Michał Barański im Gespräch mit jazz-fun.de

Michał Barański
Michał Barański, Foto: Maria Jarzyna

Michał Barański - Gitarrist und Kontrabassist, einer der kreativsten, suchendsten und wagemutigsten Künstler der zeitgenössischen polnischen Jazzszene. Sein Werk umfasst neben seinen Club-, Bühnen- und pädagogischen Aktivitäten mehrere Dutzend Platten, die er zusammen mit führenden Vertretern verschiedener, manchmal extremer Bereiche der Musikszene aufgenommen hat.

Anlässlich der Veröffentlichung seines ersten eigenen Album "Masovian Mantra" haben wir diesen außergewöhnlichen Künstler zum Gespräch eingeladen.

jazz-fun.de:
Du bist einer der erfahrensten Jazz-Bassisten der jungen Generation im heutigen Polen. Erzähl uns, wie alles begann. Wann hast Du zum ersten Mal einen Bass in die Hand genommen?

Michał Barański:
Mein erster Kontakt mit dem Bass war in einer Musikschule in Żory in einer Musikgruppe. Auf die Frage des Leiters, was ich spielen will antwortete ich spontan "den Bass". Damals war ich 12 Jahre alt.

jazz-fun.de:
Deine musikalische Schule des Jazz begann in den USA, dann hast Du klassischen Bass in Polen studiert. Was hat Dich dazu gebracht, beim Jazz zu bleiben?

Michał Barański:
Ich liebe die klassische Musik, aber Phänomene wie freie Improvisation, Gefühl und Groove machten es mir unmöglich, ohne Jazz auszukommen.

jazz-fun.de:
Welche Künstler und Musiker haben Dich am meisten inspiriert? Wer hat Deine Ausbildung und Deine musikalische Entwicklung am meisten geprägt?

Michał Barański:
Miles Davis, John Coltrane, Charlie Parker, Joe Zawinul, Wayne Shorter, Brad Mehldau. Was die Ausbildung betrifft, so war Brad Terry mein Mentor. Bei einem Jazz-Workshop in Chorzów wurde er auf mich aufmerksam. Was dann geschah, war eine wunderbare Geschichte, und aus heutiger Sicht weiß ich sie noch mehr zu schätzen. Damals war mir das noch nicht so bewusst - ich war schließlich erst 13 Jahre alt. Brad lud mich, Tomasz Torres und Mateusz Kolakowski ein, in die USA zu kommen. In den 1990er Jahren war es eine großartige Erfahrung, für drei Monate in die USA zu gehen und dort mit großartigen Musikern zu spielen. 7 Jahre lang machte Terry uns dann zu seinem Trio und wir spielten während der Ferien praktisch im ganzen Land zusammen. Er hatte Kollegen in allen Staaten. Ich erinnere mich, dass wir durch Montana fuhren, und an einer Stelle sagte er: "Oh, hier wohnt Buddy DeFranco. Wir gehen zu ihm nach Hause und spielen zusammen, und ich spreche mit ihm, damit er dir eine Lektion erteilen kann." Und so kam es dann auch - wir breiteten uns in seiner Garage aus, dann kam Buddy zu uns runter und wir fingen an, zusammen zu spielen. Dann hat er uns eine richtige Unterrichtseinheit erteilt - er hat uns gezeigt, wo wir schneller und wo wir langsamer werden sollten, und viele andere Dinge, einfach konkrete, sachliche Tipps. Unbezahlbar. Für ein Kind aus Schlesien war das eine erstaunliche Erfahrung - in gewisser Weise prägend für den Rest des Lebens.

jazz-fun.de:
Neben Kontrabass und Bassgitarre machst du auch eine besondere Art von Gesang, den Konnakol. Was ist es und woher kommt es?

Michał Barański:
Sie stand im Zusammenhang mit der stillen Revolution in der Jazzmusik seit Beginn des 21. Jahrhunderts, als man begann, Jazzstandards in ungeraden Metren und Polyrhythmen zu spielen. Ich suchte nach einer Möglichkeit, mathematisch-rhythmische Strukturen schneller zu bearbeiten. Das indische System ist in dieser Hinsicht am eindeutigsten. Es ist zu meiner Leidenschaft geworden, und ich übe es jeden Tag und sehe erstaunliche Resultate im Umgang mit dem Rhythmus in der Musik.

jazz-fun.de:
An welchen Projekten bist Du derzeit neben Deinem eigenen beteiligt?

Michał Barański:
Derzeit spiele ich hauptsächlich mit Adam Bałdych, Piotr Wojtasik, Kuba Więcek, Artur Dutkiewicz, Piotr Wyleżoł, Aga Zaryan, Kuba Badach und auch mit dem Pianisten Dan Tepfer.

jazz-fun.de:
Nachdem Du mit einer ganzen Reihe von polnischen und internationalen Musikstars zusammengearbeitet hast, haben wir nun endlich Dein eigenes Album "Masovian Mantra" zu Gesicht bekommen. Hast Du endlich die Zeit dafür gefunden, oder ist die Zeit einfach gekommen?

