Richard Wagner, Parsifal und der Jazz (Teil 2)

Parsifal
Parsifal

Alle Jahre wieder steht an den Osterfeiertagen Richard Wagners letztes und längstes musikdramatisches Werk auf dem Programm – 2026 zum Beispiel in München und Dresden, in Landshut, Passau und Straubing, in Berlin, Düsseldorf und Mannheim, im österreichischen Erl sowie in Budapest, Prag und Wien. Grund genug für unseren Münchner Korrespondenten Robert Fischer, sich die Inszenierung der Bayerischen Staatsoper im Münchner Nationaltheater mal etwas genauer anzusehen.

Von Robert Fischer

Parsifal, ein Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen, für das sich der Komponist u.a. von Wolfram von Eschenbachs mittelhochdeutscher Version der Grals-Legende inspirieren ließ, wurde am 26. Juli 1882 unter der Leitung von Hermann Levi, dem Sohn eines hessischen Landesrabbiners, im Bayreuther Festspielhaus uraufgeführt. Es ist die letzte Oper Richard Wagners, der ein halbes Jahr später in Venedig starb. Die damit verbundene Idee des Kunstwerks als Religion, seiner Aufführung als Ritual und eines damit verbundenen Totalitätsanspruchs des Künstlers stießen schon früh auf Kritik – gipfelnd in der Bemerkung Friedrich Nietzsches (bis dahin ein glühender Verehrter der Musik Richard Wagners), das „Raffinement im Bündnis von Schönheit und Krankheit“ gehe in Parsifal „so weit, dass es über Wagners frühere Kunst gleichsam Schatten legt“.

Mark Twain, Claude Debussy und Gustav Mahler

Auf die ihm eigene Weise spöttisch reagierte Mark Twain nach einem Besuch 1891 in Bayreuth, als er sagte, aber „gleich danach“ (nach der Ouvertüre) kam „natürlich der Gesang, und es scheint mir, dass nichts eine Wagner-Oper besser machen könnte, als das Weglassen der Gesangsstimmen“.

Andere zeigten sich begeistert: So bezeichnete Claude Debussy (bis dahin eher ein Kritiker der Wagnerschen Musik) den Parsifal als „eines der schönsten Klangdenkmäler, die zum unvergänglichen Ruhm der Musik errichtet worden“ seien. Und Gustav Mahler meinte nach dem Besuch einer Bayreuther Parsifal-Aufführung im Jahr 1883, damals 23 Jahre alt: „Als ich, keines Wortes fähig, aus dem Festspielhaus hinaustrat, da wusste ich, dass mir das Größte, Schmerzlichste aufgegangen war und dass ich es unentweiht mit mir durch mein Leben tragen werde.“

Separatvorstellung für König Ludwig II. von Bayern im Münchner Nationaltheater

Ursprünglich sollte der Parsifal – mit Ausnahme einer Separatvorstellung für König Ludwig II. von Bayern im Münchner Nationaltheater 1884 – ausschließlich in Bayreuth gespielt werden. Doch nach dem Ablauf der urheberrechtlichen Schutzfrist (1913) hielt sich niemand mehr daran. Bis zum Jahr 1933, ein halbes Jahrhundert lang, wurde der Parsifal in Bayreuth in den Kulissen gespielt, „auf denen noch das Auge des Meisters geruht hat“. Erst Wieland Wagners abstrahierend-reduzierende Bayreuther Inszenierung von 1951 markierte nach dem Zweiten Weltkrieg einen Wendepunkt in der Aufführungsgeschichte des Parsifal.

Bedeutende Parsifal-Inszenierungen (Calixto Bieito, Brigitte Fassbaender, Achim Freyer, Werner Herzog …)

Bis heute ist jede neue Inszenierung des Werks ein vielfach diskutiertes Ereignis, für das über die Jahre so unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler wie Calixto Bieito, Brigitte Fassbaender, Achim Freyer, Werner Herzog, Christof Schlingensief und Robert Wilson gewonnen werden konnten. Berühmt-berüchtigt ist zudem Hans-Jürgen Syberbergs cineastische Version von 1982: Inhaltlich streng bei der Vorlage bleibend, erweitert er die Oper durch Überblendungen, Marionetten und eingeklinkte Szenen geschichtlicher Ereignisse, um der Adaption eine surreale Ebene zu verleihen. Wobei schon das Filmplakat Syberbergs Interpretation der Kundry als letzlich alle und alles Umarmende visualisiert, mit einer riesigen Totenmaske Richard Wagners als Ort des filmischem Geschehens.

Wer ist Kundry? Was ist der Gral? Was der Karfreitags-Zauber?

