Richard Wagner, Parsifal und der Jazz (Teil 1)

Alle Jahre wieder beginnt an Ostern die Parsifal-Saison. Landauf, landab steht an den Osterfeiertagen Richard Wagners letztes und längstes musikdramatisches Werk auf dem Programm – 2026 zum Beispiel in München und Dresden, in Landshut, Passau und Straubing, in Berlin, Düsseldorf und Mannheim, im österreichischen Erl sowie in Budapest, Prag und Wien. Erlösung hat an diesen Tagen Hochkonjunktur, mindestens auf den Opernbühnen, denn, so formulierte das Peter Jungblut für einen Beitrag im Bayrischen Rundfunk, „in Parsifal geht es um nichts weniger als die Rettung der Welt vor Ideologen, Eiferern, Fanatikern“. Nicht das schlechteste Thema in unseren weltpolitisch unfriedlichen Tagen – und Grund genug für unseren Münchner Korrespondenten Robert Fischer, sich die dortige, mit einem imposanten Bühnenbild von Georg Baselitz ausgestattete Inszenierung an der Bayerischen Staatsoper anzusehen. In diesem Zusammenhang interessierte ihn aber auch die Frage, mit der sich dieser erste Teil beschäftigt: Richard Wagner und der Jazz, wie geht das zusammen?

Von Robert Fischer

Ravello Klingsors Zaubergarten
Ravello Klingsors Zaubergarten, Foto: Robert Fischer

Eric Schaefer und Thomas Gansch: Richard Wagner im Club und „Hojotoho“

„Who is afraid of Richard W.“? So nannte der Schlagzeuger Eric Schaefer ein anlässlich des 200. Geburtstags von Richard Wagner 2013 mit John Eckhardt am Bass, Volker Meitz an den Keyboards sowie Tom Arthur an der Trompete eingespieltes Album, mit dem er Wagners Musik „runter vom Hügel und rein in den Club“ bringen wollte. Furchtlos erwies sich auch der Trompeter Thomas Gansch, als er mit „Hojotoho“ für seine Band Mnozil Brass eine Crossover-Oper schuf, die Wagners Walküren mit Blasmusik und Jazz mischt. Zwei Jahre lang beschäftigte er sich dafür sehr intensiv mit dem Werk des Komponisten und sagt: „Hojotoho war eine ziemlich aufwendige und abgedrehte Persiflage auf Wagners Werk und Leben, die naturgemäß einen Teil des Publikums ratlos und den anderen gespalten in zwei Gruppen (Zuspruch und Ablehnung, Stichwort Wagnerianer) zurückgelassen hat. Eine tolle Erfahrung und sehr intensiv, weil Wagners Musik einen voll hineinzieht.“ Thomas Gansch hat dann auch noch mit seiner Formation Gansch&Roses „die Eckpfeiler des Rings als 90-minütiges Klassik/Jazz Crossover arrangiert und dreimal aufgeführt“. Auch das sei eine tolle Sache gewesen, meint er, selbst wenn von beidem leider nur private Aufnahmen existieren – offiziell veröffentlicht wurde nichts.

Für Thomas Gansch gibt es keinen Zweifel, dass Wagner „ein enorm spannender Zeitgenosse“ war, „eingebildet, unverschämt, antisemitisch, aber auch genial, woran er selbst am wenigsten zweifelte. Ein Gigant der Musik- und Theatergeschichte, ohne den es keinen Herr der Ringe und kein Star Wars gäbe. Kommt man nicht dran vorbei …“

Angelika Niescier und das „Kundry“-Projekt

Frau auch nicht, ließe sich hinzufügen – denkt man etwa an die Saxofonistin Angelika Niescier, die sich für ihr ebenfalls nie als Album veröffentlichtes „Kundry“-Projekt mit der gleichnamigen Gralshüterin aus dem Parsifal beschäftigte. Was zunächst 2012 mit einem Konzert in Köln begann, das nach dem Motto „drei Musikerinnen aus drei verschiedenen Genres interpretieren Kundry“ Angelika Niescier selbst, die Sopranistin Maria Jonas und die Popmusikerin Niobe auf die Bühne brachte, veranlasste die Rundfunkanstalt Deutsche Welle, eine Big-Band-Version in Auftrag zu geben, die Niescier für das German Women’s Jazz Orchestra komponierte. Nicht ganz ohne Skrupel, offenbar, denn in einem Traum, so erzählte sie, habe Wagner mit einem Messer nach ihr geworfen. Aber mit der ihr eigenen Entschiedenheit: „Er hat das Werk geschrieben, und ich darf damit machen, was ich möchte.“

Wagner in America

Uraufgeführt wurde diese Big-Band-Version unter dem Titel „Wagner in America“ am 30. Mai 2013 im Washingtoner National Museum of Women in the Arts, eine zweite Aufführung erlebte das Werk im September desselben Jahres auf dem Beethovenfest in Bonn.    