Michał Barański:
Der Zeitpunkt kam in der Pandemie, als ich endlich Zeit zum Komponieren hatte. Davor war ich mit verschiedenen Projekten auf Tournee. Ich sagte mir: "Wenn nicht jetzt, dann nie". Es hat mir auch geholfen, diese schwierige Zeit psychisch besser zu überstehen. Ich hatte ein Ziel, das ich konsequent verfolgte.

jazz-fun.de:
Wie komponierst Du? Handelt es sich dabei um spontane Ideen oder um gut durchdachte, ausgearbeitete und detailliert festgehaltene Partituren? Wie viel Raum lässt Du dabei für Improvisation?

Michał Barański:
Meistens ist es so, dass eine Idee für eine Komposition während eines langen Spaziergangs entsteht und ich dann abends in mein Studio gehe und mit Hilfe der Kompositions- und Produktionssoftware Logic Pro langsam die Konturen des ganzen Stücks herausarbeiten kann. Ich versuche immer, ein Gleichgewicht zwischen komponierten Teilen und offenen Improvisationen zu halten.

jazz-fun.de:
Was hat Dich zu dieser Musik inspiriert, welche Leitmotive sind darin zu hören?

Michał Barański:
Das Leitmotiv war der Wunsch, Elemente der polnischen Volksmusik aus der Region Mazowsze mit indischen Rhythmuskonzepten zu verbinden. Es war eine Art Risiko, aber eines, das es wert war, eingegangen zu werden. Eine große Inspiration war dabei Tigran Hamasyan, der armenische ethnische Musik mit modernen Rhythmen verbindet. Da ich Pole bin, dachte ich mir, dass ich etwas aus meinem Land zeigen sollte. Ich habe polnische Mazurken intensiv unter rhythmischen und melodischen Gesichtspunkten analysiert und bin zu einigen interessanten Schlussfolgerungen gekommen, die auf dem Album zu hören sind.

jazz-fun.de:
Welche Musiker hast Du eingeladen, an diesem Projekt mitzuarbeiten und warum?

Michał Barański:
Auf dem Album sind zu hören: Shachar Elnatan (Gitarre, Gesang), Michał Tokaj (Klavier, Fender-Rhodes), Łukasz Żyta (Schlagzeug), Bodek Janke (Tabla), Kuba Więcek (OP-1 Synth, Altsaxophon), Kacper Malisz (Violine), Joachim Mencel (Drehleier), Olga Stopińska (Gesang), Jan Smoczyński (Akkordeon), Dziadek Tadek (Rezitation). Diese Musiker sind meine Traumbesetzung, da sie in der Lage sind, verschiedene Konzepte zu kombinieren, die ich im Kopf hatte. Gleichzeitig sind sie im Stande, sowohl komplexe Jazzrhythmen als auch ethnische Musik aus verschiedenen Teilen der Welt zu spielen.

jazz-fun.de:
Werden wir Dich bei Konzerten in Deutschland hören können und wann? Wenn nicht in Deutschland, wo werden wir dieses Material live erleben können?

Michał Barański:
Im Moment haben wir noch 4 Konzerte in diesem Jahr in Polen. Unter anderem auf dem Sopot Jazz Festival, wo wir vor Shai Maestro auftreten werden. Wir planen, im nächsten Jahr weitere Events zu organisieren, möglicherweise in Deutschland und anderen Ländern.

jazz-fun.de:
Hast Du noch Geschwister?

Michał Barański:
Ich habe zwei jüngere Brüder.

jazz-fun.de:
Welche Art von Musik hörst du privat?

Michał Barański:
Ich höre viel Jazz und eine Menge "Weltmusik" sowie RNB, Hip Hop und klassische Musik.

jazz-fun.de:
Pizza oder Pasta?

Michał Barański:
Pasta!

jazz-fun.de:
Was ist für Dich die schönste Aussicht?

Michał Barański:
Die Aussicht auf hohe Berggipfel - Tatra, Alpen....

jazz-fun.de:
Was machst Du an einem Sonntag, wenn Du nicht gerade Musik machst?

Michał Barański:
Ich lese Bücher über Geopolitik und verbringe Zeit mit meiner Frau und unseren drei Kindern.

jazz-fun.de:
Dein Lieblingsgetränk?

Michał Barański:
Meinst du Alkohol? Wenn ja, dann am meisten Bier. Meine Lieblingssorte ist Pils, vor allem tschechisches und deutsches.

Text: jazz-fun.de
Foto: Maria Jarzyna

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