Wenn die Seele spricht: „Nami“, eine Tanzperformance von Mutter (Kyung Mee Lee) und Tochter (Jin Lee)
Mitten im Kreativquartier an der Dachauer Straße gelegen, versteht sich das Schwere Reiter als „Spiel- und Vernetzungsort für Tanz, Theater, Musik – und alles dazwischen“. Hier gilt es immer wieder Entdeckungen zu machen – etwa im Rahmen der Tanzwerkstatt Europa, die seit 1991 von dem Veranstalter JOINT ADVENTURES – Walter Heun gemeinsam mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München organisiert wird. Zielsetzung dabei ist, „als Werkstatt für neue Ideen und Ästhetiken … wichtige Impulse im zeitgenössischen Tanz und der Performance-Kunst“ zu setzen. Zu welchen Sternstunden es dabei kommen kann, erlebte das Premierenpublikum am 6. August bei der Uraufführung von „Nami“, dem neuen Stück des zwischen München und Seoul pendelnden Performancekollektivs ZINADA unter der Leitung von Jin Lee und Jihun Choi. Die Musik dafür hat der österreichische Pianist/Keyboarder und Komponist Benjamin „Benny“ Omerzell komponiert. Robert Fischer war für jazz-fun.de dabei und hat sich in diesem Zusammenhang auch ein paar generelle Gedanken zum faszinierenden Thema Musik und Tanzperformance gemacht.
Von Robert Fischer
Jazz goes dance
Gut möglich, dass die interessanteste zeitgenössische Musik aktuell nicht auf den Konzertbühnen zu erleben ist, sondern im Rahmen von Tanzperformances. Jedenfalls fällt auf, wer hier alles aktiv ist: junge Musikerinnen und Musiker wie Leonhard Kuhn, Shuteen Erdenebaatar oder eben Benny Omerzell, der unter anderem im Jazzorchester Vorarlberg sowie in den Formationen Kompost 3 und 5K HD (mit Mira Lu Kovacs) bekannt wurde. Interessant und sicher kein Zufall ist es zudem, dass es vorwiegend Jazzmusiker und -musikerinnen wie zum Beispiel John Hollenbeck, Louis Sclavis und Jason Moran sind, die gern mit Tanzkompagnien zusammenarbeiten, aber auch Grenzgänger zwischen Jazz und Neuer Musik wie Vijay Iyer, Craig Taborn oder Henry Threadgill. Wobei es uns an dieser Stelle explizit nicht um solche Musikerinnen und Musiker geht, deren Stücke bevorzugt als (fertige) Vorlagen für Choreografien verwendet werden, sondern um solche, deren Musik in enger Kooperation mit den Choreografinnen und Choreografen entsteht. Was dann dazu führen kann, dass die Musiker gemeinsam mit den Tanzenden auf der Bühne stehen, wie das beispielsweise das schwedische Fleshquartet in Mats Eks großartigem „Appartement“ der Fall war. Oder beim arcis_collective, einer Kooperation zwischen dem Arcis Saxophon Quartett und der Choreografin Roberta Pisu, die Kammermusik (von Shuteen Erdenebaatar und Leonhard Kuhn bis Frank Zappa) mit zeitgenössischem Tanz zur gemeinsamen Performance verschmilzt.
Body and Soul
„Dance is the hidden language of the soul, of the body“ (Tanz ist die verborgene Sprache der Seele, des Körpers), hat Martha Graham mal in einem Interview mit der New York Times formuliert. Für die legendäre US-amerikanische Tänzerin, Tanzpädagogin und Choreografin war Tanz die erste Kunstform überhaupt. Sie glaube, sagte sie im selben, 1985 mit der New York Times geführten Interview, der Tanz sei am Anfang [der Künste] gestanden, „weil er aus Gestik besteht – weil er Kommunikation ist. Das bedeutet nicht, dass dabei eine Geschichte erzählt wird; es bedeutet vielmehr, dass den Menschen ein Gefühl, eine Empfindung vermittelt wird“. Liest man das zusammen mit einem Zitat aus Platons „Politeia“, in dem es um die Bedeutung der musischen Erziehung geht und gesagt wird, dass „Rhythmus und Harmonie am tiefsten in das Innere der Seele eindringen und sich dort am festesten verankern“, sind die drei Begriffe, die die enge Verbindung von Musik (Harmonie und Rhythmik) und Tanz (Gestik) als im Idealfall gemeinsames Mittel der (wortlosen) Kommunikation beschreiben, bereits gefallen. Wobei Martha Graham die Bedeutung des Tanzes sogar noch über die des Wortes stellt, und zwar insofern, als für sie der (tanzende) Körper selbst das zum Ausdruck bringen kann, was Wörter nicht sagen können. Was uns direkt zur Uraufführung im Münchner Schwere Reiter bringt, die der Ausgangspunkt unserer Überlegungen zum Thema (Jazz-)Musik und Tanz war.
