenden ja andere Abspielmöglichkeiten.

Aber das Projekt mit Tanel, Taavo, Kristjan und Raivo war toll, weil es ein bisschen ausbalanciert, was ich alleine kreiert habe, meine ganze neue Welt.

Auch warum ich ein eigenes Label gegründet habe, warum der Abschied von ACT kam, einfach, weil ich in eine ganz andere Richtung abgetaucht bin. Zur gleichen Zeit mit Tanel ein Album mit Modern Jazz und Hardcore-Jazzharmonien aufzunehmen, mit sehr virtuosen Passagen und sehr reich an Harmonien, war ein Abenteuer für mich und zugleich Spass, weil es meine andere Seite ausbalanciert hat.

jazz-fun.de:
Was ist in der Zwischenzeit alles passiert? Das ACT Album kam ja noch vor Corona auf den Markt, mittlerweile hast du dein eigenes Label, das war vermutlich ein großer Schritt.

Kadri Voorand:
Es gab keine Schwierigkeiten mit ACT, es war mein Traum, auf ACT zu veröffentlichen, es war mein Traumlabel von Anfang an. Ich hatte zu der Zeit viele Projekte am Laufen. Wann immer eine Konzertphase in Estland war, war Lockdown in Deutschland und umgekehrt, ich hatte also immer zu tun. Es gab keine Pause für mich. Aber als Frau habe ich schon gegen Ende der Aufnahmen für ACT gespürt, daß sich mental etwas in mir verschiebt. Das muss mit dem Alter einer Frau in ihren Dreissigern zu tun haben. Ich habe sehr viel gelernt in den letzten Jahren, die ganze Psychologie dahinter. Ich fühlte, daß ich da tiefer eintauchen wollte. Ich habe tausende Stunden damit verbracht, eine neue Welt zu kreieren. Ich hatte die Songs schon mehrfach fertig und hätte sie aufnehmen und an ACT geben können. Aber obwohl ACT mein Traumlabel ist, habe ich gespürt, daß es etwas wichtigeres hier gibt. So habe ich die Abgabefristen verstreichen lassen und habe ihnen kein Material zu den Deadlines gegeben. Ich begann meine neue Richtung vorrangig zu behandeln, musste aber noch tiefergehende Untersuchungen machen. Es hat viel Zeit gebraucht.

jazz-fun.de:
Wenn die Forschung lange dauert, passen Deadlines nicht ins Bild.

Kadri Voorand:
Ich habe mein ganzes Leben mit Deadlines gearbeitet, in bestimmt mehr als 100 Projekten. Gezählt habe ich es nicht. Aber es gab bestimmt zehn bis 15 Projekte jedes Jahr, ich bin ein Kollaboration-Girl hier in Estland. Ich bin Deadlines gewohnt.
Aber das hier war ein zu großer Wechsel, eine zu große Veränderung, die ich nicht schnell vollziehen konnte. Zur selben Zeit hatte ich zwar noch einige Projekte laufen, habe dann aber die meisten gekündigt. Nur die grösseren Sachen habe ich weiterlaufen lassen, darüber hinaus habe ich mich ganz der Forschung gewidmet, die eigentlich schon mehrere Jahrzehnte in mir abläuft.

Es geht um die Verbindungen von Frequenzen, Tempo, Intensität und Harmonien, das ist alles eine Welt für mich. Das ist auch alles neurologisch verknüpft und an Emotionen gekoppelt. Mich hat schon immer interessiert, warum die Sprechstimme von Menschen so klingt und wie sich das auf die Musik übertragen lässt. Bei der Aufnahme des Albums durfte ich so viele Farben in meiner Stimme entdecken, die ich bisher noch nie verwendet hatte. Ich musste herausfinden warum, was diese Timbres erzählen und was die Emotionen dahinter sind, die ich offensichtlich nicht teilen wollte. Das war zu interessant,  um es nicht zu erforschen, also habe ich dem den Vorrang gegeben.

