Tristano Unchained & Julian Bossert - ID Entity

Tristano Unchained & Julian Bossert - ID Entity - Album cover
Tristano Unchained & Julian Bossert - ID Entity

Tristano Unchained & Julian Bossert
ID Entity

Erscheinungstermin: 26.09.2025
Label: Tangible Music, 2025

Tristano Unchained & Julian Bossert - ID Entity - bei bandcamp kaufen

jazz-fun`s recap:

Wie man es von Tristano Unchained in Zusammenarbeit mit Julian Bossert erwarten darf, begegnet uns hier eine Musik, die ganz im Zeichen des Jazz steht. Keine Abkürzungen, kein dekoratives Blendwerk – alles ist der übergeordneten Idee verpflichtet, eine reine und unverfälschte Kunst zu schaffen, die direkt aus dem Herzen kommt.

Alle Kompositionen stammen aus der Feder der Bandmitglieder – und komponieren tun hier tatsächlich alle. Das Resultat begeistert: nicht nur durch großartige Stücke, sondern auch durch eine Fülle an freien, ungebremsten Improvisationen, in denen jeder Musiker seinen Raum erhält. Diese Offenheit und gegenseitige Durchdringung machen den besonderen Reiz des Albums aus.

ID Entity ist nach "Wild Horses" und "On Democracy" ein weiterer Glanzpunkt im Schaffen dieser außergewöhnlichen Formation aus Köln. Unter dem Dach von Tangible Music bündeln die Musiker ihre individuellen Stimmen zu einer gemeinsamen, eindringlichen Vision. Ein Album, das die kreative Kraft des modernen Jazz eindrucksvoll bestätigt.

(Jacek Brun, 03.10.2025)

Besetzung

Julian Bossert - Alto Sax
Stefan Karl Schmid - Tenor Sax
Thomas Rückert - Piano
Calvin Lennig - Bass
Fabian Arends - Drums

ID Entity: Pure Kreativität zwischen Komposition und Freiheit

Wer die Inspiration der Vergangenheit mit der Neugier auf die Zukunft kreuzt, hält das Momentum in Händen. Der Geist des panoramahaften Augenblicks entfesselt sich schon in den ersten Tönen auf „ID Entity“, dem zweiten Album der Kölner Band Tristano Unchained & Julian Bossert. Geschmeidigkeit, Eleganz und Respekt vor den Errungenschaften der Jazzgeschichte gehen eine sehr stimmige Allianz mit persönlicher und kollektiver Spiellust ein, die komplett im Augenblick des Entstehens verankert ist.

Nun stellt sich die Frage, was die Musik auf „ID Entity“ mit Lennie Tristano zu tun hat, denn sämtliche Kompositionen sind Eigenschöpfungen der Band. Auch der Flow der Band hat nur sehr bedingt etwas mit dem großen New Yorker Jazzpionier gemein. Aber Tristano ist der Ausgangspunkt, von dem aus Altsaxofonist Julian Bossert und seine Kollegen Stefan Karl Schmidt (Tenorsaxofon), Thomas Rückert (Klavier), Calvin Lennig (Bass) und Fabian Arends (Schlagzeug) auf dem ersten Tristano Unchained-Album „Wild Horses“ 2021 aufbrachen. Sicher ist das filigrane Nervensystem von Tristano noch hie und da zu spüren, doch die fünf Musiker haben längst ihre eigene Chemie gefunden. Basierte das erste Album noch auf den so genannten Contrafacts, einer vor allem im Jazz der 1950er Jahre praktizierten und speziell bei Tristano beliebten Methode, auf den Akkordfolgen bekannter Stücke neue Melodien zu erfinden, schreibt das Quintett inzwischen eigene Stücke, die sich nur noch teilweise an der Ästhetik Tristanos orientieren. Die DNS von Tristano und Lee Konitz ist Bossert aber immer noch sehr wichtig. „Es gibt viele Querbezüge“, betont der Altsaxofonist. „Ich selbst habe mich intensiv mit Tristano und Lee Konitz auseinandergesetzt. Thomas und Fabian haben lange mit Konitz gespielt, und auch Stefan ist ein Tristano Head. Tristano ist gewissermaßen der Vater unserer Musik. Und die Mutter ist dann Unchained. Wir respektieren Tristano, wollen uns aber von seiner stilistischen Ausrichtung nicht eingrenzen lassen.“

Was die Kölner ihrem Vorbild und dessen Bands voraushaben, ist der allenthalben hörbare Spaß am Musizieren. Die Band hat auf „ID Entity“ zwar im Hinblick auf Anspruchshaltung und Kommunikation eine klar erkennbare Signatur, sucht aber für jedes Stück nach einem neuen Sound, einer neuen Umgebung. Die einzige Vorgabe, die sie sich setzt, ist etwas, das Julian Bossert aus gutem Grund Sandkasten nennt. Das spielerische Abenteuer genießt immer höchste Priorität, und Spiel wird hier nicht als abstrakte Übersetzung eines intellektuellen Prinzips verstanden, sondern eben buchstäblich als Sandkasten, in dem spontan etwas entsteht, das vorher so nicht da war. „Es muss Freiheit sein, es muss Liebe sein, und dann passiert das“, postuliert Bossert leidenschaftlich.