„Nami“ – Mutter und Tochter auf gemeinsamer Bühne …
Hier nämlich geht es um große Gefühle. Um ganz große! Um uns darauf einzustimmen, beginnt die Performance mit einer etwa zehnminütigen Meditation, zu der das Publikum ins Studio hinter der Bühne des Schweren Reiters geführt wird. Auf ein paar Stühlen, doch mehrheitlich auf dem Boden sitzend oder liegend, wird von einer Moderatorin mit sanfter Stimme einführend ein bisschen was über das zur Aufführung kommende Stück gesagt, vor allem aber geht es darum, innezuhalten, die Augen zu schließen und auf seine Atmung zu achten. Um, kann sein oder nicht, vielleicht sogar einen kollektiven Moment gemeinsamen Atmens zu erleben.
Erst dann öffnet sich die Tür zur Performance. Wir sehen einen weiß verkleideten Raum mit seltsamen Linien und geometrischen Flächen an den Wänden wie am Boden: buntes Tapematerial, Origamifiguren, plastische Formen, koreanische Schriftzeichen, angedeutete Kurven, Pfeile … Während wir uns auf den um die Tanzfläche herum verteilten Sitzen platzieren, wandern Mutter und Tochter bereits im Raum herum.
Kyung Mee Lee ist 65, Jin Lee 32. Fünfundsechzig Jahre alt zu werden, bedeutet in Korea eine große Veränderung: Ab jetzt gilt man offiziell als ältere Person. Jin Lee ist mit ihren zweiunddreißig Jahren exakt in dem Alter, in dem ihre Mutter war, als sie Jin Lee austrug.
Kyung Mee Lee lebt in Hongcheon in Südkorea. Sie arbeitete als Geografielehrerin und stand noch nie auf einer Bühne.
Jin Lee ist Teil des von ihr und Jihun Choi geleiteten, zwischen München und Seoul pendelnden Performancekollektivs ZINADA. Die Idee, ein Stück mit ihrer Mutter zu machen, hatte sie schon lange – seit zwei Jahren recherchieren und arbeiten beide gemeinsam daran.
Was sicher kein einfacher Prozess war. Denn worum es geht, ist im Kern der existenzielle Mangel an mütterlicher Wärme und die ständige Sehnsucht nach der Zuwendung einer Mutter, die sie beide nie erfahren haben. Als die Mutter der Mutter, Jin Lees Großmutter, zehn Jahre alt war, endete der Koreakrieg. „Er hinterließ Millionen Tote“, erfahren wir im Begleitmaterial zur Performance, „ein gespaltenes, zerstörtes Land und eine Bevölkerung, deren Traumata privatisiert und über die geschwiegen wurde. Die Großmutter sprach nie über ihre körperlichen und seelischen Schmerzen, verarbeitete sie nie, brachte ihre Kinder zur Welt und misshandelte später die eigene Tochter. Die Narben dieser Misshandlungen gruben sich als tiefe Spuren, die nie ganz verheilten, in Jin Lees Mutter ein und beeinflussten unweigerlich ihre Beziehung zur eigenen Tochter. Schmerz erzeugte weiteren Schmerz und wurde von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Aus diesem Kreislauf auszubrechen, die gesellschaftlichen Wurzeln des Schmerzes freizulegen und das Trauma zu entprivatisieren, verhalf Mutter und Tochter, nicht nur die Geschichte der Großmutter neu einzuordnen, sondern auch ihre eigene distanzierte Beziehung“.
