Rezension des Albums "Rosina" von Samuel Blaser

Samuel Blaser - Rosina - Album cover
Samuel Blaser - Rosina

Samuel Blaser
Rosina

Erscheinungstermin: 16.10.2026
Label: Blaser Music, 2026

Samuel Blaser - Rosina - bei bandcamp kaufen

Eine Fotografie beginnt zu klingen

jazz-fun`s recap:

Am Anfang steht ein altes Foto.

Aufgenommen 1925 in der Emilia-Romagna, zeigt es Rosina, die Großmutter von Samuel Blaser, als Kind in der ersten Reihe, schwarz gekleidet. Blaser hat sie nie kennengelernt. Das Bild erhielt er von einer Cousine in New York, deren Existenz ihm lange ebenso unbekannt war wie die Tatsache, dass ein Teil seiner italienischen Familie nach dem Ersten Weltkrieg völlig verarmt in die Vereinigten Staaten ausgewandert war.

Aus dieser Entdeckung entstand Rosina.

Das Album ist keine musikalische Familienchronik im klassischen Sinn. Blaser versucht nicht, Vergangenheit nachzuerzählen. Vielmehr nähert er sich ihr über Erinnerung, Imagination und Klang.

Dafür umgibt er sich mit Musikern, denen er vollkommen vertrauen kann. Russ Lossing am Klavier und Billy Mintz am Schlagzeug kennt er aus dem Trio Triple Dip, hinzu kommt Masa Kamaguchi am Bass. Gemeinsam bilden sie ein Quartett, das mit großer Selbstverständlichkeit zwischen Komposition und freier Improvisation wechselt.

Die Musik besitzt eine außergewöhnliche Intimität.

Blaser, der sonst mühelos stilistische Grenzen überschreitet und immer wieder neue Kontexte für die Posaune findet, zeigt sich hier von einer besonders subtilen Seite. Manche seiner Soli wirken beinahe zärtlich. Der Ton kann warm, fragil und vorsichtig sein, als würde er sich einer Erinnerung nähern, die nicht vollständig greifbar ist.

Russ Lossing antwortet darauf mit großer Sensibilität. Sein Klavierspiel öffnet Räume, ohne sie zu füllen. Masa Kamaguchi schafft ein bewegliches Fundament, während Billy Mintz mit feinen rhythmischen Impulsen dafür sorgt, dass die Musik jederzeit lebendig bleibt.

Alle vier Musiker lassen sich auf den nachdenklichen Charakter des Projekts ein, ohne daraus eine schwere oder melancholische Musik zu machen.

Immer wieder ist auch die Freude am gemeinsamen Spielen hörbar.

Vielleicht liegt darin die besondere Schönheit von Rosina. Eine Familiengeschichte wird hier nicht konserviert, sondern weitergeführt. Sie bekommt eine neue Form, weil vier Musiker sie im Moment des Spielens neu interpretieren.

Vergangenheit und Gegenwart liegen plötzlich erstaunlich nah beieinander. Das Album berührt, weil es nichts erzwingt. Es lässt Erinnerung entstehen, ohne sie vollständig erklären zu wollen. Eine alte Fotografie wird zum Ausgangspunkt für neue Musik. Und aus einer unbekannten Geschichte entsteht etwas sehr Persönliches.

(Jacek Brun, 08.11.2026)

Besetzung

Samuel Blaser - trombone
Russ Lossing - piano
Masa Kamaguchi - bass
Billy Mintz - drums

Titelliste

  1. Boara
  2. Amaaka
  3. Rosina
  4. Elgnij
  5. Adagio
  6. Scherzo
  7. Mysteriously
  8. Serenata

Einen Kommentar schreiben

Bitte addieren Sie 6 und 7.