Rezension des Albums "Prayers" von Sade Mangiaracina
Sade Mangiaracina
Prayers
Erscheinungstermin: 07.08.2026
Label: Tǔk Music, 2026
Wenn Worte nicht mehr reichen
Es gibt Momente, in denen Menschen nach etwas suchen, das sich kaum benennen lässt. Trost, Hoffnung, Verbindung oder auch nur die Gewissheit, mit den eigenen Fragen nicht allein zu sein. In Prayers beschäftigt sich die italienische Pianistin, Komponistin und Arrangeurin Sade Mangiaracina mit genau diesem Raum zwischen dem Sagbaren und dem, was sich unserer Sprache entzieht.
Die italienische Pianistin, Komponistin und Arrangeurin hat dafür ihr bislang umfangreichstes Werk geschaffen. Fünfzehn Kompositionen auf einem Doppelalbum kreisen um die menschliche Sehnsucht nach Spiritualität und Transzendenz. Dabei geht es weniger um Religion im engeren Sinne als um ein universelles Bedürfnis, das in Momenten von Freude ebenso entstehen kann wie angesichts von Verlust, Unsicherheit oder Hoffnung.
Mangiaracina übersetzt diese Gedanken in eine musikalische Sprache, die sich zwischen zeitgenössischem Jazz, mediterranen Einflüssen und kammermusikalischen Strukturen bewegt. Dabei spielen Melodie, Rhythmus und die sorgfältige Gestaltung des Klangraums eine wichtige Rolle. Komposition und Improvisation stehen in einem fein austarierten Verhältnis: Die Formen geben Orientierung und lassen den Musiker:innen dennoch genügend Freiheit, eigene Gedanken weiterzuführen.
Besonders reizvoll sind die unterschiedlichen Klangfarben. Mediterrane Wärme begegnet einer bisweilen fast nordisch anmutenden Klarheit und Zurückhaltung. Lyrische Passagen stehen neben rhythmisch prägnanteren Momenten und intime musikalische Gedanken können sich zu größeren Bögen entwickeln. Durch die Arbeit mit unterschiedlichen Besetzungen erweitert Mangiaracina dieses Spektrum zusätzlich und zeigt, wie vielseitig ihre kompositorische Vorstellung inzwischen geworden ist.
Trotz des großen Umfangs wirkt Prayers nicht wie eine Demonstration kompositorischen Ehrgeizes. Vielmehr entsteht der Eindruck einer sehr persönlichen Suche. Mangiaracina lässt Fragen offen und vertraut darauf, dass Musik an Stellen, an denen eindeutige Antworten nicht möglich sind, weiterführen kann.
Vielleicht liegt gerade darin die Stärke dieses Albums. „Prayers” versucht nicht, das Transzendente zu erklären. Sade Mangiaracina schafft vielmehr Räume, in denen jeder Hörer seine eigenen Gedanken, Erinnerungen und Empfindungen wiederfinden kann.
Manchmal beginnt Musik genau dort, wo Worte nicht mehr ausreichen.
(Jacek Brun, 15.08.2026)
Besetzung
Sade Mangiaracina - piano
Marco Bardoscia - doublebass and electric bass [CD.1]
Gianluca Brugnano - drums [CD.1]
Salvatore Maltana - doublebass [CD.2]
Luca Aquino - trumpet [CD.2]
Quartetto Alborada - strings
Titelliste
Disk 1
- My Prayer
- Journey To Aya Sophia
- Dreamers
- La Marcia Del Sale
- Jerusalem
- Oración Del Remanso
- Rak'ah
- Abbà
Disk 2
- A Piedi Nudi
- Il Dio Delle Piccole Cose
- Kariye
- Ho'oponopono
- Carnera
- Una Supplica Nel Muro
- Cristiano
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