„ID Entity“ fängt die Live-Energie von Tristano Unchained ein. Das wird zwar oft behauptet, aber bei den Kölnern hat das eine besondere Methode. Die Gruppe schreibt nie eine Setlist. Aus einem Repertoire von etwa 40 Stücken greift einer der fünf Musiker ein Stück heraus und beginnt zu spielen, ohne dass seine Kompagnons wissen, um welches Stück es sich handelt. Weder Tempo und Tonart noch Stilistik sind vorher festgelegt. In der spontanen Reaktion auf jedes der Stücke werden die Tracks selbst zu einer flexiblen Urmasse, aus der immer wieder etwas Neues entsteht, was das Bild vom Sandkasten noch einmal verdeutlicht. Das Quintett sucht die Überraschung und torpediert alles, was es eventuell einengen könnte. „Wir zeigen uns selbst und dem Teil von uns, der kontrollieren und reproduzieren will, den Stinkefinger“, freut sich Julian Bossert. „Auf dem neuen Album machen wir das zum ersten Mal mit eigenen Stücken. Vorher ist das nur mit Standards passiert.“

Das Repertoire des Albums setzt sich komplexeren „Charakterstücken“ und weniger komplexen Flex-Tunes“ zusammen, wie Bossert es ausdrückt, die vormittags im Kölner Loft ohne und am selben Abend mit Publikum aufgenommen wurden. Nach den Aufnahmen entschied man sich für zwei Studioaufnahmen und fünf Live-Tracks. Dabei erfolgt aber kein Bruch, denn die ganze Einspielung ist eine Reise, die stringent von einem zum nächsten Ort führt. Das verleiht dem Album Frische, denn der Wechselprozess von Studio und Live gleicht einer Weinverkostung, bei der der Sommelier den Mund nach jedem Schluck Wein mit Wasser ausspült, um sich für die nächste Challenge wieder freizumachen.

Doch was hat es nun mit dem Albumtitel „ID Entity“ auf sich, der ja sehr unterschiedlich ausgelegt werden kann? Julian Bossert versteht das Logo als Forschungsauftrag, sich mit Fragen von  Identität zu befassen. Wie fördert und hemmt Identität die Gestaltung von Musik? Mit dem Kürzel ID verbindet er aber auch das Wort „Idee“. Das Album ist ganz offensichtlich ein Wunderhorn spontaner Ideen, doch Bossert und Co begnügen sich nicht damit, besagte Ideen einfach zu akzeptieren, sondern sie wollen ihrem Ursprung auf den Grund gehen. Wieviel hat eine Idee mit dem schöpferischen Individuum zu tun, oder sind Ideen einfach nur die unterbewusste Summe aller gesammelten Erfahrungen und Eindrücke? Für eine Band, die sich Tristano Unchained nennt, keine unwesentliche Frage. Bei der Entity schließlich handelt es sich um ein Wesen, das sowohl individuell als auch kollektiv begriffen werden kann. „Für mich steckt in dem Titel ganz viel drin“, postuliert Bossert. „Vielleicht ist Identität ja letztlich auch nur eine Idee von mir selbst. Eine Vorstellung, die ich spielerisch entwickeln kann. Vielleicht sind aber auch Ideen Entitäten, also Wesen mit einem Eigenleben. Dieser philosophische Dreisprung hat ganz viel in mir ausgelöst.“

„ID Entity“ ist ein Album, dessen gravitätische Schönheit und spielerische Wollust zum Hören einladen, und das ist gut so. Wer aber mehr will, wird in den knapp 50 Minuten unzählige Ansätze finden, die über das bloße Hören hinaus zum Nachdenken anregen und das Album bei jedem neuen Durchlauf mit weiteren Ideen anreichern. Und das ist noch viel besser.

Text: Wolf Kampmann

Titelliste

  1. x=y
  2. Setoda Lemon Valley
  3. Clunky Chakras I+II
  4. Unspoken Harmony
  5. Fairy Dust
  6. Kathleen
  7. Waltz for Tammo

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