Als die allerletzte Deadline von ACT verstrichen war, habe ich einen noch grösseren Boost verspürt. Es gab keine Limits mehr, ich konnte der Sache auf den Grund gehen. Nicht daß ich da schon angekommen wäre! Ich musste auf keinerlei Meinungen Rücksicht nehmen. Auch das Konstrukt des Albums war frei, eigentlich muss man eine bestimmte Struktur verfolgen, um zu unterhalten. Jetzt konnte ich direkt ins Storytelling gehen. Ich konnte ein paar der Regeln brechen. Ich habe verstanden, daß das hier erst der Anfang ist, das Album ist nur ein kleines Stück der ganzen Geschichte. Ich wollte nicht alle Farben in ein einziges Album hineinpressen. Das hat noch einmal eine ganz neue Welt für mich eröffnet. Ich kann jetzt die Emotionen, die ich in meiner Stimme und meiner Musik entdeckt habe, ausbreiten. Es war, als ob ich immer mehr Regenbögen in den Regenbögen entdecken konnte. Es war mehr mentale Arbeit, als ich mir je vorher vorstellen konnte.

jazz-fun.de:
Wie wichtig waren in deiner Forschung die Tonarten? Hast du Stücke in verschiedenen Tonarten ausprobiert, um die perfekte für einen Song zu finden?

Kadri Voorand:
Die Tonarten sind wichtig, sie bestimmen ja auch den Tonumfang, in dem ich mich bewege. Es geht darum, in welchem Register ich die Geschichte erzählen möchte. Aber ich habe das nicht mathematisch gemacht, keine Frequenzen ausgelotet. Ich bin kein  großer Fan von mathematischen Strukturen in der Musik. Ich habe versucht, der Musik in meinem Silent Composition zu folgen.

Viele Kompositionen sind in der Stille entstanden. Was für mich noch wichtiger als die Tonart ist, ist das Timbre meiner Stimme. Auch das entsteht in der Stille, bevor ich es ausspreche. Wenn man als Instrumentalist komponiert, bricht man die Ideen beim Jamming. Dann komponierst du, was auch immer du spielen kannst. Aber es gibt eine Menge, was du dir nicht vorstellen kannst zu spielen, in der Stille – das verwende ich seit langem. Du schreibst auf dem Papier, so lange du kannst und dann erst checkst du, wie sehr es mit der Realität übereinstimmt. Jetzt mache ich daßelbe mit dem Sound meiner Stimme: Wie soll die Stimme sein, mit der ich den Song singe? Das hat mir eine Menge neue Informationen über mich und meine Persönlichkeit gebracht. Die Tonarten folgen dem. Viele Tonarten sind ähnlich und in einer mathematischen Überlegung könnte man denken, daß man auf unterschiedlichere Tonarten setzen sollte um mehr Vielfalt zu haben. Das habe ich nicht verwendet. Ich habe drei Stücke in der gleichen Tonart, na und, dann ist es eben so, weil ich es so höre und haben will. Mein Punkt war ein anderer, weil es mehr um den Sound geht.

jazz-fun.de:
Ich dachte, daß ein Timbrewechsel auch mit einer anderen Tonart einhergehen kann. Wenn man aus seiner Komfortzone raus ist, kann man schneller neues entdecken. Und als Instrumentalist, da jammst du und spielst die Sachen, die du kennst und mit denen du dich wohl fühlst, da ist es manchmal schwierig auszubrechen.

Kadri Voorand:
Weil ich einen  Jazzbackground habe, habe ich keine komfortablen Tonarten, alle Tonarten sind gleich für mich. Ich fühle mich sowohl in der Rolle des Sängers wie auch des Instrumentalisten. Ja, das Timbre und das Gefühl eines Songs ändert sich, wenn sich die Tonart ändert. Ich habe die Tonarten nicht geändert, was immer in meinem Silence System passiert, das ändere ich sehr selten. Wenn ich nicht nur die Melodie in meinem Inneren Ohr höre, höre ich auch das Timbre, wie ich es ausdrücken möchte, wie ich die Melodie beschreiben würde. Dann findet sich auch schon in der Stille ein Weg. Es musste immer ein Dialog sein, ein Narrativ, nicht nur Musik, die passiert und bei der man später überlegt, was die Geschichte sein kann.

