Vijay Iyer - Compassion

Vijay Iyer - Compassion
Vijay Iyer - Compassion

Vijay Iyer
Compassion

Erscheinungstermin: 02.02.2024
Label: ECM, 2023

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jazz-fun`s recap:

Das neue Album dieses exzellenten Trios überrascht nicht, aber es langweilt auch nicht. Ganz im Gegenteil. Das Zusammenspiel der Künstler, die solistischen Beiträge und die gemeinsame Entwicklung der Handlung der Songs sind faszinierend. Vijay Iyer, Linda May Han Oh und Tyshawn Sorey knüpfen an die schöne Tradition dieser Art von Musikaufnahmen an, bei denen alle Musiker ihre Gelehrsamkeit und Intuition einbringen, um ein gemeinsames Werk zu schaffen. Wenn ich auf Vijay Iyers Schaffen zurückblicke, habe ich den Eindruck, dass er derzeit mit der besten Band spielt, die er je zusammenstellen konnte, und dieses Album ist eine der besten Jazzplatten, die in letzter Zeit erschienen sind.

Vijay Iyer - Piano
Linda May Han Oh - Double Bass
Tyshawn Sorey - Drums

Auf Pianist und Komponist Vijay Iyers hochgelobtes letztes Album für ECM Uneasy (2021) – das erste, auf dem sein Trio mit Bassistin Linda May Han Oh und Schlagzeuger Tyshawn Sorey zu hören ist – folgt nun Compassion, ein weiterer kreativer Sprung in der Zusammenarbeit mit diesen beiden einzigartigen Musikern. Die New York Times ging auf die besonderen Qualitäten der Gruppe ein und verwies auf das Gespür des Trios für "gewandte Bewegungen und strahlende Klarheit, während gleichzeitig immer eine innere Spannung aufgebaut wird. Entscheidend für dieses Gleichgewicht ist ihre Fähigkeit, sich quasi telepathisch miteinander zu verbinden". Compassion, Iyers achte Veröffentlichung als Bandleader bei ECM, setzt sein Bestreben fort, neue musikalische Wege zu beschreiten und dabei gleichzeitig auf vergangene Pioniere zu verweisen, von denen zwei schon lange mit dem Label verbunden sind. Das Album enthält eine intensive Interpretation von Stevie Wonders "Overjoyed“ – angelehnt und als Hommage an Chick Coreas Version des Stücks, sowie "Nonaah", ein dichtes Konstrukt des Avantgarde-Altmeisters Roscoe Mitchell, der zu den wichtigsten Mentoren des Pianisten gehört. Dann gibt es noch Iyers eigene melodisch verführerische, rhythmisch beseelte Kompositionen, die vom kontemplativen Titelstück bis zu den mit einprägsamen Hooks gespickten "Tempest" und "Ghostrumental" reichen.

Das amerikanische Magazin The New Yorker nannte Uneasy in seiner Besprechung "einen Triumph des intimen Austauschs in der Gruppe und schöpferischen Erfindungsreichtums. Iyers Klavierspiel, ob fesselnd sprunghaft oder kraftvoll zelebrierend, erklingt mit einer intuitiven Intensität und Überzeugung, und seine ideenreichen Mitstreiter antworten in gleicher Manier.“ Wie vorher Uneasy wurde auch Compassion im Oktaven Audio Studio in Mount Vernon bei New York City aufgenommen und von Iyer und Manfred Eicher produziert. Das Ergebnis ist ein Klangamalgam bestehend aus aus Wärme und Wucht, Atmosphäre und Klarheit – ideal, um das stets enger zusammenwachsende, treibende Zusammenspiel des Pianisten, der Bassistin und des Schlagzeugers in all seiner Pracht zu beleuchten. Zwar ist es erst das zweite Album des Trios, die drei Musiker sind allerdings schon deutlich länger miteinander verbunden.

