Das 1. Zigzag Jazz Festival in Berlin
Unter Veranstaltern kursiert ein geflügeltes Wort: „Festivals are like babies. They’ve got to grow.“ Es gibt aber Events, die gleich mit der Erstausgabe die Volljährigkeit erlangen. Das lässt sich auch über Berlins jüngstes Jazzfestival sagen, veranstaltet Ende Juli vom kleinen aber sehr feinen ZigZag, der schon vier mal als bester Jazzclub Deutschlands ausgezeichnet wurde.
Allerdings stand es zwischendurch ausgesprochen schlecht um Festival. Wie Dimitris Christides, der Chef vom ZigZag, berichtet, sollten die Konzerte ursprünglich in Potsdam stattfinden, nahe der Glienicker Brücke, die an der Grenze zwischen Brandenburgs Landeshauptstadt und Berlin die Havel überspannt und die mehrmals als Ort des Agentenaustauschs zwischen Ost und West diente. Dann aber wurde eine Genehmigung, mit der fest gerechnet worden war, doch nicht erteilt, und das Festival stand vor dem Aus. In letzter Minute konnte ein alternativer Veranstaltungsort gefunden werden. Und was für einer: der Gasometer in Berlin-Schöneberg! Ursprünglich gebaut als Gasspeicher, um Druckschwankungen im Gasnetz ausgleichen zu können, gehört das Industriedenkmal heute zum Berliner Campus von EUREF, dem Europäischen Energieforum. Hier arbeiten normalerweise 7.000 Menschen an den Themen Energiewende und nachhaltige Mobilität. Aber vom 20. Juli bis zum 1. August war der Gasometer dem Jazz vorbehalten, denn innerhalb von sechs Wochen wurde alles auf den neuen Veranstaltungsort umgestellt einschließlich neuer Website, Entrittskarten und eines neuen Logos.
Während sich das mit üppigen Finanzen ausgestattete JazzFest Berlin schon seit Jahren überwiegend ein und demselben relativ begrenzten stilistischen Spektrum widmet und dabei vor allem populärere Genres ausblendet, füllte Dimitris Christides das Programm zu einem erheblichen Teil mit großen Namen, die – vermutlich – viel Publikum anziehen würden, die aber natürlich auch die Kosten nach oben drückten. Trotzdem ging die Rechnung auf, und das Zigzag Jazz Festival wurde nicht zu einem finanziellen Desaster. Das ist einerseits den Kartenkäufern zu danken (etwa 12.000 Besucher bei gut 30 Konzerten), aber auch vielen privaten und institutionellen Sponsoren und nicht zuletzt einem engagierten Team von überwiegend ehrenamtlichen Helfern.
Gleich der erste Abend am 20. Juli mit zwei Konzerten hatte es in sich. Mit dem begnadeten kamerunischen Bassisten und Sänger Richard Bona und dem Schlagzeug-Veteranen Dave Weckl betraten zwei Weltstars die Bühne des knapp 1.000 Plätze umfassenden Auditoriums im Gasometer. Unterstützt wurden sie vom italienischen Gitarristen Ciro Manna und dem französischen Keyboarder Michael Lecoq. Alle vier hatten Kompositionen beigesteuert und präsentierten hochkarätige Fusion-Musik. Ihnen folgte mit Dee Dee Bridgewater eine der Top-Jazzvokalistinnen überhaupt. Die 76jährige strotzte vor Energie und zeigte, dass sie von ihrer Stimmgewalt kaum etwas verloren hat. Das Programm bestand zum großen Teil aus Songs mit Bezug zur Bürgerechtsbewegung; für die musikalische Begleitung sorgten drei exzellente junge Musikerinnen an Piano, Kontra- sowie E-Bass und Schlagzeug.