Ich musste jede Melodie überdenken, nichts war mehr gut genug Warum kam diese Melodie zu mir? Wenn ich die Geschichte teile, wen sehe ich vor mir sitzen, wem will ich das erzählen? Das Timbre ändert sich mit der Person, die dir gegenüber sitzt, das kommt alles dazu. Der Dialoggedanke beeinflusst das Timbre und damit auch die Wahl der Tonarten.

jazz-fun.de:
Das ist sehr interessant. Ich glaube nicht, daß viele SängerInnen diese Arbeitsweise verwenden mit Silent Composing und imaginärem Dialogpartner.

Kadri Voorand:
Ich war oft in verschiedenste Projekte wegen meiner technischen Fähigkeiten eingeladen, weil ich viel mit meiner Stimme machen kann, weil ich über Changes improvisieren kann. Das ist sportlich und faszinierend. Es ist interessant und du fühlst dich geschmeichelt, wenn du in deinen 20ern bist. Heute habe ich nicht mehr das Gefühl, daß ich mich in irgendeiner Art durch technische vokale Fähigkeiten beweisen muss. Ich muss nicht mehr in diesen Umständen musikalisch überleben oder eine Menge unterschiedlicher Sounds kreieren. Du hörst mich auf dem neuen Album selten laut. Ich habe etliche Aufnahmen von mir, bei denen ich laut singe. Alles, was nicht mehr zu meinen neuen Regeln der puren Emotionen und des Narrativs passte, das glaubhaft sein muss, musste weg.

Auf diesem Album beweise ich nichts mehr mit meinen technischen Fähigkeiten, das Spiel dreht sich nicht mehr darum. In seinen 20ern braucht man das, um sich seinen Platz zu erkämpfen, aber wenn man künstlerisch erwachsen wird, geht es einem um andere Dinge, um das, was man wirklich ausdrücken will.

jazz-fun.de:
Was ich an dem Album mag, sind die Parameter Ruhe und Stille, ich denke, das waren Elemente, die dir auch sehr wichtig waren.

Kadri Voorand:
Da kam viel im Prozess nach oben. Aber mehr, wie ich als Frau mental gewachsen bin. Diese Sounds habe ich bisher nicht gezeigt. Da kam die Psychologie mit ins Spiel. Ich habe zuerst als Hobby und auch als Studium begonnen, mich für die Psychologie und wie das menschliche Gehirn arbeitet zu interessieren. All diese Mechanismen dahinter, warum wir so klingen wie wir es tun. Da ist noch viel unerforscht. Ich habe auch viel mentale Arbeit mit mir selber gemacht. Vorher ging es in der Jazzwelt für mich am ehesten ums Überleben in dieser Männerwelt. Das ist nicht der einzige Grund, aber mein ganzer Charakter hat meine Sounds ein bisschen versteckt gehalten. Jetzt ist der Druck weg und ich kann all diese femininen und sinnlichen Sounds schätzen und umarmen. Dank der mentalen und der kompositorischen Arbeit kommt das zum Vorschein, und die Lautstärke geht runter.

jazz-fun.de:
Auch der Mut, verletzlich zu sein, das gehört vielleicht auch dazu?
Ich möchte ein bisschen mehr in deine Songs eintauchen, vielleicht kannst du ein bisschen in die Geschichte der Stücke gehen. „...eyes“ wegen der anderen Soundscapes oder „Sookail“, das ist dem Sumpfporst gewidmet, einer Pflanze mit halluzinoger Wirkung, die in den estnischen  Mooren wächst. Letztes Jahr hattest du Zweige mit zur Jazzahead mitgebracht. Bringst du die Pflanze auch auf Tour mit?

Kadri Voorand:
Das wird schwierig sein, aber den Geruch kann ich mitbringen...

jazz-fun.de:
Und „Insale“ und John Lennons „Imagine“ als einzigem Coversong...

Kadri Voorand:
Danke für die Auswahl!
„...eyes“ - Die Stücke mit den drei vorangestellten Punkten entstanden aus langen Improvisationen. Sie sind Cutouts aus längeren improvisierten Stücken. „Before You Look In My Eyes“ ist das Hauptstück, die drei Punkte Stücke fungieren als Hinführungen, also habe ich in verschiedenen Narrativen improvisiert, die mir in den Kopf kamen, ohne den Song zu singen. Ich wollte abenteuerlich sein. Ich probiere viel aus und arbeite kaum anders als ein Schauspieler. Welche Geschichte meines Lebens erzähle ich gerade?