In „Nami“ teilen beide, so heißt es weiter, „ihre Suche nach Heilung, nach Vergebung, nach Zuhören und Verstehen“. Wobei der Titel des Stücks gleich drei Bedeutungen haben kann: „Nami“ bedeutet erstens „schön, strahlend“, zweitens „meine Schöne“ sowie drittens „ich und meine Mutter“ („Na“ bedeutet „ich“, „Mi“ ist der Spitzname von Jin Lees Mutter).
Wie das alles bei der Uraufführung im Schwere Reiter umgesetzt wird, lässt sich mit Worten (siehe Martha Graham) kaum beschreiben. Nur so viel: Es ist eine Sternstunde der Performancekunst, an der die Musik von Benny Omerzell einen entscheidenden Anteil hat. Ja, beide wären ohneeinander nicht das, was sie gemeinsam sind. Zwar lässt sich Benny Omerzells Musik auch „für sich gut hören“, die Performance der beiden Tanzenden ließe sich wohl ebenso für sich allein „gut ansehen“. Aber erst zusammen wird das, was im Bühnenraum geschieht, zum Ereignis.
… mit einem unsichtbaren Dritten im Bunde
Omerzells atmosphärisch dichte, im direkten Austausch mit der Choreografin entstandene und noch bis in die letzten Tage vor der Generalprobe auf die Performance abgestimmte Musik beginnt mit einem hellen, lang anhaltenden Ton, während Mutter und Tochter zunächst nebeneinanderstehen, dann ihrer Wege gehen, aneinander vorbei, zueinander, verschiedenen (Lebens?-)Linien folgend. Behutsam tastend geschieht das, und behutsam tastend entwickelt sich die Musik, gewinnt an Klangvielfalt, an Dramatik, gibt Rhythmik vor, die von den Tanzenden oft nur mit einem kurz angedeuteten Schritt zur Seite aufgenommen wird, schafft Zäsuren und Raum für völlige Stille. Überwiegend langsam und ruhig sind auch die Bewegungen der Tanzenden – mit welcher Sicherheit sich die gänzlich bühnenunerfahrene Mutter im Raum bewegt, macht Staunen. Aber auch die Ausdruckskraft ihrer Emotionen, die Zärtlichkeit, wenn es zu ersten Momenten der wirklichen Nähe, zur Berührung kommt. Irgendwann liegt die Tochter am Boden, die Mutter hat um sie einen Kreis aus Gegenständen gebildet: ein Mutterbauch? Völlige Stille, völliger Stillstand im Raum. Ein Klavier setzt ein, die Musik wird melodiöser; lässt gar eine liedhafte Struktur erahnen. Dazu dreht und windet sich die Tochter, bäumt sich auf und weckt im Publikum die unterschiedlichsten Assoziationen: Ist das ein Kind vor der Geburt, wie es sich im Mutterbauch einen Weg ins Leben sucht? Sich abnabeln muss und befreien, ohne schon in irgendeiner Weise autark sein zu können? Ist es das neugeborene Kind, das da erscheint und beiden, Mutter wie Tochter, eine Möglichkeit gibt, noch einmal von vorn anzufangen in einer Beziehung, die endlich geprägt wäre von mütterlicher Wärme und Zuwendung?
Nein, man denkt das zwar alles, aber man wagt es kaum auszusprechen, um die Magie der Performance nicht mit einer „richtigen“, „falschen“ oder überhaupt einer „Deutung“ zu zerstören. Das Wunder der Aufführung ist nicht das, was wir sehen. Sondern das, was es in uns auslöst. Wenn die Seele spricht: Mit der Musik als unsichtbarem Dritten im Bunde.
Wie entsteht die Musik für eine moderne Tanzperformance? Robert Fischer hat Jin Lee, die Choreografin ihres gerade im August 2026 im Münchner Schwere Reiter uraufgeführten, sehr bewegenden Stückes „Nami“, dazu befragt und einen sehr genauen Einblick in ihre Gedanken und Überlegungen dazu erhalten. Ein Werkstattbericht.
