Vielsaitig: Zwischen Knallern und Balladen - Interview mit Philipp Schiepek
Von Angela Ballhorn
Der Jazzgitarrist Philipp Schiepek, frisch berufener Professor an der Münchner Hochschule für Musik und Tanz, ist musikalisch breit aufgestellt. Nach zwei eher melancholischeren, ruhigeren Alben hat er mit seinem neuen Quartett, das er zusammen mit dem Trompeter Lorenz Widauer aus Österreich leitet, ein Album veröffentlicht, bei dem Titel und Inhalt zu hundert Prozent übereinstimmen: „Bangers And Ballads“, also Knaller und Balladen.
jazz-fun.de:
Wir hatten uns schon früher über deine vorangegangenen Veröffentlichungen unterhalten, ich fände es gut, ein bisschen in deine musikalische Vergangenheit einzutauchen.
Warum ist die Gitarre dein Instrument geworden?
Philipp Schiepek:
Ich habe mit zwölf mit der Gitarre angefangen, davor hatte ich schon Klavier und Akkordeon gespielt. Mit zwölf habe ich ein Joe Satriani Video gesehen, das in dem Alter genau richtig eingeschlagen hat, schnell und laut. „Summersong“ hiess das Stück, das fand ich toll und es war um mich geschehen. Meine Eltern sagen immer, sie hätten mich ab dem Moment nicht mehr gesehen, ich war nur noch am Üben.
Zu der Zeit gab es bei Lidl und Aldi Gitarrensets, Gitarre mit Gurt, Pick und Buch. Das war für den Anfang OK, und als nach drei Monaten klar war, dass es mir ernst war, gab es ein richtiges Instrument, eines, das man auch spielen konnte. Vorher hatte ich ein bisschen E-Bass gespielt, weil mein Vater E-Bassist im Rockbereich ist.
Mit 14 interessierte ich mich auch für klassische Gitarre und hatte beim selben Lehrer Unterricht, bei dem ich mit E-Gitarre angefangen hatte. Der war Lehrer am Münchener Gitarreninstitut, einem privaten Institut. Mit 15 habe ich dort vorgespielt und bin schon zu Schulzeiten einen Tag in der Woche dorthin gefahren. Es war jeweils ein eintägiger Acht-Stunden Workshop, bei dem alles dabei war: Blattlesen, Gehörbildung, Rock- und auch Jazzgitarre. Da habe ich den Jazz für mich entdeckt.
jazz-fun.de:
Wer war der erste Gitarrist, der dich im Jazz begeistern konnte?
Philipp Schiepek:
Das waren Mike Stern und Scofield, die Brücke von Rockgitarre zu Rockjazz. Ich war ein richtiger Mike Stern Michael Brecker Fan, als ich zum Studium nach Würzburg gegangen bin. Und während des Studiums bekam ich die ganze Geschichte und die Vielfalt in den Gitarrensounds vermittelt und entdeckte, wie vielfältig Jazzgitarre ist. Das hat natürlich alles verändert.
jazz-fun.de:
Wen würdest du jetzt als deinen Lieblingsgitarristen bezeichnen? Wen hörst du heute gerne?
Philipp Schiepek:
Bill Frisell ist ein grosser Einfluss, Julian Lage und Lage Lund. Dann gibt es viele jüngere wie Tom Ollendorf aus London, den habe ich zum Workshop nach München eingeladen. Und es gibt eine junge Gitarristin aus Holland, Ella Zirina. Sie hat einen tollen Sound und ein Super-Output. Das finde ich immer superinspirierend. Oder Reinier Bas, den finde ich auch gut. Das sind GitarristInnen, die ich gerade viel höre, die Einfluss und Inspiration für mich sind.
jazz-fun.de:
Du spielst beides, Klassik und Jazzgitarre, auch wenn dein aktuelles Album ein Jazzgitarrenalbum ist. Du bist quasi auf allen gitarristischen Saiten unterwegs.
Philipp Schiepek:
Ich habe in Würzburg parallel Konzertgitarre bei Jürgen Ruck studiert. Das war eine sehr wichtige Zeit für mich, weil es meinen Kosmos total erweitert hat und mir gezeigt hat, was für Welten es noch gibt. Teilweise überschneiden sich die Welten, manche laufen nebeneinander her, ohne dass man genau weiss, was da passiert. Interpretatorisch hat mir das viel gebracht, vor allem für mein Jazzrubato-Spiel hat mir die klassische Agogik für den Ton viel gebracht.