Aber in den Improvisationen fliegt das Narrativ im Raum und pflückt hier und da Ideen. Den Song „...eyes“ habe ich mit der Schamanentrommel probiert. „You Look In My Eyes“ hatte ich zuerst ohne Schamanentrommel gespielt, aber dann habe ich mit dieser großen Trommel, die speziell für mich gemacht wurde, herumexperimentiert und dazu gesungen. Die Sounds der Trommel sind toll, wenn du trommelst, vibriert es sehr stark in der Nähe des Körpers, der dann mitschwingt und alles wird sehr locker. Da ist noch viel zu erforschen für die Zukunft mit dem tieferen Sound der Trommel.

„… eyes“ hat nicht so viele tiefe Noten. Da habe ich begonnen, mit der Trommel und der lyrischen Freiheit zu experimentieren. Wenn ich über die Ideen der Songs nachdenke, ist das wie ein Gespräch, wie wir zwei, Angela spricht mit Kadri, dann hörst du deine Ideen in einem Spiegel, du wirst kaum Sachen hören, die du gar nicht verstehen kannst. Was ich sage, wäre sonst nicht erkennbar für dein System. Du würdest es nicht verstehen, es bliebe komisch. Wenn jemand meine Musik hört, egal, ob er sie mag oder nicht, dann sind es letztendlich die Zuhörer, die sich selber in meiner Stimme hören. Mit der Trommel und dem Chanting habe ich viel experimentiert. Wenn ich locker bin - wie fühle ich mich im selben Raum? Mit dem Mikrofon? Mit dem Publikum? Das würde dann wirklich psychedelisch mit dem aufnehmen. Manchmal habe ich im Rhythmus mitgeatmet, mal nicht, mal war ich ausser Atem, denn mit der Atemarbeit kannst du hyperventilieren, das ist ein sehr merkwürdiger Zustand. So war die Arbeit an „...eyes“ eine weirde psychedelische Erfahrung. Das Chanting mit der Schamenentrommel war eine ganz neue Erfahrung für mich. Herz, Soul, Schultern runter, verwurzelte Traditionen, das alles kann über die Trommel rauskommen. In „Sookail“ fühle ich mit der Trommel und dem Atmen durch die Zehen mit dem Boden verwachsen. Ich nehme immer in meinem Landhaus auf, da kann ich die Anwesenheit meiner Vorfahren von vielen Generationen spüren. In den psychedelischen Momente durch die Atmung habe ich in den Songs eine ganz starke Verbindung zu meiner weiblichen Kraft gefunden.

Wenn ich diese Erfahrung mit Menschen teilen möchte, die weniger im esoterischen Vokabular vertraut sind, dann ernte ich Irritationen, auch, weil ich in Estland den Ruf einer akademischen Künstlerin habe. Jetzt ist es gar nicht mehr verkopft!

jazz-fun.de:
Letzte Woche habe ich Mari Boine gehört, ich bin also drin im schamanischen Musizieren.

Kadri Voorand:
Ich habe mir, nachdem mich schon mehrere Leute darauf hingewiesen haben, Mari Boine angehört, es gibt auf jeden Fall Verbindungen.

Das starke verwurzelte Gefühl ist daßelbe. Hier in Estland ist das sehr stark und wichtig. Meine Eltern stammen von hier, ich beginne die Verbindungen zu fühlen. Ich kenne meine Folktradition, aber erst jetzt kommt zu dem Wissen das Gefühl dazu. Wenn ich aufs Land gehe, in den tiefen Wald, wo ich wohne, direkt an der Grenze von Wald zu Meer, da haben schon Generationen meiner Familie gelebt. Wenn du da ein Feuer machst und die Sauna anheizt und viele Stunden im Saunaritual verbringst... Mein Studio ist hier, erst in die Sauna zu gehen und dann nach oben ins Studio, um aufzunehmen, das ist schon toll. Ich verbinde mich wissentlich mit meinen Vorfahren, ich spüre die tiefen Wurzeln, sie tauchen in meiner Musik auf.

jazz-fun.de:
„Isale“ bedeutet „für den Vater“?

