Shai Maestro über „The Guesthouse“ – Jazz, Elektronik und die Kunst des Zuhörens

Foto von Shai Maestro mit MARO
Shai Maestro mit MARO

Mit The Guesthouse öffnet Shai Maestro ein neues Kapitel seiner musikalischen Sprache – ohne die Essenz seines bisherigen Schaffens hinter sich zu lassen. Der israelische Pianist und Komponist gehört seit Jahren zu den prägendsten Stimmen des modernen Jazzpianos. Seine Musik verbindet lyrische Intensität, erzählerische Tiefe und eine bemerkenswerte Offenheit für neue Klangwelten.

Auf seinem neuen Album erweitert Maestro diese Sprache um Elemente der Musikproduktion, des Sounddesigns und subtiler elektronischer Texturen. Doch statt die akustische Welt des Klaviers zu verdrängen, entstehen neue Räume um sie herum – fragile, filmische Klanglandschaften, in denen Melodie, Improvisation und Produktion miteinander verschmelzen.

Der Titel des Albums verweist auf das berühmte Gedicht „The Guesthouse“ des persischen Mystikers Rumi – eine poetische Einladung, jede Emotion willkommen zu heißen. Genau dieser Gedanke scheint auch durch Maestros Musik zu fließen: Traurigkeit und Hoffnung, Stille und Expansion, Intimität und Weite existieren hier nebeneinander.

Im Gespräch mit jazz-fun.de spricht Shai Maestro über die Entstehung des Albums, über die Rolle von Produktion als kompositorischem Werkzeug, über Zusammenarbeit mit Künstlern wie MARO, Immanuel Wilkins und Michael Mayo – und darüber, warum Musik manchmal wie ein Haus ist, in dem jede Emotion ihren Platz finden darf.

jazz-fun.de:
Shai, „The Guesthouse“ wirkt eher wie eine Erweiterung deiner musikalischen Sprache als wie ein radikaler Bruch. Wann hast du gemerkt, dass dieses Album ein neues Kapitel deiner künstlerischen Reise eröffnet?

Shai Maestro:
Ich denke, diese Beschreibung trifft es ziemlich gut. Die Absicht war nie, meine bisherige musikalische Sprache aufzugeben, sondern sie zu erweitern. Als ich begann, mich intensiver mit Musikproduktion zu beschäftigen, betrat ich eine völlig neue Landschaft: Samples, Beats und Sounddesign – Dinge, die sehr weit entfernt waren von meinem bisherigen Umfeld als Pianist und Komponist.

Die Herausforderung bestand darin, diese Werkzeuge in meine musikalische Welt zu integrieren, ohne die Identität zu verlieren, die meine Arbeit bisher geprägt hat. Das war ein Prozess, der Zeit brauchte. Es dauerte mehrere Jahre, bis ich wirklich verstanden hatte, wie ich diese Mittel sinnvoll einsetzen kann – nicht nur als Effekt, sondern als integralen Bestandteil der Musik.

Nach etwa zwei Jahren des Experimentierens wurde mir klar, dass daraus ein Album entstehen könnte, bei dem Produktion selbst eine zentrale kompositorische Rolle spielt. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass sich ein neues Kapitel in meinem künstlerischen Prozess öffnete.

jazz-fun.de:
Das Projekt begann während der Pandemie, als du dich intensiv mit Musikproduktion und elektronischen Werkzeugen beschäftigt hast. Wie hat das dein Denken über Komposition verändert?

Shai Maestro:
Diese Werkzeuge haben meine Vorstellung von Komposition stark erweitert. Am Anfang war ich fasziniert von den Möglichkeiten der Produktion selbst und habe mich vollständig in diese Welt vertieft.

Doch nach einiger Zeit merkte ich, dass das Element, das mich am stärksten anspricht, immer noch die Melodie und die erzählerische Kraft der Musik ist – etwas, das auch allein am Klavier bestehen kann. In gewisser Weise habe ich also einen Kreis geschlossen: Ich bin wieder zum Klavier als Ausgangspunkt der Komposition zurückgekehrt und habe die Produktion genutzt, um den klanglichen Raum darum herum zu erweitern.