Von bleibender Bedeutung ist aber weniger die Handlung der Oper als ihre Musik. Das scheint auch Georg Holzer, Dramaturg einer Parsifal-Inszenierung am Staatstheater Nürnberg, so zu sehen: „Parsifal ist voller Geheimnisse, die nicht aufgelöst werden. Was ist der Gral? Was bedeutet Erlösung? Wer ist Kundry wirklich? Wo war Parsifal vor seiner Rückkehr in die Gralsburg? Was ist der Karfreitags-Zauber? Wagner hat nicht die Absicht, uns all das zu erklären. Im Gegenteil führt jeder Erklärungsversuch noch tiefer in die Rätselhaftigkeit dieser Geschichte hinein. Doch Wagner hat ein Instrument, das die offenen Fragen zwar nicht beantwortet, aber eine allumfassende Antwort fühlen lässt: das Orchester. Im Parsifal weiß oder ahnt das Orchester mehr als die Figuren auf der Bühne. Es teilt ihnen ihre Sprache zu: Reine Dur- und Moll-Tonarten für die Gesänge der Gralsritter und der himmlischen Sphären und für den reinen Toren Parsifal, komplizierte Chromatik für Klingsors vertracktes Zauberreich und Amfortas’ unendliche Schmerzen. Die Leitmotive, sparsamer, aber nicht weniger intensiv eingesetzt als in der Ring-Tetralogie, führen uns durchs Stück und verdeutlichen die Bezüge der Figuren und Themen untereinander. Hinter den komplexen musikalischen Verästelungen lassen sich alte, einfache Formen wie Rezitativ, Arie und Choral erkennen. Wagner arbeitet im Parsifal weniger spektakulär, dafür detaillierter an der Verschlingung von Themen und Harmonik. Musikalisch ist seine letzte Oper tatsächlich das Ergebnis seines Jahrzehnte langen Bemühens, die Kunstform neu zu denken. Es gibt Verweise zur Alten Musik, auf die Gregorianik, trotzdem ist das Stück in jedem Takt unverkennbar modern und zukunftsweisend.“

Die aktuelle Inszenierung der Bayerischen Staatsoper im Nationaltheater in München

Der aktuell an der Bayerischen Staatsoper in München zu sehende Parsifal ist die Wiederaufnahme einer Inszenierung, die dort im Jahr 2018 Premiere hatte und mit einer Starbesetzung glänzte: Jonas Kaufmann gab in der Titelrolle den „reinen Tor“, Christian Gerhaher war der leidende Gralskönig Amfortas, René Pape der erzählende Gralsritter Gurnemanz und Parsifals Mentor, Wolfgang Koch gebot als Klingsor über ein trügerisches Zauberreich, Nina Stemme verkörperte Kundry, die einzige weibliche Hauptfigur des Stücks. Hoch gelobt wurde das Dirigat von Kirill Petrenko, der inzwischen Chef der Berliner Philharmoniker ist und dem Bernhard Neuhoff damals im Bayerischen Rundfunk konzedierte, er würde im Orchestergraben „Wunder“ vollbringen. Überwiegend als zu statisch und szenisch fad kritisiert wurden dagegen die Einfälle des (2025 verstorbenen) Regisseurs Pierre Audi; gar von gähnender Bühnen-Langweile war die Rede. Erwartbar umstritten: das Bühnenbild von Georg Baselitz (1938–2026). Dem Künstler Einfallslosigkeit, gar „Zweitverwertung“ vorzuwerfen, geht allerdings von der im besten Fall naiven Annahme aus, man könne bei Baselitz ein Bühnenbild bestellen, ohne einen Baselitz zu bekommen.

Große Stimmen, Gänsehautmomente: Christian Gerhaher, Jonas Kaufmann, Nina Stemme …

Auch die gesanglichen Leistungen wurden hoch gelobt: René Pape habe sich mit Pianissimo-Zauberei, Gänsehautmomenten am Fließband und einem wunderbar dosierten Tempofluss als beeindruckende Bassautorität erwiesen, Nina Stemme mit beeindruckender Fülle und Substanz sowie großer Sopranstrahlkraft selbst die schwierigsten Kundry-Passagen bravourös gemeistert. Einige Abstriche – wenngleich auf allerhöchstem Niveau – wurden bei Jonas Kaufmann (inzwischen Intendant der Tiroler Festspiele in Erl) gemacht, dessen nun durchweg mit baritonalem Stimmklang gefärbter Tenor nur noch in Pianissimopassagen so berührend schön sei wie in früheren Tagen. Als eigentliches Highlight wurde Christian Gerhahers unerhört nuancenreiche Interpretation des Amfortas gepriesen – dabei hatten vorher manche gedacht, diese Rolle passe gar nicht zu dem passionierten, inzwischen auch im Opernfach viel beschäftigten Liedsänger.