Am 21. Juli präsentierte das Festival einen von zwei Länder-Abenden; es ging um Italien. „Wir hatten wirklich großes Glück“, meinte Dimitris Christides im Interview. „Den Sänger Mario Biondi hatten wir schon gebucht, als es sich ergab, dass sowohl Till Brönner, der ja gerade ein Italien-Album veröffentlicht hat, als auch der Pianist Antonio Faraò an diesem Tag noch frei waren.“
Der zweite Länder-Abend war brasilianischer Musik vorbehalten mit zwei großen Stars. Den Anfang machte die Pianistin und Sängerin Eliane Elias. Die Ex-Frau von Randy Brecker hat mit diesem die Tochter Amanda Brecker, die als Sängerin erfolgreich ist. Seit vielen Jahren ist Eliane Elias mit Marc Johnson verheiratet, der in ihrer Band den Kontrabass bedient. In Berlin präsentierte sie eine Mischung aus Bossa-Klassikern und eigenen Songs und zeigte dabei vor allem pianistisches Format. Mit dem zweiten Act des Abends gab es zum ersten Mal ein Berliner Konzert von Ivan Lins, der zur alten Garde der großen brasilianischen Liedermacher gehört, ebenso wie Gilberto Gil, Chico Buarque, Miltion Nascimento oder Caetano Veloso. Ivan Lins zeigte sich begeistert vom umgebauten Gasometer, auch weil er selber fast Architekt geworden wäre. Mit 80 Jahren ist seine Stimme nicht mehr das, was sie einmal war, aber viele der Songs, die er sang und auf dem Keyboard spielte, sind Klassiker und beeindrucken nicht zuletzt durch ihre ausgefeilten Jazz-Harmonien. Keine Wunder, dass viele Jazzmusiker Songs von ihm gecovert haben.
Ein weiterer Themenabend präsentierte zwei prominente US-Vokalistinnen: die aus New Jersey stammende aber schon seit drei Jahrzehnten in England lebende Jazzsängerin Stacy Kent und die eher im R&B beheimatete Kalifornierin Ledisi.
Jazzfunk-Liebhaber kamen beim Zigzag Jazz Festival mit zwei Bass-Koryphäen auf ihre Kosten. Aus Dänemark war Ida Nielsen angereist, die Lieblingsbassistin von Prince, dem auch ihr Programm gewidmet war. Der fünffache Grammy-Preisträger Victor Wooten aus den USA kam mit seinen drei älteren Brüdern Regi (Gitarre), Joseph (Keyboards) und Roy (Drums) nach Berlin. Weil in der Familien-Band seiner Kindheit noch ein Bassist fehlte, stand Victors Instrument von vornherein fest; und darauf brachte er es erstaunlich weit. Beim Konzert im Gasometer gehörten auch humorvolle Showeinlagen zum Programm.
Der in Florida lebende kubanische Pianist Gonzalo Rubalcaba kam mit drei prominenten Kollegen nach Berlin: Chris Potter (Tenorsax), Larry Grenadier (Kontrabass) und Eric Harland (Drums). Leider ließ Rubalcaba nur selten Elemente seiner heimatlichen Tradition durchscheinen, das hätte dem Konzert eine besondere Note jenseits des gängigen US-Jazz gegeben.
Zu den anderen Stars, die sich beim Zigzag Jazz Festival die Klinke in die Hand gaben, gehörten Joey Calderazzo, Al DiMeola, Bill Charlap und der tunesische Oud-Virtuose Dhafer Youssef. Aber getreu den Motto „Support your local heros“ kam auch die Berliner Szene nicht zu kurz, u.a. mit dem Django Reinhardt Orchestra sowie den Pianisten Tarek Yamani und Uri Gincel. Bei den meisten Konzerten war das Gasometer gut gefüllt, daher blieb unterm Strich kein finanzielles Minus, und daraus folgt, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit 2027 eine zweite Ausgabe des Festivals geben wird. Das lässt hoffen.
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Dee Dee Bridgewater, Foto: Wolfgang König -
Gonzalo-Rubalcaba-Quartet, Foto: Wolfgang König -
Mario Biondi, Foto: Wolfgang König -
Victor Wooten, Foto: Wolfgang König -
Victor Wooten - The Wooten Brothers Band, Foto: Wolfgang König -
Victor Wooten - The Wooten Brothers Band, Foto: Wolfgang König -
Victor Wooten - The Wooten Brothers Band, Foto: Wolfgang König -
Vor dem Gasometer, Foto: Wolfgang König
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