Vijay Iyer Trio - Berliner Jazzfest 2021 im Pierre Boulez Saal

Energetische Entfesselung des Jazz-Piano-Trios

Vijay Iyer
Vijay Iyer Trio, Foto: Roland Owsnitzki

Vijay Iyer – Klavier
Linda May Han Oh – Kontrabass
Tyshawn Sorey – Schlagzeug

Vijay Iyer und Tyshawn Sorey sind in Berlin gut bekannt, haben zahleiche Konzerte gegeben, Tyshawn Sorey auf dem Berliner Jazzfest 2017. Sie genießen den besten Ruf als virtuose und stilbildende Musiker. Wer mit solchen Größen spielt, der muss einfach ausgezeichnet sein, so wie die hier eher unbekannte Bassistin Linda May Han Oh. Auch wenn es beim Jazz nicht ganz so ist wie beim Fußball, jedes Konzert ist anders und kann positive wie negative Überraschungen bereithalten. Also lassen wir uns überraschen!

Stimm- und Themenführung entspringen dem Piano, das schnell Figuren und Motive vorstellt, diese variiert. Die leisen Besen verlassen die Drums und werden durch schlagkräftige – im absoluten Wortsinn – Stöcke ersetzt. Diese werden gnadenlos eingesetzt und erzeugen einen energiegeladen Rhythmus, der das ganze Konzert „begleiten“ wird. Das Ergebnis ist ein kraftvoller, zupackender und zuschlagender Sound, der den Rahmen herkömmlicher Piano-Trios weit sprengt. Ein bitterer Wermutstropfen. Der ebenfalls ungeheuer wichtiger Bass ist nicht nur zu leise, sondern die Bass-Box ist schlecht positioniert, der ganze Sound ist schlecht ausgesteuert. Mehr als schade!

Piano und Drums nehmen sich zurück, so dass die Läufe von Linda May Han Oh akustisch besser zur Geltung kommen. Und das ist gut so. Ein Duo zwischen Bass und Piano lässt balladeske Töne anklingen, die schon bald wieder in ein rhythmisch akzentuiertes Thema wechseln. Das Piano verweilt in Ostinato-Figuren und die Drums hauen alles weg, was an zarten Klängen von den Mitspielern kommt. Hier liegen die ungeheuren Spannungspole in dieser Musik. Piano und Bass liefern harmonische wie melodische Themen, die Drums schlagen mit rhythmischer Virtuosität dazwischen. Um pianistisch dagegen halten zu können, braucht es schon die Klasse von Vijay Iyer. Wenn sich Tyshawn Sorey mal zurücknimmt, so können besonders die Figuren der Bassistin gut gehört und verstanden werden. Linda May Han Oh bevorzugt ein schnelles, facettenreiches Spiel, das mit ihren dynamischen Läufen einen treibenden Walking Bass hervorruft.

Der folgende Titel fängt als Ballade an, um dann geschwind in ein treibendes, solistisches Piano voller Expressivität zu springen. Hier sind keine lyrische oder kammermusikalischen Anklänge zu hören, kein ECM-Sound, auch nicht im weitesten Sinn. Es könnte ironisch wirken, wenn Vijay Iyer später erzählt, dass das aktuelle Album - in dieser Besetzung mit den hier gespielten Titeln – auf ECM erscheint. Ist das ein Ausreißer? Oder kündigt sich hier ein Paradigmen-Wechsel des hauseigenen Sounds an? Ein weiteres so kraftvoll wie flinkes Solo der Bassistin schmückt den aktuellen Titel, dann treffen sich Piano und Bass zu unisono gespielten Linien. Auch die folgenden Titel charakterisieren sich als ein enges Zusammenspiel zwischen dem Tasten- und dem Saiteninstrument. In diese Klänge treibt Tyshawn Sorey gnadenlos seine wuchtigen Schläge, treibt die Musik des Trios in einen energetischen Power Sound.

Kurz zur Akustik. Die zu lauten Drums, der zu leise Bass wurden schon erwähnt. Das Piano liegt von der akustischen Verständlichkeit dazwischen. Hier könnte sich zeigen, dass in einem - für akustische, überwiegend klassische Konzerte konzipiertem - Saal andere Bedingen zu berücksichtigen sind als in herkömmlichen Räumen, in denen frontal zum Publikum gespielt wird. Wem die mangelhafte akustische Aussteuerung primär anzulasten ist, ist zweitrangig. So professionelle Veranstalter wie Musiker sollten unbedingt die Fähigkeiten haben, die gute Akustik des Pierre Boulez Saals zu nutzen und diese nicht zu konterkarieren. Ansonsten war es ein Wahnsinns-Konzert.

Text: Cosmo Scharmer
Foto: Roland Owsnitzki

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