Der aus Newark, New Jersey, stammende Sorey gehört inzwischen zu den angesehensten Künstlern seiner Generation, sowohl im Bereich der komponierten als auch der improvisierten Musik, als Leader und Sideman. Der Schlagzeuger war Teil des Quartetts für Iyers Album Blood Sutra aus dem Jahr 2003; in jüngerer Zeit wirkte er an den ECM-Aufnahmen von Iyers Musik für den Film Radhe Radhe aus dem Jahr 2013 mit: Rites of Holi und er war Teil von Vijays Sextett auf Far From Over (2017). Linda Oh – in Malaysia geboren und in Australien aufgewachsen, heute Teil des Kollegiums am Berklee College of Music in Boston – arbeitete mit Iyer und Sorey beim Banff International Workshop in Jazz and Creative Music in Kanada zusammen. Sie hat sechs Alben als Leaderin veröffentlicht und mit dem Trompeter Dave Douglas und Pat Metheny gespielt. Vor Uneasy war die Bassistin für ECM auf dem Album Lucent Waters von Pianist Florian Weber zu hören.

Über seine Trio-Kollegen meint Iyer: "Tyshawn ist ein kompletter Musiker. Er hört alles und versteht Musik sowohl als Komponist als auch als Spieler. Deshalb kann er in die Zukunft hören – er stellt sich Möglichkeiten vor, bevor sie entstehen, und lässt dadurch Neues in der Musik geschehen. Linda hat diese uneingeschränkte Qualität als Solistin, als melodisches Gegenstück zu mir zu arbeiten, wie ich es sonst nur von Bläsern kenne. Allerdings soliert sie nicht so sehr in der obersten Lage des Instruments wie andere Bassisten. Sie kann im Bassregister auf eine Art und Weise spielen, die singt". Die mitreißende Version von "Free Spirits" – einer John Stubblefield-Komposition, der Vijay zum ersten Mal durch Mary Lou Williams‘ Version begegnete – ist ein Beispiel für das besondere rhythmische Gefühl, das dieses Trio in der Lage ist zu erzeugen. "In dieser Nummer", erklärt Iyer, "greifen wir auch nochmal Geri Allens 'Drummer's Song' wieder auf, den wir auf der vorherigen Platte komplett aufgenommen hatten, und grooven einfach. Am Ende spürten wir alle diese Welle von Emotionen – der Rhythmus selbst schuf eine feierliche, fröhliche Atmosphäre."

Mehrere von Iyers Kompositionen auf Compassion beziehen sich auf hochgeachtete Persönlichkeiten (wie die Anti-Apartheid-Ikone Erzbischof Desmond Tutu in "Arch") und schmerzliche Ereignisse ("Tempest", "Maelstrom" und "Panegyric“ sind für eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Covid-19-Pandemie geschrieben worden). "Ghostrumental", "Where I Am" und "It Goes" entstanden aus der Musik für das Ensembleprojekt Ghosts Everywhere I Go, das von der Chicagoer Dichterin Eve L. Ewing inspiriert wurde; das balladeske "It Goes" begleitete ursprünglich Verse, die sich das Leben von Emmett Till – der 1955 im Alter von 14 Jahren in Mississippi bei einem rassistischen Vorfall ermordet wurde – "als ein Älterer unter uns vorstellen, wie er das gewöhnliche Leben genießt, das ihm hätte gehören sollen". Und bezüglich "Prelude: Orison“ erklärt Iyer, dass er das Thema einer seiner früheren Kompositionen entlehnt hat, "For My Father", das "dem mitfühlendsten (‚compassionate‘) Mann, den ich je gekannt habe" gewidmet ist.

In seinem Booklet-Essay reflektiert Iyer weiter über den Titel Compassion: "Das Unbehagen, das ich beim Kunstmachen in Zeiten des Leidens erlebe, geht nie weg, und das sollte es auch nicht; diese Spannung prägt den kreativen Prozess in jeder Phase. Ihr Gegenstück, die Antwort auf ihren Ruf, ist das revitalisierende Gefühl, mit, für und unter Menschen zu musizieren. Ich bin unendlich inspiriert von Tyshawn und Linda... Wir haben diese Musik auf der Bühne entwickelt, draußen in der Welt, in Räumen der Gemeinschaft und der Begegnung."

Text: ECM

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