Kadri Voorand:
Das Stück ist für meinen Vater und auch für die Vorfahren. Wenn ich es bei Konzerten singe, dann teilt das Publikum gerne mit, daß es ihnen möglich war, mit verschiedenen Vorfahren Kontakt aufzunehmen, also nicht nur ich. Zuerst war es für mich, weil ich die alten Folksongs mit meinem Vater nie lange genug zusammen spielen konnte, weil wir zu wenig Zeit miteinander hatten, aber ich habe viel mit meiner Mutter an den alten authentischen Folkfesten gespielt. Es gab Songs, die ich gerne mit meinem Vater gespielt hätte, weil er auch eine lange Familientradition von Dorfmusikern an der Stelle, wo ich das Album aufgenommen habe, hat. Also habe ich versucht, in Kontakt mit ihm zu treten, weil ein Mädchen immer seinen Vater braucht, bei ihm auf dem Schoss sitzen und seinem Herzschlag lauschen möchte. Wenn ich Geige in alten Folksongs spiele (auch wenn ich keine Geigerin bin), dann trägt mich das zurück an diesen sicheren Ort. Das mache ich jetzt auch an meinen Konzerten, in einem Stück nehme ich immer die Geige in die Hand und bin an meinem Safe Space, da, wo ich herkomme. Im Text geht es darum, daß ich mir wünsche, die Verbindung zu haben. Durch dieses imaginäre Gespräch in der Musik bekomme ich die Verbindung. Es ist auch eine Bitte an den Vater: Wenn du da oben bist, bei den Göttern und Göttinnen, mach schöne Musik für sie, bring Blumen und sei der Entertainer, der du hier auf der Erde warst. So daß sie dann auch später zu mir nett sind.

jazz-fun.de:
Und „Imagine“ von John Lennon ist ein Song der aktueller ist als je zuvor…

Kadri Voorand:
Dieser Song kam zu mir und bat mich, von mir gespielt zu werden. Wenn ich mit Texten arbeite, dann ist jedes Stück bis hin zum letzten Komma analysiert. Warum ist das Wort genau an dieser Stelle, was ist seine Intensität, was ist die Geschichte? Der Text von „Imagine“ öffnete sich für mich Wort für Wort und jedes mal, wenn ich den Song singe, öffnet sich ein anderer Winkel. Das geht durch mein eigenes Leben. Imagine wäre ein Narrativ meiner Kindheit, People, wer sind die Leute, über die ich spreche? Das ändert sich immer, ich lasse die Rollen sich verändern. Die Bedeutung des Worts Religion zum Beispiel ändert sich jedes mal, wenn ich das Stück singe. Wenn ich die Menge der Leute ändere, dann muss ich das auch ändern. Die Leute sind immer anders, jeder Mensch ist einzigartig. Wir sind ähnlich, aber im Narrativ ist es immer stärker, wenn du über spezielle Menschen sprichst. Dann findest du die Wahrheit besser heraus, es ist stärker. Die Lyrics öffnen sich, die Kindheitsumgebung, die heutigen Umgebung und die Improvisation Bei „...Isa“ spüre ich oft die Rolle der Großmutter in mir, Ich habe verschiedene Rollen in mir, eine ist die lebhafte fröhliche Persönlichkeit, die über alles lachen kann, auch über ernste Sachen. Dann gibt es die Waldprinzessin, wie im Märchen, die diese leichten Schritte hat und weiss, wie man in dieser Welt tanzt. Und dann gibt es noch die Großmutter, wenn immer ich mit der Rolle in einem Stück verbinde, hat sie Antworten für alles. Die Großmutter sieht alle gleich und jeden so, wie er ist. Bei „Imagine“ lande ich – auch wenn ich es manchmal anders plane - am Ende des Songs ich in der Rolle der Großmutter.

Im „Live in München“ Youtube-Clip des Stücks von letztem Jahr passierte das zum ersten Mal. Die Mutter oder auch die sehr leichtfertige Person traten in den Hintergrund und ich hatte das Gefühl, daß ich eine Botschaft habe. Ich hatte das Gefühl, daß ich um alles weinen muss. Es gab eine Menge Tränen, aber keine Tränen der Trauer oder „Sieh mich an“ Tränen, es waren „hör mich an, hör auf den Text“ Tränen. Deshalb wollte ich die „Live in München“-Tracks veröffentlichen, weil es nicht mehr ich bin, es ist die Botschaft der Großmutter. Die sagt: Hör dir den Song an. Er hat eine Botschaft, der für die ganze Welt ist. Über und aus einem Leben, das eine Person hatte. Er ist nicht nur für Leute, die für den Weltfrieden kämpfen, es ist ein  Song für jeden, das erzählt die Großmutter in „All the people“.

