Rezension des Albums "Nucelus" von Filippa Gojo & Stephan Mattner
Filippa Gojo & Stephan Mattner
Nucelus
Erscheinungstermin: 14.10.2026
Label: JazzHausMusik, 2026
Wo die Grenzen des Hörens verschwimmen
Den Kern der Dinge suchen, alles Überflüssige entfernen und trotzdem offenlassen, was sich nicht vollständig erklären lässt: Filippa Gojo und Stephan Mattner verfolgen auf Nucleus einen Ansatz, der zunächst nach Reduktion klingt und sich beim Hören erstaunlich weit öffnet.
Im Zentrum stehen Stimme und Sopransaxofon. Doch beide Musiker erweitern ihre Instrumente durch Elektronik, Effekte, Computer und Keyboards so konsequent, dass die Grenzen zwischen akustischem und künstlich erzeugtem Klang zunehmend verschwimmen.
Mal sind die Rollen noch klar verteilt. Eine Stimme führt, das Saxofon antwortet, elektronische Klänge bilden den Hintergrund. Wenig später lösen sich diese Ordnungen auf. Aus Begleitung wird Melodie, aus Instrumentalklang Textur, aus menschlicher Stimme etwas, das beinahe synthetisch wirkt.
Irgendwann stellt sich die Frage, was hier überhaupt noch „echt“ und was elektronisch erzeugt ist.
Dort wird Nucleus besonders faszinierend.
Filippa Gojo arbeitet mit ihrer Stimme außerordentlich kontrolliert. Ihre Vokalisen wirken nie zufällig, obwohl sie sich frei bewegen. Sie lässt bewusst Räume entstehen, in die Mattners Sopransaxofon eintreten kann, oder öffnet ihre Linien für elektronische Verfremdungen, die sie verlängern, spiegeln oder in völlig neue Klanggestalten überführen.
Stephan Mattner reagiert darauf mit großer Flexibilität. Sein Saxofon kann klar und körperlich im Raum stehen, sich aber ebenso in elektronische Schichten hineinbewegen, bis Instrument und Bearbeitung kaum noch voneinander zu trennen sind.
Aus dieser ständigen Verschiebung entsteht eine Musik, die überraschend zugänglich bleibt.
Nucleus ist rhythmisch, dynamisch und melodisch genug, um auch einfach Spaß zu machen. Man muss nicht jede klangliche Veränderung analysieren, um sich von dieser Musik mitnehmen zu lassen.
Wer genauer hinhört, entdeckt jedoch wesentlich mehr. Strukturen verändern ihre Funktion, Ebenen überlagern sich, akustische und elektronische Elemente tauschen ihre Rollen. Fiktion und Wirklichkeit scheinen sich gegenseitig zu durchdringen.
Das Album wirkt dadurch wie eine fortlaufende Erzählung, in der keine Grenze lange an ihrem Platz bleibt. Man kann Nucleus einfach hören und sich daran erfreuen. Oder man hört ein zweites Mal genauer hin – und entdeckt deutlich mehr, als der erste Höreindruck vermuten lässt.
(Jacek Brun, 07.11.2026)
Besetzung
Filippa Gojo - vocals, kaoss pad, fx, keys, megaphone
Stephan Mattner - sopransax, computer, keys
Titelliste
- E:Motion
- Core
- Hope
- The Myth
- Inertia
- Euphoria
- Progression
- Panic
- Mood Eclectic
- Cold, Clear And Blue
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