Bei der aktuellen Platte habe ich mich allerdings auf die elektrische Gitarre konzentriert.
jazz-fun.de:
Lass uns über dein Album sprechen – Trompete und Gitarre ist keine häufige Kombination. Ich nehme an, dass es mehr mit dem Musiker als mit dem Instrument zu tun hat, oder?
Philipp Schiepek:
Ja, auf jeden Fall. Ich habe Lorenz 2021 kennengelernt, als wir beide „Jedermann“ in Salzburg gespielt haben. 2021 war die Produktion mit Lars Eidinger, und da war E-Gitarre besetzt. Ich kannte den Drummer, der die Band zusammengestellt hat, so kam ich dazu. Es sollte jemand sein, der improvisieren kann, aber auch lesen und nach Dirigat spielen kann. Im Ensemble habe ich Lorenz kennengelernt. Wir sassen drei Monate aufeinander und haben es sehr genossen, uns neben der oft sehr statischen Theaterproduktion auch zum Jammen zu treffen. Es hat sich eine Freundschaft entwickelt und wir sind oft nach Wien gefahren, zum Jazzclub ZWE, einem kleineren Club, wo die heimische Szene gut spielen kann. Irgendwann haben wir gesagt, dass wir eigentlich eine Band machen müssten. Ich bin jemand, der Entscheidungen selber treffen muss, weil ich so meine Visionen habe, aber mit Lorenz funktioniert das total gut. Wir teilen alles, wir schreiben beide, wir organisieren beide und es fühlt sich sehr gut an. Ich freue mich, dass wir dieses Album gemacht haben.
Und es ist tatsächlich, wie du gesagt hast, die Kombination Trompete und Gitarre ist nicht so häufig. Es ist ein anderer Sound, man schreibt anders dafür.
jazz-fun.de:
Gitarrentrio gibt es häufig, oder Orgeltrio oder Quartett mit Saxofon, aber in Kombination mit Trompete ist Gitarre eher selten. Dabei passt es klanglich ziemlich gut, finde ich.
Ihr habt euch das schön aufgeteilt und ich finde auch den Albumtitel mit „Bangers And Ballads“ ganz passend.
Philipp Schiepek:
Wir hatten unsere erste Tour im Februar 2024 gespielt und hatten den ersten Gig in Würzburg, den zweiten in Salzburg. In den Proben davor meinte unser Drummer, dass wir nur „Bangers and Ballads“ spielen, also nur Knaller und Balladen.
jazz-fun.de:
Wie sind die anderen beiden Musiker in die Band gekommen? Bass und Drums sind ja ebenso wichtig, auch wenn ihr beide als Frontleute natürlich mehr im Rampenlicht steht.
Philipp Schiepek:
Mit Mateus, dem Drummer, haben wir seit 2021 immer wieder gespielt, wenn wir nach Wien kamen, mal im Quartett, mal im Sextett. Es war von Anfang an klar, dass er dabei ist.
Anfang 2024 sagte ich Lorenz, dass alles ein bisschen konkreter werden müsste. Ich hatte ein paar Tunes geschrieben und wollte ein paar Sachen ausprobieren. Lorenz hatte Mick für die Jamsession gefragt. Das war super, die Stimmung war gut, es passte einfach. Wir haben uns gut verstanden, damit haben wir die Band gleich eingetütet. Mateus kommt ursprünglich aus Brasilien, Mick aus Rumänien, sind aber alle in Wien, eigentlich ist es eine Wiener Band. Ich bin gerne in Wien und habe so einen Grund, öfter mal hinzureisen.
jazz-fun.de:
Auf Tour wart ihr auch schon?
Philipp Schiepek:
Wir haben vor der Aufnahme ein paar Gigs mit dem Programm gespielt, in Salzburg, in der Münchner Unterfahrt und im Porgy & Bess. Das waren schöne Konzerte, um das Programm weiterzuentwickeln.
jazz-fun.de:
Ich würde gerne ein paar Infos zu Kompositionen von Dir haben wollen. Nehmen wir doch mal nur Banger - vielleicht „Serendipity“ und „Detective“, das eine fiese Taktverschieberei als Grundlage hat?