Die Großmutter ist auch nie böse auf jemanden, sie sagt niemanden, daß er falsch ist. Ihre Botschaft ist, daß jeder die Welt in ihrer Schönheit sehen soll. Das ist die „All The People“-Improvisation. Weil „Live in München“ schon die ganzen schweren Gefühle hatte, und das war nicht nur die Großmutter, sondern auch alle möglichen Charaktere der Jetzt-Zeit, die diese Kollaboration gemacht haben. „All the People“ sind die Großmutter und die Waldprinzessin zusammen, die aus meinem Zuhause heraus auf die Welt blicken.

Das fühlt sich sicher an, hier in der Mitte meines Waldes, hier bin ich sicher und hier klinge ich so. Ich weiss nicht, ob sich das jemand alles hört. Aber wenn man die Aufnahmen aus meinem Studio mit der Live-Aufnahme aus München vergleicht, dann sind die sehr unterschiedlich.

jazz-fun.de:
Wir müssen noch über Mihkels Rolle sprechen – war er schon zum Zeitpunkt der Improvisationen dabei oder kam er erst später dazu?

Kadri Voorand:
Er war schon den improvisierten Teilen beteiligt, aber viel weniger als beim vorherigen Album. Diesmal war es mehr ich. Aber er kam auch ins Studio und improvisierte über meine Teile. „Sookail“ haben wir zusammen improvisiert, das gab es auch. „Isa“ war auch ein gemeinsamer Jam. Wir haben meine Geige geloopt und vielleicht noch eine weitere Stimme. Das war eine sehr spezielle Zeit, wir haben die meisten Sachen spät abends in der magischen Zeit aufgenommen.

jazz-fun.de:
Ich wollte auch über die Kollaboration mit Puuluup sprechen, mit denen du an der Jazzkaar zusammenarbeitest.

Kadri Voorand:
Ich habe die beiden eingeladen. Ich wollte die im Folk verwurzelnde Bewegung stärken. Puuluup haben nur minimale Arrangements in den Songs, ihre Hauptrolle ist die Improvisation in den Intros, also mehr ein Arrangement der Strukturen. Wir hatten schon eine lange Probe und Aufnahmen für uns selbst. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt habe mit den Hinukannel (archaische viersaitige gestrichene Leier). Sie loopen ja auch in ihrer ihnen eigenen Einfachheit. Ich möchte nicht, daß sie etwas für sie unnatürliches machen. Jedes Album besteht aus simplen Loops mit ihren simplen Instrumenten und ein paar Stimmschichten.

Ich habe ein paar Strukturen errichtet, wie man in den Song hineingeht, wie der Charakter des Sounds und das Volumen ist. Mihkel und ich sind diejenigen, die wissen, wo es lang geht und die lange Form kennen. Als ich mit Puuluup geprobt hatte, habe ich gesehen, daß es genauso ist, wie ich es mir erträumt habe. Es ist wie die schamanische Trommeln, es öffnet die Wurzeln in mir, die Großmutter möchte mit ihren Geschichten  den Raum betreten. Ich möchte mich nicht selber zu viel loopen, überlasse es ihnen und möchte die Melodien auftauchen. Es wird eher ein meditatives Konzert als ein Tanzkonzert werden, sie müssen die Instrumente zwischendurch stimmen, man kann schlecht durch verschiedene Tonarten gehen, dafür ist das Instrument nicht vorgesehen. Die Modalität und die Tonleitern müssen gleich bleiben. Man müsste sonst das ganze Instrument im Stück umstimmen.

Mit dem meditativen Gedanken im Hinterkopf und ohne den Entertainer-Gedanken schätze ich dieses Projekt.

jazz-fun.de:
Die Grenzen ergeben ja dann auch wieder andere Freiheiten, wenn man Einschränkungen in der Tonalität oder Modalität hat, muss man andere Lösungen finden.