Die klangliche Palette in der Musikproduktion ist im Grunde grenzenlos. Auf diesem Album gibt es orchestrale Texturen, Synthesizer und viele subtile Klangschichten im Hintergrund – Wind, Wasser, sogar kleine Naturgeräusche wie Delfin- oder Walrufe. Oft sind sie kaum wahrnehmbar, aber sie prägen die emotionale Atmosphäre der Musik.

Zu entdecken, wie sehr diese Mittel die Musik bereichern können, hat mir ermöglicht, mit mehr Raum zu komponieren und darauf zu vertrauen, dass Sounddesign selbst Teil der Erzählung wird.

jazz-fun.de:
Deine Musik war immer stark vom Klavier und von Lyrik geprägt. Auf „The Guesthouse“ spielen Elektronik und Sounddesign eine größere Rolle. Wie hast du diese Elemente integriert, ohne die organische Qualität deiner Musik zu verlieren?

Shai Maestro:
Während der ersten Jahre, in denen ich elektronische Produktion gelernt habe, habe ich tatsächlich einen Teil dieser organischen Qualität verloren. Das war Teil des Lernprozesses. Ich habe so viel Zeit damit verbracht, die technischen Möglichkeiten zu verstehen, dass die Musik zunächst stärker elektronisch und weniger lyrisch wurde.

Beim Komponieren dieses Albums wurde mir klar, dass der lyrische Kern zurückkehren musste. Deshalb begann ich wieder beim Klavier. Sobald die melodische und emotionale Grundlage stand, konnten die elektronischen Elemente der Musik dienen, statt sie zu ersetzen.

Am Ende bleiben das Klavier und die Melodie das Zentrum der Musik, während die Produktion den emotionalen und klanglichen Raum erweitert.

jazz-fun.de:
Der Albumtitel bezieht sich auf Rumi’s Gedicht „The Guesthouse“, das davon spricht, jede Emotion willkommen zu heißen. Wie hat diese Idee die emotionale Richtung des Albums beeinflusst?

Shai Maestro:
Rumis Gedicht vermittelt die Idee, dass jeder emotionale Zustand – selbst unangenehme Gefühle – willkommen geheißen werden sollte. Diese Haltung wurde für den kreativen Prozess sehr wichtig.

Das bedeutete, Widersprüche zuzulassen. Ein Stück kann gleichzeitig traurig und hoffnungsvoll sein, oder verstörend und schön. Statt diese Gefühle zu filtern, wollte ich ihnen erlauben, nebeneinander zu existieren.

Diese Philosophie beeinflusste auch meine Arbeit mit den Gastmusiker:innen. Ihre Beiträge wurden nicht einfach in fertige Stücke eingefügt – vielmehr durften sie die Musik selbst verändern. Wenn ich ihre Aufnahmen erhielt, habe ich die Komposition oft neu arrangiert oder umgeschrieben.

In diesem Sinne wurden die Kollaborateur:innen tatsächlich zu „Gästen“ im Haus der Musik.

jazz-fun.de:
Das Album erzeugt eine fast filmische Klanglandschaft. Hast du beim Schreiben eher in Geschichten oder in musikalischer Architektur gedacht?

Shai Maestro:
Beides war immer präsent.

Ich habe sehr viel Zeit in dieses Album investiert und versucht, jeder Ebene Aufmerksamkeit zu geben: der erzählerischen Dimension, der musikalischen Architektur, der Form der Stücke und dem Sounddesign.

Selbst kleine Details wurden Teil der Erzählung – etwa die Wahl eines bestimmten Klangfarbtons oder die Länge eines Hallraums. Mir ging es nicht darum, eine Dimension über die andere zu stellen, sondern darum, Komposition, Improvisation und Produktion als Teile derselben erzählerischen Struktur zu verstehen.

jazz-fun.de:
Auf dem Album sind Künstler wie MARO, Immanuel Wilkins und Michael Mayo zu hören. Was hat dich zu diesen Stimmen geführt?

Shai Maestro:
Alle Gäste auf dem Album sind Künstler, die ich sehr bewundere. Sie haben jeweils eine starke und unverwechselbare künstlerische Stimme.

Bei der Auswahl habe ich mir überlegt, welcher Musiker eine bestimmte emotionale oder klangliche Qualität in ein Stück einbringen könnte. Sobald mir bestimmte Namen einfielen, fühlte es sich sofort richtig an.

jazz-fun.de:
Wie haben diese Künstler die Musik verändert?

Shai Maestro:
Ihre Beiträge haben die Stücke teilweise sehr stark verändert.

