Rezension des Albums "New Lines" von Christoph Irniger & Marc Perrenoud
Christoph Irniger, Marc Perrenoud
New Lines
Erscheinungstermin: 27.03.2026
Label: Unit Records, 2026
Die größte Ehre für einen Visionär besteht nicht darin, ihm zu folgen – sondern seinen Mut zum Neudenken weiterzutragen
Wie würdigt man einen Musiker, dessen wichtigste Überzeugung lautete, niemals sich selbst oder andere zu kopieren? Christoph Irniger und Marc Perrenoud finden auf New Lines eine ebenso kluge wie kreative Antwort. Anstatt Kompositionen von Lennie Tristano neu zu interpretieren, übernehmen sie dessen künstlerisches Prinzip und machen es zum Ausgangspunkt eigener musikalischer Ideen.
Tristano entwickelte häufig neue Melodien über die harmonischen Strukturen bekannter Jazzstandards. Genau diese Arbeitsweise greifen Irniger und Perrenoud auf. Sie wählen vertraute Vorlagen, schreiben darüber eigene melodische Linien und erschaffen so Musik, die sich aus der Tradition speist, ohne jemals rückwärtsgewandt zu wirken.
Das Faszinierende an New Lines ist dabei nicht das Wiedererkennen. Wer nach direkten Zitaten oder offensichtlichen Anspielungen sucht, wird nur selten fündig werden. Viel wichtiger ist die Freiheit, mit der beide Musiker aus bekannten Fundamenten etwas Eigenständiges entwickeln. Die Vergangenheit wird nicht kopiert, sondern weitergedacht.
Christoph Irnigers Tenorsaxofon und Marc Perrenouds Klavier begegnen sich dabei auf Augenhöhe. Beide hören einander aufmerksam zu, greifen Ideen auf, verändern sie und führen sie in neue Richtungen. Oft entsteht der Eindruck eines nahezu telepathischen Dialogs, in dem musikalische Gedanken entstehen, beantwortet und unmittelbar weiterentwickelt werden. Diese intensive Kommunikation verleiht dem Album eine bemerkenswerte Lebendigkeit.
Die Improvisationen entfalten sich mit großer Natürlichkeit. Nichts wirkt kalkuliert oder demonstrativ virtuos. Vielmehr entsteht eine Musik, die aus Neugier und gegenseitigem Vertrauen lebt. Jeder neue Gedanke scheint den nächsten hervorzurufen, sodass sich die Stücke wie organische Gespräche entwickeln.
Gerade deshalb empfiehlt es sich, New Lines ohne feste Erwartungen zu hören. Wer nicht nach bekannten Themen sucht, sondern sich auf die musikalische Erzählung einlässt, entdeckt ein Album voller feiner Nuancen, überraschender Wendungen und inspirierender improvisatorischer Momente. Es ist eine Reise durch einen gemeinsamen Klangraum, den Irniger und Perrenoud mit großer Selbstverständlichkeit erschaffen.
Mit New Lines ist Christoph Irniger und Marc Perrenoud ein außergewöhnliches Duoalbum gelungen. Es verbindet tiefen Respekt vor der Jazztradition mit einem kompromisslos eigenen künstlerischen Blick. Statt Vergangenheit zu reproduzieren, schreiben die beiden Musiker ihre eigene Geschichte weiter – intelligent, kreativ und mit einer spürbaren Freude am gemeinsamen Entdecken.
(Jacek Brun, 25.07.2026)
Besetzung
Christoph Irniger – tenor saxophone
Marc Perrenoud – piano
Titelliste
- Dry Sensation
- Bluesetto
- Luce Oscura
- Fast Finish
- Abandoned Eggs in a Pan
- Belle
- Hold Up
- Déjà Vu
- Gizmo
- Night Owl
- The Unit
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