Kadri Voorand:
Ich denke noch darüber nach, Stücke von Puuluup mit meinen zu kombinieren. Das hatten wir auch schon in der Probe, daß sich Stücke von den beiden eingeschlichen haben. Ihre Stücke kamen vorbei und sagten „hi“.

jazz-fun.de:
Ich dachte, Puuluup singt nur über das Skifahren, das sind die Aussagen in ihren Ansagen…

Kadri Voorand:
Eine Menge Songs sind in einer erfundenen Sprache, da kann man seine ganz eigene Story haben. Sie machen so fröhliche Musik, ich mag ihre Musik, ich mag ihre Instrumente und ich mag einfach die beiden Typen wahnsinnig gerne. Wir haben immer wundervolle Gespräche. Aus welchem Grund auch immer packen uns Konzert-Booker in Estland gerne zusammen ins Programm. An Festivals oder großen Events teilen Puuluup und ich uns die Bühne. Vor Jahren haben wir schon einmal etwas zusammen gemacht.
Jetzt haben sie endlich die Chance an einem Jazzfestival zu spielen. „Wir wollten immer schon mal an der Jazzkaar spielen!“

jazz-fun.de:
Aber die beiden sind ja auch immer im Publikum.

Kadri Voorand:
Sie sind so neugierig auf neue Musik, ich mag zum Beispiel auch Ramos Artwork sehr gerne. Am meisten Fan bin ich von unseren Gesprächen, die sind grossartig.

Puuluup passt in meine neue Welt, in der der Einfluss der Großmutter und der Waldprinzessin genauso wichtig sind wie von der mathematischen Seite betrachtet, in der Musik Frequenz, Tempo, Intensität, Harmonie und Rhythmus ist. Für mich ist es wundervoll, daß ich mit diesem Album eine kleine Scheibe all dieser Farben erarbeitet habe. Ein Teil von mir ist Forscher, ein Teil diese alte estnische Seele. Die Großmutterrolle bringt mich in eine Zeit, in der ich 8000 Jahre alt bin. Hier in der Nähe haben sie Ausgrabungen gemacht und Gerätschaften gefunden, die über 7000 Jahre alt sind. Die alten Seelen sind in mir, aber das heisst nicht, daß ich die Forscherrolle nicht genauso schätze. Das logische und das absolut nicht logische zu verbinden mag ich.

jazz-fun.de:
Das Album bist du, ohne die Angebote, die du musikalisch machen kannst. Es geht mehr um Gefühle und Erfahrungen.

Kadri Voorand:
Es ist anders, auf dem Album kann man die Sounds in meiner Stimme hören, die noch nicht zu hören waren. „Live in München“ war ein erster Schritt, jetzt hat sich das ganze noch mehr geöffnet. Es ist eine Entdeckung von neuen Klängen in mir.
Ich nenne es nicht mal ein Label, Wild Source Music, das kam nach langer Überlegung zu mir und verbindet Forschung und das sehr wilde und verwurzelte, das aus der Tiefe kommt. Wenn es keine Wild Source Informationen gibt, die ich erforschen kann, ist es langweilig für mich. So bleiben es endlose Ströme von Informationen.

Wenn ich jetzt mit dir spreche, höre ich in deiner Stimme dein Feedback zu meinen Songs höre, dann höre ich mich in dir, I pick up the pieces. Das ist eine wundervolle Verbindung, die ich immer mehr schätze, wenn ich mit jemandem interagiere.
Eine lange Unterhaltung ist anstrengend, aber es ist das schönste, was Menschen machen können.

Ich hoffe, daß die Menschen das Album auf sich wirken lassen können. Mit dem Album kannst du mit dir selbst sprechen. Von daher interessiert mich das Feedback. Auf dem Album ist jeder Sound von Bedeutung, nur um des Sounds willen an genau dieser Stelle. Alles andere habe ich herausgeschnitten. Das beste Ergebnis wäre, wenn der Zuhörer überhaupt nicht an mich denkt, nur an sein eigenes Leben, seine Gedanken und Gefühle denkt und seine innere Welt erforscht.

Das Gespräch führte Angela Ballhorn
Foto: Anu Hammer, Angela Ballhorn

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