Dass Wagner und Jazz gut zusammenpassen, fand im Rahmen der Washingtoner Uraufführung auch der Vorsitzende der dortigen Wagner Socierty, Jim Holman. Für ihn war Wagner einer der innovativsten Künstler aller Zeiten. Er habe das Wesen der Musik verändert, und dasselbe habe auch der Jazz geleistet: „Es ist ein Kompliment für Wagner, dass er auch heute noch Künstler inspiriert, neue Wege einzuschlagen.“

Warum das auch ganz explizit für JazzmusikerInnen gilt, weiß widerum Angelika Niescier so in Worte zu fassen: „Wagners Musik, sein leitmotivisches Gewebe, dient als Inspiration zum Experiment. Es liegt geradezu auf der Hand, das Material, das in seiner Komplexität auf Veränderlichkeit und Prozesshaftigkeit angelegt ist, als Ausgangspunkt zur kompositorischen und improvisatorischen Arbeit in der Idiomatik des zeitgenössischen Jazz zu verwenden.“

„What's Opera, Doc?“

Bei Eric Schaefer klingt das weniger akademisch: Als Kind habe er „What’s Opera, Doc?“ geliebt – „Der Ring in zehn Minuten mit Bugs Bunny und Elmer Fudd im Zeichentrickformat“ … Wenn man „solch einen kleinen Hau weg hat und dennoch mit Liebe zur Sache dabei ist“, „könne man die Walküre so interpretieren, wie wir das hier gemacht haben“. Nämlich höchst tanzbar mit fröhlichem Trompetenfanfarenton und – auch heute, dreizehn Jahre nach dem Erscheinen des Albums, noch absolut auf der Höhe der Zeit.

Tristan und Isolde im „European Songbook“

Zeitlos schön klingt auch bis heute mathias rüeggs „Spiel mit dem Tristanakkord“, wie er selbst sein 1993 auf dem „European Songbook“ veröffentlichtes Stück "Sounds of Richard Wagner" beschreibt. Über sechzehneinhalb Minuten lang inszeniert er mit dem von ihm geleiteten Vienna Art Orchestra ein ganz leise und zart einsetzendes, dann immer opulenter aufgefächertes Klangbild, das nicht weniger faszinierend ist als die großorchestrale Version, aber den Vorteil hat, dass es Richard Wagner nicht nur zum Klingen, sondern auch zum Swingen bringt. Eine Tugend, die man dem "großen Harmoniker" (mathias rüegg über Richard Wagner) gar nicht zugetraut hätte.

Uri Caine: Wagner e Venezia

Mit feinem Humor, vielschichtig inszenierter Clubatmosphäre und Big-Band-Eleganz wenig bis nichts zu tun hat Uri Caines Beschäftigung mit Richard Wagner, wie sie auf dem 1997 veröffentlichten Album „Wagner e Venezia“ dokumentiert ist. Schon als Teenager habe er die Klaviernoten von Wagners „Tristan und Isolde“ in die Finger bekommen, erzählte der Pianist später der Zeitschrift „Jüdische Allgemeine“, und gedacht, „Wow, was sind das für herrliche Klänge!“ Er habe viel von Richard Wagner gelernt, dessen Schattenseiten ihm natürlich ebensowenig verborgen bleiben konnten wie allen anderen, die sich mit seiner Musik beschäftigen. Auf Wagners Antisemitismus angesprochen, meinte er: „Das ist eine völlig andere Sache als seine Musik. Oft sind geniale Musiker schreckliche Menschen. Gut also, dass es die Diskussion um Wagner gibt. Aber gut auch, dass es seine Musik gibt.“ Was in jüngerer Zeit mit einfachen Worten auch der Leiter des „Jewish Chamber Orchestra Munich“ bestätigte, als er auf die Frage, warum ein jüdisches Orchester Wagner spiele, antwortete: „Das ist einfach großartige Musik!

Richard Wagner auf dem Markusplatz in Venedig

Uri Caines Album, das er für Mark Feldman und Joyce Hammann an 1. und 2. Violine, Erik Friedlander am Cello, Drew Gress am Kontrabasss, Dominic Cortese am Akkordeon und ihn selbst am Piano arrangiert sowie an Originalschauplätzen in der Lagunenstadt präsentiert hat, versammelt Wagner-„Hits“ wie das Vorspiel und den Liebestod aus Tristan und Isolde, den Ritt der Walküren sowie die Ouvertüren von Tannhäuser, Lohengrin (3. Akt) und den Meistersingern von Nürnberg. Alles im Kaffeehaus-Arrangement – tatsächlich soll schon Richard Wagner selbst auf dem Markusplatz seine eigene Musik in vergleichbarer Instrumentierung gehört haben, gespielt von verschiedenen dort auftretenden Ensembles.

