Snarky Puppy-Bandleader Michael League im Gespräch mit jazz-fun.de

Michael League Foto
Michael League, Photo: GroundUP

Jetzt ist für den Künstler die Zeit gekommen, seiner eigenen Vision zu folgen und mit dem Solo-Album "So Many Me" den verschiedenen musikalischen Ideen seines kreativen Geistes Ausdruck zu verleihen. Als vielseitiger Produzent und Songwriter hat League mit einem breiten Spektrum von Künstlern zusammengearbeitet, darunter David Crosby, Esperanza Spaulding, Kirk Franklin, Joe Walsh, Daedelus und Terence Blanchard. Während die Welt in der COVID-19-Pandemie still stand, reifte die Idee eines Soloalbums in Michaels Kopf. Nun ist es endlich da. Textlich und musikalisch geht es für ihn in eine komplett neue Richtung.

jazz-fun.de:
Die Band hat über viele Jahre unter Ihrer Leitung viele interessante Projekte mit zahlreichen musikalischen Persönlichkeiten realisiert. Was waren die spannendsten Momente? Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Michael League:
Ich denke, einer der einprägsamsten gemeinschaftlichen Momente in der Geschichte der Band war die allererste Probe mit dem Metropole Orkest unter der Leitung von Jules Buckley. Wir hatten vorher noch nie mit einem Orchester gespielt und diesen Sound zum ersten Mal zu hören - mit brandneuer Musik - ließ die Band ausflippen.

jazz-fun.de:
Welche Projekte waren für Sie persönlich am erfolgreichsten?

Michael League:
Die Metropole-Projekte waren große Erfolge für uns, sowohl in Bezug auf Auszeichnungen (wir haben einen Grammy für unser gemeinsames Album "Sylva" bekommen) als auch auf Konzertreisen. Aber ich denke, dass die Family Dinner-Alben wirklich dazu beigetragen haben, ein neues Publikum zu erreichen und die Vielseitigkeit der Band zu zeigen.

jazz-fun.de:
Etwas vereinfacht gesagt, spielt Snarky Puppy eine Musik, die sich aus den folgenden Stilen und Genres speist: Soul zwischen Rock und Funk, Jazz-Fusion. Das Beste aus vielen musikalischen Welten. Ist das so?

Michael League:
Ich denke, die Band ist daran interessiert, die Dinge, die sie an verschiedenen Genres mag, so zu kombinieren, dass sie zusammenhängend und nicht zusammenhanglos klingen. So wie unsere individuellen Fähigkeiten wachsen, so wächst auch das kollektive Potenzial der Gruppe.

Michael League Foto
Michael League, Photo: GroundUP

jazz-fun.de:
Ihr bringt in eurem Spiel viele verschiedene Genres zusammen. Wie haben Sie mit der Musik angefangen? Was waren oder sind deine prägenden Einflüsse?

Michael League:
Ich bin mit Rock'n'Roll und Soulmusik aufgewachsen. Led Zeppelin, Stevie Wonder, die Beatles, James Brown, und CSNY waren die Künstler meiner Kindheit. Dann bin ich kurz vor dem College in den Jazz eingetaucht. Was folkloristische Musikeinflüsse angeht, so bin ich mit meinem Bruder aufgewachsen, der in der griechischen und keltischen Musikszene sehr aktiv war. Das ist definitiv ein Teil von mir. Aber mit der Zeit habe ich mich immer mehr für Musik aus Lateinamerika interessiert, speziell für Musik aus Kuba, Brasilien und Peru. Derzeit studiere ich nordafrikanische und türkische Musik. Ich denke, jeder in der Band ist sehr neugierig und seine Interessen ändern sich, was dazu beiträgt, dass die Musik frisch bleibt.

jazz-fun.de:
Warum jetzt ein Soloalbum? Folgt daraus, dass Snarky Puppy in einer anderen Konzeption weitermachen werden?

Michael League:
Snarky Puppy wird sich immer so verändern, wie sie es möchten. Wir haben einige interessante Ideen über die Zukunft der Gruppe und wie sie in zehn Jahren aussehen wird. Mein Soloalbum hat damit nichts zu tun - es ist ein Ausdruck dessen, was ich im Jahr 2021 sagen wollte, auch wenn die Idee schon seit einem Jahrzehnt in meinem Kopf war.

jazz-fun.de:
Geradlinige Beats aus Schlagzeug & Bass, dazu fokussierter Gesang, Keyboardsounds mit aufgerüsteter Elektronik. Ist das aktueller anspruchsvoller Pop? Wie würden Sie die Musik des aktuellen Albums charakterisieren?

Michael League:
Ich denke, ich würde es einfach als Pop bezeichnen. Es ist vielleicht ein bisschen traurig, dass wir "sophisticated" oder "smart" davor sagen müssen, um es von dem zu unterscheiden, was heute im Radio läuft, aber ich stimme zu, dass das, was im Radio läuft, nicht die Tiefe dessen widerspiegelt, was in den reicheren Ecken des Pop-Songwritings und der Produktion passiert.

jazz-fun.de:
Die Stimme, der Gesang... stehen oft im Vordergrund der Musik. Unabhängig von den stilistischen Mitteln der Sängerinnen und Sänger. Die Musik der Band gruppiert sich um den Gesang. Was fasziniert Sie an der menschlichen Stimme so sehr, dass sie oft im Mittelpunkt der Tracks steht?

Michael League:
Ich denke, die Leute haben sofort eine Beziehung zum Klang der menschlichen Stimme. Sie ist biologisch. Und sie erzählt die Geschichte der Menschheit auf eine Art und Weise, wie es ein Instrument nicht kann, mit bestimmten Worten. Geschichtenerzählen ist eine faszinierende und uralte Tradition.

jazz-fun.de:
Es fällt auf, dass der Rhythmus zwar ausgeklügelt ist, aber nicht die geraden Beats von Rock und Pop durchbricht. Ist das also eine konsequente Entwicklung oder ein Ausgangspunkt für neue Experimente?

Michael League:
Ich würde beides sagen. Alles auf der Platte ist eine Weiterentwicklung von Dingen, die ich mir vorgestellt oder an denen ich gearbeitet habe, aber es wird sich weiter entwickeln. Das ist das Schöne daran, als Künstler weiter zu wachsen und zu forschen.

jazz-fun.de:
Sind irgendwelche Touren geplant? Touren mit Deinem Soloprojekt? Oder Touren mit einem neuen Projekt von Snarky Puppy?

Michael League:
Derzeit sind keine Tourneen für mein Soloprojekt geplant, aber es könnte definitiv irgendwann passieren. Snarky Puppy hat dieses Jahr ein paar Gigs in den USA und auf den Kanarischen Inseln, und dann werden wir 2022 fast überall auf Tour sein, um unsere neue Platte zu promoten. Meine Band Bokanté tourt im Juli durch Europa und dann wieder im Herbst. Ich denke, jeder ist gespannt darauf, wieder vor Publikum zu spielen.

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