Philipp Schiepek:
„Serendipity“ heisst ja ein schöner Zufall, das habe ich als persönliche Hymne für die Band geschrieben, weil ich mich so gefreut habe. Als ich Stücke für die erste Probenphase geschrieben habe, war die Stimmung sehr positiv. Wir haben zusammen etwas entstehen lassen. Ich habe das ganze Stück auf der Gitarre geschrieben und anschliessend orchestriert. „Detective“ begleitet mich schon ewig. Diesen Riff spiele ich oft bei Soundchecks. Als ich wusste, dass wir ein Album machen, habe ich den Riff aufgeschrieben und zu einem Song gemacht. Das war mein Anspruch für dieses Album, schon bevor ich wusste, dass das Album „Bangers And Ballads“ heissen würde: Ich wollte energetischere Stücke schreiben. Meine zwei Vorgängeralben waren eher melancholisch und zarter. Ich wollte eine andere Seite zeigen und nicht noch ein weiteres ähnliches Album anlegen. Die beiden Vorgänger waren eher wie Zwillinge, jetzt gibt es eine neue Band und einen neuen Sound.
Aber es war toll, dass sich alle eingebracht haben. Bei „Detective“ spielt Lorenz Piccolo-Trompete, das passt gut. Wie meistens, wenn ich für Jazzbands schreibe, sind es nur Leadsheets, oft nicht mehr als eine Seite. Wir haben dann im Studio die Stücke zusammen arrangiert. Da kann sich das ganze Quartett einbringen.
jazz-fun.de:
Wie verteilst du denn im Moment akustische und elektrische Gitarre für dich beim Üben?
Philipp Schiepek:
Ein bisschen so, wie es gerade angesagt ist. Da ich gerade die Professur in München angetreten habe, ist die Jazzgitarre übemäßig deutlich nach vorne gerückt. Es motiviert mich wahnsinnig. Ich habe momentan acht Studierende, die alle total toll sind. Alle wollen ein bisschen was anderes. Ich habe zwar mein Programm, was man alles vom Repertoire her kennen sollte. Aber die einen wollen lieber in der Tradition sein, die anderen eher das spielen, was gerade aktuell ist. Beides will ich natürlich auch demonstrieren können. Es motiviert mich sehr, wieder viel zu üben. Sonst habe ich immer Konzerte vorbereitet und es gab auch Phasen, in denen ich viel Klassik geübt habe, obwohl meine Konzerte zu 90 Prozent im Jazzkontext sind. Ab und zu spiele ich Konzertgitarre solo, aber im Moment muss sie sich ein bisschen gedulden.
jazz-fun.de:
Ich finde es immer interessant, was Leute üben, auch wenn es nicht immer direkt zu hören ist. Von Mike Stern weiss ich, dass er oft klassische Werke von Bach übt. Oder Solos von Sonny Rollins trankribiert.
Philipp Schiepek:
Das kann ich gut nachvollziehen. An der Klassik kann man sich an etwas festhalten. Man kann einen Notenband aufschlagen und mit dem Üben loslegen. Im Jazz muss man genau wissen, was man üben möchte und sich das selber zurecht legen. Bei einem klassischen Werk kann man sich die nächsten drei Seiten auf die Woche verteilt zurecht legen.
Ich bin gerade dabei, Bachpartiten auf elektrischer Gitarre zu spielen, das ist ein Sound, den ich total spannend finde. Aber das muss sich erst noch entwickeln. Die lyrischeren Sachen, die Sarabandes, funktionieren wahnsinnig gut. Wenn man die Saiten zart anschlägt, bekommt die Musik etwas Gläsernes. Die tänzerischen Sätze dagegen können schnell zickig klingen. Ich forsche gerade, wie man eine ganze Suite umsetzen kann.
jazz-fun.de:
Aber das Quartett ist im Moment dein Hauptprojekt?
Philipp Schiepek:
Parallel läuft auch mein Trio, wobei ich mich bookingmässig momentan auf das Quartett konzentriere. Ich habe in letzter Zeit auch öfter solo gespielt, da habe ich in der ersten Hälfte Stücke aus dem akustischen Album „Meadows and Mirrors“ gespielt und klassisches Repertoire und im zweiten Teil Jazzgitarre aus „Versuch zu träumen“ und Jazzstandards.
Das will ich weiter ausbauen. Im Moment ist das aber Quartett das Hauptprojekt und ich merke, dass es mir gut tut, den Fokus auf nur einer Sache zu haben. Und es ist auch gut, dass wir das zusammen machen. Wenn ich eine Nachricht von Lorenz bekomme, dass er einen Gig klargemacht hat, ist das Motivation, mich selber auch wegen Gigs verstärkt dahinter zu klemmen.
jazz-fun.de:
Danke für das Gespräch.
Über die Autorin
Angela Ballhorn ist Jazzjournalistin und ausgebildete Flötistin mit langjähriger Erfahrung im Musikjournalismus. Ihr besonderes Interesse gilt den Geschichten hinter der Musik und den kreativen Prozessen der Künstlerinnen und Künstler.
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