Dieter Ilg: Mit Richard Wagner unterwegs

Weniger nostalgisch-verklärend, sondern mit erfrischend zupackender Freude am Improvisations-Potential Wagnerscher Musik ging der auch klassisch ausgebildete Kontrabassist Dieter Ilg vor, der für sein Album „Parsifal – Mit Wagner unterwegs“ auf sein bewährtes, fantastisch eingespieltes Trio mit Rainer Böhm am Klavier und Patrice Héral am Schlagzeuger vertrauen und dem für Wagnerianer heiligen Œuvre viel von seiner Schwere und jeglichen Pathos, nichts aber von seinem verführerischen Reiz nehmen konnte. Nicht zuletzt gehe es in Wagners Spätwerk „um die Suche nach Frieden, dem inneren wie äußeren“, meinte Dieter Ilg anlässlich der Veröffentlichung seines Albums im Jubiläumsjahr 2013, und fügte hinzu, er wäre glücklich, wenn sich auch beim Publikum seines Parsifals „am Ende dieser Seelenfrieden einstellen würde“. In jedem Fall aber, so urteilte der Hessische Rundfunk über Dieter Ilgs „tollkühne Umdeutung des monströsen Wagner-Kosmos in Sphären, in denen die Jazz-Koordinaten Improvisation, Intuition und spontane Interaktion erfolgreich ihre Wirkung entfalten können“, mache sein Wagner Spaß, und das müsse man erst mal hinbekommen.

Wagner oder Verdi?

Warum ihn ausgerechnet Wagners Parsifal am stärksten angesprochen hat, der auch als eine Art „Matthäuspassion für Wagnerianer“ bezeichnet wird, weiß er selbst nicht ganz genau: „Vielleicht, weil er so sphärisch ist, so vielfältig interpretierbar, wunderbar als Vorlage dienend für Improvisationen. Außerdem gibt es im Parsifal harmonisch viele Ähnlichkeiten mit späteren Entwicklungen im Jazz.“

Dabei spielte der Text nur eine untergeordnete Rolle: „Ich empfinde die Chorstellen bei Wagner als sehr mächtig, die solistischen Singstimmen dagegen sind manchmal fast im freitonalen Bereich anzusiedeln, selten melodisch greifbar. Das ist anders als bei Verdi. Bei beiden ist toll, dass in den Orchesterstimmen unterschiedlichste motivische Weiterverarbeitung stattfindet. Bei Wagner ist es dieses Repetitive, dieses Immer-wieder-neu-Variieren von Instrumentalbesetzung und Stimmen, das auf mich wirkt. Beim Hören der Oper ließ ich mich treiben und griff nach dem, was mich am meisten bewegt und nicht, was auf dem Papier oder in der theoretischen Analyse des Werks Wagners als das Wichtigste bzw. Außergewöhnlichste erscheint.“

Vorteil „Parsifal“

Natürlich habe er sich verschiedenste Wagner-Opern angehört. Als er sich dann für den „Parsifal“ entschieden hatte, setzte er sich mit dem Klavierauszug hin, markierte sich Stellen, die ihn besonders ansprachen, und griff Melodien, Akkordverbindungen sowie Rhythmen auf, „die mich in dem Moment des Hörens faszinierten und Ideen in meinem Kopf freisetzten“. Bei der Konzeption des Projekts habe er sich also leiten lassen von seiner Emotionalität, Intuition und der spontanen Reaktion auf das Gehörte.

Daniele Gatti und Wagners musikhistorische Bedeutung auch für den Jazz

Der italienische Dirigent Daniele Gatti, der seit zwanzig Jahren mehrfach und zuletzt an der Semper-Oper in Dresden für einen neuen „Parsifal“ am Pult stand, fasst die auch für den Jazz interessante musikhistorische Bedeutung Richards Wagners mit diesen Worten zusammen: „Wenn wir die letzten drei Opern – Tristan und Isolde, Die Meistersinger von Nürnberg und Parsifal – nehmen und ein bisschen simplifizieren, kann man folgendes sagen: Tristan ist ein Fest der Chromatik, die Meistersinger sind diatonisch und Parsifal spielt sich in modalen Tönen ab. In Parsifal ist die Chromatik im zweiten Aufzug, in Klingsors trügerischem Zauberreich, verortet. Aber wir gehen in der Welt der Gralsritter so weit zurück in der Zeit, zu den Anfängen, da passen eben nur die modalen Tonarten, die ja auch als Kirchentonarten bezeichnet werden. Für die Schlichtheit des ersten und des dritten Aufzuges braucht er die Chromatik nicht. Es ist ein bisschen wie bei der Freskenserie über den Heiligen Franziskus von Giotto di Bondone: Es geht nur um das Essenzielle. Ein Bild des Göttlichen, ohne jegliche Sentimentalität.“

Was uns dazu führt, uns im zweiten Teil dieses Beitrags auch mit der aktuellen Inszenierung in der Münchner Staatsoper noch etwas eingehender zu beschäftigen.

Text und Fotos: Robert Fischer

Weitere Informationen, Termine, Tickets: www.staatsoper.de/stuecke/parsifal

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