Anette von Eichel - Belonging

Anette von Eichel - Belonging
Anette von Eichel - Belonging

Anette von Eichel
Belonging

Erscheinungstermin: 15.09.2023
Label: Double Moon, 2023

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jazz-fun`s recap:

Anette von Eichels Quartett klingt stimmig. Die Rhythmusgruppe spielt sparsam und ergänzt die von der Sängerin gemalte und gesungene musikalische Landschaft. Die ausgefeilte Begleitung ist meist sanft und zurückhaltend, was dazu beiträgt, dass man sich vor allem auf die musikalischen Gesangslinien und die originellen Texte konzentrieren kann. Natürlich fehlen auch die schönen Klaviersoli von Sebastian Sternal nicht, die diese schöne Musik bereichern.

Anette von Eichel - Vocals
Sebastian Sternal - Piano
Henning Sieverts - Bass
Jonas Burgwinkel - Drums

Ins Deutsche übersetzt bedeutet das englische „Belonging“ schlicht „Zugehörigkeit“. Zum einen stellt dieser Begriff natürlich die Frage nach der familiären Herkunft, nach den Eltern, Großeltern und Geschwistern. Aber es gibt auch eine „Zugehörigkeit“, bei der Lebenspartner/-in, Freund/-innen, eigene Kinder, Kolleg/-innen, Nachbar/-innen, Bekannte usw. ebenso eine Rolle spielen können wie das gesellschaftliche oder politische Umfeld im erweiterten Sinn. Diese Art der Zugehörigkeit lässt sich vielleicht am ehesten als „Identität“ beschreiben. In den Sozialwissenschaften versteht man darunter aber längst nicht mehr etwas Festgefügtes und Unabänderliches, sondern einen kontinuierlichen Prozess der Selbstfindung, der zur Produktionsstätte wird für innere und äußere Kategorien und Kriterien, mit denen das eigene Ich immer wieder neu herausgebildet und zusammengesetzt werden kann.

Daran hat die Kölner Sängerin Anette von Eichel auch gedacht, als sie sich für „Belonging“ als Titel für die zweite Platte mit ihrem Quartett entschieden hat. Die neun Songs behandeln oftmals Themen wie Zugehörigkeit, Herkunft, Identität, Aufbruch, Ankommen usw. usf. Der Text des Elton-John-Klassikers „Rocket Man“ (eines von zwei Stücken auf dieser Platte, das von Eichel nicht komponiert und getextet hat; das andere ist der Jazzstandard „A Time For Love“) ist ein Beispiel dafür. Ein Astronaut wird ins Weltall geschickt, um für die Menschheit eine neue Heimat zu finden. Auf der Erde wird er als Held gefeiert, während der langen Reise kommen ihm aber Zweifel an der Richtigkeit seines Tuns. Überhaupt wäre er viel lieber zu Hause auf der Erde; vor allem dann, als er sein Ziel, den Mars, erreicht und feststellen muss, dass dieser unwirtliche Planet kein lebenswerter Ort für die Menschheit ist.

Das Quartett mit von Eichel, Sebastian Sternal (Piano), Henning Sieverts (Bass) und Jonas Burgwinkel (Drums) gibt es seit gut zwei Jahren, als es die Sängerin für die Produktion von „Inner Tide“ zusammengestellt hat. Seitdem ist man zusammen auf Tournee gewesen und hat gemeinsam neue Stücke geprobt. Man ist dadurch immer enger zusammengewachsen und fühlt sich einander zugehörig; und hat damit eine neue Bedeutung für „Belonging“ gefunden. Das hat sich natürlich auf die Atmosphäre im Studio ausgewirkt, wo man gelassen, freundschaftlich und entspannt miteinander umging. Gleichzeitig war man bei den Aufnahmen der Songs ganz auf das Setting der Musik fokussiert. Das hat dazu beigetragen, dass sich die Songs stilistisch und ästhetisch durchaus auch in Richtung Rock, Singer/Songwriter oder Pop weiten konnten – mit Jazz als Basis natürlich, der Tradition und Moderne verbindet.

Wenn von Eichel eigene Lieder komponiert, schreibt sie zuerst die Lyrics. Zum einen, weil der Text sie leicht in die Musik hineinführt. Zum anderen, weil diese Art des kreativen Arbeitens es ihr möglich macht, ihre Komfortzone zu verlassen und ein Stück Musik ganz ohne Klischees und Konventionen zu schreiben. Erst dadurch bekommt von Eichel die größtmögliche Freiheit, um den Song als Ganzes aus dem jeweiligen Liedtext erwachsen zu lassen. „Über die Lyrics habe ich beispielsweise schon früh die Möglichkeit mir vorzustellen, welche Farbe die Harmonik haben wird – und was für Rhythmen und welche Form sich daraus ergeben können“, erläutert von Eichel diesen Prozess. „Ich glaube, dass Musik ihren eigenen Willen hat – und wenn ihr eine Idee nicht passt, sie sich dagegen wehrt. ,Tree Of Life‘ zum Beispiel gab es zuvor in vielen verschiedenen Fassungen, bis es dann die Form bekommen hat, wie sie jetzt auf der neuen Platte zu hören ist.“

Es zeugt von großem Selbstbewusstsein, dass von Eichel „Belonging“ mit einer Ballade, „Let‘s Go Slow“, beginnen lässt, die zur Feature-Nummer für sie und ihr Quartett wird – mit einer Rhythmusgruppe, die mit wenigen Tönen und Akzenten den harmonischen und rhythmischen Raum skizziert, mit On-Cue-Pausen, die den metrischen Flow immer wieder aufbrechen und das harmonische Fundament per se unter Spannung setzen, mit einem Sebastian Sternal, der ein leises, ein bedächtiges und zurückgenommenes Klaviersolo spielt, und mit einer Anette von Eichel, die mit ihrer gleichermaßen emotionalen wie eloquenten Phrasierungskunst diese Ballade in einen losen Rahmen zu setzen versteht.

Es zeugt vielleicht von noch größerem Selbstbewusstsein, dass die Sängerin ihr Album mit einem Stück enden lässt, das eigentlich ganz untypisch ist für sie. Weil von Eichel in „After The Storm“ nicht mehr nur singt, sondern auch spricht, wird dieses Stück zu einer Exegese, die durch den steten Wechsel von Gesang und Sprechstimme den Text neu gewichtet und anders zu deuten versucht – der Text ist übrigens eine Variation über das Thema Doktor Faustus.

Text: Double Moon

  1. Let's Go Slow
  2. Burning Bridges
  3. Ocean Boat Harbor
  4. The Bridge
  5. A Time For Love
  6. Rocket Man
  7. Tree Of Life
  8. Home
  9. After The Storm

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