Bühnenbild von Georg Baselitz, Lichtdesign von Urs Schönebaum

Für die Wiederaufnahme im Jahr 2026 wurden alle prominenten Rollen neu und – bis auf den stimmlich etwas blass bleibenden Parsifal – gut besetzt. Am Pult steht nun Sebastian Weigle, der an der Bayerischen Staatsoper nach seinem Debüt 2024 mit Richards Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ schon die Wagneropern „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ dirigierte. Die Hauptrollen singen Peter Mattei (Amfortas), Bálint Szabó (Titurel), Christof Fischesser (Gurnemanz), Clay Hilley (Parsifal), Josef Wagner (Klingsor) und Anja Kampe (Kundry). Geblieben ist die Inszenierung mit dem Baselitzschen Bühnenbild, das gerade in der Kombination mit dem auffallend schön und stimmig gestalteten Lichtdesign von Urs Schönebaum enorme Wirkung entfaltet. Im ersten Akt sehen wir im Gebiet des Grals einen Wald, dessen sich als recht fragil erweisende Bäume verkohlt wirken wie nach einer Atomkatastrophe, mit einem wie ein überdimensionales Iglu aufragendem Gebilde links von der Mitte. Am Ende im dritten Akts steht der Wald auf wundersame, aber baselitztypische Weise kopf. Statt der eigentlich vorgesehenen Verwandlung in einen Gralstempel senkt sich der gesamte Bühnenboden im Hintergrund, wo zunächst Gurnemanz, Parsifal und Kundry in der Tiefe verschwinden, ehe dort später Amfortas und die Gralsritter auftauchen. Für den zweiten Akt zeichnet Baselitz eine auf Leinwand gemalte stilisierte weiße Wand als am Ende des Akts wieder in sich zusammensinkende Begrenzung des Klingsorschen Zauberreichs. Auch an die weiße Taube, die laut Libretto aus der Kuppel herab und über Parsifals Haupt schweben soll, wurde gedacht – hier allerdings in stark abstrahierter Form als riesiger, weiß aufleuchtender Klecks auf einem durchsichtigen Gazevorhang.

Wer befreit die Musik?

Geblieben sind natürlich auch das Bayerische Staatsorchester und die Chöre, die mit bewundernswerter Konstanz die ganze, mit zwei längeren Pausen fast sechs Stunden lange Aufführung im Münchner Nationaltheater zum eigentlichen Erlebnis machen. Denn so zäh dahin mäandernd Wagner seine mit pseudoreligiösem Brimborium verkleisterte, dramaturgisch wie szenisch über (viel zu) lange Strecken auf der Stelle tretende, nicht zuletzt auch ein fragwürdig-überholtes Frauenbild zeichnende Geschichte erzählt: die Musik könnte ewig dauern. Und da es in Parsifal viel um Erlösung geht, liegt der Gedanke, ja Wunsch nahe, dass Wagners Musik von all der mystifizierenden Bedeutungshuberei erlöst würde – oder befreit, was uns dann wieder an den Anfang unserer Überlegungen zurückführen könnte. Denn wer, wenn nicht „der Jazz“, wäre besser dazu geignet, Musik zu befreien?

Text: Robert Fischer
Fotos: Bayerische Statsoper / Geoffrey Schied, Wilfried Hösl
Bayerische Staatsoper: Parsifal
Ein Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen (1882)
Komponist: Richard Wagner
Dichtung vom Komponisten.
Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Inszenierung: Pierre Audi
Bühne: Georg Baselitz
Mitarbeit Bühnenbild: Christof Hetzer
Kostüme: Florence von Gerkan
Mitarbeit Kostüm: Tristan Sczesny
Licht: Urs Schönebaum
Dramaturgie: Klaus Bertisch, Benedikt Stampfli
Chöre: Christoph Heil
Amfortas: Peter Mattei
Titurel: Bálint Szabó
Gurnemanz: Christof Fischesser
Parsifal: Clay Hilley
Klingsor: Josef Wagner
Kundry: Anja Kampe
Erster Gralsritter: Kevin Conners
Zweiter Gralsritter: Paweł Horodyski
Stimme aus der Höhe: Shannon Keegan
Erster Knappe: Elene Gvritishvili
Zweiter Knappe: Shannon Keega
Dritter Knappe: Dafydd Jones
Vierter Knappe: Samuel Stopford
Klingsors Zaubermädchen: Iana Aivazian, Elene Gvritishvili, Shannon Keegan
Nontobeko Bhengu, Mirjam Mesak, Meg Brilleslyper
Bayerisches Staatsorchester
Bayerischer Staatsopernchor und Zusatzchor der Bayerischen Staatsoper
Extrachor der Bayerischen Staatsoper

Weitere Informationen, Termine, Tickets: www.staatsoper.de/stuecke/parsifal

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