Bei MARO zum Beispiel ließ die Zartheit ihrer Stimme mich erkennen, dass das Arrangement viel mehr Raum braucht. Ursprünglich enthielt das Stück zusätzliche Instrumente, doch ich habe sie nach und nach entfernt, bis schließlich nur noch das Klavier blieb.

Mit Michael Mayo entstand eine sehr intime Atmosphäre, weshalb ich ihn nur mit einem sehr sparsamen Synthesizer begleitet habe. Und Immanuel Wilkins spielte ein so intensives Solo, dass ich die rhythmische Produktion um sein Spiel herum aufgebaut habe.

jazz-fun.de:
Dein neues Quartett arbeitet mit zwei Keyboardern – ungewöhnlich im Jazz. Welche Möglichkeiten eröffnet das?

Shai Maestro:
Die Studioversionen enthalten sehr viele Produktionsebenen – teilweise hunderte Spuren. Ich wollte einen Teil dieser Klangwelt auch auf die Bühne bringen.

Mit Gadi Lehavi ist das möglich. Er ist sowohl ein herausragender Jazzpianist als auch ein sehr versierter elektronischer Musiker. Dadurch werden die elektronischen Elemente zu einem interaktiven Instrument und nicht einfach zu einem Playback.

jazz-fun.de:
Wie bewahrst du bei so vielen Klangschichten die Klarheit der Musik?

Shai Maestro:
Klarheit war eine der größten Herausforderungen dieses Albums.

Mit einer so großen Klangpalette besteht immer die Gefahr, dass die Musik überladen wird. Deshalb habe ich während des Prozesses oft große Teile der Produktion wieder entfernt – manchmal bis zu 40 Prozent.

Ich bin immer wieder zur „DNA“ eines Stücks zurückgekehrt: Melodie, Harmonie und emotionaler Kern. Von dort aus habe ich nur die Elemente hinzugefügt, die der Musik wirklich dienen.

jazz-fun.de:
Deine Musik bewegt sich oft zwischen Introspektion und kraftvollen Ausbrüchen. Suchst du diese Kontraste bewusst?

Shai Maestro:
Ja, sehr bewusst. Mich ziehen diese Extreme an – tiefe Stille auf der einen Seite und starke Expansion auf der anderen.

Diese Kontraste erzeugen Bewegung in der Musik und lassen den Hörer durch verschiedene emotionale Räume reisen.

jazz-fun.de:
Wie haben sich deine künstlerischen Prioritäten im Laufe deiner Karriere verändert?

Shai Maestro:
Meine Perspektive ist mit der Zeit viel breiter geworden. Viele Jahre war ich stark im klassischen Jazztrio-Kontext verankert, später kamen orchestrale Projekte und Filmmusik hinzu.

Dadurch habe ich ein viel klareres Gefühl dafür entwickelt, was wirklich authentisch zu meiner musikalischen Welt gehört.

jazz-fun.de:
Was wünschst du dir, dass Hörer:innen von „The Guesthouse“ mitnehmen?

Shai Maestro:
Ich versuche nicht, eine bestimmte Erfahrung vorzuschreiben. Musik kann für jeden Menschen etwas anderes bedeuten.

Wichtig ist für mich Authentizität. Wenn Musik ehrlich ist, können Menschen ihre eigenen Spiegelungen darin finden.

jazz-fun.de:
Welche Musik hörst du privat am liebsten?

Shai Maestro:
Ich kehre immer wieder zu einigen musikalischen Welten zurück: kubanische Musik, Flamenco, Oscar Peterson und Bon Iver.

jazz-fun.de:
Wenn „The Guesthouse“ ein realer Ort wäre – wie würde er aussehen?

Shai Maestro:
Ich stelle mir ein altes Holzhaus irgendwo tief in der Natur vor, ein leicht magischer Ort.

Man müsste vermutlich lange fahren, um dorthin zu gelangen. Die Dielen würden knarren, überall stünden Kerzen und schwere Teppiche, und im Wohnzimmer stünde ein altes Klavier.

Und ich stelle mir vor, dass das Haus von einer älteren Frau geführt wird, die dort schon seit Jahrzehnten lebt. Das Klavier gehört wahrscheinlich ihr.

jazz-fun.de:
Vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führte Jacek Brun
Foto: Shai Maestro

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