Rezension des Albums "Akvæn" von Inga Vamze & Patrycja Wybrańczyk

Vamze Wybrańczyk - Akvæn - Album cover
Vamze Wybrańczyk - Akvæn

Vamze Wybrańczyk
Akvæn

Erscheinungstermin: 14.08.2026
Label: Sleeping Objects, 2026

Vamze Wybrańczyk - Akvæn - bei bandcamp kaufen

Wo jeder Ton erst im Moment entsteht

jazz-fun`s recap:

Wasser hat keine feste Form. Es ist in stetigem Wandel, reagiert auf seine Umgebung und findet immer wieder neue Wege. Diese Vorstellung eines sich permanent wandelnden Wasserraums bildet den gedanklichen Ausgangspunkt von Akvæn, dem Debütalbum des polnisch-lettischen Duos Vamze Wybrańczyk. Und tatsächlich scheint auch diese Musik niemals stillzustehen – selbst dann nicht, wenn beinahe nichts geschieht.

Die lettische Saxofonistin Inga Vamze und die polnische Schlagzeugerin Patrycja Wybrańczyk lernten sich 2023 an der Musikakademie in Oslo kennen. Nach gemeinsamen Projekten begannen sie, die Möglichkeiten eines Duos aus Tenorsaxofon, Elektronik und Schlagzeug auszuloten. Aus diesen gemeinsamen Experimenten entwickelte sich eine eigene Klangsprache, die sie schließlich in Kopenhagen in zehn kurzen Stücken festhielten.

Schon nach wenigen Augenblicken fällt die außergewöhnliche Klarheit dieser Musik auf. Vamze und Wybrańczyk benötigen erstaunlich wenig Material. Einzelne Töne, Atemgeräusche, kurze rhythmische Impulse und elektronische Klangspuren genügen ihnen, um Räume entstehen zu lassen, die weit größer erscheinen, als es die kleine Besetzung vermuten lässt.

Die Kompositionen bleiben dabei bewusst offen. Sie geben Richtungen vor, markieren vielleicht einen Ausgangspunkt, werden aber erst durch Improvisation vollständig. Das Überschreiten der vorgegebenen Strukturen ist deshalb keine Ausnahme, sondern das eigentliche Prinzip von Akvæn.

Beide Musikerinnen beherrschen ihre Instrumente hervorragend. Doch hier bedeutet Virtuosität etwas anderes als technische Demonstration. Virtuosität zeigt sich in der Fähigkeit, zuzuhören, auf kleinste Veränderungen zu reagieren und im richtigen Augenblick den richtigen Klang entstehen zu lassen. Wybrańczyks Schlagzeug kann Impulse setzen, Texturen formen oder plötzlich verstummen. Vamzes Tenorsaxofon spricht, haucht und flüstert, verdichtet sich zu klaren Linien und verschmilzt mit der Elektronik zu neuen Farben.

Gerade diese Reduktion erzeugt Intensität. Nichts scheint beiläufig. Jeder Schlag des Schlagzeugs, jeder Atemzug und jedes Geräusch des Saxofons besitzt Bedeutung, weil darum herum genügend Raum bleibt, um sie tatsächlich wahrzunehmen.

Man könnte diese Musik als abstrakt bezeichnen. Doch beim Hören wirkt sie erstaunlich unmittelbar. Das liegt vielleicht daran, dass Vamze und Wybrańczyk nichts vortäuschen. Wir hören zwei Musikerinnen, die einander begegnen, reagieren und gemeinsam Entscheidungen treffen.

Akvæn ist somit eine Form musikalischer Malerei – nur dass das Bild niemals fertig ist. Es verändert sich mit jedem Ton.

Und wir dürfen dabei zuhören, wie es entsteht.

(Jacek Brun, 14.09.2026)

Besetzung

Inga Vamze (LV) – tenor saxophone & electronics
Patrycja Wybrańczyk (PL) – drums

Titelliste

  1. Core I
  2. Air
  3. K flat
  4. Dense
  5. After the break
  6. Soft and sunny
  7. Core II
  8. Neufrau
  9. Quiet
  10. Akvæn

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