Musik ist für uns eine entscheidende künstlerische Ebene. Mein Prozess beginnt meist sehr intuitiv, noch bevor die eigentliche Kreation startet: Ich sammle Stücke, die mich emotional berühren, in einer Referenz-Playlist. Diese Musikstücke dienen oft als erste Inspiration für die Atmosphäre bestimmter Szenen. Anschließend teile ich diese Referenzen mit den Komponisten, wir besprechen ihre spezifischen Qualitäten und verwandeln sie gemeinsam in unsere ganz eigene Partitur.
Unsere Arbeiten zeichnen sich gewöhnlich durch eine sehr hohe physische Intensität aus. Bei Nami war die Ausgangslage jedoch besonders: Da ich mit meiner 65-jährigen Mutter arbeite – die keine professionelle Tänzerin ist –, war uns klar, dass wir emotionale Höhepunkte nicht allein über hochphysische Bewegungen aufbauen können. Wir brauchten eine Musik, die unser Tun auf der Bühne auf sehr feinfühlige Weise trägt und unterstützt.
Einen entscheidenden Impuls gab mir der koreanische Film „Hear Me (청설)“, der vom Leben gehörloser Menschen und ihren Familien erzählt. Da Gebärdensprache das primäre Kommunikationsmittel ist, arbeitet der Film intensiv mit Sounddesign: Stellenweise wird ausschließlich mit natürlichen Umgebungsgeräuschen gearbeitet, manchmal verstärkt die Musik die Emotionen der Figuren, und an anderen Stellen setzt sie gezielt konträre Gefühle ein, um die innere Spannung noch zu steigern.
Von diesem Ansatz inspiriert, haben wir eine vielschichtige musikalische Struktur entwickelt: Musik, die uns manchmal führt, manchmal unsere Aktionen auf der Bühne verstärkt (amplify), manchmal einen emotionalen Kontrapunkt setzt, manchmal in völlige Stille übergeht – und sich manchmal in Echtzeit als direkte Reaktion auf die physischen Veränderungen der Tanzenden wandelt.
Der Komponist Benny Omerzell hat uns eine Woche lang im Probenraum besucht, um gemeinsam mit uns durch Live-Improvisation nach Sounds zu suchen. Mein Solo zum Beispiel entstand nicht isoliert, sondern aus einer einzigen, ungefilterten Live-Improvisation zwischen Benny und mir.
Ebenfalls an der Musik für Nami beteiligt war Shinhye Jung. Sie spielt gewöhnlich traditionelle koreanische Holzblasinstrumente wie Piri, Taepyeongso und Saenghwang. Zudem kreiert sie Klangtexturen mit ihrer Stimme sowie mit Alltagsgegenständen wie Stoffen, Bechern, Gläsern, Löffeln oder Kinderspielzeug. Für Nami brachte sie sich in den Entstehungsprozess der Musik ein, indem sie die vielschichtigen Klänge der Saenghwang sowie aufgenommene Alltagsgeräusche an Benny Omerzell übergab. So konnte Benny mit diesen einzigartigen Klangmaterialien experimentieren und sie spielerisch in seine Partitur einweben.
Sowohl Benny Omerzell als auch Shinhye Jung sind herausragende Musiker mit einer enormen Sensibilität für die Bewegungen der Tanzenden. Die Zusammenarbeit mit ihnen, das gemeinsame Erkunden neuer Wege und das Erleben, wie sich all diese Strukturen am Ende organisch zu einem Ganzen fügen, ist für mich eine große Freude.
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Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer -
Jin Lee, Kyung Mee Lee - Nami, Foto: Robert Fischer
Über den Autor
Robert Fischer ist freier Autor, Fotograf und Musikjournalist aus München. Für jazz-fun.de berichtet er von Konzerten, Festivals und anderen kulturellen Veranstaltungen. Seine Fotografie wurde bereits mehrfach international ausgezeichnet.
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Kommentar von Henning Bolte |
Engagierte Vorreiter (seit den 70er Jahren) waren zweifellos Jeanne Lee und Gunter Hampel fortgesetzt durch ihre Kinder Ruomi Lee Hampel
und Cavana Lee-Hampel