Rezension des Albums "Piano, Unfolding" von Kjetil Mulelid
Kjetil Mulelid
Piano, Unfolding
Erscheinungstermin: 07.08.2026
Label: Sagene Records, 2026
So nah, dass man die Gedanken hören kann
Man hört nicht einfach einem Klavier zu. Auf Piano, Unfolding entsteht vielmehr das Gefühl, unmittelbar neben Kjetil Mulelid zu sitzen und mitzuerleben, wie ein musikalischer Gedanke Gestalt annimmt. Die außergewöhnliche Klarheit der Aufnahme bringt uns dem Instrument so nahe, dass Anschlag, Nachklang und selbst die kleinsten Pausen Teil einer sehr persönlichen Erzählung werden.
Fünf Jahre nach seinem Solo-Debüt Piano kehrt der norwegische Pianist zu dieser wohl unmittelbarsten Form des Musizierens zurück. Dazwischen liegen zahlreiche Solokonzerte, und diese Erfahrung ist hörbar. Mulelid muss nichts beweisen. Er lässt die Musik entstehen, gibt ihr Zeit und vertraut darauf, dass eine einzelne melodische Linie ebenso viel sagen kann wie eine komplexe harmonische Entwicklung.
Aufgenommen wurde das Album im Kunstzentrum Kabuso in Øystese. Mit Andreas Winther, seinem langjährigen musikalischen Weggefährten aus dem Kjetil Mulelid Trio, hatte der Pianist auch hinter den Reglern einen Partner, der seine musikalische Sprache genau kennt. Das Ergebnis besitzt eine bemerkenswerte Intimität. Der Raum bleibt hörbar, schafft aber keine Distanz.
Mulelids Spiel verbindet eine ausgeprägte melodische Sensibilität mit harmonischer Neugier. Einflüsse aus Jazz und klassischer Musik sind vorhanden, werden jedoch längst von einer eigenen Handschrift überlagert. Lyrische Passagen können sich langsam entfalten, während andere Stücke offener werden und der Improvisation folgen. Selbst dort bleibt sein Spiel konzentriert und erstaunlich klar.
Gerade im Solospiel wird deutlich, wie selbstverständlich Mulelid mit Stille umgeht. Pausen sind keine Unterbrechungen, sondern Bestandteil der Form. Ein Ton darf ausklingen, bevor der nächste Gedanke beginnt. Dadurch erhält die Musik Ruhe, ohne ihre innere Bewegung zu verlieren.
Piano, Unfolding ist ein stilles, sehr persönliches Album, das seine Schönheit nicht aus großen Gesten gewinnt. Kjetil Mulelid öffnet vielmehr einen unmittelbaren Zugang zu seinem musikalischen Denken. Wir hören nicht nur, was er spielt – manchmal scheint es, als könnten wir hören, wie die Musik gerade erst in ihm entsteht.
(Jacek Brun, 14.08.2026)
Besetzung
Kjetil Mulelid - grand piano
Titelliste
- Memorable Stories
- How the West Was Won
- Entrance
- Solskinnet
- You Know, I Know
- Shards of Light (Krystaller)
- The Poem
- And Now
- (the longing for a) Hello
- Encore
- Glittertind
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